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Kooperation von Hausärzten in der Forschung: das Beispiel Rückenschmerzprojekt

DOI: 10.1055/s-2003-37866

Kooperation von Hausärzten in der Forschung: das Beispiel Rückenschmerzprojekt

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Aufruf zu einer Studie Kooperation von Hausärzten in der Forschung: das Beispiel Rückenschmerzprojekt E. Baum1, H. D. Basler2, A. Becker3, J. F. Chenot3, N. Donner-Banzhoff1, J. Hildebrandt4, S. Keller2, C. Leonhardt2, M. Pfingsten4, M. M. Kochen3 Allgemeinmedizin und Forschungskooperation Vor drei Jahren wurden erstmals medizinische Kompetenznetze durch das Bundesforschungsministerium gefördert. Mit diesen Netzen sollen nicht nur in der Grundlagen- und klinischen Forschung ausgewiesene Zentren miteinander verknüpft werden (horizontale Vernetzung), sondern auch die verschiedenen Versorgungsebenen bis zu den Hausärzten und Patientenselbsthilfegruppen einbezogen werden (vertikale Vernetzung). Ziel ist eine Verbesserung der Forschungslandschaft und der medizinischen Versorgung bei verschiedenen Erkrankungen. Die Kompetenznetze haben Modellcharakter, um ihre Erfahrungen in die Regelversorgung einfließen zu lassen. Die Einbindung der Allgemeinmedizin wird dabei allerdings sehr unterschiedlich gehandhabt. Nur in wenigen Bereichen leitet sie innerhalb der Forschungsverbünde eigene Projekte (z. B. chronisch entzündliche Darmerkrankungen); vereinzelt ist sie mit wissenschaftlich erfahrenen Vertretern bereits in der Planung eingebunden und spielt eine wichtige Rolle bei der Konzeption der Untersuchungen und Implementierungen. Die meisten Förderanträge weisen aber eine PseudoEinbindung unseres Faches aus: Allgemeinarztpraxen als Datenlieferanten oder Empfänger von Leitlinien bzw. Fortbildungsmaßnahmen, die ausschließlich von Spezialisten entwickelt wurden. Dabei kommt ein traditionelles Konzept zum Zuge, das eine vertikale Vernetzung nach dem »top-down-Prinzip« vorsieht. Damit ist gemeint, dass Qualitätskriterien, Leitlinien und andere Empfehlungen zur Verbesserung der Versorgungsqualität von Spezialisten einer Universitätsklinik entwickelt werden (die in aller Regel weder Kenntnisse noch Erfahrungen über die Problemstellungen im primärärztlichen Bereich haben), um sie danach den »fort1 Abteilung für Allgemeinmedizin, Philipps-Universität Marburg 2 Abteilung für Medizinische Psychologie, Philipps-Universität Marburg 3 Abteilung für Allgemeinmedizin, Georg-August-Universität Göttingen 4 Abteilung für Schmerzambulanz, Georg-August-Universität Göttingen bildungsbedürftigen« Hausärzten »von oben nach unten« weiterzugeben. Die meisten Versuche, dieses Konzept durchzusetzen, sind bislang (nicht nur in Deutschland) notwendigerweise gescheitert. Der Forschungsort Hausarztpraxis wird außerdem zunehmend von anderen Wissenschaftlern und Bereichen entdeckt, die uns nicht immer wohl gesonnen sind (1), bzw. die Einbindung der Allgemeinmedizin zur Glorie ihres eigenen Faches instrumentalisieren wollen. Dabei werden z. T. auch Fördergelder akquiriert, die von den Initiatoren ursprünglich für die Weiterentwicklung der Allgemeinmedizin vorgesehen waren. Wir können nur ausdrücklich vor einer Beteiligung an solchen Studien warnen. Die Ergebnisse dienen teils Marketinginteressen, teils dem »Nachweis«, dass Hausärzte viele Dinge übersehen oder mit geringer diagnostischer oder therapeutischer Qualität behandeln. Hier sind neben Kompetenznetzen ohne qualifizierte Beteiligung der Allgemeinmedizin auch einige maßgeblich von Pharmafirmen unterstützte Untersuchungen zu nennen, die sich – mit z. T. suspekter Methodologie – z. B. mit Depressionen, sozialer Phobie oder Mikroalbuminurie beschäftigen. Da diese Profilierung – ohne sachliche Grundlage – nicht selten mit einer Rufschädigung unseres Faches einher geht, sollten sich Hausärzte einer solchen »Kooperation« auf breiter Front verweigern und sich weder durch Geld noch durch Zuwendungen anderer Art zur Teilnahme verleiten lassen. Sinnvolle Zusammenarbeit Unbestritten sind Kooperationen zwischen Institutionen des primärärztlichen und des spezialistischen Versorgungsbereiches nicht nur sinnvoll, sondern für eine rationale Weiterentwicklung unseres Gesundheitssystems essentiell. In diesem Sinne sollten wir Allgemeinärzte uns einer fairen und gleichberechtigten Kooperation Prof. Dr. Erika Baum Robert Koch Str. 7A, 35033 Marburg Z. Allg. Med. 2003; 79: 43–45. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 43 Aufruf zu einer Studie weit öffnen, wenn folgende Voraussetzungen gegeben sind: Die Allgemeinmedizin muss frühzeitig in das Konzept des Netzwerkes (bzw. des Studiendesigns der Einzelprojekte) eingebunden werden. Allgemeinmedizinische Fragestellungen müssen Teil von Studienzielen bzw. Arbeitsprogrammen sein. Allgemeinmedizinische Institutionen müssen eine klare Aufgabenstellung haben, die über die Kontaktaufnahme und Kollegen- bzw. Patientenrekrutierung hinausgeht. Die beteiligten allgemeinmedizinischen Institutionen müssen gemäß dieser Aufgabenstellung in fairer Weise mit Personal und Sachmitteln ausgestattet werden. Das Rückenschmerzprojekt Als gutes Beispiel für ein Projekt mit fairer Einbindung der Allgemeinmedizin wurde der Rückenschmerz-Verbund im Juli 2002 gestartet. In dem Netzwerk kooperieren verschiedene Teilprojekte von der Grundlagenforschung bis zur Epidemiologie. Gemeinsam mit der Schmerzambulanz und der Medizinischen Psychologie bearbeiten die Abteilungen für Allgemeinmedizin in Göttingen und Marburg das Thema »Optimierung der primärärztlichen Versorgung von Kreuzschmerzen: Evidenzbasierte Leitlinien und motivierende Beratung«, das im Folgenden weiter erläutert werden soll. Rückenschmerzen sind ein häufiger Konsultationsgrund in der allgemeinmedizinischen Praxis. Die DEGAM hat zu dem Problem der Kreuzschmerzen eine Leitlinie entwickelt, die demnächst in der ZfA publiziert wird. Hauptziel der Studie ist es, die Effektivität der Implementierung einer evidenzbasierten Leitlinie (LL) und motivierender Beratung (motivational counselling, MC) auf den Krankheitsverlauf der Patienten mit lumbalen Rückenschmerzen zu untersuchen. Ein Teil der beteiligten Praxen erhält in drei Qualitätszirkelsitzungen eine Schulung über den Inhalt der Leitlinie sowie deren Hintergründe und Umsetzung in der Praxis (Studienarm A und B). Weiterhin erhalten die Ärzte und Helferinnen unterstützende Materialien für die Erkennung abwendbar gefährlicher Verläufe und die möglichst gezielte Patientenberatung. Im Studienarm B werden Arzthelferinnen zusätzlich geschult, die Patienten motivierend zu beraten (MC). Das Beratungskonzept basiert auf Erkenntnissen zum Transtheoretischen Modell der Verhaltensänderung (2, 3). Der natürliche Verlauf der Erkrankung wird anhand des dritten Studienarms C (Kontrolle) beurteilt. Diese Praxen erhalten lediglich die Leitlinie per Post. Es werden insgesamt 120 Hausarzt-Praxen im Raum Göttingen, Nord- und Mittelhessen benötigt und in die drei Studienarme randomisiert (d. h. durch einen Zufallsgenerator zugeteilt). Nur so ist ein Vergleich der verschiedenen Behandlungsstrategien möglich. Pro Praxis sollen 16 Patienten rekrutiert werden, die bei Studienbeginn, nach sechs und nach zwölf Monaten befragt werden. Die Datenerhebung geschieht im wesentlichen durch speziell ausgebildete Studienbetreuerinnen («Study nurses«), die auch für die Praxen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Erhoben werden demografische und krankheitsbezogene Daten. Primäre Endpunkte sind schmerzbezogene Einschränkungen bei Aktivitäten des täglichen Lebens [Hannover Functional Ability Questionnaire FFbH-R] und körperliche Aktivität. Der Aufwand für die Teilnahme an den Schulungsveranstaltungen und auch für die Rekrutierung der Patienten sowie die zusätzliche Beratungsleistung durch die Arzthelferin wird den Praxen vergütet. Die Ergebnisse der Studie liefern zusätzlich versorgungsepidemiologische Daten für die Behandlung von Kreuzschmerzen. Es werden Mechanismen des Wissenstransfers von Forschungsergebnissen in die ambulante Versorgung evaluiert, die zur weiteren Verbreitung von Leitlinien und Beratungsstrategien in der Hausarztpraxis genutzt werden können. Nach einer Pilotphase in Nordhessen benötigen wir jetzt insgesamt 120 Praxen in der Region um Göttingen und Marburg, um qualitative sowie ökonomische Aspekte bei der Versorgung unserer Patienten mit diesem Problem aufzuarbeiten. Wer Interesse hat und in nicht zu großer Entfernung von der Studienregion seinen Praxissitz hat, ist herzlich willkommen teilzunehmen. Die Teilnahme an der Studie umfasst: die Bereitschaft, sich durch ein Zufallsverfahren einem Studienarm zuweisen zu lassen [A, B, C], die Bereitschaft (als Arzt/ Ärztin) zur Teilnahme an drei Qualitätszirkelsitzungen von ca. 90 Minuten Dauer [A, B], die Bereitschaft (als Arzthelferin) zum Erlernen und zur Durchführung der motivierenden Gesprächsführung [B], die Beachtung der DEGAM-Leitlinie und deren Anwendung bei Kreuzschmerzpatienten [A, B, C], den Empfang der «Study Nurses« [A, B, C]. Forschungsnetzwerke sollen versorgungsrelevante Fragen beantworten und somit helfen, die Arbeit in der täglichen Praxis auf eine rationale Grundlage zu stellen. Im Rückenschmerz-Projekt wird nicht über sondern mit 44 Z. Allg. Med. 2003; 79: 43–45. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 Aufruf zu einer Studie Hausärzten geforscht, um deren Tätigkeit zu erleichtern und zu optimieren sowie wissenschaftliche Erkenntnisse vor Ort umzusetzen. Dies kann nur gelingen, wenn möglichst viele »ganz normale« Praxen bereit sind, an diesen Projekten teilzunehmen. Anregungen aus der Praxis sind uns jederzeit willkommen! Literatur 1. Kochen MM, Niebling W, Abholz H.-H.: Forschen oder beforscht werden? ZFA 2000; 76:347–48 2. Keller S (Hrsg) (1999). Motivation zur Verhaltensänderung. Das transtheoretische Modell in Forschung und Praxis. Freiburg i. Br.: Lambertus Kohlmann 3. Prochaska J, Rollnick S, Mason P, Butler C (1999). Health Behaviour Change. A guide for practitioners. London: Churchill Livingstone Interesse? An Kooperation interessierte Kollegen in Hessen wenden sich bitte an: Prof. Baum/PD Dr. Donner-Banzhoff, Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und rehabilitative Medizin der Universität Marburg (donnerba@med.uni-marburg.de) oder: Prof. Kochen, Abteilung Allgemeinmedizin der Universität Göttingen (mkochen@gwdg.de) Weitere Informationen zu dem Rückenschmerzverbund finden sich unter www.dfrs.de. Veranstaltungen Stuttgart, 31.01. – 02.02.2003 Medizin 2003 – 38. Kongress der Ärztekammer Nordwürttemberg Die »Medizin«, der Fortbildungskongress für Ärztinnen und Ärzte aller Fachgebiete, informiert über aktuelle und wichtige Themen aus Klinik und Praxis. Spezielle Fortbildungsangebote für Angehörige der Pflegeberufe, für Arzthelferinnen und für Medizinisch-Technische Assistenten/-innen komplettieren das Programm. Information und Anmeldung: Kongressbüro Stuttgart, Berliner Platz 1, 70174 Stuttgart, Fax 0711/2027-766; Online-Registrierung: www.congress-stuttgart.de/medizin. Frankfurt, 13.–15.03.2003 Deutscher Schmerztag 2003: Rückenschmerz im Fokus Der Deutsche Schmerztag hat sich in den letzten 14 Jahren zum größten deutschen Kongress für praktische Schmerztherapie entwickelt. Traditionell stehen neue Erkenntnisse der Grundlagenforscher und deren Umsetzungsmöglichkeiten in die Praxis im Mittelpunkt. Aufgrund ihrer besonderen volkswirtschaftlichen und medizinischen Bedeutung hat der kommende Deutsche Schmerztag einen Schwerpunkt bei der Diagnostik und Therapie von Rückenschmerzen. Information und Anmeldung: Interplan AG, Albert-Rosshaupter-Str. 65, 81369 München, Tel. 089-548234-13, Fax 089548234-44, E-Mail: schmerztag@i-plan.de (Stichwort: Schmerz 2003). Frankfurt, 13.–15.06.2003 Allergica – Forum für Allergien und Atemwegserkrankungen Der medizinische Fachkongress mit dem Schwerpunkt chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen richtet sich an Ärzte, Apotheker und medizinisches Fachpersonal. Kurse und Symposien finden an drei Tagen statt. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden vermittelt, Wissen vertieft, praktische Übungen durchgeführt. Neben neuen Erkenntnissen zur medikamentösen Therapie werden im Fachkongress z. B. auch präventive Maßnahmen wie Patientenschulung, Lungensport und die Rehabilitation berücksichtigt. Das wissenschaftliche Programm ist im Internet verfügbar: www1.allergica.de/allergica0205/. Berlin, 28.–30.03.2003 Training für den Notfall – ACLS (Wochenendseminar) Definitive Wiederbelebungsmaßnahmen nach den Richtlinien der American Heart Association. Information und Anmeldung: Ärztekammer Berlin, Flottenstr. 28–42,13407 Berlin, Tel. 030-40806-153/-154 (Frau Hohn) Essen, erstes Halbjahr 2003 Türkisch am Krankenbett (Wochenendkurse und einwöchige Intensivkurse) Mit den Kursen bieten die Universität und die Volkshochschule Essen Beschäftigten im Gesundheitswesen die Möglichkeit, spezifisch für ihren Bedarf türkisch zu lernen bzw. vorhandene Türkischkenntnisse auszubauen. Das aktuelle Halbjahresprogramm findet sich im Internet: www.tak.uni-essen.de. Z. Allg. Med. 2003; 79: 43–45. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 45


(Stand: 01.01.2003)

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