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Zugangsorientierter primärmedizinischer Versorgungsauftrag

Die bislang sicheren Grundlagen unserer Tätigkeit und damit auch die bisherigen Definitionen unseres Faches* (siehe www.degam.de/fachdefinition.html ) werden derzeit unterminiert:

der Wert von Medizinstudium/Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin (= Agnes, VeraH, Mopra o. ä.)

Hausbesuche als besonderes Merkmal eines Hausarztes (= Agnes, VeraH, Mopra o.ä.)

die persönliche Arzt-Patient-Beziehung und die „erlebte Anamnese“ (= Großpraxen, zunehmende Bürokratisierung)

die Individualität der Behandlung (= DMP, Leitlinien, Behandlungspfade)

eine qualitativ hochwertige Versorgung (= Pauschalierung in EBM...)

das Vertragsmonopol der KVen (= alle 2 Jahre erneute Ausschreibung der §73b/73c-Verträge?)

der Sicherstellungsauftrag der KVen (= 2011 Ende der Niederlassungsplanung?)

Diese Verunsicherung bei gleichzeitig extremem Zeitdruck (ca. 2–3 x so viele Patientenkontakte pro Woche wie in vergleichbaren Ländern; durchschnittlich um mehrere Stunden höhere Wochenarbeitszeit) führen über Zukunftsängste, Burn-out, und frühzeitiger Praxisaufgabe bei Nachwuchsmangel gerade im hausärztlichen Bereich zu immer mehr Versorgungsengpässen.

Angesichts des raschen Wandels der Strukturen ist eine zeitgemäße Definition notwendig, um eine großflächige, erreichbare und funktionierende allgemeinmedizinische Versorgung zu gewährleisten. Wenn man die regionale Versorgungsqualität analog den Hilfsfristen der Rettungsdienste in den Mittelpunkt stellt, ergibt sich ein modernes Modell, das mit Indikatoren und Benchmarking klare Zielvorgaben für die Politik bietet.

Dazu möchte ich – in Ergänzung der inhaltlich guten DEGAM-Definition – einige Thesen für Grundbedingungen einer zugangsorientierten primärmedizinischen Versorgung vorschlagen:

1. Niedrigschwellige Basisversorgung: für jeden (WHO-Forderung) sollte eine primärmedizinische = allgemeinärztliche Versorgung ohne „Kassengebühr“ zur Verfügung stehen.

2. Kompetenz: auf der Primärversorgungsebene sollte die Mehrzahl (z. B. mindestens 60 %) der Beratungsanlässe geklärt werden können.

3. Wohnortnähe: eine Primärversorgung sollte für fast alle (z.´B. mindestens 90 % der Bevölkerung) innerhalb von kurzer Zeit (z. B. max. 30 min Fahrzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder 15 min mit PKW) erreichbar sein.

4. Schnelligkeit: in dringlichen Fällen sollte kurzfristig (z. B. an Werktagen innerhalb von 24 h) ein Behandlungstermin möglich sein.

5. Positivlisten: auf dieser Ebene sollten (mindestens 80 %?) der Medikamente/

Heilmittel/Hilfsmittel ohne Regressgefahr über kassenübergreifende (!) Positivlisten verordnungsfähig sein.

6. Dezentrale Datenverwaltung: die Sammlung, Bewertung und Speicherung der Patienten-Behandlungs-Daten sollte in bewährter Weise immer dezentral auf der Primärversorgungsebene erfolgen – es sei denn, ein Patient widerspricht dem schriftlich.

7. Standardisierte Erfassung: Der Großteil (z. B. mindestens 80 %) der Diagnosen und der wichtigen Prozeduren auf der Primärversorgungsebene werden standardisiert entsprechend ICPC bzw. den RSA (Risiko-Struktur-Ausgleich)-Diagnosen erfasst.

8. Eindämmung der Bürokratie: z. B. AU-Pflicht erst nach 5 Werktagen; quartalsübergreifende Überweisungen, kein kassenindividuelles Rabattchaos bei Arzneimitteln, standardisierte EDV-Schnittstellen, …

9. Delegierbarkeit von Routinetätigkeiten: wie z. B. Routine-Hausbesuchen und von Standard-Beratungen (DMP, Impfungen, Grippesprechstunde, ...) ist durch geschultes Assistenzpersonal möglich**.

10. Rahmenbedingungen: Evidenzbasierung und Qualitätssicherung durch primärmedizinische Versorgungsforschung, Leitlinien und Selbstverwaltung***.

Anmerkungen:

* Definition Allgemeinmedizin der DEGAM

(Beschluss der Jahreshauptversammlung vom 21.9.2002)

Der Arbeitsbereich der Allgemeinmedizin beinhaltet die Grundversorgung aller Patienten mit körperlichen und seelischen Gesundheitsstörungen in der Notfall-, Akut- und Langzeitversorgung sowie wesentliche Bereiche der Prävention und Rehabilitation. Allgemeinärztinnen und Allgemeinärzte sind darauf spezialisiert, als erste ärztliche Ansprechpartner bei allen Gesundheitsproblemen zu helfen.

Die Arbeitsweise der Allgemeinmedizin berücksichtigt somatische, psycho-soziale, soziokulturelle und ökologische Aspekte. Bei der Interpretation von Symptomen und Befunden ist es von besonderer Bedeutung, den Patienten, sein Krankheitskonzept, sein Umfeld und seine Geschichte zu würdigen (hermeneutisches Fallverständnis).

Die Arbeitsgrundlagen der Allgemeinmedizin sind eine auf Dauer angelegte Arzt-Patienten-Beziehung und die erlebte Anamnese, die auf einer breiten Zuständigkeit und Kontinuität in der Versorgung beruhen. Zu den Arbeitsgrundlagen gehört auch der Umgang mit den epidemiologischen Besonderheiten des unausgelesenen Patientenkollektivs mit den daraus folgenden speziellen Bedingungen der Entscheidungsfindung (abwartendes Offenhalten des Falles, Berücksichtigung abwendbar gefährlicher Verläufe).

Das Arbeitsziel der Allgemeinmedizin ist eine qualitativ hochstehende Versorgung, die den Schutz des Patienten, aber auch der Gesellschaft vor Fehl-, Unter- oder Überversorgung einschließt.

Der Arbeitsauftrag der Allgemeinmedizin beinhaltet:

- Die primärärztliche Filter- und Steuerfunktion, insbesondere die angemessene und gegenüber Patient und Gesellschaft verantwortliche Stufendiagnostik und Therapie unter Einbeziehung von Fachspezialisten.

- Die haus- und familienärztliche Funktion, insbesondere die Betreuung des Patienten im Kontext seiner Familie oder sozialen Gemeinschaft, auch im häuslichen Umfeld (Hausbesuch).

- Die Gesundheitsbildungsfunktion, insbesondere Gesundheitsberatung und Gesundheitsförderung für den Einzelnen wie auch in der Gemeinde.

- Die Koordinations- und Integrationsfunktion, insbesondere die gezielte Zuweisung zu Spezialisten, die federführende Koordinierung zwischen den Versorgungsebenen, das Zusammenführen und Bewerten aller Ergebnisse und deren kontinuierliche Dokumentation, sowie die Vermittlung von Hilfe und Pflege des Patienten in seinem Umfeld.

** Ähnliche Entwicklungen auf den Ebenen der spezialisierten Versorgung für Standard-Eingriffe sind wegen des begrenzten Fachspektrums vergleichbar einfach umsetzbar z. B bei Koloskopien, Herzkathetern, Belastungs-EKG , Metallentfernungen …

*** Andere Punkte wie 73b-Verträge oder das eRezept wurden bewusst ausgeklammert, weil sie keinen eigenen Wert haben, sondern nur ggf. Mittel zum Zweck sind.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Uwe Popert

Arzt für Allgemeinmedizin

Lehrbeauftragter der Abt. Allgemeinmedizin Universität Göttingen

Goethestr. 70
34119 Kassel

E-Mail: uwe.popert@t-online.de


(Stand: 08.06.2011)

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