Loading...

ZFA-Logo

Praktisches Jahr in einer Allgemeinpraxis - Chancen für eine patientenorientierte Ausbildung im Medizinstudium

DOI: 10.1055/s-2007-958719

Praktisches Jahr in einer Allgemeinpraxis - Chancen für eine patientenorientierte Ausbildung im Medizinstudium

Ausbildung 9 Praktisches Jahr in einer Allgemeinpraxis – Chancen für eine patientenorientierte Ausbildung im Medizinstudium „Practice Year“ in a General Practice–Chances for Patient Oriented Education in Base Medical Education Autoren Institut T. Koetter, J.-M. Träder Universität zu Lübeck Schlüsselwörter Praktisches Jahr PJ Hausarztpraxis Lehrpraxis Erfahrungen Fähigkeiten Key words general practice GP family medicine medical education practice operating experience skills Zusammenfassung & Seit dem Sommer 2006 ist es an der Universität Lübeck möglich, ein Tertial des Praktischen Jahres in einer hausärztlichen Lehrpraxis zu absolvieren. Nach drei abgeschlossenen und weiteren drei laufenden Tertialen im Jahr 2006 sind die Erfahrungen der Studentinnen und Studenten, aber auch die der teilnehmenden Praxen positiv. Ein weiterer Ausbau der Möglichkeiten auf mindestens 12 Tertiale pro Jahr ist geplant. Abstract & Since summer 2006 it is possible to complete at the University of Luebeck a trimester of the practical year (PJ) in a general-practitioner practice. After three ?nished and further three current trimesters in the year 2006 the experiences of the students are positive and, in addition, among the participating practices, too. A further development of the possibilities up to at least 12 students a year is planned. Einleitung & Seit dem Jahr 2006 ist in Lübeck die Ableistung eines Tertials des Praktischen Jahres (PJ) in hausärztlichen Lehrpraxen möglich. 15 Praxen aus der Gruppe der 55 Lehrpraxen, die schon viele Jahre Erfahrung mit der Ausbildung von Studenten im „Blockpraktikum Allgemeinmedizin“ haben, erklärten sich bereit, Studenten für jeweils vier Monate in den Praxen aufzunehmen. Die Erfahrungen nach dem ersten halben Jahr möchten wir weitergeben. bei der starken persönlichen Anbindung jeweils möglichst günstige Konstellationen zu erreichen. Voraussetzungen & Folgende Bedingungen wurden gemäß der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) an die Praxen gestellt: mindestens mittelgroße Hausarztpraxis mit typischem hausärztlichen Spektrum ganztägige Tätigkeit eigenes Sprechzimmer für den Studenten/die Studentin Möglichkeit der Informationsbeschaffung in Bibliothek/Internet (auch in der Universität oder zuhause) Fortbildungsmöglichkeiten (Qualitätszirkel, Fortbildungen in KV, Kammer, Universität u.a.m.). Bewerbung und Platzzuteilung & Bibliogra?e DOI 10.1055/s-2007-958719 Z Allg Med 2007; 83: 9–11 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York · ISSN 1433-6251 Korrespondenzadresse Prof. Dr. med. J.-M. Träder Facharzt für Allgemeinmedizin, Lehrauftrag für Allgemeinmedizin · Universität zu Lübeck · Ratzeburger Allee 160 · 23538 Lübeck dr-traeder@versanet.de Der Andrang auf die zur Verfügung gestellten Plätze war groß. Von insgesamt ca. 100 Studenten dieses Studienhalbjahres hatten sich 10 in erster Präferenz und 2 in zweiter Präferenz für das Wahlfach Allgemeinmedizin beworben. Für das Halbjahr Juni bis Dezember 2006 konnten nur 6 Studenten in Lehrpraxen untergebracht werden, daher musste gelost werden. Die ausgewählten Studentinnen und Studenten wurden dann in einer gemeinsamen Sitzung mit den Lehrärztinnen und Lehrärzten in gegenseitigem Einvernehmen auf die Lehrpraxen aufgeteilt, um Probleme & Die Fragen, die sich allen Beteiligten vor dem Start stellten, haben wir gesammelt. So sorgte man sich über Koetter T, Träder J-M. Praktisches Jahr in einer Allgemeinpraxis … Z Allg Med 2007; 83: 9–11 10 Ausbildung die Akzeptanz der Studenten durch die Patienten, die Ein?echtung der Ausbildung in den Praxisalltag, die Frage nach zusätzlichem Zeitbedarf, rechtliche und abrechnungstechnische Fragestellungen und die Beschäftigung der Studenten bei eventuellem Praxisurlaub. Die Akzeptanz durch die Patienten und das Praxispersonal hat sich bei den sechs Studentinnen und Studenten, die wir jetzt überblicken, als nicht problematisch herausgestellt. Weniger als ein Patient pro Woche und Praxis bestand darauf, vom Praxisinhaber ausschließlich und persönlich behandelt zu werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die persönliche Vorstellung und Erklärung der Funktion der Studentin/des Studenten sowie die Gewissheit, dass bei Fragen, Unsicherheiten und Problemen der Lehrarzt unmittelbar hinzu gezogen wird. Fallvorstellung und Abschlussbesprechung sind hilfreich und notwendig. Insbesondere wenn Studenten Patienten bei mehreren aufeinander folgenden Terminen betreuten, entwickelte sich oft eine tragfähige und vertrauensvolle „Arzt“-Patienten-Beziehung zwischen Studenten und Patienten. Diese Erfahrung wirkte sich sogar in dieser kurzen Zeit in vielen Fällen durch die „erlebten Anamnese“ positiv auf die Sicherheit in der Entscheidungs?ndung aus. In den beobachteten Praxen hatte auch das ärztliche Assistenzpersonal Interesse und Freude, ihr Wissen an die Studenten weiter zu geben. Probleme der Akzeptanz gab es in keiner Praxis. Kleinere strukturelle Änderungen des Praxisablaufes konnten überall mit Aufmerksamkeit und Kompromissbereitschaft umgesetzt werden. Hinsichtlich des Zeitbedarfes stellten alle Lehrärztinnen und Lehrärzte fest, dass lediglich in der Anfangszeit (3–4 Wochen) ein wirklicher Zeitmehraufwand erforderlich war. Im weiteren Verlauf hielten sich Mehraufwand und eingesparte Zeit fast die Waage. Bei den rechtlichen Fragestellungen ergeben sich im Vergleich zum Weiterbildungsassistenten einige Besonderheiten, auf die wir kurz eingehen wollen. Der Student im PJ ist noch nicht approbiert – somit sind dessen Unterschriften auf Rezepten, Überweisungen, Krankschreibungen verboten und nicht rechtswirksam. Wenn Leistungen ohne präzise Delegation im Einzelfall erfolgen, dürfen sie gegenüber den Kostenträgern nicht abgerechnet werden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass bei delegationfähigen Leistungen (wie bei medizinischen Fachangestellten auch) die jeweilige Leistung abgerechnet werden darf. Genaue Angaben können im Internet dem Originaltext der Bundesärztekammer (www.baek.de/30/Richtlinien/Emp?dx/ PersLeist.html) entnommen werden. Bei dem im Einzelfall delegierbaren Routinehausbesuch durch den Studenten darf die Leistungsziffer des „Helferinnen-Besuches“ abgerechnet werden (Angabe: Abrechnungsabteilung der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein). In den Schulferien schließen viele Hausarztpraxen für einen Praxisurlaub. Auch in unseren Praxen ergab sich dieses Problem. Wir haben es so gelöst, dass Studenten, die in dieser Zeit ebenfalls Urlaub machen wollten, einen Teil der Ihnen zustehenden Fehltage (20 Tage pro Jahr) genommen haben. Ferner bestand das Angebot, in anderen akkreditierten Lehrpraxen in der Zeit des Urlaubs zu arbeiten. Als dritte Möglichkeit – die aber bisher nicht genutzt wurde – wurde die Gelegenheit geschaffen, in der Bereitschaftsambulanz Lübecker Hausärzte oder beim „fahrenden Notdienst“ an Nacht- oder Wochenenddiensten teilzunehmen. Honorierung & Die Lehrpraxis erhält pro Student pro Tag 25 Euro, also 2000 Euro im Tertial. Die Honorierung für Zeiten der Nichtanwesenheit (Urlaub, Krankheit) des Studenten/der Studentin wird an die jeweilige Praxis (Notdienst/Ambulanz) umgeleitet, welche die Ausbildung in diesem Intervall durchführt. Dafür ist beim Lehrauftrag ein besonderes Konto „PJ“ eingerichtet worden, um eine klare Trennung der „Finanzströme“ zu gewährleisten. Eine „Pro-Kopf-pro-Tag“-Honorierung ist vom Studiendekanat zwar nicht vorgesehen, für Projekte wie z.B. die Unterweisung in Untersuchungstechniken, tägliche Fallbesprechungen und andere Formen der Fortbildung können aber ?nanzielle Mittel beantragt werden, die an die Praxen weitergeleitet werden. Emotionale Zufriedenheit und Lernerfolge & Sowohl Studenten als auch Lehrpraxen haben sich nach Abschluss der Tertiale durchweg positiv über das PJ in einer Hausarztpraxis geäußert. Alle Lehrpraxen werden wieder Studenten aufnehmen. Einige Praxen hatten sich so an „ihre“ Studenten gewöhnt, dass sie diese am liebsten sofort als Weiterbildungsassistenten übernommen hätten. Die Lernerfolge sind nach den Aussagen weniger in „anhäufbarem“ neuem Fachwissen zu sehen. Nach der Meinung der Studenten und nach Beobachtungen der Lehrärzte bestehen sie vielmehr in der Ausweitung der Erfahrung hinsichtlich Patientenführung und Patientengespräch, in der Benutzung der gelernten Algorithmen im täglichen Praxisalltag, in der begründbaren Abweichung von Leitlinien, in der wachsenden Sicherheit bei der richtigen Einschätzung von Schweregraden und Verläufen von Erkrankungen. Hinsichtlich der Einschätzung des Berufsbildes wurde von einigen Studenten besonders hervorgehoben, dass sie nach dem PJ-Tertial in der Hausarztpraxis das Tätigkeitsfeld besser einschätzen und deshalb auch besser wertschätzen konnten. Für zwei der 6 Studenten hat dieses Trimester eine Konkretisierung des bisher nicht präzisierten Berufswunsches in Richtung auf eine spätere hausärztliche Tätigkeit gebahnt. Der Praxisalltag in der Hausarztpraxis zeigt die Stärken, aber auch die Schwächen der bisher genossenen Ausbildung. Viele Fachdetails, die im Studium bis zum Beginn des Praktischen Jahres gelernt worden sind, stehen bisweilen ohne inhaltlichen Konnex nebeneinander. Diese Verbindung am konkreten Fall zu schaffen und damit den Lerneffekt über die Verknüpfung mit diesem Fall zu erreichen ist eine Chance, welche in besonderer Weise die Hausarztmedizin verschaffen kann. Die Vermittlung von hausärztlichen Basisfertigkeiten muss mehr als bisher vom Beginn des klinischen Abschnittes in den Studiengang integriert werden. Fazit & Die Möglichkeit, ein Tertial des Praktischen Jahres (PJ) in einer Hausarztpraxis durchführen zu können, hat sich in Lübeck nach den ersten Erfahrungen von 6 Lehrpraxen und 6 Studentinnen und Studenten bewährt. Im Jahr 2006 werden insgesamt sieben, im Jahr 2007 über 10, ab 2008 wahrscheinlich jährlich mehr als 10 Studentinnen und Studenten ein Tertial in allgemeinmedizinischen Lehrpraxen verbringen. Die Lehrerfahrungen Koetter T, Träder J-M. Praktisches Jahr in einer Allgemeinpraxis … Z Allg Med 2007; 83: 9–11 Ausbildung 11 einerseits sowie das sehr positive Feedback andererseits spornen uns als Lehrbeauftragte für Allgemeinmedizin an, die Möglichkeiten für eine Vermittlung von Studenten an Hausarztpraxen auszuweiten. Interessenskon?ikt: keine angegeben. Zur Person cand. med. Thomas Koetter Geb. 1980, seit 2000 Studium der Humanmedizin in Lübeck. Ab 2003 Anfertigung einer Dissertation in der Klinik für Neurologie. Referent im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) und studentischer Vertreter in verschiedenen Gremien. Mitinitiator der Gruppe „Lübeck kämpft für seine Uni“. Prof. Dr. med. Jens-Martin Träder Geb. 1954, Studium der Humanmedizin von 1978–1983 in München, Berlin und Lübeck. Weiterbildung in Innerer Medizin und Chirurgie 1983–1987. Hospitationen, Assistenzen. Promotion 1985. Übernahme einer Praxis für Allgemeinmedizin in Lübeck 1987. Seit 1992 Abgeordneter in der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH). Tätigkeit in Ausschüssen und Kommissionen. 1993 Gründung und seitdem fortwährende Moderation mehrerer Qualitätszirkel. Seit 1993 Dozent für Allgemeinmedizin an der Ärztekammer Bad Segeberg, seit 2000 Mitglied des Leitungsteams. Seit 1999 Lehrauftrag für das Fach „Allgemeinmedizin“ an der Universität zu Lübeck. 2003 Verleihung einer Honorarprofessur. Koetter T, Träder J-M. Praktisches Jahr in einer Allgemeinpraxis … Z Allg Med 2007; 83: 9–11


(Stand: 01.01.2007)

Als Abonnent können Sie die vollständigen Artikel gezielt über das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe aufrufen. Jeder Artikel lässt sich dann komplett auf der Webseite anzeigen oder als PDF herunterladen.