Loading...

ZFA-Logo

Ose D et al. Mit Überweisung vom Hausarzt zum Spezialisten – Haben HZV einen Einfluss? Z Allg Med 2008;84:321–6

Ich bin kein Mensch, der häufig Leserbriefe schreibt. Aber Ihr o. a. Artikel hat mich so stark bewegt, um nicht zu sagen verärgert, dass ich nicht an mich halten kann. Dabei will ich vorneweg nicht ausschließen, dass ich nur nicht verstanden habe, was Sie erforscht haben wollen. Dann sollten Sie sich aber fragen, wieso Ihr Artikel so unverständlich ist, dass ein mittelmäßig gebildeter Hausarzt ihn nicht versteht.

Ich finde es eine Zumutung, mir 6 Seiten Text und Tabellen vorzulegen, die nichts, aber auch gar nichts Nutzbringendes aussagen. Da muss sich die Forschung den Vorwurf als bestätigt vorwerfen lassen, viel Rauch (Text, Daten) zu produzieren aus reinem Selbstzweck! Leider werden dabei aber Forschungsgelder und viel wertvolle Zeit verschwendet, die durch sinnvolle Fragestellungen und Methodik besser verwertet werden können.

Zum Inhalt: Ihre einzige Erkenntnis ist, dass Patienten vermehrt mit Überweisung einen Facharzt aufsuchen, wenn sie an einem Hausarztvertrag teilnehmen. Wow !! Welch’ Überraschung ! Das war doch zu erwarten, und ich finde aus Ihren Daten eher die Erkenntnis wichtig, dass es immer noch nur so wenige sind. Bloß: das lässt sich aus den Daten gar nicht ablesen, da Sie nicht wissen, wie diese Patientengruppe sich 2004 verhalten hat: Vielleicht war der Unterschied auch schon vor Einführung der HZV gegeben, weil die Patienten, die sich einschreiben, schon immer sich eine Überweisung geholt haben.

Der letzte Satz der Zusammenfassung entlarvt die ganze Nutzlosigkeit Ihres Projektes: Welchen Einfluss haben denn nun die Verträge, ist dieser Einfluss signifikant (sie betonen mit SPSS gearbeitet zu haben, es findet sich jedoch keine einzige Signifikanzanalyse, es wurden keine statistischen Testverfahren angewandt, daher hätte Excel auch gereicht), wird dadurch Geld gespart, sind die Patienten trotzdem oder gerade deswegen zufriedener, geht die Fallzahl bei Fachärzten dadurch zurück usw. Und wir wissen doch auch: ein stattlicher Anteil der Überweisungen wird am Tresen ausgestellt als Wunscherfüllung ohne vorherigen Kontakt bzw. Überprüfung der Notwendigkeit durch den Hausarzt. Das heißt, durch einfache Analyse der Abrechnungsdaten lässt sich nicht erfassen, welchen Wert Hausarztverträge haben (außer vielleicht bei den geringen Unterschieden, die Sie ermittelt haben, dass Hausarztverträge nur eine marginale Bedeutung haben für das Migrationsverhalten von Patienten. Und das hat den Grund darin, dass vertragswidriges Verhalten der Patienten nicht sanktioniert wird). Und schließlich: kann man glauben, dass Sie über 200.000 matched pairs gebildet haben? Wie lange sitzt man daran?

Ich möchte zusammenfassen, dass ich erschüttert bin, dass mit solchen sinnlosen Projekten wertvolle Forschungszeit und -geld vergeudet wird, dass man sich traut aus einfachen Rohdaten einen Artikel zu erstellen und 6 Seiten ohne Inhalt zu füllen, dass eine Zeitschrift wie die ZFA so etwas überhaupt zur Veröffentlichung annimmt, und schließlich, dass mir als Leser (dessen Zeit für Literaturstudium begrenzt ist) so etwas vorgesetzt wird.

Bitte entschuldigen Sie den Ton dieses Schreibens, er soll nur meine Ärgerlichkeit unterstreichen. Bitte sparen Sie sich auch eine Antwort, es soll nicht noch mehr Zeit mit diesem Projekt vertan werden, wenden Sie sich besser wertvolleren Fragestellungen zu.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Martin Zingel

Facharzt für Allgemeinmedizin

Breite Straße 57

29468 Bergen

E-Mail: martin.zingel@dgn.de

Antwort von D. Ose et al.

Vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen zu unserem Beitrag „Mit Überweisung vom Hausarzt zum Spezialisten – Haben HZV-Verträge einen Einfluss?“. Gerne nehmen wir dazu Stellung. Um unsere Antwort auch für andere Leser nachvollziehbar zu machen, haben wir Ihre Anmerkungen nach Themenbereichen geordnet.

Methodische Anmerkungen

Ihre Anmerkung:

1. Sie wissen nicht, wie diese Patientengruppe sich 2004 verhalten hat.

2. Welchen Einfluss haben denn nun die Verträge, sie betonen mit SPSS gearbeitet zu haben, es findet sich jedoch keine einzige Signifikanzanalyse, es wurden keine statistischen Testverfahren angewandt.

Sie haben recht mit der Feststellung, dass mit unserem Beitrag keine Aussagen zum Verhalten der Patientengruppen im Jahr 2004 getroffen werden. Dementsprechend kann auch im Jahr 2004 schon ein Unterschied zwischen beiden Gruppen bestanden haben. Allerdings betrachten wir mit dieser Analyse nicht nur die Daten aus 2005, sondern auch aus 2006. Im Vergleich beider Jahre zeigt sich ein deutlicher Trend. Darüber hinaus wird an verschiedenen Stellen des Beitrages betont, dass es sich um eine deskriptive – also beschreibende – Analyse der Daten handelt. Dafür sind keine Signifikanztests erforderlich.

Ihre Anmerkung:

Es hätte auch Excel gereicht

Bei den analysierten Datensätzen handelt es sich um Routinedaten von 5 Krankenkassen aus 2 Jahren. Insgesamt wurden ca. 7.000.000 Konsultationen von knapp 480.000 Versicherten analysiert. Leider ist es aufgrund der Komplexität von Krankenkassen-Routinedaten nicht möglich, notwendige Informationen einfach auf Knopfdruck zu erhalten. Vielmehr liegt der Auswertung eine sehr aufwändige Aufarbeitung von Krankenkassen-Rohdaten zugrunde. Zudem erlaubt Excel nur 65.000 Zeilen – dies hätte nicht einmal ausgereicht, um ein 1 % unserer Daten zu analysieren.

Ihre Anmerkung:

Kann man glauben, dass Sie über 200.000 matched pairs gebildet haben? Wie lange sitzt man daran?

Die Bildung der matched pairs erfolgte auf Grundlage einer international anerkannten Methodik. Literaturverweise dazu finden sich im Beitrag. Im Übrigen braucht bei dieser Datenmenge auch ein Hochleistungscomputer mehr als einen Tag.

Inhaltliche Anmerkungen

Ihre Anmerkung:

Ich finde es eine Zumutung, mir 6 Seiten Text und Tabellen vorzulegen, die nichts, aber auch gar nichts Nutzbringendes aussagen

Unabhängig davon, ob die dargestellten Inhalte Ihren persönlichen Erwartungen entsprechen oder nicht – die Aufarbeitung und Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse erfordert eine bestimmte Form. Da der Beitrag in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde, orientiert sich auch seine Ausrichtung daran. Für kurze und belletristisch aufgearbeitete Beiträge existieren zahlreiche andere Zeitschriften.

Ihre Anmerkung:

Ihre einzige Erkenntnis ist, dass Patienten vermehrt mit Überweisung einen Facharzt aufsuchen, wenn sie an einem Hausarztvertrag teilnehmen. Welch’ Überraschung! Das war doch zu erwarten.

Wir stimmen Ihnen bei der Einschätzung zu, dass diese Ergebnisse erwartet werden konnten. Nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass sich alle HZV-Versicherten dazu verpflichten, nur mit Überweisung vom Hausarzt einen Spezialisten zu konsultieren. Allerdings wurde speziell diese Wirkung seit der Einführung von HZV-Angeboten sowohl von Wissenschaftlern als auch in Publikumsmedien vielfach in Frage gestellt. Ein vielzitiertes Beispiel sind die falschen Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen des Gesundheitsmonitors der Bertelsmann-StiftungI*. Mit unserer Arbeit haben wir nun erstmals wissenschaftlich und auf Grundlage von Konsultationsdaten zeigen können, dass der erwartete Effekt auch tatsächlich eintritt.

Ihre Anmerkung:

Durch einfache Analyse der Abrechnungsdaten lässt sich nicht erfassen, welchen Wert Hausarztverträge haben.

Zur wissenschaftlichen Bewertung einer Maßnahme (in diesem Fall HZV) sind immer sehr differenzierte Methoden und unterschiedliche Perspektiven notwendig. Daher ist diese Analyse – wie auch im Beitrag mehrfach erwähnt – nur der erste Schritt einer intensiveren Auseinandersetzung mit der Problematik. Weitere Analysen der Routinedaten sowie ergänzende Befragungen werden folgen.

Allgemeine Anmerkungen

Ihre Anmerkung:

Da muss sich die Forschung den Vorwurf als bestätigt vorwerfen lassen, viel Rauch (Text, Daten) zu produzieren aus reinem Selbstzweck! Leider werden dabei aber Forschungsgelder und viel wertvolle Zeit verschwendet, die durch sinnvolle Fragestellungen und Methodik besser verwertet werden können.

Sicherlich haben Sie Recht, dass Sinn und Zweck von Forschungsarbeiten nicht immer transparent sind. An dieser Stelle ist die Forschung in der Pflicht, ihre Arbeit nachvollziehbarer zu machen. Für die aktuelle Analyse trifft Ihre Einschätzung allerdings nicht zu. Wenige Themen wurden in den letzten Jahren so kontrovers diskutiert wie die Hausarztzentrierte Versorgung. Zahlreiche Artikel in unterschiedlichen Zeitschriften verweisen darüber hinaus auf den Mangel an objektiven Daten zu dieser Thematik. Die generelle Notwendigkeit, konkrete Zahlen zu analysieren – auch wenn Sie für den einzelnen Leser nicht durchgehend interessant sind – war daher vorhanden.

Unabhängig vom konkreten Fall sind Sie selbstverständlich dazu eingeladen, sich an der Forschung in der Allgemeinmedizin aktiv mit ihrer Praxis zu beteiligen. An der Universität in Rostock wurde erst vor kurzer Zeit ein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin eingerichtet. Praxisnahe Vorschläge werden dort bestimmt gern gehört.

Abschließende Bemerkung: Auch eine kritische Diskussion bedarf einer gewissen Form und Höflichkeit. Wir denken, dass Polemik und Pauschalisierungen jeder Art, weder dem Niveau der Leser noch dem Anspruch dieser Zeitschrift entsprechen.

Korrespondenzadresse:

Dipl. Pflegewirt Dominik Ose, MPH,

Abt. Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung der Universität

Voßstr. 2
D-69115 Heidelberg
Tel.: +49 6221 56–8012
E-Mail:
dominik.ose@med.uni-heidelberg.de


(Stand: 08.06.2011)

Als Abonnent können Sie die vollständigen Artikel gezielt über das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe aufrufen. Jeder Artikel lässt sich dann komplett auf der Webseite anzeigen oder als PDF herunterladen.