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282 Typhus-Tote in Hannover

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„Sechs lange Tage floss im August letzten Jahres aus den Wasserhähnen Tausender Haushalte in Hannover eine penetrant stinkende Brühe. Sechs lange Tage scherte sich keine der staatlichen Stellen darum – selbst das Ricklinger Wasserwerk nicht, aus dessen Brunnen die Brühe kam. Erst als die Proteste lauter wurden, ging die Werksleitung der Sache auf den Grund. […] Das Ricklinger Wasserwerk reagierte sofort, überprüfte die Anlage und erhöhte den Chlorgehalt. Schon am folgenden Tag war das Wasser wieder sauber. Damit war für alle Beteiligten die Sache erledigt. Weder die Stadtverwaltung, noch der Oberbürgermeister, noch das Wasserwerk oder die Gesundheitsbehörden hielten es für nötig, die Bevölkerung vor den möglichen Folgen zu warnen.

Doch die Rechnung ging nicht auf. Ende August erkrankten plötzlich mehrere Menschen gleichzeitig an Typhus – und zwar ausschließlich in den Arbeitervierteln Linden, Ricklingen und Altstadt, die vom Ricklinger Wasserwerk versorgt wurden. Am 10. September lagen bereits 60 Typhus-Patienten im Krankenhaus. Einen Tag später waren es 300. Explosionsartig verbreitete sich in den folgenden Tagen die Seuche. Innerhalb weniger Wochen hatten sich 2500 Menschen infiziert. 282 raffte das Durchfall-Bakterium bis Anfang Dezember dahin. Dann war der Spuk endgültig vorbei.“

Spätestens bei der Angabe der Erkrankung und der Anzahl der Toten werden die meisten Leserinnen und Leser am Wahrheitsgehalt dieser Meldung gezweifelt haben. Trotz Ihrer Skepsis muss ich Ihnen sagen: Die Nachricht ist (fast) wahr! Ich habe nur einige wenige Worte weggelassen: Im Original heißt es:

„Sechs lange Tage floss im August 1926 ...“

Der Auszug stammt aus dem preisgekrönten Beitrag „Was hatte es überhaupt noch für einen Sinn, die Bevölkerung zu warnen?“ Der Skandal um die Typhusepidemie 1926 in Hannover, den ein Gymnasiast (Manuel Schwonberg aus der 10. Klasse des Gymnasiums Isernhagen) für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2011 eingereicht hatte (www.koerber-stiftung.de/index.php; s.a. andere ausgezeichnete Arbeiten unter www.koerber-stiftung.de/bildung/geschichtswettbewerb/portraet/bibliografie.html). Den in der Rubrik „Eines Tages“ von Spiegel Online veröffentlichten Text können Sie unter einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/23063/killerkeime_ aus_dem_wasserhahn.html frei herunterladen. Er zeigt, dass Infektionen, die mit kontaminierten Lebensmitteln oder Wasser zusammenhängen (wie z.B. die kürzliche EHEC-Epidemie), kein Phänomen der Neuzeit sind.

Foto: fotolia/sashpictures


(Stand: 15.03.2012)

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