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Der kleine und der große IGeL

DOI: 10.1055/s-2005-836298

Der kleine und der große IGeL

M. M. Kochen Der kleine und der groûe IGeL Editorial ich mir, mal nachzusehen, was es denn mit diesem MRT auf sich habe. Ich musste nicht lange suchen, um fündig zu werden. Hier eine kurze Auflistung der ersten Resultate: ± NDR-Gesundheitsmagazin Visite 9.3.2004: Neue Diagnosemöglichkeit durch Ganzkörper-MRT, Prof. Claussen, Radiologische Klinik Uni Tübingen ± ¾rztezeitung 8.7.2004: ¹Regelmäûig ein Ganzkörper-MRT ± ist das die Prävention der Zukunft? Bessere Chancen für frühere Therapie und Verhinderung von Spätschädenª. Zitat Prof. Forsting, Radiologische Klinik Uni Essen: ¹Wenn ein Patient über viele Jahre einen ± nicht mal drastisch ± erhöhten Blutdruck hat, zum Beispiel 160 mmHg, entstehen Mikroangiopathien im Gehirn ¼ die lassen sich im MRT sichtbar machenª. ¹Präventionsmaûnahmen wie diese senkten zwar nicht die Kosten der gesundheitlichen Versorgung, aber die Früherkennung lebensbedrohlicher Krankheiten bessere die Lebensqualität des Individuums. Deshalb seien die Kosten dafür auch von Einzelnen zu tragen, nicht von der Solidargemeinschaft der gesetzlich Krankenversichertenª. ± Pressestelle CharitØ Berlin, 4.10.2004: Neues radiologisches Forschungszentrum (ISI) CharitØ-Siemens für 4,5 Millionen Euro eröffnet. ¹Wir wollen prüfen, ob ¼ ein Blick in den ganzen Körper bei hartnäckigen unklaren Beschwerden wie Abnahme der Leistungsfähigkeit, Gewichtsverlust oder Schwindel helfen kann, erläuterte Prof. Hamm, Direktor der Instituts für Radiologie ¼ und zugleich wissenschaftlicher Leiter des ISI ¼Alle Untersuchungen werden als Vorsorgemaûnahmen angeboten ¼ Die Kosten für einen solchen Check-up belaufen sich zwischen 400 und 950 Euroª ¼Auf internationaler Ebene sollen weitere Institutsgründungen folgen.ª ± Diagnoseklinik München (Internetzugriff 19.12.2004): ¹Moderne Hightech-Technology für das kranke Herz. Die Belastung ist niedrig, der Zeitaufwand gering, die Schmerzen nicht Vor etwa 4 Monaten kam ein 75-jähriger eher ängstlicher Privatpatient in die Praxis und zeigte mir den Laborausdruck eines Urologen, auf dem ein mäûig erhöhter PSA-Wert notiert war. Seine Frau habe ihn zu diesem Test gedrängt, weil im Bekanntenkreis zwei Männer gleichen Alters an einem Prostatakrebs erkrankt waren. Was er denn jetzt machen solle. Unnötig zu erwähnen, dass der Patient natürlich keinen hausärztlichen Rat gesucht hatte, bevor er die Untersuchung durchführen lieû. Ich erklärte ihm die Optionen: Nichts unternehmen oder sich einer Biopsie unterziehen. Er entschied sich für letzteres ± Ergebnis negativ. Vor 6 Wochen stellte er sich erneut vor. Ich wollte meinen Augen nicht trauen: Er hatte sich erneut einer PSA-Untersuchung unterzogen und der Wert war diesmal sogar noch ein wenig höher als initial. Ich musste zweimal tief durchatmen, bevor ich meinen Mund öffnen konnte. Ob er sich denn jetzt jedes Quartal einem Test mit anschlieûender Biopsie unterziehen wolle? Nein, meinte der Patient, aber in Tübingen gebe es doch einen Ganzkörper-Magnetresonanztomographen. Eine derartige Untersuchung könne Krebs mit Sicherheit ausschlieûen, das habe er im NDR-Fernsehen gesehen. Nun muss ich beschämt zugeben, dass ich aus psychohygienischen Gründen sog. Gesundheitsreports kaum jemals ansehe ± auch diese Sendung war mir entgangen. Ein guter Anlass, sagte 1 Korrespondenzadresse Prof. Dr. Michael M. Kochen, MPH, FRCGP, Facharzt für Allgemeinmedizin ´ Abteilung Allgemeinmedizin ´ Georg-August-Universität ´ Humboldtallee 38 ´ 37073 Göttingen Bibliografie Z Allg Med 2005; 81: 1±2 ´  Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ´ New York DOI 10.1055/s-2005-836298 ISSN 0014-336251 vorhanden. Und die diagnostische Aussagekraft? Könnte nicht besser sein. Wenn das Herz aus dem Takt kommt, sind schonende Hightechmethoden gefragt. Schmerzhafte, langwierige und mit Risiken behaftete Katheter-Untersuchungen mit Krankenhausaufenthalt gehören damit in vielen Fällen der Vergangenheit anª. Weitere Kostproben will ich Ihnen ersparen. In den USA haben sich solche Angebote schon seit Ende der 90-er Jahre ausgebreitet. Tatsache ist jedoch, dass es für deren Wirksamkeit keine wissenschaftliche Grundlage gibt und die Risiken dieses ¹Direct-toConsumer-Marketingsª erheblich sind (z. B. falsch-positive Testresultate, falsche Krankheitszuordnung, ¾ngste und Befürchtungen, ggf. Strahlenbelastung, Kosten, verminderte Versicherungschancen). Wie Patienten auf diese Werbung reagieren, kann man oben ablesen. In einem nationalen Telefonsurvey sagten 85 % von 500 befragten Amerikanern, sie würden ein solches bildgebendes ¹Krebs-Screeningª einer Geschenksumme von 1000 $ vorziehen. In den USA ist jetzt ein ¹Aufruf an alle Beteiligtenª publiziert worden, die Laienwerbung für diese Angebote gesetzlich zu regulieren. Passivität auf diesem Gebiet, heiût es da, würde unsere professionelle Glaubwürdigkeit ernsthaft gefährden ± wenn das nicht schon geschehen wäre. Meine Prognose für die Zukunft? Nun, ich will Ihnen das gerade begonnene Jahr nicht verderben ¼ Ihr Michael M. Kochen 2 Editorial Kochen M. Der kleine und der groûe IGeL. Z Allg Med 2005; 81: 1 ± 2


(Stand: 01.01.2005)

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