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Hausärztliche Forschung mit elektronischen Patientenakten - ein Bericht vom EGPRN-Kongress

DOI: 10.1055/s-2004-832436

Hausärztliche Forschung mit elektronischen Patientenakten - ein Bericht vom EGPRN-Kongress

E. Hummers-Pradier Hausärztliche Forschung mit elektronischen Patientenakten ± ein Bericht vom EGPRN-Kongress Electronic Chartreview in Primary Care Research ± a Report from EGPRN Congress Kongress Vom 7.±10. Okt. 2004 fand auf Gozo, der Nachbarinsel von Malta, das Herbsttreffen des European General Practice Research Network (EGPRN) [1] statt. EGPRN-Kongresse Diese Gruppe forschungsinteressierter europäischer Allgemeinärzte trifft sich zweimal jährlich zu einem Kongress, der stets auch durch stark didaktische und unterstützende Arbeit geprägt ist. Neben abgeschlossenen Studien können auch Projektideen oder laufende Forschungsvorhaben vorgestellt werden. Für jede Präsentation steht neben einer Viertelstunde Redezeit auch eine Viertelstunde Diskussionszeit zur Verfügung. Das didaktische Angebot des EGPRN wurde in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut: Im Falle der Ablehnung eines Abstracts erfolgt auf Wunsch eine Rückmeldung über die Gründe. Im Falle der Annahme erhält der Autor detaillierte Hinweise zur Vorbereitung der Präsentation oder des Posters. Auf Wunsch kann in der 15-minütigen Diskussionszeit ein Moderator eine strukturierte kritische Rückmeldung über die Methodik der Studie vermitteln. Poster werden einzeln vorgestellt und diskutiert. Es besteht die Möglichkeit, ein persönliches Feedback über die Qualität des eigenen Vortrags zu erhalten. Nicht zuletzt vermittelt EGPRN auf Wunsch auch Mentoren, die bei der Vorbereitung und Publikation eines Artikels helfen oder ggf. die weitere Projektplanung begleiten. Seit 2004 bietet EGPRN im Rahmen der Kongresse auch regelmäûig Forschungskurse (so genannte pre-conference-workshops) zu einem sehr geringen Kostenbeitrag von derzeit 25 e an. Auf Gozo gab es einen Workshop ¹Use of the international classification of primary care (ICPC)ª zur Einführung in die ICPC-Kodierung, die neben der Verschlüsselung von Diagnosen auch die Codierung von Beratungsanlässen sowie diagnostischen und therapeutischen Prozessen erlaubt [2]. Dieses System wird daher gern in allgemeinmedizinischen Forschungsprojekten verwendet, in einigen Ländern ist es auch als Diagnosecodierungssystem vorgeschrieben [3]. Ein weiterer Workshop ¹Collection of data from electronic patient records for research in general practiceª führte in das Thema der eigentlichen Konferenz ein (siehe unten). Am Beispiel eines britischen ¹registration networkª wurde gezeigt, wie strukturiert geführte elektronische Patientenakten die Möglichkeit zu epidemiologischen Langzeitstudien bieten [4]. All diese ¹flankierendenª didaktischen Zusatzangebote sollen auch forschungsunerfahrene Hausärzte oder Teilnehmer aus Ländern ohne starke allgemeinärztliche Forschungstradition bei der Durchführung und Veröffentlichung von wissenschaftlichen Projekten unterstützen. In den letzten Jahren bestätigten kontinuierlich steigende Teilnehmerzahlen den Erfolg dieser Strategie. Der EGPRN-Kongress auf Gozo bildete hier leider eine Ausnahme, er war mit nur etwa 70 Teilnehmern eher wenig besucht. Hierfür mögen 3 Gründe verantwortlich sein: die schwierige Erreichbarkeit und damit relativ hohen Kosten dieses Treffens, der parallel stattfindende WONCA-Weltkongress in Orlando und die Tatsache, dass der Staat Malta nur etwa 400 000 Einwohner und rund 250 Hausärzte hat. Daher gab es natürlich auch nur relativ wenige einheimische Teilnehmer. 31 Institutsangaben Abt. Allgemeinmedizin, Universität Göttingen Korrespondenzadresse Priv.-Doz. Dr. med. Eva Hummers-Pradier ´ Abt. Allgemeinmedizin ´ Universität Göttingen ´ Humboldtallee 38 ´ 37073 Göttingen ´ E-mail: ehummer@gwdg.de Bibliografie Z Allg Med 2005; 81: 31±35 ´  Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ´ New York DOI 10.1055/s-2004-832436 ISSN 0014-336251 Allgemeinmedizin auf Gozo und Malta Wer die (von Göttingen aus) 12-stündige Anreise zu diesem für europäische Verhältnisse doch recht abgelegenen Tagungsort bewältigt hatte, wurde belohnt durch südliche Sonne, hochsommerliche Temperaturen und eine spektakuläre felsige Landschaft mit Aussicht auf das Mittelmeer von fast jedem Punkt der Insel. Die Architektur und die spärliche Flora Gozos muten bereits nordafrikanisch an, tropisch war leider auch die Bevölkerungsdichte an Beiû- und Stechinsekten. Gozo ist zwar ländlicher bzw. dörflicher strukturiert als die Nachbarinsel Malta, verfügt jedoch ebenfalls über ein kulturelles Erbe, u. a. viele Kirchen, eine Festungsanlage aus der Zeit des Malteserritterordens und Ruinen einer Tempelanlage, die rund 1000 Jahre älter sind als die Pyramiden von Gizeh. Malta hat ein staatliches Gesundheitssystem, zu dem alle Einwohner Zugang haben. Für Patienten ist die Gesundheitsversorgung hier kostenlos. Etwa ein Viertel der maltesischen Allgemeinärzte arbeiten als Angestellte in den staatlichen Gesundheitszentren, die groûen Gemeinschaftspraxen bzw. Polikliniken ähneln und etwa 30 % der Bevölkerung versorgen. Patienten können sich hier mit oder ohne Termine vorstellen und präventive oder kurative Leistungen in Anspruch nehmen. Es gibt einen organisierten Notdienst, z. T. werden auch Sprechstunden in abgelegeneren Dörfern angeboten. Patientenlisten bzw. ein festes ¹Einschreibenª bei einem Gesundheitszentrum existieren nicht, oft werden auch keine systematischen, patientenbezogenen Krankenakten geführt [5]. In dieser Organisationsstruktur ist eine kontinuierliche Versorgung durch einen ständigen Hausarzt nicht vorgesehen und auch kaum möglich. Es gibt jedoch ein Gatekeeper-System: Im staatlichen Sektor können Spezialisten oder Krankenhäuser nur mit einer Überweisung durch Allgemeinärzte aufgesucht werden. Parallel zum öffentlichen Gesundheitssystem existiert ein sehr starker privater Sektor. Die Mehrheit der maltesischen Hausärzte führt reine Privatpraxen, die etwa 60±70 % der Bevölkerung betreuen. Ein Pendeln zwischen beiden Systemen ist durchaus üblich [6]. Der Anreiz, sich im privaten Sektor behandeln zu lassen, liegt laut Aussage der maltesischen Kollegen in der gröûeren Kontinuität der Arzt-Patient-Beziehung, im freien Zugang zu Spezialisten sowie in der z. T. besseren Organisation (geringere Wartezeiten, man trifft zudem nicht die Nachbarn im Wartezimmer). Die Honorare für eine Privatbehandlung werden von den ¾rzten selbst festgelegt, Patienten können sich diese Kosten nur durch eine ggf. privat abgeschlossene (Zusatz-)Versicherung erstatten lassen. In Malta gibt es bisher keine strukturierte Weiterbildung in der Allgemeinmedizin, wohl aber eine akademische Institutionalisierung an der einzigen maltesischen Universität. den derzeit Routinedatenbanken aus anonymisierten hausärztlichen Patientenakten aufgebaut. Sie dienen zur Abbildung der hausärztlichen Epidemiologie und Versorgung, zum Qualitätsmanagement und auch als ¹Plattformª für Versorgungs- und klinische Forschung. Interessant war der Vergleich zwischen den unterschiedlichen Systemen: Das niederländische Registration Network of Family Practices wurde von den Autoren [7, 8] als eine ¹Goldmine für Forschungsprojekteª bezeichnet: 22 Praxen mit insgesamt 65 ¾rzten aus der Provinz Limburg nehmen seit fast 15 Jahren an diesem Netzwerk teil, mit dem bereits über 60 Forschungsprojekte durchgeführt wurden. Die ¾rzte arbeiten alle mit dem selben, besonders geeigneten Computersystem. Das Netzwerk definiert die Dokumentation von soziodemographischen Patientencharakteristika, Verordnungen und ¹relevantenª Gesundheitsstörungen bzw. Diagnosen (nach ICPC) in den routinemäûig EDV-basierten Patientenakten. Laut Aussage der Autoren wird ist diese standardisierte Dokumentation von den Netzwerkärzten nicht als zeitaufwändig oder den Praxisalltag störend erlebt, obwohl das Programm ¾rzte sofort auf unvollständige Datenblätter hinweist und die Einträge fordert. Die Software bietet auch die Möglichkeit, zusätzliche Module bzw. Dokumentationsinhalte für einzelne Studien einzubinden. Diese erinnern den Arzt, wenn ein Patient möglicherweise Kandidat für ein laufendes Projekt ist, oder fordern zusätzliche, studienbezogene Dokumentation (¹Dieser Patient nimmt am Forschungsprojekt X teil. Bitte ergänzen Sie folgende Angaben ¼ª). Die Interaktion zwischen der Routineakte und der Studiendokumentation ist dabei immer gewährleistet, Inhalte brauchen nie doppelt eingegeben zu werden. Ein erheblicher Nachteil der niederländischen Datenbank ist jedoch die Beschränkung auf chronische Erkrankungen. Akute Beratungsanlässe und kurzdauernde Krankheitsepisoden werden hier nicht abgelegt, so dass ein groûer Teil der hausärztlichen Aktivitäten nicht abgebildet bzw. berücksichtigt wird. Mit insgesamt 6 Beiträgen war das Göttinger MedViP-Projekt [9] in Gozo sehr stark repräsentiert [10 ± 15]. Die Ausgangslage für Projekte auf Routinedatenbasis ist in Deutschland schwierig, da sowohl die Registrierung bei einem Hausarzt als auch das Gatekeepersystem fehlen, Patientenakten also oft unvollständig sind. Auûerdem dokumentieren viele ¾rzte weiterhin teilweise auf Papier. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Softwaresysteme, aber kein einheitliches Dokumentationsformat, und im internationalen Vergleich wenig Dokumentationsvorschriften. Die im MedViP-Projekt benutzte Behandlungsdatenträger (BDT)Schnittstelle erlaubt zwar einen Export elektronischen Patientenakten. Aufgrund der fehlenden Standardisierung sind die Datensätze jedoch sehr heterogen, was Auswertungen erschwert. Auswertungsalgorithmen sind sehr komplex und basieren überwiegend auf der Suche nach Textelementen, was durchaus Fehlerquellen bzw. Missverständnisse bergen kann. Anerkannt wurde die kritische Darstellung der Schwierigkeiten und die Bemühungen um eine gründliche Validierung der Daten, unter anderem durch den patientenbezogenen Vergleich der Routinedaten mit Befragungen und Untersuchungen durch eine Studienkrankenschwester. Die Möglichkeit des nachträglichen Einbindens externer Daten (z. B. Ergebnisse von Patientenbefragungen) ist ein groûer Vorteil von MedVip: In den meisten anderen europäischen Routinedatenbanken ist eine Re-Identifizierung von Kongress 32 Forschung mit elektronischen Patientenakten Schwerpunktthema dieses Kongresses war ¹Research using electronic patient records in general practiceª, also Forschung auf Basis hausärztlicher elektronischer Patientenakten. Die Beiträge, insbesondere die Präsentationen zum Kongressthema, waren von fast durchgehend hoher Qualität. In vielen Ländern werHummers-Pradier E. Hausärztliche Forschung mit ¼ Z Allg Med 2005; 81: 31 ± 35 Patienten und ¾rzten nicht möglich. In der MedVip-Datenbank bleiben ¾rzte erkennbar, Patienten können anhand einer Nummer vom eigenen Hausarzt (und sonst niemandem) re-identifiziert werden. Die patientenbezogene Verknüpfung von Routinedokumentation mit anderen Datenquellen ermöglicht grundsätzlich die Durchführung klinischer Studien (z. B. zur Pharmakogenetik) in allgemeinärztlichen Forschungspraxen, ohne dass zusätzliche Dokumentationsinstrumente erforderlich werden. Eine besser standardisierte und vollständigere Routinedokumentation wäre allerdings wünschenswert. In Belgien sind Gesundheitssystem und Arbeitsumfeld für Allgemeinärzte den deutschen Gegebenheiten sehr ähnlich. Hans Vandenberghe aus Brüssel stellte eine Validierungsstudie vor [16]: Hausärztliche Verordnungen für Osteoarthritis-Patienten wurden anhand von EDV-Routinedaten (aus Praxen mit verschiedenen EDV-Systemen) untersucht und verglichen mit Ergebnissen eines Papierdokumentationsbogens, der speziell zum Zweck der Studie eingesetzt wurde ± allerdings bei anderen ¾rzten. Es zeigte sich, dass die Routinedatenauswertung viel weniger Patienten und Verordnungen identifizierte. Relative Verordnungshäufigkeiten einzelner Medikamente waren in beiden Arzt- bzw. Patientengruppen jedoch ähnlich (in beiden Gruppen erhielten z. B. 2/3 der Patienten nichtsteroidale Antirheumatika). Die belgischen Kollegen folgerten, dass Qualitätsbewertungen auf Basis von elektronischen Routinedaten sehr vorsichtig interpretiert werden müssten: Offenbar sind nicht alle Patientenkontakte und medizinischen Maûnahmen dokumentiert; schlechte Dokumentationsqualität darf aber nicht zwangsläufig mit schlechter Versorgungsqualität gleichgesetzt werden. Das von Douglas Fleming bereits im pre-conference Workshop vorgestellte britisch-europäische eHID (electronic health indicator data)-Projekt stützt sich auf ein vollständig elektronisch erhobenes und codiertes Patientenaktensystem. Die Struktur der Daten ist durch eine entsprechende Felderstruktur der Patientenakte vorgegeben, ¾rzte müssen alle Felder ausfüllen, um die Akte schlieûen zu können. Die Beratungsanlässe und das Vorgehen in der Praxis sind über den ICPC kodiert. Ein Netz von Praxen in mehreren europäischen Ländern stellt diese Daten bereit, die im Rahmen eines europäischen Projekts ausgewertet werden. Die Ziel- bzw. Fragerichtung dieser Datenbank beschränkt sich jedoch auf reine epidemiologisch-beschreibende Aspekte, z. B. der Inzidenz und Prävalenz von Erkrankungen. Aussagen über Therapie oder gar Behandlungsergebnisse können nicht oder nur sehr eingeschränkt gemacht werden. Die bisher ausgereifteste allgemeinärztliche Datenbank in Europa ist wohl Q-Research aus Nottingham, England [17]. Sie enthält Daten von knapp 470 britischen Praxen, die alle mit demselben Computersystem arbeiten, das 2/3 des britischen Marktes abdeckt. Insgesamt sind Daten von 7,5 Millionen Patienten verfügbar. Alle elektronischen Patientenakten dieser Praxen aus den letzten 15 Jahren sind eingelesen und aufgrund des britischen Listen-Systems auch vollständig (jeder Einwohner ist in einer Hausarztpraxis fest eingeschrieben). Die Daten sind bevölkerungsrepräsentativ, vollständig codiert und somit eine hervorragende Basis für epidemiologische oder Versorgungs-Studien. Der einzige Nachteil dieser Datenbasis besteht darin, dass weder ¾rzte noch Patienten reidentifiziert werden können. Es ist somit auch nicht möglich, externe Datenquellen, z. B. Patientenbefragungen, einzubinden oder Patienten für bestimmt Zusatzstudien zu rekrutieren. Das Potenzial der Q-Research-Datenbank wurde sehr eindruckvoll demonstriert von Julia Hippisley-Cox, die den Effekt der so genannten Polypill auf die Sterblichkeit allgemeinärztlicher Patienten untersuchte [18]. Die Polypill ist ein ± bisher hypothetisches ± niedrig dosiertes Kombinationspräparat aus Azetylsalizylsäure, einem Betablocker, einem ACE-Hemmer und einem Statin (im Originalartikel zusätzlich noch ein Thiaziddiuretikum und Folsäure), das laut einem Artikel im British Medical Journal die kardiovaskuläre Sterblichkeit um bis zu 80 % senken könnte, wenn es von allen Menschen über 55 Jahre eingenommen würde [19]. Auf Basis der Q-Research-Daten wurde diese Hypothese in einer Fall-Kontroll-Studie mit über 10 000 Patienten mit koronarer Herzerkrankung überprüft und festgestellt, dass die Einnahme von Statinen das Sterberisiko um gut ein Drittel reduzierte, was anderen publizierten Daten entspricht. Patienten, die nur Statine, ASS und Betablocker nahmen, hatten ein niedrigeres Sterberisiko als Patienten, die zusätzlich ACE-Hemmer nahmen. Die Kombination ohne ACE-Hemmer scheint der ¹klassischenª Polypill aus 4 Komponenten also überlegen zu sein. Diese Studie ist zwar kein randomisiert-kontrollierter Versuch, sondern ¹nurª eine Fallkontrollstudie, ihm lag jedoch eine sehr groûe Stichprobe hausärztlicher Patienten zugrunde, die zudem weitgehend frei von Erinnerungs- oder Selektionseffekten war. Diese Studie demonstriert eindrücklich das Potenzial groûer und gut geführter allgemeinärztlicher Datenbanken, die für Hausärzte und ihre Patienten sehr relevante Erkenntnisse ermöglichen. Kongress Hausärztliche Motivation zur Teilnahme an Routinedatenprojekten Interessant ist auch die Frage nach der Motivation von Hausärzten, sich an Routinedatenprojekten zu beteiligen. In Deutschland sind forschende Kollegen oft konfrontiert mit der Befürchtung einer Arbeitsüberlastung durch ausführliche Dokumentation; oder auch ¾ngsten bezüglich einer ¹Kontrolleª ärztlichen Handelns. ¾hnliche Bedenken äuûerte auch eine repräsentative Stichprobe französischer Allgemeinärzte: Sie fühlen sich auf den Umgang mit Computern nicht vorbereitet, fürchteten Mehrarbeit und äuûerten nicht zuletzt die Befürchtung, dass sich die Arzt-Patient-Beziehungen durch die EDV verschlechtern, Computer sich also gewissermaûen zwischen Arzt und Patient stellen könnten [20]. Auch in dieser französischen Gruppe wurde durchaus der Wunsch genannt, Informationen mit anderen Gesundheitsanbietern zu teilen oder auf gemeinsame Akten zurück greifen zu können. Dies wurde jedoch nur selten umgesetzt, weil die Vielzahl unterschiedlicher Softwaresysteme auch in Frankreich prohibitiv wirkt. Diese Bedenken aus Ländern ohne Primärarztsystem kontrastieren auffällig mit Aussagen der britischen und niederländischen Kollegen. Das Q-Research-Projekt hat nach Aussage seiner Vertreter inzwischen mehr Bewerbungen von interessierten Praxen als Aufnahmekapazitäten. Die Q-Research-¾rzte erhalten kein Geld, sagen aber, das Führen einer guten und vollständig codierten elektronischen Patientenakte erleichtere ihHummers-Pradier E. Hausärztliche Forschung mit ¼ Z Allg Med 2005; 81: 31 ± 35 33 nen die eigene Arbeit so sehr, dass sie darauf nicht mehr verzichten wollen. Die Möglichkeit, jederzeit schnell einen Überblick über das eigene Handeln zu bekommen, Patientendaten strukturiert ablegen und für die eigene Arbeit nutzen zu können, wird als ausgesprochen wertvoll empfunden. Diese Einstellung wird durch das britische Gesundheitssystem gefördert: Britische Allgemeinärzte sind Gatekeeper und erhalten einen Teil ihrer Bezahlung für das Führen einer vollständigen Krankenakte. Im letzten Jahr wurde die Bezahlung zudem vom Nachweis bestimmter Qualitätsstandards abhängig gemacht. So muss z. B. die Versorgung aller KHK-Patienten mit ASS oder die regelmäûige Blutdruckmessung bei Hypertonikern anhand der Dokumentation nachgewiesen werden. Hinblich auf Versorgungsforschungs- und klinische Forschungsprojekte ist diese Entwicklung durchaus bedeutsam. Für Allgemeinärzte aus Deutschland ergibt sich eine besonders gute Möglichkeit, mit der internationalen Forschergruppe des EGPRN Kontakte zu knüpfen und von den deren Kursangeboten zu profitieren: Das nächste EGPRN-Treffen wird vom 5.±8. Mai 2005 in Göttingen stattfinden. Integriert in diesen Kongress wird der jährliche, sonst in Freiburg beheimatete Forschungskurs der DEGAM. Es wird ein etwas reduziertes Forschungskursprogramm in deutscher Sprache geben, dafür aber eine Beteiligung der Gruppe am internationalen EGPRN-Kongress. Auch ein Treffen der Brisbane International Initiative, einer Expertengruppe zum Thema Ausbildung forschungsorientierter Allgemeinärzte und allgemeinmedizinischer Forschungsförderung, wird in die EGPRN-Tagung integriert. Thema des Göttinger Kongresses ist ¹Pharmakotherapie in der Allgemeinmedizinª. Da Medikamente (neben dem Gespräch) das Wichtigste Mittel und Handwerkszeug von Hausärzten sind, ist dieses Thema sicherlich für viele von Interesse. Ich möchte Sie schon heute bitten, sich diesen Termin zu reservieren und im Mai nach Göttingen zu kommen. Interessenkonflikte: keine angegeben. Kongress 34 Offenbar bestehen kulturelle Unterschiede: In Ländern mit einem offenen System wird eine mehr episodenbasierte Medizin betrieben: Patienten suchen aus eigenem Antrieb einen beliebigen Haus- oder Facharzt auf, der seinen Auftrag auch in erster Linie als Behandlung der akuten Episode versteht, die mehr oder weniger konsistent in einem vorhanden EDV- oder Papiersystem dokumentiert wird. Häufig existiert keine wirklich komplette Krankenakte. Die Motivation zu einer kontinuierlichen Arzt-Patienten-Beziehung geht in der Regel vom Patienten aus. Die Bezahlung der Hausärzte erfolgt in diesen Systemen entweder nach Einzelleistungen oder als Konsultationspauschale, die aber keine ausführliche Dokumentation voraussetzt. In Ländern wie Groûbritannien und den Niederlanden wird dagegen eine umfassende Betreuung (¹comprehensive careª), vom Gesundheitssystem gewünscht und gefördert. Hier führen Allgemeinärzte als Gatekeeper vollständige Krankenakten und entscheiden über das Hinzuziehen von Spezialisten. Zumindest ein Teil der hausärztlichen Bezahlung erfolgt für das Einschreiben eines Patienten in eine entsprechende Liste und das Führen der Krankenakte. Hausärzte sind dazu angehalten und z. T. auch verpflichtet, Risikopatienten von sich aus wieder zu kontaktieren und zum Praxisbesuch aufzufordern, wenn z. B. eine chronische Erkrankung sonst nicht ausreichend überwacht wird. In diesem Systemen besteht für die Hausärzte ein starker Anreiz zum Führen einer EDV-Krankenakte, die das Verfolgen von Langzeitverläufen und Therapieschemata erleichtert. Hinzu kommt, dass in beiden Ländern Praxen relativ häufig auch von mehreren ¾rzten gemeinsam geführt werden. In Deutschland werden zwar von ¾rzten, und zunehmend auch von Versicherern bzw. dem Gesundheitssystem, Anstrengungen in Richtung einer umfassenden Versorgung übernommen (die DMP-Programme sind hierzu ein Ansatz). Bisher fehlt jedoch ein entsprechendes Bezahlungssystem und die Nutzung der EDV zur kontinuierlichen Datensammlung und Datenauswertung z. T. wohl auch die Erkenntnis des Nutzens für die eigene ärztliche Arbeit. Literatur www.erpgn.org Okkes I, Jamoulle M, Lamberts H, Bentzen N. ICPC-2-E: the electronic version of ICPC-2. Differences from the printed version and the consequences. Fam Pract 2000; 17: 101 ± 107 3 Hofmans-Okkes IM, Lamberts H. The International Classification of Primary Care (ICPC): new applications in research and computerbased patient records in family practice. Fam Pract 1996; 13: 294 ± 302 4 Fleming DM, Schellevis FG, Van Casteren V. The prevalence of known diabetes in eight European countries. Eur J Public Health 2004; 14: 10 ± 14 5 Soler JK. Sick leave certification: a unique perspective on frequency and duration of episodes ± a complete record of sickness certification in a defined population of employees in Malta. BMC Fam Pract 2003; 4: 2 6 Soler JK. Attard, Malta. Allgemeinarzt und Mitglied des EGPRN Executive Board. Persönliche Mitteilung 7 Van den Akker M, Metsemakers JFM, Knottnerus JA. A gold mine for research. Data and scientific use of the Registration Network Family Practices: a Dutch PBRN. Eur J Gen Pract (in press) 8 Boesten HMJ, Bruls BM, Schroten A. The use of integrated software in acquiring data from electronic patient records in general practice for scientific research, possibilities and pitfalls. Eur J Gen Pract (in press) 9 Wetzel D, Scheidt-Nave C, Rogausch A, et al. Medizinische Versorgung in der Praxis ± eine Modellstudie zur Verbesserung der hausärztlichen Versorgungsforschung in Deutschland. Z Allg Med 2003; 79: 394 ± 398 10 Fassheber S, Rogausch A, Grohmann M, et al. Quality of drug therapy in patients with asthma and COPD. Eur J Gen Pract (in press) 11 Wetzel D, Heidenreich R, Hummers-Pradier E, et al. Quality of care assessment in general practice patients with chronic heart failure using electronic patient records. Eur J Gen Pract (in press) 12 Sigle J, Scheidt-Nave C, Wetzel D, et al. Developing an infrastructure to use Electronic patient records for research in German general practice: the MedViP study. Eur J Gen Pract (in press) 13 Heidenreich R, Sigle J, Kononov E, et al. Looking inside: data retrieval in electronic patient records in general practice. Eur J Gen Pract (in press) 14 Rogausch A, Fassheber S, Grohmann M, et al. Assessment of quality of care for patients with asthma and COPD based on electronic patient records. Eur J Gen Pract (in press) 2 1 Ausblick Im Anschluss an das EGPRN-Treffen auf Gozo formiert sich derzeit eine Gruppe europäischer Allgemeinärzte, die die verschiedenen nationalen Datenbanken vergleichen und die Eckpunkte für eine zukünftige europäische allgemeinärztliche Forschungsdatenbank erarbeiten will. Sowohl im Sinne einer Qualitätssicherung in der allgemeinmedizinischen Versorgung, als auch im Hummers-Pradier E. Hausärztliche Forschung mit ¼ Z Allg Med 2005; 81: 31 ± 35 15 Wetzel D, Rimmel W, Heidenreich R, et al. Participation in a quality of care study using electronic patient records and consequences for generalizability. Eur J Gen Pract (in press) 16 Vandenberghe H, van Casterern V, Jonckheer P, et al. Collecting prescribing data from primary care using two different methods: extraction from the electronic patient record versus registration on paper sheets. Eur J Gen Pract (in press) 17 Pringle M, Hippisley-Cox J, Heath I, Meal A. Use of a large database derived from primary care electronic clinical records to study comorbidity. Eur J Gen Pract (in press) 18 Hippisley-Cox J, Coupland C. Use of electronic GP data to determine the effectiveness of the polypill on mortality. Eur J Gen Pract in press 19 Wald NJ, Law MR. A strategy to reduce cardiovascular disease by more than 80 %. BMJ 2003; 326: 1419 20 Levasseur G, Bataillon R, Samzun JL. From pen to computer: information system or tower of Babel? Eur J Gen Pract (in press) Zur Person PD Dr. med. Eva Hummers-Pradier Medizinstudium in Köln, Clermont-Ferrand und Poitiers. Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin in Frankreich und Deutschland. Seit 1996 ist sie wissenschaftliche Assistentin in der Abteilung Allgemeinmedizin der Universität Göttingen. Seit 2001 deutsche Vertreterin und Präsidiumsmitglied beim European General Practice Research Network (EGPRN). Seit 2004 Sprecherin der DEGAM-Sektion Forschung. 2004 Habilitation mit der Arbeit ¹Qualitätsbeurteilung hausärztlicher Pharmakotherapie für Patienten mit Asthma bronchiale und Atemwegsinfektenª. Verheiratet und Mutter von 3 Kindern. Kongress schnittlicheª, ist es ein echter Fehler, wenn im Kapitel Vitalfunktionen ¹Blutstillung, Helmabnahme, HWS-Ruhigstellung und Lagerungª genannt werden, die alle keine Maûnahmen zur Aufrechterhaltung der Vitalfunktion sind. Es heiût, der plötzliche Kindstod, SID, sei ¹nur durch Obduktionª feststellbar. Im Leichenschauschein solle man ¹vermutlich SIDª als Todesursache eintragen. Beides ist falsch. Entweder es besteht Klarheit über die Todesursache, dann liegt kein SID vor, oder es lässt sich auch nach der Obduktion keine Ursache finden, dann ist es ein SID. Ein Kreuz bei ¹Todesursache ungeklärtª bedarf nie einer Diagnose. Wichtige Dinge sind viel zu knapp beschrieben und die Gewichtung ist nicht immer nachvollziehbar. Es fehlt z. B. eine ausführliche Beschreibung zur Maskenbeatmung. Die Intubation wird unbebildert und zu knapp geschildert. Hilfe bei Schwierigkeiten beider Beatmungsarten fehlen. Die EKG-Interpretation dagegen wird auf fast 30 Seiten erklärt und der Medikamententeil ist sogar über 100 Seiten stark. Wie man eine Braunüle legt, wird reich bebildert und ausführlich geschildert, wie ein Zentralvenenkatheter gelegt wird jedoch nicht. Es fehlen Photos zum ansonsten gut beschriebenen Legen einer Thoraxdrainage, zum Defibrillieren, zu fast allen Tätigkeiten, die notärztliches Handwerkszeug sind. Die alleinige Aufzählung vermittelt kein Wissen. So wie sich die 2. Auflage des Taschenatlas Notfall und Rettungsmedizin darstellt, ist sie ein Fall für ein gutes Lektorat. Die zu häufig verwendeten Hervorhebungen mit Fettdruck, Einrückungen und Aufzählungen verwirren mehr als sie nutzen. Weglassen von Ballast, thematische Raffung und Vermeidung von Wiederholungen, weniger Breite und mehr Tiefe, würden dem Buch gut tun. Um dem Rat Suchenden und dem Lernenden wirklich eine Hilfe zu sein, müssten diagnosezentriert an einer Stelle konkrete Therapievorschläge stehen. Die Propädeutik, das Theoretische und all das andere Wissenswerte sollten allenfalls im Anhang erscheinen. Dr. med. Karlheinz Bayer Bad Peterstal Leitender Notarzt im Ortenaukreis und Vorsitzender der Kreisärzteschaft Ortenau Hummers-Pradier E. Hausärztliche Forschung mit ¼ Z Allg Med 2005; 81: 31 ± 35 ¹Taschenatlas Notfall & Rettungsmedizinª Thomas Schneider, Benno Wolcke, Roman Böhmer 606 S., 2. Auflage, Springer, Berlin 2003, 29,95 e ISBN 3-540-01363-6 Von einem Notfallatlas verlangt man mehr als von einem anderen medizinischen Buch: schnelle, umfassende und präzise Informationen. Der erste Eindruck des ¹Taschenatlas Notfall & Rettungsmedizinª ist positiv. 400 Gramm leicht, wasserabweisend broschiert, mit einem Inhaltsverzeichnis, das die Weiterbildungsordnung Notfallmedizin abdeckt. Aber es liegen Fehler im Detail. Nehmen wir einen der häufigsten Notfälle an, den Herzinfarkt, und suchen, was der Atlas hierzu bietet. Im Glossar werden vier Herzinfarkt-Stellen angegeben, drei davon bieten jedoch keine Informationen zur Therapie, sondern zur Differentialdiagnostik. Ab Seite 200 wird der Infarkt samt Komplikationen abgehandelt, allerdings mit weiteren Querverweisen zu Bradykardie, Tachykardie, Herzinsuffizienz, Schock und Lungenödem. Therapeutische Hilfe bekommt man im Fall der Bradykardie (Atropin- und Adrenalin geben). Im Fall des Lungenödems wird ebenso auf eine dritte Stelle verwiesen wie im Fall der Herzinsuffizienz. Bei der Insuffizienz erfolgt sogar ein vierter Weiterverweis. Im Ernstfall wäre zu viel Zeit vergangen, ohne dass man schlauer wurde. ¾hnlich verläuft die Suche bei anderen Stichworten wie Diabetes und Apoplex. Die stenographische Knappheit und oft unpräzise Ausdrucksweise machen den Text an vielen Stellen unverständlich (Beispielzitat: ¹Türöffnung bei Brandgefahr/Gasgeruch nur durch Feuerwehrª). Unter dem Stichwort ¹Beatmungª empfiehlt das Buch folgende Vorgehensreihenfolge: ¹1. Freimachen der Atemwege 2. Freihalten 3. Sauerstoffgabe 4. Beatmung und 5. Algorithmusª. Der ¹Algorithmusª zum Advanced Airway Management der ERC (European Resuscitation Council) wird behandelt, als sei er ein selbstständiger Punkt. Während man als Flüchtigkeitsfehler ansehen kann, dass nicht die ¹minimaleª Funktionsdauer bei Feuerlöschern 6 Sekunden ist, sondern die ¹maximaleª oder ¹durch- 35


(Stand: 01.01.2005)

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