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Telebiometrie und telefonische Kurzschulungen bei arterieller Hypertonie

DOI: 10.3238/zfa.2012.0011-0017

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Eva Blozik, Jan von Overbeck, Gerhard Gillmann, Franca Pirovino, Mascha Bethke

Schlüsselwörter: Disease Management Telemedizin Telebiometrie arterielle Hypertonie Hausarzt

Einleitung: Disease Management Programme (DMPs), die Telebiomonitoring des Blutdrucks (Messung der Blutdruckwerte zu Hause und Übermittlung an ein telemedizinisches Zentrum) sowie Patientenschulungen über das Telefon umfassen, können die hausärztliche Betreuung von schwer einstellbaren Patienten ergänzen. Diese Evaluation untersucht, inwieweit solche DMPs bei der hausärztlichen Einstellung des Blutdrucks helfen können.

Methoden: Die Analysen beruhen auf einer Fallserie mit 74 Hypertoniepatienten. Die Mittelwerte der übertragenen systolischen und diastolischen Blutdruckwerte im Programmverlauf wurden berechnet. Zusätzlich wurde der Anteil der Programmteilnehmer mit mittlerem systolischem bzw. diastolischem Blutdruck im therapeutischen Bereich erhoben.

Ergebnisse: Der mittlere systolische Blutdruck lag bei Programmeintritt bei 151 ± 17,2 mmHg. Nach einem Monat betrug der Mittelwert der mit Telebiometrie übertragenen Werte 135,5 ± 10,9 mmHg und sank bis zum siebten Programmmonat auf 129,9 ± 7,8 mmHg (p-Wert für Trend 0,001). Die mittleren diastolischen Blutdruckwerte waren bei Programmstart bei 97,6 ± 7,0 mmHg, sanken nach einem Monat auf 87,2 ± 8,6 mmHg und nach sieben Monaten auf 83,2 ± 6,9 mmHg (p 0,001). Gleichzeitig stieg der Anteil der Teilnehmer, deren systolische bzw. diastolische Druckmittelwerte im gewünschten Bereich lagen, klinisch und statistisch hochsignifikant an.

Schlussfolgerung: Unsere Daten zeigen, dass ein telebiometrisch unterstütztes und auf kurzen Patientenschulungen basierendes DMP unter Alltagsbedingungen wirksam ist und die Blutdruckwerte von Patienten mit arterieller Hypertonie senken kann. Ausschlaggebend ist hierbei, dass das DMP in Zusammenarbeit mit dem betreuenden Hausarzt durchgeführt wird.

Hintergrund

Die Prävalenz der arteriellen Hypertonie bei Erwachsenen beträgt bis zu 44% [1]. Auswertungen in Hausarztpraxen zufolge haben etwa 50% der hausärztlichen Patienten eine arterielle Hypertonie [2]. Dennoch sind die Blutdruckwerte von vielen Hypertoniepatienten unzureichend eingestellt [3–5]. In kürzlich erschienenen Metaanalysen wurde gezeigt, dass diejenigen Programme die größten Erfolge hinsichtlich einer effektiven Blutdruckeinstellung erzielen konnten, welche die Patientenbeteiligung stärkten (z.B. durch Schulung oder Blutdruckselbstmessung) oder bei denen – zusätzlich zur hausärztlichen Betreuung – noch weiteres medizinisches Personal, welches sich speziell mit der Problematik des Bluthochdrucks befasste, in die Behandlung der arteriellen Hypertonie eingebunden war [6, 7].

Unter Disease Management Programmen (DMPs) versteht man in diesem Zusammenhang multidisziplinäre strukturierte Behandlungskonzepte für ausgewählte Patienten mit chronischen Krankheiten, durch die die Qualität der Behandlung verbessert werden soll [8]. Klinische und andere Zielgrößen werden bei den in DMPs behandelten Patienten strukturiert gemessen [9].

Telebiometrie bezeichnet die Messung von Körperfunktionen (Blutdruck, Blutglukose, Körpergewicht etc.) von Patienten und deren gesicherte Übermittlung und Kontrolle in einem spezialisierten Zentrum [10]. Im Zusammenhang mit arterieller Hypertonie konnte beispielsweise gezeigt werden, dass Patienten häufig falsche Blutdruckwerte berichten und dass diese Blutdruckwerte häufig um 10 mmHg höher liegen als die Werte aus einer elektronischen Messung [11]. Telebiometrie wurde in den letzten Jahren als diagnostisches Hilfsmittel im Rahmen von DMPs, unter anderem speziell im Kontext der Behandlung von Patienten mit arterieller Hypertonie, zunehmend gebräuchlicher [12]. Eine klinisch und statistisch signifikante Blutdrucksenkung innerhalb von telebiometrieunterstützen Programmen wurde mit internationalen randomisierten Studien nachgewiesen [13, 14].

Als weiteres Schlüsselelement von DMPs bei arterieller Hypertonie sind individuelle Patientenschulungen etabliert [10, 12]. Konzeptueller Leitgedanke der Patientenschulungen ist, den Informationsstand, die Eigenverantwortlichkeit sowie die Selbstkompetenz der Betroffenen zu stärken [15]. Über die Wirksamkeit und Sicherheit von DMPs für arterielle Hypertonie, welche sich der Telebiometrie sowie telefonischer Patientenschulungen bedienen, existieren – gerade im deutschsprachigen Raum – jedoch im Rahmen von klinischen Routineabläufen außerhalb von Studien wenige Daten.

Im hausärztlichen Setting haben solche DMPs insbesondere für schlecht einstellbare Patienten Relevanz, z.B. wenn komplizierende Faktoren wie mangelnde Therapieadhärenz oder „Weißkitteleffekte“ bei der Blutdruckmessung auftreten oder wenn die punktuellen Praxisblutdruckmessungen in nicht genau festgelegten Abständen und Messsituationen keine ausreichend aussagekräftigen Daten liefern [16]. Das Ziel der vorliegenden Arbeit war, die klinischen Ergebnisse eines solchen, in Kombination zur hausärztlichen Betreuung angebotenen, telemedizinisch unterstützen DMPs für Patienten mit arterieller Hypertonie zu evaluieren.

Studiendesign, Rekrutierung der Studienteilnehmer

Retrospektiv wurden die Daten aller Patienten evaluiert, die im DMP „Arterielle Hypertonie“ am Schweizer Zentrum für Telemedizin Medgate teilgenommen haben. Dazu wurden die notwendigen Daten aus der elektronischen Patientenakte extrahiert.

Eingeschlossen wurden Patienten mit

  • bekannter Hypertonie (d.h. European Society of Hypertension [17] (ESH) Klasse 1 oder höher resp. RR 140/90mmHg), keine Erstdiagnosen
  • garantierter, bereits etablierter Hausarztbetreuung
  • der Bereitschaft, die nötige Technologie (Mobiltelefon mit Bluetooth) einzusetzen
  • gültigem Einverständnis zur Programmteilnahme
  • erteilter Kostengutsprache durch den Kostenträger (Krankenversicherer).

Ausgeschlossen wurden Patienten mit

  • zu geringen Deutschkenntnissen
  • schwerwiegenden im Vordergrund stehenden Komorbiditäten, welche die Einstellung der Hypertonie in den Hintergrund rücken ließen
  • Unmöglichkeit der telemedizinischen Betreuung (z.B. Hörminderung, demenzielle Entwicklung)
  • Alter 18 Jahren
  • Programmteilnahme weniger als ein Monat.

Diese Untersuchung wurde von der „Ethikkommission beider Basel“ (EKBB) bewilligt.

Ablauf des DMPs „Arterielle Hypertonie“

Der gesamte Programmablauf richtete sich nach den Leitlinien der European Society of Hypertension (ESH) [17] und der Definition eines Zielblutdruckwertes. Bei Eintritt in das DMP erfolgte eine klinische ärztliche Basisuntersuchung mit internistischem Status, Risikoprofilerfassung der kardiovaskulären Risikofaktoren und Endorganschäden mit Labor (Serum, Urin), EKG und ambulanter 24-h-Blutdruckmessung (ABDM). Dann folgte eine standardisierte Patientenschulung mit Basisinformationen zur arteriellen Hypertonie, Empfehlungen zu Lebensstilanpassungen und relevanten diagnostischen und therapeutischen Zusammenhängen sowie eine technische Instruktion in der Handhabung des Blutdruckmessgeräts und der Übermittlung der Messwerte via Mobiltelefon (Abb. 1).

Für die Telebiometrie (Heimmessung und telemedizinische Übertragung und Analyse der Blutdruck- und Pulswerte) dienten dem Patienten das Blutdruckmessgerät und als Gateway ein Mobiltelefon. Das persönliche Mobiltelefon des Patienten wurde bevorzugt eingesetzt, Patienten ohne eigenes geeignetes Mobiltelefon wurde ein Gerät während der Programmdauer zur Verfügung gestellt. Über die Datenexportfunktion des Blutdruckmessgerätes wurden die Blutdruckwerte auf elektronischem Weg drahtlos per Bluetooth auf das Mobiltelefon übertragen, welches die Daten automatisch per SMS an den Server bzw. an die SMS-Infrastruktur des Schweizer Zentrums für Telemedizin sendete. Diese SMS wurde automatisch empfangen und die Resultate gingen beim entsprechenden Patienten in die individuelle elektronische Patientenakte ein. Die Werte wurden automatisch analysiert, klassifiziert und visualisiert.

Dem Patienten selbst, aber auch dem behandelnden Hausarzt, wurden auf Wunsch ein passwortgeschützter Zugriff auf die webbasierte Datenbank zur Einsicht in Stammdaten, Diagnosen, Risikoprofil, Messwerte und Medikation zur Verfügung gestellt (Abb. 2). Während der gesamten Programmdauer erhielten die Patienten nach ärztlich-telemedizinischem Ermessen Folgeschulungen am Telefon. Zudem wurden die via Mobiltelefon automatisch übermittelten Blutdruck- und Pulswerte (Telebiometrie, Abb. 1) ärztlich-telemedizinisch überwacht, es erfolgte ein automatisiertes SMS-Feedback an den Patienten sofort im Anschluss an die Werteübertragung und die Patienten erhielten Erinnerungs-SMS bei fehlender Messung innerhalb eines klinisch definierten Zeitintervalls (täglich-wöchentlich-monatlich). Wurden standardisierte oder individualisierte Grenzwerte (sowohl hinsichtlich hypertensiver als auch hypotensiver Werte) im Rahmen der Selbstmessung überschritten, ging ein Alarm beim diensthabenden Arzt im Schweizer Zentrum für Telemedizin ein, sodass dieser den Patienten zeitnah kontaktieren konnte, um das weitere Prozedere zu besprechen (Telekonsultation). Die tabellarische und insbesondere auch die grafische Darstellung der Messwerte im Verlauf wurden nicht nur als Information für den behandelnden Arzt eingesetzt, sondern dienten auch der einfachen Visualisierung des Erfolgs für den Patienten selbst bzw. als Hilfsmittel der kontinuierlichen Patientenschulung (Beispiel eines Messwertverlaufs in Abb. 2).

Im Rahmen des DMPs erfolgten einerseits regelmäßig bedarfsgerechte Telefonate mit dem Patienten selbst hinsichtlich Lifestyle-Modifikation, Besprechung von Grenzwert überschreitenden Messwerten, medikamentöser Therapieanpassung (Teletherapie), weiteren Abklärungen etc. Andererseits stand das ärztlich-telemedizinische Team in regelmäßigem Austausch mit dem behandelnden Hausarzt, welcher bedarfsgerecht und immer zur nächsten anstehenden Konsultation einen schriftlichen Bericht mit Zusammenfassung der Messwerte, einschließlich grafischer Darstellung und leitliniengerechten Empfehlungen zur Therapieanpassung und/oder Verlaufsuntersuchungen der kardiovaskulären Risikofaktoren erhielt. Zu betonen ist, dass Modifikationen in der medikamentösen Therapie immer in Rücksprache mit dem behandelnden Hausarzt und in der Regel nicht durch das telemedizinische Zentrum umgesetzt wurden, sondern dass der behandelnde Arzt unter Berücksichtigung der Empfehlungen des ärztlich- telemedizinischen Teams entsprechende Therapieanpassungen vornahm.

Untersuchte Variablen

Bei Programmeintritt wurden systolischer und diastolischer Blutdruck, Alter, Geschlecht, Nikotinabusus, Dyslipidämie, Diabetes mellitus und Body Mass Index (BMI) bzw. Bauchumfang erhoben. Nach Eintritt in das DMP wurden von den Patienten kontinuierlich systolische und diastolische Blutdruckwerte übertragen, die in der elektronischen Patientenakte einem Messzeitpunkt zugeordnet wurden. Für jeden Teilnehmer wurde zu Programmbeginn erhoben, ob er wegen einer systolischen oder diastolischen Hypertonie oder wegen beidem eingeschlossen wurde.

Statistische Analysen

Zuerst wurden die Häufigkeitsverteilungen der bei Studieneintritt erhobenen Patientencharakteristika analysiert. In einem zweiten Schritt wurden dann die mittels Telebiometrie nach Programmeintritt übermittelten Blutdruckwerte der Teilnehmer analysiert. Aufgrund der Vielzahl an Messwerten und der inter- und intraindividuell unterschiedlichen Messzeitpunkte während der Programmteilnahme, mussten die Messwerte für die statistische Auswertung zuerst in ein einheitliches Format gebracht werden. Bei aufeinanderfolgenden Messungen innerhalb von 30 Minuten wurde jeweils ein Mittelwert aus der 1. bis 3. Messung gebildet. Innerhalb eines Programmmonats wurden dann die Mittelwerte aller von einem Patienten übertragenen systolischen bzw. diastolischen Messwerte berechnet. Außerdem wurde der Anteil der Programmteilnehmer pro Programmmonat mit mittlerem Blutdruck im therapeutischen Bereich berechnet. Für die systolischen Werte wurde ein Grenzwert von 130 mmHg bzw. 135 mmHg angewendet, für die diastolischen Werte 85 mmHg bzw. 90 mmHg.

Dabei wurden für die Präsentation der Wirksamkeit hinsichtlich des systolischen Blutdrucks jeweils nur die Programmteilnehmer berücksichtigt, die wegen systolischer bzw. kombinierter systolischer und diastolischer Hypertonie eingeschlossen wurden. Äquivalentes gilt für die diastolische Hypertonie. Hypotonien als potenziell unerwünschte Nebenwirkung des DMPs wurden als Anzahl Alarme aufgrund hypotoner Werte erfasst. Die Testung auf statistische Signifikanz wurde mithilfe des nonparametrischen Tests auf Trend über geordnete Gruppen nach Cuzick vorgenommen.

Ergebnisse

Die 45 männlichen und 29 weiblichen Teilnehmer waren bei Programmbeginn im Mittel knapp 60 Jahre alt, etwas übergewichtig und wiesen in der Mehrzahl eine Dyslipidämie auf. Relativ wenige Personen waren aktuell Raucher bzw. Diabetiker (Tab. 1).

Tabelle 2 zeigt die Mittelwerte der übertragenen systolischen Blutdruckwerte im Programmverlauf im Vergleich zum systolischen Wert bei Programmeintritt. Es zeigt sich, dass bereits innerhalb eines Monats eine erhebliche Senkung des systolischen Blutdrucks erreicht werden kann. Mit zunehmender Programmdauer nimmt der Mittelwert der Messwerte dann noch weiter ab, bis er nach 7 Monaten sogar im Mittel unter 130 mmHg liegt. Gleichzeitig steigt der Anteil der Teilnehmer, deren systolische Druckmittelwerte im gewünschten Bereich von 130 mmHg bzw. 135 mmHg liegen, auf 57% bzw.76% an. Dabei muss beachtet werden, dass mit zunehmender Programmdauer die Zahl der Teilnehmer sinkt, da Personen, die bereits ausreichend eingestellt sind, schon aus dem Programm ausgeschieden sind. Es handelt sich also jeweils um Mittelwerte der noch nicht zufriedenstellend therapierten Patienten.

In Tabelle 3 sind die äquivalenten Auswertungen für diastolische Blutdruckwerte dargestellt. Auch hier zeigt sich, dass der diastolische Blutdruck bereits innerhalb des ersten Programmmonats erheblich absinkt. Im weiteren Programmverlauf sinken die Mittelwerte der Patienten, die zum jeweiligen untersuchten Zeitpunkt noch im Programm sind, weiterhin deutlich ab. Nach 3 Monaten befindet sich der Mittelwert bereits im therapeutischen Zielbereich von 85 mmHg.

Bezüglich der Anpassungen der medikamentösen Therapie lässt sich feststellen, dass bei allen Teilnehmern im Programmverlauf eine Modifikation vorgenommen wurde. Zu Programmbeginn überwog eine Dosissteigerung bzw. die Verschreibung zusätzlicher Wirkstoffe entsprechend den ESH-Leitlinien. Im weiteren Programmverlauf konnten zunehmend Reduktionen in der antihypertensiven Medikation vorgenommen werden, die wir in einerseits einer verbesserten Therapieadhärenz andererseits der Adaptation des Lebensstils zuschreiben.

Alarme aufgrund hypotoner Blutdruckwerte wurden bei 18 von 32.925 Messungen ausgelöst. Hierbei zeigten sich keine wesentlichen Veränderungen, insbesondere keine Zunahmen, im Programmverlauf. Bei keinem dieser Alarme war die klinische Situation schwerwiegend kreislaufrelevant, die aufgetretene Schwindelsymptomatik konnte mit einfachen Selbstmaßnahmen des Patienten oder durch Medikationsanpassungen behoben werden.

Diskussion und Schlussfolgerungen

Unsere Daten zeigen, dass ein DMP, welches auf Telebiometrie und telefonischen Kurzschulungen basiert, unter Alltagsbedingungen in einem klinisch und statistisch signifikanten Ausmaß die mittleren Blutdruckwerte senkt und den Anteil der Programmteilnehmer mit einem mittleren systolischen bzw. diastolischen Blutdruck im Zielbereich steigern kann. Für den Erfolg ausschlaggebend ist hierbei, dass das DMP in Zusammenarbeit mit dem betreuenden Hausarzt durchgeführt wird. Die traditionelle hausärztliche Betreuung wird durch ein solches DMP ergänzt, dies durch die in der Hausarztpraxis nicht verfügbaren telemedizinische Maßnahmen der regelmäßigen Echtzeit-Blutdruckanalysen sowie der kurzen telemedizinischen Folgeschulungen unter Einbezug der aktuellen RR-Messungen, die ohne Zeitverlust sofort in eine Schulungseinheit einbezogen werden können. Mithilfe dieser Folgeschulungen können insbesondere auch hypertonierelevante Lebensstiländerungen vermittelt werden. Ziel ist, durch die – sowohl für Hausarzt als auch für Patient zugängliche – Visualisierung der Behandlungserfolge die Selbstverantwortung und Selbstkompetenz der Patienten zu stärken und die Therapieadhärenz zu erhöhen [18].

Die vorliegende Untersuchung beschreibt eine Evaluation eines unter Routinebedingungen laufenden DMPs und ist daher inhärent mit verschiedenen Limitationen behaftet. Zum einen können mithilfe der hier untersuchten Fallserie keine Rückschüsse auf das Ausmaß der klinischen Wirksamkeit im Vergleich zu anderen Interventionstypen (z.B. solche ohne telebiometrische Unterstützung) gezogen werden. Zudem könnte der retrospektive Auswertungsansatz prinzipiell zu systematischen Verzerrungen geführt haben. Dies halten wir jedoch deshalb für unwahrscheinlich, weil die Patientenbetreuung und Dokumentation in der elektronischen Patientenakte von telemedizinisch tätigen Ärzten übernommen wurde, während die Daten unabhängig davon von einem externen Statistiker aufbereitet bzw. analysiert wurden. Des weiteren wurden die Programmteilnehmer über ihre Krankenkasse rekrutiert, sodass uns keine Informationen über den Anteil bzw. die Charakteristika der Patienten vorliegen, die am DMP teilgenommen haben im Vergleich zu denjenigen Personen, die kein Interesse an einer Teilnahme hatten. Dieses Vorgehen bildet allerdings die Alltagsrealität ab, sodass unsere Evaluation ein Patientenkollektiv widerspiegelt, das sich für solche Programme rekrutieren lässt. Außerdem reflektiert unsere Auswertung auch, wie die Zusammenarbeit mit den behandelnden Hausärzten auf einer routinemäßigen Basis außerhalb spezieller Studiensettings praktizierbar ist. Die Untersuchung von Wirksamkeit und Sicherheit unter kontrollierten Studienbedingungen war explizit nicht Ziel der vorliegenden Evaluation und wurde innerhalb von internationalen randomisierten Studien bereits nachgewiesen.

Bezüglich der Interpretation unserer Ergebnisse muss berücksichtigt werden, dass die Blutdruckwerte bei Programmeintritt auf einer Einzelmessung beruhen, die im Verlauf des Programms ermittelten Werte jedoch auf den von den Patienten per Telebiometrie übertragenen Messzeitpunkten basieren. Die Werte zu Programmbeginn entsprechen also am ehesten der Situation in einer Hausarztpraxis, die telebiometrisch übermittelten Werte am ehesten denen von Heimmessungen. Hier könnte also prinzipiell die Quelle sowohl einer Über- als auch einer Unterschätzung des therapeutischen Effekts liegen. Auch hier wird mit unserer Erhebung jedoch die Praxisrealität abgebildet.

Änderungen der Medikation im Programmverlauf, Gründe für diese Änderungen und eventuelle medikamenteninduzierte unerwünschte Wirkungen wurden – obgleich Gegenstand der klinischen Arbeit im individuellen Fall – im Rahmen dieser Evaluation nicht quantitativ erhoben, weil medikamentöse Therapieanpassungen aus Kollegialitätsgründen in der Regel durch den behandelnden Hausarzt vorgenommen wurden und nicht als solches integraler Bestandteil des DMPs waren. Es lässt sich jedoch festhalten, dass die Kombination aus Schulung, Visualisierung und Anpassungen der medikamentösen antihypertensiven Therapie zu einer erheblichen Steigerung des Anteils gut eingestellter Patienten führte und die SMS-Alarme für erhöhte Blutdruckwerte bzw. bei hypertensiven Krisen abnahmen (Ergebnisse anderweitig publiziert) [19]. Dieser Befund steht im Einklang mit der internationalen Literatur [20]. Auch das Ausmaß der in unserer Studie erreichten Blutdrucksenkung deckt sich im Wesentlichen mit Befunden aus der internationalen Literatur [13, 14, 21]. Die geringfügigen Unterschiede lassen sich durch die angewandte Messmethode (z.B. 24-h-Blutdruckmessung) [13] bzw. durch die Patientenselektion (z.B. wesentliche höhere mittlere Blutdruckwerte bei Programmbeginn) [14] erklären. In früheren publizierten Studien fällt insbesondere auf, dass die telemedizinischen Programme dann besonders wirksam sind, wenn sie von regelmäßigen, individualisierten Interventionen begleitet werden, z.B. in Form von Telefonanrufen und Telefoncoaching.

Eine große Stärke des hier beschriebenen DMPs ist, dass das Programm prinzipiell individualisierbar ist, d.h. Behandlungsziele können an die individuelle Risikosituation (z.B. Niereninsuffizienz) angepasst, Beratungsinhalte auf den Informationsstand des Patienten zugeschnitten werden usw. Unserer Ergebnisse lassen deshalb auf die Situation außerhalb der genau definierten – und daher vermutlich teilweise realitätsfernen – Rahmenbedingungen von klinischen Studien oder Pilotprojekten schließen.

Ein entscheidender Aspekt ist, dass das hier vorgestellte Programm die Patienten für Präventions- und Behandlungsmaßnahmen sensibilisieren soll, die auch vom Hausarzt empfohlen bzw. unterstützt werden. Für den niedergelassenen behandelnden Arzt ist insbesondere von Vorteil, dass er jederzeit Überblick über die aktuellen Blutdruckwerte seines Patienten gewinnen, somit dessen Krankheitsverlaufs besser analysieren und auftretende Veränderungen frühzeitig – auch zwischen den Konsultationen – erkennen kann. Zudem kann der Hausarzt Informationen hinsichtlich der Therapieadhärenz seines Patienten erhalten. Diese Steigerung der Therapieadhärenz wurde in unserem Programm ebenfalls beobachtet und steigerte sowohl die Effizienz des Programms als auch die Zufriedenheit von allen Beteiligten erheblich [18]. Das Programm ist geeignet für Patienten mit bekannter Hypertonie, die im hausärztlichen Setting behandelt wird, aber noch ungenügend eingestellt ist und bei der der Hausarzt mit seinen punktuellen Messungen und innerhalb seiner Praxisstruktur an Grenzen stößt. Der klinische Zusatznutzen besteht aus unserer Sicht also in der Kombination aus Lebensstiländerungen, Steigerung der Therapieadhärenz und Anpassungen der medikamentösen antihypertensiven Therapie im Zusammenspiel aus Schulung und Behandlungskoordination mit dem niedergelassenen Arzt.

Was den zukünftigen Forschungsbedarf anbetrifft, so sollten künftige Studien insbesondere die Langzeiteffekte solcher DMPs evaluieren. Dies betrifft einerseits klinische Endpunkte wie kardiovaskuläre Ereignisse oder Mortalität, aber auch die Effekte auf Parameter der ärztlichen Versorgung wie Arztkonsultationen oder Hospitalisationen. Diese Studien werden notwendig sein, um gesundheitsökonomische Aspekte wie Kosteneffizienz abschätzen zu können, die die Grundlage für eine breite Implementierung darstellen.

Danksagung: Die Evaluation wurde vom Schweizer Zentrum für Telemedizin Medgate in Basel, Schweiz finanziert. Die Autoren danken Frau Dr. Michaela Pfaff für ihre Mitarbeit bei der Betreuung der Patienten.

Interessenkonflikte: Die Autoren M. Bethke, F. Pirovino, J. von Overbeck, E. Blozik waren oder sind Beschäftigte des Schweizer Zentrums für Telemedizin Medgate in Basel, Schweiz. Sie haben keine finanziellen Verbindungen mit einer Firma, die telebiometrische Messgeräte herstellt oder mit einer Firma, die Konkurrenzprodukte vertreibt.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Eva Blozik MPH

Schweizer Zentrum für Telemedizin <br/>Medgate

Gellertstr. 19

CH-4020 Basel

Tel.: 0041 61 377 88 24

Fax: 0041 61 377 88 40

E-Mail: eva.blozik@medgate.ch

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Abbildungen:

Abbildung 1 Prozesse im Disease Management Programm „Hypertonie“ im Schweizer Zentrum für Telemedizin Medgate.

Abbildung 2 Beispiel aus der elektronischen Patientenakte: Darstellung von Blutdruckwerten und medikamentöser Therapie im Programmverlauf innerhalb des DMP „Hypertonie“

Tabelle 1 Charakteristika der Studienpopulation (N = 74).

Tabelle 2 Mittelwerte der übertragenen systolischen Blutdruckwerte (RR) im Vergleich zum syst. Blutdruck bei Programmeintritt sowie Anteil der Programmteilnehmer mit mittlerem systolischem Blutdruck 130 mmHg bzw. 135 mmHg (Patienten, die wegen systolischer oder kombiniert systolisch-diastolischer Hypertonie eingeschlossen wurden, N = 58).

Tabelle 3 Mittelwerte der übertragenen diastolischen Blutdruckwerte (RR) sowie Anteil der Programmteilnehmer mit mittlerem diastolischem Blutdruck 85 mmHg bzw. 90 mmHg, getrennt nach Programmmonat (Patienten, die wegen diastolischer oder kombiniert systolisch-diastolischer Hypertonie eingeschlossen wurden, N=45).

1 Schweizer Zentrum für Telemedizin Medgate, Basel, Schweiz

2 Consultant Biostatistik, Belp, Schweiz

Peer reviewed article eingereicht: 04.10.2011, akzeptiert: 22.12.2011

DOI 10.3238/zfa.2012.0011-0017


(Stand: 15.03.2012)

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