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Ein Gegenmittel gegen den Burnout bei Ärzten: Die Balint-Gruppe als hermeneutische »Oase« bei der Suche nach Bedeutung in der Medizin

DOI: 10.1055/s-2003-37862

Ein Gegenmittel gegen den Burnout bei Ärzten: Die Balint-Gruppe als hermeneutische »Oase« bei der Suche nach Bedeutung in der Medizin

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Umgang mit Kranken und Krankheit Ein Gegenmittel gegen den Burnout bei Ärzten: Die Balint-Gruppe als hermeneutische »Oase« bei der Suche nach Bedeutung in der Medizin Richard B. Addison Übersetzung: Gernot Rüter1, Elke-G. Schmidt2 Es ist nicht leicht, bei einem 10-minütigen Vortrag nicht zu vage, zu allgemein oder zu banal zu bleiben und doch gleichzeitig etwas Bedeutungsvolles, Schlüssiges und Motivierendes zu sagen. Vor vier Jahren habe ich in Charleston den möglichen Zusammenhang zwischen der Hermeneutik und der Leitung einer Balint-Gruppe dargelegt. Heute möchte ich eine Dreiecksbeziehung zwischen dem Burnout bei Ärzten, der Hermeneutik und der Balint-Arbeit darlegen. Aus Zeitgründen setze ich voraus, dass Sie mit der Balint-Arbeit vertraut sind und konzentriere mich auf den Burnout bei Ärzten und die Hermeneutik. Ich werde versuchen zu zeigen, dass Balint-Arbeit, betrachtet aus einem hermeneutischen Blickwinkel, Ärzten als einer Hochrisikogruppe für Burnout eine Menge zu bieten hat. Hermeneutik Ich beginne mit einer allgemeinen Definition des Wortes Hermeneutik: Es ist der Versuch, das zu verstehen, zu deuten oder sich verständlich zu machen, was bislang nicht verstanden wurde. Dies ist nicht nur das zentrale Anliegen von Hermeneutik, es ist ein essenzieller Bestandteil unseres Daseins in der Welt. Hermeneutik ist die Kunst und Wissenschaft, dieses In-der-Welt-Sein zu interpretieren und Sinn darin zu finden. Die hermeneutische Forschung beschreibt eine problematische Situation, zeigt auf, wie sich diese Situation entwickelt hat und aufrechterhalten wird, und bietet mögliche Lösungsvorschläge für eine positive und produktive Veränderung. Ich möchte erneut bestimmte Aspekte meiner vor vier Jahren gezeigten Präsentation behandeln, falls einige 1 Gernot Rüter Facharzt für Allgemeinmedizin Blumenstraße 11, 71726 Benningen 2 Elke-G. Schmidt Bottenäckerstraße 28 71711 Murr von Ihnen nicht in Charleston gewesen sein sollten. Ich habe damals über fünf wesentliche Kerncharakteristika der hermeneutischen Forschung berichtet und jeweils Parallelen mit der Leitung einer Balint-Gruppe aufgezeigt. Das erste Charakteristikum des hermeneutischen Ansatzes möchte ich als das Auffinden von Widersprüchen bezeichnen. Die Hermeneutik beschäftigt sich anfangs immer mit dem Unvollständigen, dem Fehlenden, dem Falschen oder irgendwie Abweichenden. Und dies beschreibt genau unsere Arbeit in den Balint-Gruppen; wir sehen uns Dinge an, die nicht so ganz passen, die fehlen, die wir nicht ganz bzw. noch gar nicht verstehen, und wir verfolgen diese Richtungen. Zweitens konzentrieren sich hermeneutische Wissenschaftler auf die Erforschung des hintergründigen Kontextes. Bei der hermeneutischen Forschung ist es sehr wichtig, sich ausgiebig mit dem hintergründigen Zusammenhang des jeweils zu erforschenden Phänomens zu beschäftigen. Eine Art der Verstehensweise steht in Verbindung mit einer Kreisbewegung, bei der das Problem mal als Ganzes oder nur in Teilaspekten gesehen wird. Eine andere Art ist die Bewegung zwischen dem vordergründigen und dem hintergründigen Aspekt. Der hintergründige Zusammenhang umfasst ein breiteres Bild, gleichzeitig werden aber eigene Annahmen, Neigungen, Vorurteile, die Art, etwas selbstverständlich zu tun, mit einfließen. Sich den hintergründigen Kontext anzuschauen kann z. B. einschließen, sich die sozialen Bedingungen der medizinischen Arbeit, die Organisation seiner eigenen Praxis und die Annahmen über Begegnungen im ärztlichen Kontext klar zu machen. Richard B. Addison, Ph.D. Assistant Clinical Professor Family & Community Medicine U.C.S.F. Santa Rosa. CA. USA aus Balint 2002; 1; 13–16 Eine Vorläuferversion dieses Aufsatzes wurde am 12.9.1998 beim 11. internationalen Balint-Kongress, Exeter College, University of Oxford, England vorgetragen. Z. Allg. Med. 2003; 79: 19–23. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2002 19 Umgang mit Kranken und Krankheit Die hermeneutische Vorstellung über die Untersuchung des hintergründigen Zusammenhangs wird oft mit Begrifflichkeiten von einer Art »Räumung« umschrieben: im Deutschen z. B. mit dem Wort »Lichtung«: Stellen Sie sich einmal vor, Sie sehen einen sehr interessanten Baum: groß, gerade, wunderschöne Astwerkstruktur mit dunkelgrünen Blättern. Dann sehen Sie einen anderen interessanten, wenn auch unterschiedlichen Baum, noch einen und noch einen. Ihre Füße tragen Sie von einem Baum zum nächsten und nächsten, bis Sie die unterschiedlichen Arten und Größen der Bäume nicht mehr zählen können. Und genau dies passiert in der Arztpraxis; man geht von einem Patienten zu dem anderen, ohne seinen Kopf zu heben, ohne zu wissen, welcher Patient im Terminkalender steht oder wie der ganze Tag ablaufen wird. Zurück zu den Bäumen: Nachdem man für Stunden von Baum zu Baum gelaufen ist, durch die riesige Anzahl und Dichte aller Bäume fast im Dunkeln, wird es langsam heller, weil Sie sich einer Lichtung nähern, einem freien Raum, einer sonnenüberfluteten Wiese. Und nun erst merken Sie, wo Sie gerade gewesen sind: nämlich in einem tiefen, dunklen Wald. Bis zu diesem Zeitpunkt haben Sie sich so auf Bäume konzentriert, dass die Bedeutung von »Wald« im Hintergrund stand. Erst nachdem Sie den Wald verlassen haben und auf die Wiese gekommen sind, wurde »Wald« zu einer möglichen Bedeutung dessen, wo Sie gerade gewesen sind. Das Ankommen auf der Lichtung hat eine umfassendere Bedeutung für all diese Bäume ermöglicht. Die BalintGruppe steht nun haargenau für diese Art von Lichtung. Sie ermöglicht Bedeutungsfindung, indem die hintergründigen Bedingungen der vorgetragenen Fälle untersucht werden. Eine andere Denkweise über den hintergründigen Kontext ist, sich Gedanken über die Luft zu machen, die wir atmen: In den meisten Fällen nehmen wir die Atemluft als selbstverständlich hin; sie ist farb-, geruchs- und geschmacklos. Wir nehmen sie gar nicht wahr, es sei denn, es läuft etwas schief – sie riecht übel, sieht verschmutzt aus oder wird in den Bergen dünner. In der Beziehung zu unseren Patienten konzentrieren wir uns häufig nur auf die Beschwerden an sich oder den Krankheitsverlauf. Erst wenn uns etwas über den Patienten beunruhigt, er uns erneut ohne Besserung seiner Beschwerden konsultiert, beginnen wir, uns mit den hintergründigen Aspekten zu beschäftigen, wie z.B. der Arzt-Patient-Beziehung, dem sozialen Umfeld des Patienten und anderen möglichen Ursachen, die einer Genesung des Patienten im Wege stehen könnten. Drittens möchte ich über die hermeneutische Vorstellung von Verstehen und Interpretation sprechen. Ich benutze diese Begriffe absichtlich. Wenn ich von Verstehen rede, meine ich eine Art von gefühlter Sensibilität, einem Gefühl, einer emotionalen Erfahrung. Spreche ich jedoch von Interpretation, meine ich eine eher zusammengefasste, theoretische Analyse. In einer Balint-Gruppe schauen wir in uns hinein, um ein Gefühl für die Emotionen des Patienten zu bekommen oder dafür, was der Arzt fühlt, indem wir unsere eigene emotionale Reaktion auf eine Fallvorstellung untersuchen. Gleichzeitig können wir in einem zirkulären Verfahren durch analytisches Reflektieren dieser Empfindungen interpretieren, was beim vorgestellten Patienten geschieht. Diese Interpretationen erlauben uns dann die weitere Erfahrung von tieferem, differenzierterem oder weiter reichendem Verstehen. Das vierte hermeneutische Prinzip ist die Selbstreflexion. Michael Balint sagt, das Hauptziel der Gruppe war es, näher zu untersuchen, dass »Fehler, blinde Flecken, Begrenzungen an das Tageslicht befördert werden können«. Wiederum bezieht er sich auf ein Öffnen (oder auf eine Art von Lichtung vielleicht). Er maß der Selbstreflektierung und wiederum der Selbstkenntnis, die solch eine »Denkoase« mit sich bringt, größte Bedeutung zu. Das fünfte hermeneutische Prinzip stellt ebenso eine Art von Öffnung oder Lichtung dar. Ich sehe es als Eröffnung neuer Möglichkeiten an. Dies ist genau das, was BalintGruppen erreichen können. Idealerweise ermöglichen sie den Teilnehmern, ihren Patienten auf andere Art zuzuhören und sie anders wahrzunehmen. Sie erlauben uns, neue Wege im Zusammensein mit unseren Patienten zu finden. Sie bieten uns die Chance, nicht im Wald stecken zu bleiben. Burnout Was ist Burnout? Wenden wir uns nun dem immer häufiger vorkommenden Problem des Burnouts bei Ärzten zu. Ich möchte zunächst eine allgemein bekannte und akzeptierte Definition des Burnouts geben. Diese Definition stammt aus der Arbeit von Christina Maslach und beinhaltet drei Komponenten, die alle eng mit dem Burnout korreliert sind: emotionale Erschöpfung, Depersonalisation und persönliche Leistung. Emotionale Erschöpfung wird als »Gefühl der emotionalen Überforderung und Erschöpfung durch die eigene Arbeit« definiert. Depersonalisation kann als »nicht fühlendes und unpersönliches Gegenübertreten den Empfängern der eigenen ärztlichen Fürsorge« angesehen werden. Und schließlich wird persönliche Leistung als »Gefühl von Kompetenz und Erfolg bei seiner Arbeit mit Menschen« definiert. Die enge Beziehung der ersten beiden Faktoren zum Burnout ist ganz einfach zu verstehen. Die dritte Komponente kann nicht ganz so selbstverständlich dazu in Beziehung 20 Z. Allg. Med. 2003; 79: 19–23. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 Umgang mit Kranken und Krankheit gesetzt werden. Es mag hilfreich sein, sich einmal zu überlegen, wie leicht man ein Opfer des Sich-ausgebrannt-Fühlens wird, nachdem man sich über Jahre hinweg – manchmal über seine Grenzen hinaus – selbst stark gefordert und viel erreicht hat. Ich möchte Ihnen noch eine andere, einfachere Beschreibung des Burnouts geben. Koltenow glaubt, dass »Burnout heimtückisch ist. Es ist nicht ein Zustand des Seins, sondern eine Art des Empfindens, Denkens und Verhaltens … Es lässt die Quelle des Lebens versiegen. Burnout ist ein Zustand, der aus besten Absichten heraus geboren wird. Ärzte, die Opfer des Burnouts werden, sind in den meisten Fällen selbstlose Menschen, die sich bemühen, in ihrer Karriere Perfektion zu erzielen. Sie schinden sich zu sehr, zu lange und akzeptieren ihre Grenzen nicht«. Ich weiß nicht, ob Sie sich in diesen Beschreibungen wiederfinden. Ich weiß sehr wohl, dass sie für mich zutreffen. Zu wenig Sorge für sich selbst? Johnson wies darauf hin, dass sich die Menschen oftmals für den Beruf des Mediziners entscheiden, um nicht ihre eigene Verletzlichkeit fühlen oder damit umgehen zu müssen. Da sie ständig von anderen gebraucht werden, können Ärzte die Wahrnehmung der eigenen Schutzbedürfnisse vermeiden. Obwohl die Selbstselektion ganz klar bei der Berufswahl zum Mediziner eine Rolle spielt, werden fehlangepasste Verhaltensweisen, die zu einem Burnout führen, zu Gewohnheitsmustern während des Medizinalpraktikums und der Assistenzzeit als dem eigentlichen Beginn des beruflichen Lebens. Koltenow sagt, »dass unsere Berufssparte bereits durch ihr Fachgebiet an sich zu Verleugnung und Verdrängung auserwählt ist und die medizinische Ausbildung unseren Hang fördert, immer weniger Gefühle zu offenbaren, um den weiteren Aufstieg auf der Karriereleiter zu befördern. Dies kann dazu führen, dass wir nicht mehr fähig sind, uns tiefe Gefühle bei unseren beruflichen oder persönlichen Beziehungen zu erlauben… Nirgends während unserer Ausbildung werden wir auf den Umgang mit Stress vorbereitet. Der Glaube, unser Status und die Rolle als Arzt reiche aus und verleihe uns automatisch die Fertigkeit im Umgang mit den tagtäglichen Auseinandersetzungen, ist ein grandioser Irrglaube, der letztendlich zum Burnout führt«. Darüber hinaus existiert eine große Anzahl an situationsgebundenen Faktoren, die uns für den Burnout prädestinieren. Als Antwort auf die Frage, warum es so stressig ist, als Arzt zu praktizieren, nennt Jack McCue drei Gründe für den Stress in der Medizin. Erstens arbeitet ein Arzt mit äußerst emotionalen Aspekten des Lebens und zwar sowohl was das Leben des Patienten als auch das des Arztes selbst betrifft. Zweitens werden die Ärzte ungenügend im Umgang mit »Problem-Patienten« ausgebildet. Natürlich betrifft das die Ärzte, die nicht das Glück hatten, während ihrer Assistenzzeit im Krankenhaus an einer Balint-Gruppe teilzunehmen. Und drittens glaubt McCue, dass unzumutbare Anforderungen und Erwartungen an einen Arzt gestellt werden, nämlich allwissend, allumsorgend, ein Experte auf jedem Gebiet der Medizin, unglaublich geduldig im Umgang mit Patienten, Angestellten, Familie und Kollegen zu sein. Hierbei bezieht er sich auf eine Art von geheimer Absprache zwischen Arzt und Patient. Diese geheime Absprache verstärkt die unrealistische Verleugnung der Unsicherheit des Arztes. Balint-Arbeit beschäftigt sich mit allen drei Ursachen von übermäßigem Stress in der Medizin. Die Bedingungen des Arzt-Seins wandeln sich Fahren wir nun fort mit den Strukturbedingungen und dem hintergründigen Zusammenhang der Medizin. Ich möchte über das heutige Klima in den Arztpraxen reden. Zunächst einmal geht die Autonomie der Ärzte stark zurück. In seinem 1982 erschienenen Buch »The Social Transformation of American Medicine« sagte Paul Starr den zwischenzeitlich bereits eingetretenen Autonomieverlust der amerikanischen Ärzte voraus. Er nannte zwei Gründe für diesen Verlust. Zum einen würden die rapide ansteigenden Kosten im Gesundheitswesen zwangsläufig ein Eingreifen von außen erfordern, um die unregulierte Inflation der Kosten im Gesundheitswesen zu bremsen. Die Ärzte hätten nicht länger eine Blankovollmacht für die Festsetzung von Honoraren, Erstattungsplänen und Autorisierungsverfahren als medizinisch notwendig und somit zu erstatten. Zum anderen würde der Arzt sein Ansehen als altruistisch-vertrauenswürdiger Familienfreund verlieren. Er hat in beiden Punkten Recht gehabt. Gleichermaßen äußert sich Morton Orman über das Thema Kontrolle und wie wichtig dies für die Erfahrungswahrscheinlichkeit eines Burnouts sei. Ärzte, die glauben, eine gewisse Kontrolle über ihren Alltag zu haben (was bedeutet, sie haben einen inneren Ort der Kontrolle), fühlen sich weniger ausgebrannt. Auf der anderen Seite tendieren Ärzte, die glauben, ihnen würde ihr Leben aufdiktiert (was man als außerhalb gelegenen Ort der Kontrolle bezeichnet) dazu, einen höheren Grad an Ausgebranntsein zu zeigen. Eine steigende Zahl von Ärzten hat Schwierigkeiten, mit ihrem neuen Status als Angestellter fertig zu werden. Je weniger Autonomie, desto Der Umgang mit Stress Lassen Sie uns nun in hermeneutischer Herangehensweise einige der hintergründigen Bedingungen des ArztBurnouts näher betrachten. Burnout ist das Spätstadium eines Kontinuums, das ganz einfach mit Stress beginnt. Z. Allg. Med. 2003; 79: 19–23. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 21 Umgang mit Kranken und Krankheit mehr kann sich der innere Ort der Kontrolle nach außen hin verschieben und somit ist auch die Wahrscheinlichkeit eines Burnouts höher. Die Bürokratie kann einen aber auch auf die Palme bringen. Die neuen »managed care«-Regularien führen dazu, dass die Anforderungen an den Alltag immer umfangreicher werden. Bei dem Versuch, diese Anforderungen zu bewältigen, nehmen amerikanische Ärzte immer häufiger an Kongressen über Organisation und Reorganisation teil. Sie beginnen ihr Tagwerk früher und beenden es später. In dem Maße, in dem sich die Organisation der Medizin ändert, in dem Maße nimmt auch die Anzahl und Komplexität der Ärztegruppen zu, erhöht sich die Anzahl der Ausschusssitzungen und es wird mehr Zeit in diese Treffen investiert. Obwohl die amerikanischen Ärzte eine Balint-Gruppe mehr denn je benötigten, widerstrebt es ihnen, ihre freie Zeit für ein weiteres Meeting zu opfern, selbst wenn es dabei um etwas geht, das sehr hilfreich dabei sein könnte, den eigenen Burnout zu lindern. künfte kürzen oder ihre Arbeitslast erhöhen wird. Letzteres wird heutzutage häufig von den HMOs getan. Verständlicherweise fühlen sich die Ärzte überrumpelt, nicht wertgeschätzt und ausgebrannt. Vor allem aber ist aus dem Arztberuf ein reines Geschäft geworden, das nun wie eine Firma geführt wird. Wirtschaftlichkeit hat Wirksamkeit als Modewort für verwaltete Fürsorge abgelöst. Dollars und Cents haben Bedeutungsausmaße angenommen, die weit über das hinausgehen, womit die Medizin bisher fertig werden musste. Was einst ein nobler Beruf war, eine bewundernswerte Berufung, ist zu einem reinen Geschäftsfeld mit sinkenden Gewinnspannen geworden. Dies erhöht, zusammen mit den anderen strukturellen Änderungen im Hintergrundklima der Medizin, die Wahrscheinlichkeit für den Burnout eines Arztes. Hermeneutik und Balint-Arbeit Welcher Weg führt nun aus dem Burnout heraus? Was kann die Arbeit in einer Balint-Gruppe dazu beitragen, von der Rutsche in den Burnout wieder herunterzukommen? Ich möchte meine Schlussfolgerungen ziehen, indem ich mir prospektiv ansehe, wie die Hermeneutik, angewandt und zum Ausdruck gebracht in der BalintArbeit, ein Gegenmittel gegen den ärztlichen Burnout darstellen kann. Ich werde untersuchen, wie die am Anfang meines Vortrags genannten Kernthesen der Hermeneutik in den Balint-Gruppen verankert sind. Zuerst sprach ich von der hermeneutischen These des Auffindens von Widersprüchen. Die Arbeit in einer Balint-Gruppe eröffnet uns verschiedene Wege, zum eigentlich Bedeutsamen in unserer Arbeit mit den Patienten zu gelangen. So wie die hermeneutischen Wissenschaftler versuchen, Widersprüche ausfindig zu machen, das Fehlende oder Unpassende zu erkennen, konzentriert sich die Balint-Arbeit gleichermaßen auf Schwierigkeiten, die sich ergeben haben, Darstellungen, die keinen Sinn machen oder irgendwie »daneben« sind. Die Eröffnung dieser Wege zum eigentlich Bedeutsamen zu gelangen, über die übliche verwässerte Interpretation hinaus, kann dazu beitragen, dass ein Arzt nicht so ausgebrannt ist. Als Zweites habe ich über den hintergründigen Kontext der medizinischen Arbeit gesprochen. Für die Balint-Arbeit ist es unbedingt erforderlich, die strukturellen und kulturellen Voraussetzungen zu berücksichtigen, die häufig außerhalb oder jenseits der vordergründigen Wahrnehmung unserer Arbeit liegen. Eine begrenztere, eher nur vordergründige Interpretation prädisponiert Ärzte für ein zugeschüttetes, langweiliges und mechanisches Arbeitsleben. Ärzte, die solch ein Leben über Jahre Wirtschaftliche Ausbeutung und juristische Bedrohung Auch die Anforderungen an die Produktivität wachsen. Nachdem die eigene Kontrolle über ihre Praxis von der externen Kontrolle abgelöst wurde, wird von den Ärzten erwartet, dass sie immer mehr Patienten in immer weniger Zeit für den einzelnen untersuchen. Es wird darüber hinaus von ihnen erwartet, dass sie mehr Stunden am Tag und in der Woche arbeiten, wenn sie ihren derzeitigen Einkommensstatus beibehalten wollen. Während die hohen Herren der HMO (Health Maintenance Organisation) sich immer höhere Gehälter genehmigen, versuchen sich die Allgemeinmediziner und Spezialisten krampfhaft über Wasser zu halten. Ärztliches Fehlverhalten ist auch ein Aspekt, der potenziell immer sehr schmerzhaft für die Idealisten unter den Ärzten ist. Nur eine sehr geringe Anzahl der amerikanischen Ärzte kann heute noch behaupten, noch nie verklagt worden zu sein. Die Gefahr von zukünftigen Klagen wegen Fehlverhaltens und die unschöne Erinnerung an vergangene Verfahren bedeuten einen unvorstellbaren Stress für verantwortungsbewusste, gewissenhafte und altruistische Ärzte. Einige haben sogar aufgrund dieses stressigen Aspekts aufgehört zu praktizieren. Was die Wirtschaftlichkeit der Medizin angeht, sind die Ärzte mehr und mehr über ihren Einkommensstandard verunsichert. Sie müssen sich mit der Unsicherheit herumschlagen, ob ihr Einkommen ausreicht, um ihre Angestellten und sich selbst zu bezahlen, ob sie genügend Patienten haben werden, um ihr normales Einkommen aufrechtzuerhalten und ob die medizinische Gruppe oder Gesellschaft, der sie angeschlossen sind, ihre Ein- 22 Z. Allg. Med. 2003; 79: 19–23. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 Umgang mit Kranken und Krankheit hinweg geführt haben, werden wahrscheinlich eher ausgebrannt sein. Weiter sprach ich über die komplexe Kreisbewegung zwischen dem Verstehen und Interpretieren bei der hermeneutischen Analyse. Bei der Balint-Arbeit untersuchen wir die Komplexität unserer Interaktionen mit Patienten, Kollegen oder dem Medizinsystem. In der Hermeneutik sehen wir die Welt als verzwickten und komplexen Ort, in dem die Auslegung immer für weitere Interpretationen offen ist. Sowohl die Hermeneutik als auch die Balint-Arbeit machen klar, dass es für komplexe zwischenmenschliche Probleme keine vereinfachten und reduzierten Lösungen geben kann. Ebenso wie die Hermeneutik die Erfahrung vom Verstehen des betrachteten Gegenstandes hervorhebt, gilt das auch für die Balint-Arbeit. Mediziner, die über den Schatz verstehender Erfahrung ihrer selbst und ihrer Arbeit verfügen, werden weit seltener Gefahr laufen, dem Burnout zu verfallen. Dann sprach ich über die Wichtigkeit der Selbstreflexion. Sowohl Hermeneutik als auch Balint-Arbeit propagieren und bemühen sich ausdrücklich um ein Klima produktiver Selbstreflexion. Hermeneutische Wissenschaftler müssen ihren eigenen Forschungsprozess ebenso untersuchen, wie Teilnehmer oder Leiter einer Balint-Gruppe ihre eigene Arbeit reflektieren müssen. Selbstreflexion erlaubt ein breiteres Spektrum bedeutungsvoller Existenz. Und fünftens bieten beide, sowohl die Wissenschaft von der Hermeneutik als auch die Balint-Arbeit, Möglichkeiten zur Veränderung: Möglichkeiten, unsere Weltanschauung, unsere alltäglichen Gewohnheiten, die Dinge der Welt zu ändern und so den Burnout zu vermeiden. Alle fünf Kernaspekte der Hermeneutik finden sich auch in der Balint-Arbeit. Jedoch gibt es noch einen weiteren Aspekt in der Balint-Arbeit und der Hermeneutik, den ich mir für den Schluss aufgehoben habe, weil er so zentral für das Burnout-Thema ist. Es handelt sich hierbei um die hermeneutische Vorstellung, die man entweder mit Fürsorge, Verbundenheit oder gegenseitiger Wertschätzung bezeichnet. Die Balint-Gruppe wiederum bietet, wie ich es nennen möchte, eine Gemeinschaft gegenseitiger Wertschätzung. Eine solche Gemeinschaft kann klein sein wie eine regelmäßig stattfindende BalintGruppe. Sie kann aber auch ein großer Kongress, wie z. B. dieser, sein. Auf alle Fälle ist sie etwas sehr Wichtiges, um Menschen Hilfestellung beim Leisten bedeutungsvoller Arbeit jeglicher Art zu geben. Ein perfektes Beispiel für diese Art gegenseitiger Wertschätzung ist die so genannte »Doctor Defenses Group« (vgl. den Vortrag von Courtenay et al. in diesem Band). Die Mitglieder dieser Gruppe haben sich mit gemeinsamen Zielen und Interessen zusammengefunden. Manchmal müssen diese Ziele und Interessen erarbeitet werden, aber in einer Gruppe mit gleichen Interessen ermuntern die Mitglieder sich gegenseitig, ihre Sorge um und ihre Verbundenheit mit ihren Patienten während der Behandlung, in der Wissenschaft und in der Praxis zum Ausdruck zu bringen. Diese Verbundenheit ist wahrscheinlich die beste Vorsorge gegen einen möglichen Burnout. Eine »Lichtung« für Bedeutsames Zusammenfassend lassen Sie mich Folgendes sagen: Ich wollte mit meinen Gedanken beleuchten, wie ein hermeneutischer Zugang zur Balint-Arbeit ein bedeutendes Gegenmittel gegen Burnout bieten kann. Was so oft im täglichen Dasein eines Arztes fehlt, ist die Verpflichtung, sich eine Lichtung zu schlagen, um nachzudenken. Nachzudenken über die Stressoren eines Tages, über Patienten, über das Leben als Arzt, die Ideale, die einen zur Medizin brachten, worüber man sich sorgt, was zählt und Bedeutung hat im beruflichen und persönlichen Leben. Z. Allg. Med. 2003; 79: 19–23. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 23


(Stand: 01.01.2003)

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