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Was motiviert Hausärztinnen und Hausärzte, sich an einem Forschungspraxennetz zu beteiligen?

DOI: 10.3238/zfa.2020.0490-0495

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Schlüsselwörter: Allgemeinmedizin Anreize Barrieren Forschungspraxennetz Motivation

Ergebnisse einer Befragung in Thüringen

Results of a Survey in Thuringia

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird die männliche Form verwendet. Entsprechende Formulierungen gelten grundsätzlich für alle Geschlechter.

1 Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Jena, Friedrich Schiller Universität

2 Institut für Allgemeinmedizin, Charité Universitätsmedizin Berlin

Peer reviewed article eingereicht: 27.05.2020, akzeptiert: 08.07.2020

DOI 10.3238/zfa.2020.0490–0495

Hintergrund

Wozu allgemeinmedizinische Forschungspraxennetze in Deutschland?

Obwohl in Deutschland mehr als 80 % der medizinischen Beratungsanlässe in der ambulanten Versorgung behandelt werden, beruht ein Großteil der wissenschaftlichen Erkenntnis auf Studien, die unter optimierten Bedingungen im Krankenhaus oder in Studienambulanzen durchgeführt wurden [1]. Dieses Wissen ist nur begrenzt auf die Primärversorgung anwendbar, in der beispielsweise die Prävalenz der meisten Erkrankungen sehr viel niedriger ist [2, 3]. Hieraus ergibt sich für den ambulanten Sektor ein hoher Bedarf an Forschung, in der Interventionen auch pragmatisch hinsichtlich des Mehrwerts für den Patienten und der Realisierbarkeit im Praxisalltag geprüft werden [1, 3].

International erwiesen sich Forschungspraxennetze (FPN) als geeignete Strukturen, um klinisch und gesundheitspolitisch relevante Fragen der ambulanten Patientenversorgung methodisch hochwertig zu untersuchen [3–6]. Die Netzwerke stärken darüber hinaus den intra- und interdisziplinären Austausch und erleichtern die Translation von Forschungsergebnissen in die Versorgung [4, 6]. Aus diesem Grund fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) seit 01.02.2020 den Aufbau von insgesamt sechs FPN [7].

Welche Barrieren und Motivatoren sind bekannt?

Die Gewinnung von Hausärzten für Forschungsprojekte wird häufig als schwierig beschrieben [8–10]. Untersuchungen allgemeinmedizinischer Forschungseinrichtungen in Deutschland und Österreich zeigen, dass nur etwa 6–30 % unselektierter bzw. durch Zufallsstichprobe ermittelter Hausärzte, die schriftlich zur Teilnahme an Forschungsprojekten eingeladen wurden, überhaupt Rückmeldung geben [8–10]. Von diesen wiederum waren 50–75 % zu einer aktiven Forschungsbeteiligung bereit.

Als Barrieren einer Forschungsbeteiligung werden u.a. genannt: Zeitmangel/Arbeitsbelastung, Verwaltungsaufgaben und Dokumentationspflichten, unzureichende technische Ausstattung, Unterbrechung der Praxisabläufe, kein unterstützendes Personal, finanzielle Einbußen, Unsicherheit im Umgang mit Daten, kein empfundener Mehrwert [2, 8, 11, 12].

Als Motive für eine Forschungsbeteiligung benannten Hausärzte in früheren Befragungen Abwechslung und neue Herausforderungen, Wissens- und Kompetenzerweiterung sowie die Möglichkeit, persönlich zur Evidenzgewinnung beizutragen [8, 13, 14].

Folgende Strategien wurden als hilfreich identifiziert, um Hausärzte für Forschungsvorhaben zu gewinnen [2, 9, 14–18]:

  • vertragliche Grundlage (bspw. Akkreditierung) zur Gewährleistung einer verbindlichen Zusammenarbeit
  • möglichst frühzeitige Einbindung bei Konzeption und Umsetzung
  • Einsatz von persönlichen Ansprechpartnern
  • regelmäßige Informations- und Fortbildungsveranstaltungen (evtl. online)
  • praktische Relevanz des Themas/Alltagstauglichkeit
  • Einbezug des gesamten Praxisteams
  • angemessene finanzielle Vergütung

Ziel und Fragestellung

Vor dem Hintergrund des im Aufbau begriffenen FPNs Berlin/Brandenburg/Thüringen (RESPoNsE) war es Ziel der vorliegenden Befragung:

  • die spezifischen Motivatoren und Barrieren zur Teilnahme am FPN aus Perspektive der Hausärzte zu erfassen,
  • aus den Ergebnissen mögliche Konsequenzen für den Aufbau des FPNs abzuleiten.

Methoden

Der verwendete zweiseitige Fragebogen wurde auf Basis einer pragmatischen Literaturrecherche zum Thema „Forschung in Hausarztpraxen“ erstellt. Dabei wurden in den Datenbanken PubMed, Google Scholar und Cochrane Library für deutsch- und englischsprachige, seit 2000 veröffentlichte Originalarbeiten die Such­begriffe Motivation, Anreize (incentives), Barrieren und Rekrutierung verknüpft (letzter Suchtag: 09.10.2019). Auswahl und Bewertung der insgesamt 20 Items erfolgten im Konsensusverfahren durch eine Expertenrunde von akademischen Allgemeinmedizinern (FW, MK, KS, JB). Verständlichkeit und Handhabbarkeit wurden durch Pilotierung mit fünf praktisch tätigen Hausärzten überprüft. Hierauf erfolgte eine Anpassung von vier Items. Neben soziodemografischen und praxisbezogenen Merkmalen wurden die drei Dimensionen „vorstellbare Form der Beteiligung“, „empfundenen Barrieren“ und „Motivatoren“ erfasst, jeweils bezogen auf die Teilnahme an dem geplanten FPN. Für jede Dimension wurden sowohl Antwortmöglichkeiten vorgegeben als auch Freitextantworten ermöglicht. Die Dimension „Motivatoren“ wurde mittels Bewertung anhand einer fünfstufigen Likert-Skala („unwichtig“ bis „sehr wichtig“) erschlossen, die beiden anderen Dimensionen wurden über Mehrfachnennungen (ja/nein) ohne Limitierung der Anzahl von Antwortmöglichkeiten abgefragt.

Auf zwei Lehrärztetreffen des Instituts für Allgemeinmedizin in Jena (Oktober 2019 und Januar 2020), auf der Herbsttagung des Thüringer Hausärzteverbandes (November 2019) und auf dem Thüringer Tag der Allgemeinmedizin (November 2019) wurden teilnehmende Hausärzte gebeten, an der schriftlichen Befragung teilzunehmen. Mehrfachteilnahmen wurden identifiziert und konsekutiv ausgeschlossen. An den drei vom Institut für Allgemeinmedizin organisierten Fortbildungen nahmen hauptsächlich Lehrärzte teil. Neben Inhalten zur studentischen Ausbildung wurden praxisnahe Themen der Patientenversorgung vermittelt. Die Herbsttagung des Thüringer Hausärzteverbandes setzte sich vornehmlich aus Mitgliedern des Verbandes zusammen. Zusätzlich zu den Fortbildungsinhalten „Terminservice- und Versorgungsgesetz“, „digitales Labor“ und „Telemedizin“ wurde hier auch das Thema „Forschung in der Hausarztpraxis“ aufgegriffen.

Die Daten wurden anonymisiert erhoben und deskriptiv ausgewertet. Neben Darstellung der Häufigkeiten wurden anhand der arztbezogenen Angaben explorative Subgruppenanalysen mittels Chi-Quadrat-Tests nach Pearson durchgeführt (bivariates Testen). Für die Subgruppenanalysen wurden a priori folgende Gruppen gebildet: Alter ≤ 55 Jahre vs. Alter > 55 Jahre; ambulant tätig ≤ 20 Jahre vs. > 20 Jahre; weiblich vs. männlich; Einzelpraxis vs. Gemeinschaftspraxis/MVZ; ländlich vs. städtisch, papierlos/digital vs. gemischt/nur Papierakten; regelmäßige vs. unregelmäßige Internetnutzung im Praxisalltag (ja/nein), keine vs. vorhandene Erfahrung mit Forschungsprojekten. Die Cut-offs bei Alter und Berufserfahrung orientierten sich an vorherigen institutsinternen Erhebungen (unveröffentlicht): Hier lag der Median für das Alter von Thüringer Hausärzten bei 55 Jahren und für die Dauer der ambulanten Tätigkeit bei 20 Jahren.

Ergebnisse

Von insgesamt 136 an allen Veranstaltungen anwesenden Hausärzten nahmen 98 an der Befragung teil (72 %), siehe Tabelle 1. Mit 68 % waren die Teilnehmer aus Einzelpraxen im Vergleich zum Thüringer Durchschnitt (58 %) etwas überrepräsentiert. Ein Großteil der Teilnehmer zeigte sich offen für ein Engagement innerhalb eines FPNs, solange dies mit einem möglichst geringen Zeitaufwand verbunden ist. Vom Netzwerk erhoffen sich die teilnehmenden Hausärzte vor allem einen regen Austausch, Wissens- und Kompetenzzuwachs.

Teilnehmende HÄ

N

98

Alter in Jahren, Mittelwert (Median/SD)

52,98* (55/9,22)

Weibliches Geschlecht, n (%)

60 (61,2 %)*

Ambulante Tätigkeit in Jahren, Mittelwert (Median/SD)

21,12 (20/11,75)

Praxisform, n (%):

Einzelpraxis

67 (68,4 %)*

Gemeinschaftspraxis

21 (21,4 %)

MVZ

9 (9,2 %)

anderer Arbeitsplatz

1 (1,0 %)

Praxislage, n (%):

ländlicher Raum

39 (39,8 %)

Kleinstadt

37 (37,8 %)

Großstad

22 (22,5 %)

Praxisverwaltung, n (%):

papierlos/digital

26 (26,5 %)

Papierakten nur bei Hausbesuchen, sonst papierlos

29 (29,6 %)

gemischt (in Praxis)

40 (40,8 %)

nur Papierakten

3 (3,1 %)

Internet wird im Praxisalltag regelmäßig genutzt, ja (%)

69 (70,4 %)

Nutzung statist. Übersichten der Praxisverwaltungssoftware, ja (%)

48 (49,0 %)

Persönliche Erfahrungen mit Forschungsprojekten, n (%):

im Rahmen der eigenen Dissertation/Diplomarbeit

66 (67,3 %)

als Forschungspraxis in einer universitär geleiteten Studie

19 (19,4 %)

als Forschungspraxis in einer industriell geförderten Studie

16 (16,3 %)

als Forschende/r in einem Institut oder Labor

3 (3,1 %)

keine

17 (17,3 %)

* Auskunft der KV Thüringen (Stand: 01.04.2020): insgesamt 1483 kassenärztlich tätige HÄ in Thüringen (mit vollem Kassensitz), durchschnittliches Alter 54,0 Jahre, zu 61,3 % weiblich, zu 57,9 % in Einzelpraxis tätig

Tabelle 1 Charakteristika der teilnehmenden Hausärzte

Vorstellbare Formen der Beteiligung sind Tabelle 2 A zu entnehmen. Eine niedrigschwellige Form der Beteiligung (etwa durch Bereitstellung von Praxisdaten oder durch Vermittlung von Studienpatienten) war für mehr als die Hälfte der Befragten denkbar. Ein umfangreicheres Engagement, wie die Beteiligung an Studienplanung oder aufwendigen Interventionsstudien konnten sich nur etwa ein Fünftel vorstellen. Lediglich 16 % der Befragten gaben an, dass für sie keine Beteiligung vorstellbar wäre.

A: Welche Form der Forschungsbeteiligung können sich Hausärzte vorstellen? (Mehrfachnennungen möglich; n = 94; nach absteigender Häufigkeit)

Bereitstellung von Praxisdaten, n (%)

59 (62,8 %)

Vermittlung von Patienten zur Studienteilnahme, n (%)

50 (53,2 %)

Teilnahme an Interviews, Diskussionen oder Befragungen, n (%)

49 (52,1 %)

Mitwirkung des gesamten Praxisteams, n (%)

27 (28,7 %)

Beteiligung bei der Planung/Entwicklung zukünftiger Studien, n (%)

18 (19,1 %)

Größere Studien (bspw. Intervention) über mehrere Wochen/Monate, ggf. mit vorausgegangener Schulung, n (%)

17 (18,1 %)

keine Beteiligung vorstellbar, n (%)

15 (16,0 %)

B: Wo sehen Sie die größten Hürden bei der Umsetzung von Forschungsvorhaben in der Hausarztpraxis? (Mehrfachnennungen möglich; n = 95; nach absteigender Häufigkeit)

Keine zeitlichen Valenzen, n (%)

81 (85,3 %)

Nicht in den Praxisalltag integrierbar, n (%)

40 (42,1 %)

Datenschutz, n (%)

35 (36,8 %)

Geringe Patientenmotivation, n (%)

34 (35,8 %)

Fehlende/zu geringe Vergütung, n (%)

15 (15,8 %)

Geringe Motivation der Praxismitarbeiter, n (%)

15 (15,8 %)

Andere technische Voraussetzungen (z.B. Internet) , n (%)

5 (5,3 %)

Nutzen von Forschung in der Praxis fraglich, n (%)

2 (2,1 %)

C: Motivatoren für die Beteiligung an einem Forschungspraxennetzwerk (nach absteigender Gewichtung)

Wie wichtig wäre(n) Ihnen …

eher/ sehr wichtig

Austauschmöglichkeiten/Kontakt mit hausärztlichen Kollegen? (n = 93)

74 (79,6 %)

Zugang zu „ofenfrischem“ Wissen aus der Forschung? (n = 94)

69 (73,4 %)

Regelmäßige Fortbildungsveranstaltungen? (n = 93)

63 (67,7 %)

Zugang zu wiss. Datenbanken, Behandlungs- und Diagnoseinstrumenten? (n = 94)

60 (63,8 %)

Strukturierte Rückmeldung zur eigenen Praxisstruktur und -abläufen? (n = 91)

56 (61,5 %)

Erwerb von CME-Punkten durch die Teilnahme am Forschungspraxennetzwerk? (n = 94)

48 (51,1 %)

Einbringen eigener Fragen in die Forschung? (n = 95)

47 (49,5 %)

Monetäre Vergütung für die Beteiligung an Studien für Sie und das Praxisteam? (n = 94)

28 (29,8 %)

Zertifizierung/Akkreditierung als universitäre Forschungspraxis? (n = 93)

26 (28,0 %)

Vergünstigte Kongressteilnahmen (z.B. DEGAM-Kongress, Practica)? (n = 93)

26 (28,0 %)

Erwerb zusätzlicher Qualifikationen (Master/Promotion/Habilitation)? (n = 95)

23 (24,2 %)

Mitautorenschaft bei wissenschaftlichen Publikationen? (n = 92)

15 (16,3 %)

Tabelle 2 Formen der Forschungsbeteiligung, Hürden und Motivatoren

Weitere Analysen ergaben, dass eine Berufserfahrung von weniger als 20 Jahren häufiger mit der Bereitschaft einherging, Patienten zur Studienteilnahme zu vermitteln (64 % vs. 43 %; X² = 4,02; df = 1; Φ = –0,21; p = 0,045). Gleiches gilt für die Teilnahme an Interviews, Diskussionen oder Befragungen, zu denen Hausärzte mit Berufserfahrung < 20 Jahren eher bereit waren (64 % vs. 41 %; X² = 4,83; df = 1; Φ = 0,23; p = 0,028). Hausärzte aus dem ländlichen Raum konnten sich eine Mitwirkung des gesamten Praxisteams eher vorstellen als Hausärzte, die in Klein- oder Großstädten arbeiten (43 % vs. 21 %; X² = 3,89; df = 1; Φ = –0,24; p = 0,049).

Als bedeutendste Barriere wurden zeitliche Limitationen genannt (85 %), daneben eine unzureichende Integrierbarkeit in den Praxisalltag (42 %), mögliche Datenschutzprobleme (37 %) und eine geringe Patientenmotivation (35 %), s. Tabelle 2 B.

In den Subgruppenanalysen zeigten sich statistisch signifikante Zusammenhänge zwischen dem Alter der Hausärzte und empfundenen Barrieren. Hausärzte unter 55 Jahren sahen in einer fehlenden oder zu geringen Vergütung (22 % vs. 5 %; X² = 5,38; df = 1; Φ = –0,24; p = 0,020) und in einer geringen Patientenmotivation (44 % vs. 23 %; X² = 4,86; df = 1; Φ = –0,23; p = 0,028) größere Hürden als ältere Hausärzte. 42 % der Befragten gaben an, dass Forschung nicht in den Praxisalltag integrierbar sei. Die Subgruppenanalysen ergaben hier keine weiterführenden Hinweise – weder in Bezug auf Praxisform, Internetnutzung oder Art der Praxisverwaltung.

Vor allem scheint der Zugang zu hausärztlichen Kollegen, wissenschaftlichen Ergebnissen und Fortbildungsveranstaltungen zu Forschung zu motivieren, siehe Tabelle 2 C. Die Subgruppenanalyse ergab, dass das Einbringen eigener Fragen in die Forschung für Hausärzte mit einer Berufserfahrung von weniger als 20 Jahren ein größerer Motivator zu sein scheint (62 % vs. 36 %; X² = 6,13; df = 1; Φ = –0,26; p = 0,013). Auch der Erwerb akademischer Qualifikationen (Master, Promotion, Habilitation) wurde von dieser Gruppe als relevanter bewertet (33 % vs. 13 %; X² = 5,39; df = 1; Φ = –0,24; p = 0,020). Hausärzten, die in Gemeinschaftspraxen oder Medizinischen Versorgungszentren arbeiten, waren strukturierte Rückmeldungen zur eigenen Praxisstruktur wichtiger als ihren Kollegen in der Einzelpraxis (79 % vs. 53 %; X² = 5,68; df = 1; Φ = 0,25; p = 0,017). Der Kontakt und die Austauschmöglichkeiten mit anderen hausärztlichen Kollegen stellte für Hausärzte im ländlichen Raum einen größeren Motivator dar (93 % vs. 66 %; X² = 6,47; df = 1; Φ = –0,31; p = 0,011). Den männlichen Hausärzten war eine Mitautorenschaft bei wissenschaftlichen Publikationen wichtiger (26 % vs. 10 %; X² = 4,09; df = 1; Φ = –0,21; p = 0,043).

Zwischen der Forschungserfahrung der teilnehmenden Hausärzte und ihrem Antwortverhalten ergaben sich sowohl für mögliche Beteiligungsformen als auch für empfundene Barrieren und Motivatoren keine statistisch signifikanten Zusammenhänge.

Diskussion

Die 98 teilnehmenden Hausärzte entsprechen in Alter und Geschlecht annähernd dem Durchschnitt Thüringer Hausärzte (Auskunft KV Thüringen, Stand: 01.04.2020). Insgesamt handelt es sich um ein Kollektiv von größtenteils bereits in Lehre und Forschung engagierten Hausärzten. Die Befragung ergab eine grundsätzliche Bereitschaft zur Forschungsbeteiligung im Rahmen eines FPNs. Vor allem eine niedrigschwellige Beteiligung bspw. durch Teilnahme an Interviews, Fragebogenerhebung oder Bereitstellung von Daten war für die Teilnehmer vorstellbar.

Einhergehend mit den Ergebnissen früherer Befragungen [8, 19] wurden vor allem fehlende zeitliche Valenzen als Barriere angegeben. In Thüringen scheint dies besonders schwer zu wiegen, lagen die Behandlungsfälle pro Arzt im Durchschnitt doch um 20 % höher als in den alten Bundesländern (Honorarbericht KBV) [20]. So lässt sich festhalten, dass der Erfolg zukünftiger Forschungspraxisnetze sehr von der Entwicklung zeitsparender und praxiskompatibler Abläufe abzuhängen scheint.

Im Gegensatz zu bisherigen Befragungen wurden von einem Teil (37 %) der Befragten auch Datenschutzprobleme als mögliche Barriere empfunden. Anscheinend sind die Themen Datenschutz und -sicherheit seit Einführung der europäischen Datenschutzgrundverordnung 2018 mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Eine verlässliche Vermittlung durch die zukünftigen FPNe scheint hier essenziell.

Eine monetäre Vergütung war für etwa 30 % der Befragten von Bedeutung und bei Ausbleiben für nur 16 % eine relevante Barriere. Frühere Befragungen aus Deutschland und Österreich berichten von einer deutlich höheren Bewertung materieller Anreize [8, 13, 14]. Möglicherweise ist diese Diskrepanz durch den etwa 25 % über dem hausärztlichen Bundesdurchschnitt liegenden Thüringer Honorarumsatz bedingt, welcher sich strukturell aus vergleichsweise vielen und multimorbiden Patienten pro Praxis ergibt [20]. Somit ist dieses Ergebnis vermutlich nicht auf andere Regionen übertragbar.

Nur 29 % der Befragten können sich eine Beteiligung des gesamten Praxisteams am FPN vorstellen. Da lediglich 16 % eine zu geringe Motivation der Praxismitarbeiter als relevante Hürde empfinden, bleibt unklar, welche anderen Faktoren einer Mitwirkung des gesamten Praxisteams entgegenstehen. Das FPN Berlin/Brandenburg/Thüringen plant in diesem Zusammenhang delegierbare Leistungen in Hausarztpraxen auf Akzeptanz und Praktikabilität hin zu untersuchen.

Etwas mehr als ein Drittel der befragten Hausärzte empfindet darüber hinaus die mangelnde Patientenmotivation als relevante Hürde. Auch hier erscheinen weitere Untersuchungen sinnvoll, ebenso Maßnahmen, um Patienten die Bedeutung von Forschung näher zu bringen. Als erste Möglichkeit bietet sich die Etablierung eines Patientenbeirates an.

Frühere Beobachtungen, dass tendenziell mehr männliche Hausärzte an Forschungsbeteiligung interessiert sind [8, 17], wurden in der vorliegenden Befragung nicht bestätigt. Die Angaben der Teilnehmer lassen außerdem darauf schließen, dass die bisherige Forschungserfahrung die Einstellung gegenüber einem FPN nicht wesentlich beeinflusst. Einige Ergebnisse der Subgruppenanalysen scheinen jedoch Möglichkeiten zu eröffnen, bestimmte Motivatoren und Barrieren individuell zu adressieren [11]: Der Austausch mit anderen Kollegen für im ländlichen Raum tätige Hausärzte, eine adäquate Vergütung, die Option, eigene Forschungsfragen einzubringen sowie zusätzliche Qualifikationen zu erwerben für jüngere Hausärzte sowie strukturierte Rückmeldungen zur eigenen Praxisstruktur für Ärzte aus Gemeinschaftspraxen/MVZs. Die in den Subgruppenanalysen hergestellten Zusammenhänge können aufgrund des explorativen Charakters nur Tendenzen aufzeigen.

Stärken und Schwächen

Die Studie liefert Erkenntnisse zur Motivation von Thüringer Hausärzten, sich an einem FPN zu beteiligen. Unter Berücksichtigung regionaler Unterschiede können die Ergebnisse auch für den Aufbau anderer FPNe von Nutzen sein. Da thematisch keine standardisierten und validierten Vorlagen zur Verfügung standen, wurde ein eigener Fragebogen entworfen, jedoch ohne Validierung, systematische Literaturrecherche oder Itemauswahl. Eine Non-Responder-Analyse auf den jeweiligen Veranstaltungen war aus organisatorischen Gründen nicht möglich. Eine Teilnahmequote von 72 % kann jedoch als zufriedenstellend bewertet werden.

Da an den genannten Fortbildungsveranstaltungen gehäuft Lehrärzte oder berufspolitisch engagierte Kollegen teilnahmen, kann ein Selektionsbias nicht ausgeschlossen werden. Nur 17 der 98 teilnehmenden Hausärzte verfügten über keinerlei Forschungserfahrung. Daher ist von einer hohen Forschungsaffinität innerhalb der Stichprobe auszugehen. Die Ergebnisse sind besonders bedeutsam, zeigen sie doch, dass auch bei in Lehre und Forschung engagierten Ärzten mangelnde zeitliche Ressourcen eine erhebliche Begrenzung darstellen. Darüber hinaus sind generelle Antwortverzerrungen wie soziale Erwünschtheit oder inhaltsunabhängige Zustimmungstendenz möglich, die stets bei Befragungen zu persönlichen Einstellungen und Absichten auftreten können.

Schlussfolgerungen/ Take-Home Message

Thüringer Hausärzte scheinen der Beteiligung an einem FPN grundsätzlich positiv gegenüber zu stehen. Die in dieser Studie gewonnenen Erkenntnisse können die konkrete Ausgestaltung des FPNs Berlin/Brandenburg/Thüringen und anderer Netzwerke unterstützen:

  • Gerade in der Aufbauphase sollten eher niedrigschwellige und wenig zeitintensive Beteiligungsformen angeboten werden.
  • Hausärzte versprechen sich von einem Netzwerk insbesondere einen lebendigen Erfahrungs- und Informationsaustausch.
  • Im Vergleich zu früheren Untersuchungen scheint der Datenschutz eine eher größere, die Vergütung eine eher geringere Rolle zu spielen.
  • Einzelne Subgruppen von Hausärzten können möglicherweise mit spezifischen Anreizen adressiert werden.

Danksagung: Wir danken allen Teilnehmern der Befragung und freuen uns auf die zukünftige Zusammenarbeit.

Interessenkonflikte:

Die vorliegende Arbeit ist Teil des FPNs „RESPoNsE“, an dem alle Autoren mitwirken. RESPoNsE wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Förderschwerpunkts „Aufbau einer nachhaltigen Netzwerkstruktur für Forschungspraxen zur Stärkung der Allgemeinmedizin“ (01GK1902A). Alle Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt gemäß den ICMJE-Empfehlungen, Stand Dezember 2019 (www.icmje.org/icmje-recommendations.pdf), besteht.

Literatur

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20. www.kbv.de/media/sp/Honorarbericht_Tabellen.xlsx (letzter Zugriff am 30.04.2020)

Korrespondenzadresse

Dr. med. Florian Wolf, MBA

Institut für Allgemeinmedizin

Universitätsklinikum Jena,

Friedrich-Schiller-Universität

Bachstraße 18, 07743 Jena

Florian.Wolf@med.uni-jena.de

Dr. med. Florian Wolf, MBA …

… ist Facharzt für Allgemeinmedizin und seit 2014 am Institut für Allge­meinmedizin in Jena tätig. Dort fungiert er seit dem 01.02.2020 als Regionalkoordinator des Forschungs­praxennetzes Berlin/Brandenburg/Thüringen (RESPoNsE). Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet er in einem Jenaer MVZ.


(Stand: 14.12.2020)

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