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Frakturrisiko bei Vitamin-D-Mangel

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Bernhard Hansbauer

Frage

Ist der Vitamin-D-Spiegel ein geeigneter Parameter zur Bestimmung des Frakturrisikos? Sollte ein Screening auf erniedrigte Vitamin-D-Plasmaspiegel durchgeführt werden?

Antwort

Erniedrigte 25-OH-D-Spiegel ( 20 ng/mL) sind mit einem deutlichen Osteoporose- und Frakturrisiko assoziiert. Als alleiniger Risikomarker ist der Vitamin-D-Spiegel jedoch nicht ausreichend. Zusätzliche Faktoren wie Alter, Glukokortikoideinnahme, Familienanamnese etc. sollten in der Praxis miteinberechnet werden. Eine generelle Screening-Empfehlung hinsichtlich des Vitamin-D-Plasmaspiegels ist derzeit nicht gegeben.

Hintergrund

Vitamin D3 wird mit Hilfe von ultraviolettem Licht in der Haut gebildet und zu einem kleinen Teil auch aus der Nahrung aufgenommen. Als Serummarker für den Vitamin-D-Status wird meist 25-OH-D (25-Hydroxycholecalciferol) herangezogen, ein Metabolit, welcher in der Leber gebildet wird und den Großteil des zirkulierenden Vitamin D darstellt [1].

Die Normwerte für 25-OH-D im Serum werden kontrovers diskutiert, wobei der untere Grenzwert meist zwischen 15–40 ng/mL festgelegt wird [2–4].

Evidenzlage

Zahlreiche Studien haben ein inverses Verhältnis zwischen der Serumkonzentration von 25-OH-D und Parathormon (PTH) gezeigt. Der kompensatorische Anstieg von PTH, welcher durch Vitamin-D-Mangel hervorgerufen wird, führt zu einer überschießenden Knochenresorption, um den Calciumspiegel im Plasma aufrecht zu erhalten [5]. Mehrere Studien, darunter eine große populationsbezogene Studie (NHANES-III) mit über 13.000 Probanden, haben eine positive Assoziation von 25-OH-D-Spiegel im Plasma und Knochendichte belegt [6–8]. In einer prospektiven Kohortenstudie mit 1279 älteren Männern hatten Probanden mit einem 25-OH-D 20 ng/mL einen signifikant höheren Verlust an Knochendichte an der Hüfte als Probanden mit 25-OH-D 20 ng/mL (0,5 % versus 0,3 % pro Jahr) [9].

Mehrere Beobachtungsstudien zeigen, dass niedrige 25-OH-D-Spiegel mit einem erhöhten Hüftfrakturrisiko verbunden sind. In einer Kohortenstudie wurden 500 Probandinnen mit Hüftfraktur mit 400 gematchten Kontrollen über sieben Jahre beobachtet [10]. Der mittlere 25-OH-D-Spiegel war zu Studienbeginn bei Patientinnen, die im Laufe der Studien eine Hüftfraktur erlitten, signifikant niedriger (22 versus 24 ng/mL). Patientinnen mit den niedrigsten Serumspiegeln ( 19 ng/mL) hatten im Vergleich zu jenen mit den höchsten Spiegeln ( 28 ng/mL) das höchste Frakturrisiko (Odds Ratio 1,7; 95 % Konfidenzintervall [CI] 1,0–2,8).

Für Männer ergab eine weitere ähnliche Studie vergleichbare Ergebnisse (Hazard Ratio 2,36, 95 % CI 1,08–5,15 für Männer in der niedrigsten versus der höchsten Quartile des 25-OH-D-Plasmaspiegels) [11].

Neben einem erhöhten Risiko für Hüftfrakturen sind niedrige 25-OH-D-Spiegel auch mit anderen osteoporosebedingten Frakturen beispielsweise Wirbelkörper-, Handgelenks- oder Humerusfrakturen assoziiert [12]. In einer prospektiven Kohortenstudie mit älteren schwedischen Männern (Durchschnittsalter 71 Jahre) waren 25-OH-D-Spiegel unter 16 ng/mL mit einem gering erhöhten Gesamtrisiko für Frakturen assoziiert (HR 1, 65; 95 % CI 1,09–2,49) [13].

Praxisrelevanz

Erniedrigte 25-OH-D-Spiegel sind mit einem deutlichen Osteoporose- und Frakturrisiko assoziiert. Als alleiniger Risikomarker ist der Vitaminspiegel jedoch nicht ausreichend. Zusätzliche Faktoren wie Alter, Glukokortikoideinnahme, Familienanamnese etc. sollten in der Praxis mitberücksichtigt werden. So bietet beispielsweise das Fracture Risk Assessment Tool (FRAX) der WHO eine validierte Möglichkeit zur Abschätzung des Frakturrisikos anhand klinischer Risikofaktoren [14, 15]. Ein generelles Screening auf niedrige Vitamin-D-Plasmaspiegel wird derzeit nicht empfohlen.

Rechercheservice Evidenzbasierte

Medizin, PMU Salzburg

Stand der Recherche: Mai 2012

Literatur

1. Tsiaras WG, Weinstock MA. Factors influencing vitamin D status. Acta Derm Venereol 2011; 91: 115–124

2. Norman AW, Bouillon R, Lips P. 13. Workshop consensus for vitamin D nutritional guidelines. J Steroid Biochem Mol Biol. 2007; 103: 204–5

3. Bischoff-Ferrari HA, Giovannucc Ei, Dawson-Hughes B. Estimation of optimal serum concentrations of 25 hydroxyvitamin D for multiple health outcomes Am J Clin Nutr 2006; 84: 18–28

4. Cormier C. Souberbielle JC. New definition of optimal vitamin D status and redefining serum parathyroid hormone reference range. La Revue de médecine interne 2006; 27: 684–689

5. Rosen HN. Calcium and vitamin D supplementation in osteoporosis. UpToDate online 2012

6. Villareal DT, Civitelli R, Chines A, Avioli LV. Subclinical vitamin D deficiency in postmenopausal women with low vertebral bone mass. J Clin Endocrinol Metab 1991; 72: 628–34

7. Kuchuk NO, van Schoor NM, Pluijm SM, Chines A, Lips P. Vitamin D status, parathyroid function, bone turnover, and BMD in postmenopausal women with osteoporosis: global perspective. J Bone Miner Res 2009; 24: 693–701

8. Bischoff-Ferrari HA, Dietrich T, Orav EJ, Dawson-Hughes B. Positive association between 25-hydroxy vitamin D levels and bone mineral density: a population-based study of younger and older adults. Am J Med 2004; 116: 634–9

9. Ensrud KE, Taylor BC, Paudel ML, Cauley JA, Cawthon PM, Cummings SR, et al. Serum 25-hydroxyvitamin D levels and rate of hip bone loss in older men. J Clin Endocrinol Metab 2009; 94: 2773–80

10. Cauley JA, Lacroix AZ, Wu L, Horwitz M, Danielson ME, Bauer DC, et al. Serum 25-hydroxyvitamin D concentrations and risk for hip fractures. Ann Intern Med 2008; 149: 242–50

11. Cauley JA, Parimi N, Ensrud KE, Bauer DC, Cawthon PM, Cummings SR, et al. Serum 25-hydroxyvitamin D and the risk of hip and nonspine fractures in older men. J Bone Miner Res 2010; 25: 545–53

12. Gerdhem P, Ringsberg KA, Obrant KJ, Akesson K. Association between 25-hydroxy vitamin D levels, physical activity, muscle strength and fractures in the prospective population-based OPRA Study of Elderly Women. Osteoporos Int 2005; 16: 1425–31

13. Melhus H, Snellman G, Gedeborg R, Byberg L, Berglund L, Mallmin H, et al. Plasma 25-hydroxyvitamin D levels and fracture risk in a community-based cohort of elderly men in Sweden. J Clin Endocrinol Metab 2010; 95: 2637–45

14. Kanis JA, Johnell O, Oden A, Johansson H, McCloskey E. FRAX and the assessment of fracture probability in men and women from the UK. Osteoporos Int 2008; 19: 385–97

15. World Health Organization Collaborating Centre for Metabolic Bone Diseases, University of Sheffield UK; online: www.shef.ac.uk/FRAX


(Stand: 11.01.2013)

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