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Ausbildungslehrgang für Allgemeinmedizin in Südtirol / Italien

DOI: 10.3238/zfa.2011.0031

Erfahrungen eines Kursteilnehmers nach der dreijährigen Ausbildung zum Allgemeinmediziner

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Paul Gufler

Schlüsselwörter: Ausbildungslehrgang für Allgemeinmedizin in Südtirol Methodischer Aufbau und Kursprogramm Lehrpraxis für Allgemeinmedizin Tutor

Hintergrund: Durch die Neugestaltung des Lehrgangs für Allgemeinmedizin in Südtirol versucht man, den bestehenden Ausbildungsstandard qualitativ zu verbessern und ihn auf das Niveau anderer europäischer Länder anzuheben.

Ziel: Ziel dieses Erfahrungsberichts ist, dem interessierten Leser Wissenswertes über den Ausbildungskurs in Südtirol zu vermitteln, Besonderheiten des didaktischen Aufbaus im Vergleich zu anderen Lehrmodellen anzuführen und in einer kritischen Auseinandersetzung eine subjektive Wertung vorzunehmen.

Methodik: Es handelt sich bei diesem Artikel um einen Erfahrungsbericht, der sich in 3 Abschnitte mit einer kurzen Einführung zum Thema, der Ausführung zum methodischen Aufbau der Ausbildung und einer abschließenden kritischen Betrachtung aufteilt.

 

Hintergrund

Die Neugestaltung des Lehrgangs für Allgemeinmedizin in Südtirol entstand aus dem Bedürfnis, den Ausbildungsstandard auf das hohe Niveau wie in anderen europäischen Ländern zu heben, den Universitätsabsolventen die Möglichkeit zu geben, die Allgemeinmedizin näher kennenzulernen und nicht zuletzt den Teilnehmern ein fundiertes Wissen in diesem Fach zu vermitteln.

Es muss in diesem Zusammenhang auch erwähnt werden, dass derzeit ein Großteil der Südtiroler Medizinstudenten an österreichischen und italienischen Universitäten studiert. In beiden Ländern haben die Auszubildenden dabei zwar die Möglichkeit, ein breites Spektrum der einzelnen medizinischen Fachgebiete kennenzulernen, nur in Wien und Salzburg erkannte man aber bisher die Notwendigkeit, einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin zu implementieren. Für die Mehrzahl meiner Studienkollegen und -kolleginnen beschränkte sich demnach das vorhandene Wissen bezüglich der Allgemeinmedizin auf Volontariate, persönliche Kontakte zu Hausärzten oder auf spezielle Fachliteratur.

Ich selbst empfand nach einer langen theoretischen Ausbildung das Bedürfnis, mich in der medizinischen Praxis weiterzubilden und mir eine möglichst große Anzahl klinischer Fertigkeiten anzueignen. Dazu kam auch die prägende Zeit bei einem erfahrenen Praktiker, der in mir das Interesse für die Allgemeinmedizin weckte und aufzeigte, wie wichtig in diesem Beruf das vertrauensvolle Verhältnis zum Patienten und deren kontinuierliche Betreuung ist. Gleichzeitig faszinierte mich auch die Tatsache, ohne aufwendige apparative Diagnostik eine qualitativ hochwertige Medizin zu betreiben.

Unter solchen Voraussetzungen begann ich im Juli 2004 nach erfolgreichem Bestehen einer Aufnahmeprüfung mit 14 weiteren Kolleginnen und Kollegen einen dreijährigen Ausbildungslehrgang. Dabei befand sich unser Kurs mit 12 weiblichen und 3 männlichen Teilnehmern im allgemeinen Trend der Zeit, demzufolge der Arztberuf wohl eine „rosa“ Zukunft haben wird.

Auch das Verhältnis der Anzahl von deutsch- und italienischsprachigen Auszubildenden mit 11 : 4 spiegelte recht gut den Bevölkerungsanteil der 2 Sprachgruppen in der autonomen Provinz Bozen wieder. Diese Tatsache und als Folge dessen, die bestehende Notwendigkeit, den Kurs zweisprachig auszurichten, habe ich aber keinesfalls als Nachteil empfunden, sondern ich erkannte darin vielmehr die Möglichkeit, medizinische Fachausdrücke in der jeweils anderen Sprache zu erlernen, den oftmals kulturell verschieden geprägten Ansatz bei der Betreuung der Patienten zu entdecken und ein Schulmodell in der Praxis zu testen, das zwar politisch umstritten, aber vom pädagogischen Standpunkt aus sicherlich zukunftsweisend ist.

Methodischer Aufbau mit Kursprogramm der Ausbildung

Die Sonderausbildung in Allgemeinmedizin gliedert sich in 2 Module: einen praktischen Abschnitt, der in den Kliniken bzw. bei niedergelassenen Ärzten absolviert werden muss und einen theoretischen Teil mit Seminaren, deren Inhalte vor allem aus Themen der Allgemeinmedizin bestehen.

Die Kursteilnehmer müssen am Anfang für 3 Wochen und gegen Ende des Kurses für 6 Monate in Lehrpraxen akkreditierter Allgemeinmediziner hospitieren. Die restliche Zeit des dreijährigen Kurses erfolgt schlussendlich als Turnusdienst in den verschiedenen Fachabteilungen der Landeskrankenhäuser.

Die Dauer der einzelnen Abschnitte unterschied sich je nach Bedeutung und statistischer Häufigkeit bestimmter Krankheitsbilder in der Allgemeinmedizin und betrug 1 Jahr für Innere Medizin, 3 Monate für Chirurgie und Pädiatrie, 2 Monate für Dermatologie und Orthopädie, 1 Monat für HNO und Psychiatrie und 2 Wochen für Gynäkologie, Augenheilkunde und Urologie.

Für weitere 6 Wochen konnte sich jeder Teilnehmer ein Wahlfach aussuchen und dadurch vor allem Disziplinen abdecken, die entweder im Studienplan nicht vorgesehen oder im persönlichen Interesse lagen.

Um eine bessere Betreuung der Kursteilnehmer innerhalb der Krankenhäuser zu erreichen, beauftragte man Fachärzte der jeweiligen Abteilungen, die als Ansprechpartner und Tutoren dienen sollten.

Für organisatorische Angelegenheiten sowie die Koordinierung und die Aussprachen innerhalb der Gruppe waren hingegen der Direktor des Ausbildungslehrgangs, Dr. Giuliano Piccoliori, das Sekretariat mit Dr. Maria Vittoria Habicher und Dr. Dietmar Lobis verantwortlich.

Das Ziel des dreijährigen Kurses sollte eine bestmögliche praktische und theoretische Ausbildung auf dem Gebiet der Allgemeinmedizin gewährleisten und den Teilnehmern die Fähigkeit vermitteln, die häufigsten medizinischen Dringlichkeiten direkt und autonom zu lösen. Zusätzlich sollten sich die Auszubildenden während dieser Zeit einen Einblick in Diagnose, Prognose und Therapie der am häufigsten in der praktischen Tätigkeit des Hausarztes vorkommenden Erkrankungen verschaffen.

Der theoretische Unterricht mit halb- bzw. ganztägigen Seminaren unterteilte sich in die Vermittlung der Untersuchungstechniken und Differenzialdiagnosen verschiedenster Krankheitsbilder, das Kennenlernen einiger Besonderheiten der Allgemeinmedizin, wie z. B. der ärztlichen Entscheidungsfindung, die ethische Problemlösung, die Betreuung chronisch Kranker, die Gesundheitsförderung und Salutogenese und die Arzt-Patienten-Kommunikation.

In einem Methodenblock sollten schließlich die Kursteilnehmer lernen, neue Erkenntnisse innerhalb der Medizin auf der Basis methodischer Grundkenntnisse besser zu beurteilen und diese auf deren medizinische Evidenz zu hinterfragen.

Als Referenten beauftragte man Ärzte für Allgemeinmedizin, Klinikärzte und Professor Heinz-Harald Abholz vom Universitätsklinikum Düsseldorf als wissenschaftlichen Leiter des Ausbildungslehrgangs.

Persönliche Erfahrungen und kritische Bemerkungen zum Kurs

Nach zweieinhalb Jahren praktischer Erfahrung, die ich durch Vertretungen und der Eröffnung einer eigenen Arztpraxis gewonnen habe, erlaube ich mir, abschließend eine subjektive Wertung des Ausbildungslehrgangs vorzunehmen.

Vorausgeschickt sei, dass mittlerweile ein weiterer Kurs begonnen hat und das erwähnte Lehrprogramm in einigen Punkten bereits ergänzt oder abgeändert wurde.

Grundsätzlich konnte ich mir in den 3 Jahren der Ausbildung eine umfangreiche klinische Erfahrung aneignen, die mir sowohl die Unterschiede und Grenzen der medizinischen Versorgung im Krankenhaus als auch jene in der Hausarztpraxis aufgezeigt hat.

Besonders ausfüllend waren in diesen 3 Lehrjahren vor allem Tätigkeiten, bei denen man persönlich Verantwortung übernehmen und selbstständig arbeiten durfte. Dies war in einigen Fächern durch die begrenzte Zeit leider nicht immer möglich. Mit genügend Interesse und der nötigen Eigeninitiative konnte man aber auch dabei viel Neues dazulernen. Im ungünstigen Fall bestand für uns Teilnehmer dennoch die Gefahr, zum Statisten reduziert oder als Aushilfe für lästige Stationsarbeit verwendet zu werden.

Die Bedeutung der Tutoren scheint mir hingegen etwas begrenzt zu sein. Wobei im Idealfall, bei gegenseitiger Sympathie, genügend Zeit für Besprechungen und mit gemeinsamem Fleiß viel erreicht werden kann.

Besonders lehrreich empfand ich die Ausbildungszeit in den Lehrpraxen für Allgemeinmedizin. Es bestand dabei die Möglichkeit, sich selbst seinen Tutor auszusuchen, sodass von vorneherein eine günstige Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit bestand. So konnte man als Auszubildender auf der einen Seite viel von der jahrelangen Erfahrung eines Hausarztes profitieren, Einblicke in die Organisation eines Ambulatoriums bekommen, eigenverantwortlich Patienten behandeln und, wenn nötig, auf den Rat seines Tutors zurückgreifen. Der Lehrende auf der anderen Seite wird die gemeinsame Zeit sicherlich als Arbeitsentlastung empfunden und vielleicht auch die Gelegenheit ergriffen haben, eine andere Sichtweise auf festgefahrene Arzt-Patienten-Beziehungen zu erlangen.

Was die Ausbildungszeit innerhalb der Krankenhäuser betrifft, war sie vor allem dann lehrreich, wenn die Voraussetzungen, persönliches Interesse am jeweiligen Fach zu zeigen, Eigeninitiative zu ergreifen und aufgeschlossen gegenüber unterschiedlichen medizinischen Behandlungskonzepten bzw. Diagnosetechniken zu sein, stimmten.

Die Tatsache, dass wir uns für eventuelle Schadensfälle selbst versichern mussten und laut bestehender Gesetzeslage keine Möglichkeiten bestanden, aktive Dienste innerhalb der Krankenhäuser abzuleisten, erschwerte eine bessere Integration in den klinischen Alltag und schmälerte sicherlich auch den Lernerfolg.

Ein großer Vorteil ist hingegen die verschiedenen Kontakte mit Klinikärzten, die ich im Laufe der Ausbildung knüpfen konnte. Die Zusammenarbeit durch eine gegenseitige Vertrauensbasis bzw. Bekanntschaft verbessert sich nämlich beträchtlich und bedeutet besonders für uns Jungärzte außerhalb der Krankenhäuser eine große Erleichterung im beruflichen Alltag.

Als sinnvolle Ergänzung zum praktischen Teil der Ausbildung habe ich die monatliche Zusammenkunft unserer Kursgruppe bei Seminaren gesehen. Es gab einem die Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und das erworbene praktische Wissen mit theoretischen Grundlagen zu ergänzen. Dabei fand ich besonders jene Inhalte spannend und lehrreich, die während meiner universitären Ausbildung oftmals zu kurz gekommen waren, wie z. B. Vorträge über Psychosomatik oder Palliativmedizin.

Vermisst habe ich hingegen die Möglichkeit, mich während der Ausbildung näher mit der Komplementärmedizin auseinanderzusetzen.

In weiteren Referaten behandelten Klinikärzte fachspezifische Themen über häufige Krankheitsbilder, die hauptsächlich in der Allgemeinmedizin von Interesse sind. Der Erfolg dieser Seminare hing wesentlich vom unmittelbaren Inhalt, dem eigenen Fleiß zur Mitarbeit und vor allem von der unterschiedlichen Begabung zum mündlichen Vortrag des jeweiligen Referenten ab. In vielen Fällen wurde dabei spezielles und detailliertes Fachwissen gelehrt, das zwar interessant und lehrreich war, aber leider auch oft eine gezielte Ausbildung für Allgemeinmedizin vermissen ließ. Als Versuch, diesem Tatbestand entgegenzusteuern, empfand ich die Anwesenheitspflicht eines Moderators, der das jeweilige Thema aus der Sicht des Hausarztes schildern sollte. Dies gelang in einigen Fällen, oftmals fehlte aber die Synthese oder das Aufzeigen der Unterschiede zwischen Klinikalltag und der Arbeit eines Allgemeinmediziners.

Was den zeitlichen Ablauf der Seminare mit halb- bzw. ganztägigen Referaten betrifft, finde ich, dass weniger oft mehr bedeuten kann. Vor allem aufgrund der Tatsache, dass der Fantasie und Ausdauer des Vortragenden Grenzen gesetzt sind und die Zuhörer trotz Zuhilfenahme von Gruppenarbeit und Rollenspielen nach einer gewissen Zeit Ermüdungserscheinungen aufweisen.

Als Absolvent dieser Ausbildung bin ich froh, in ausreichender Weise auf das spätere Berufsleben als Allgemeinmediziner vorbereitet worden zu sein.

Neben dem gut strukturierten didaktischen Aufbau des Kurses und einem wissenschaftlich fundiertem Grundgerüst waren es aber schlussendlich die menschlichen Begegnungen mit meinen Lehrmeistern und den zahlreichen Patienten, die mich persönlich reifen ließen, tief geprägt und in mir die notwendige Leidenschaft zum Beruf geweckt haben.

Literatur

Beim vorliegenden Artikel handelt es sich um den Erfahrungsbericht eines Kursteilnehmers. Bei Angaben über den methodischen Aufbau hat sich der Autor auf das Kursprogramm gestützt, dessen Konzeption und Ausarbeitung in der Zuständigkeit der Organisatoren des Lehrganges lag. Diesbezüglich wird auf folgende Adresse verwiesen:

SAKAM (Südtiroler Akademie für Allgemeinmedizin)

Wangergasse 18

39100 Bozen Prov. (BZ)

Tel./Fax: 0039/0471982788

E-Mail: info@sakam-acamg.bz.it

Internet: www.sakam-acamg.bz.it

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Paul Gufler

Langrain 36/A

39043 Klausen Prov. (BZ), Südtirol / Italien

E-Mail: guflerpaul@hotmail.com

Tel: 0039/0472846071, 0039/3357278995

Peer reviewed article eingereicht: 20.05.2010, akzeptiert: 27.07.2010

DOI 10.3238/zfa.2011.0031


(Stand: 29.05.2015)

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