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Kongress der American Academy of Family Physicians (AAFP) in Philadelphia, USA, Oktober 2012

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Stefan Claus

Einmal im Jahr lädt die American Academy of Family Pysicians (AAFP), WONCA-Mitglied und amerikanisches DEGAM-Äquivalent, ihre Mitglieder zur Scientific Assembly ein. Der Kongress findet rotierend in verschiedenen amerikanischen Großstädten statt, die diesjährige Versammlung wurde vom 16. bis 20. Oktober in Philadelphia abgehalten, der Geburtsstätte der amerikanischen Demokratie.

Der Kongress bot den amerikanischen family physicians vielfältige, primär auf die praktische Arbeit bezogene Fortbildungsmöglichkeiten an, wobei im Programmheft über 320 Veranstaltungen verzeichnet waren. Neben dem klassischen Frontalvortrag von 45-minütiger Dauer und anschließender Diskussion wurden vier andere Lernkategorien wie interaktive Veranstaltungen, Präsentationen mit TED-Abstimmung, Kurzvorträge über die Neuerungen in verschiedenen Fachgebieten (blast presentations) sowie hands on procedures angeboten, bei der die Teilnehmer selbst einmal bei z.B. Untersuchungstechniken Hand anlegen sollten. Eigene wissenschaftliche Ergebnisse der Fakultäten wurden eher rudimentär bei den Posterpräsentationen dargestellt, da das Hauptziel des Kongresses weniger, wie der Titel vermuten lässt, die wissenschaftliche Darstellung als die Fortbildung ist. Zu verschieden Themen wie EKG-Analyse, Gelenkinjektionen und ästhetischer Chirurgie wurden zusätzlich kostenpflichtige Workshops angeboten.

Der Kongress mit über 4500 Teilnehmern bot den Besuchern die Möglichkeit ihre Fortbildungskonten zu füllen, denn auch das amerikanische Gesundheitssystem verlangt von den Ärzten den Nachweis ihrer Fortbildungsaktivität, wobei das Punktesystem dem unsrigen sehr ähnlich ist. Aber auch eine große Anzahl von internationalen Teilnehmern war beim diesjährigen Kongress zu finden, wobei aus dem europäischen Raum die Teilnehmer aus den skandinavischen Ländern die größte Gruppe ausmachten. Neben einem Niederländischen und einem Schweizer Kollegen war ich der einzige deutsche Arzt auf dem Kongress.

Die Vorträge zeichneten sich dadurch aus, dass sie auf der einen Seite streng evidenzbasiert waren, aber in einer sehr lockeren Atmosphäre mit dennoch hohem Wissenstransfer stattfanden. Insbesondere die hohe Praxisrelevanz der Darbietungen und der hohe Gehalt der take home messages war beeindruckend. Voraussetzung hierfür sind jedoch ausreichende Kenntnisse der amerikanischen medizinischen Nomenklatur, da auch hier leider häufig mit Abkürzungen gearbeitet wurde.

Ein weiteres Highlight des Kongresses war die hervorragende Organisation. Zwei Monate vor Kongressbeginn erhielt man das schriftliche Programm. Die Planung der Kongresstage bei bis zu 14 parallel stattfindenden Veranstaltungen wurde dem Besucher durch einen elektronischen Terminplaner auf der Homepage der AAFP oder durch eine kostenlose App für Smartphones erleichtert. Alle Referenten stellten ihre Beiträge drei Wochen vor Kongressbeginn als PDF Download zur Verfügung. In der Vergangenheit bestand die Möglichkeit, die PDF-Vortragsfolien direkt im Kongresszentrum auszudrucken, was in diesem Jahr nicht möglich war, sodass es sich empfiehlt, die avisierten Vorträge bereits zu Hause auszudrucken. So konnte sich das Mitschreiben während der Veranstaltungen auf zusätzliche Notizen beschränken. Alternativ konnte ein USB-Stick mit allen Vorträgen oder für Papierliebhaber ein 10 kg schwerer Ausdruck aller Kongressbeiträge käuflich erworben werden. Wenn ein Vortragssaal überfüllt war, so wurde sofort ein weiterer Raum zur Verfügung gestellt, in den der Vortrag audiovisuell übertragen wurde. Viele Beiträge fanden zudem mindestens zweifach statt, sodass bei Programmüberschneidungen immer noch die Möglichkeit bestand, den Wunschvortrag anzuhören.

Zur Mittagszeit fanden Kurzvorträge statt, bei denen die Teilnehmer mit einer von der AAFP gesponserten lunch box ausgestattet wurden, sodass auch für das leibliche Wohl gesorgt wurde. Wer nach einem langen Kongresstag noch nicht genug hatte, der konnte am Abend bei Dinner-Symposien weiteren Vorträgen lauschen. Für Frühaufsteher, wie den Jetlag geschädigten deutschen Autor, boten sich zusätzlich noch Frühstückssymposien ab 5.30 Uhr an.

Zwischen den Kongresshotels und dem riesigen Kongresszentrum in Philadelphia fuhren ganztägig im 30-Minuten-Rhythmus kostenlos Shuttlebusse, wobei ich nach dem langen Sitzen und dem sehr schönen Wetter einen kleinen Spaziergang bevorzugte. Falls man in dem Kongresszentrum die Orientierung verlor, boten viele freundliche Angestellte ihre Hilfe an. Ein weiterer Bestandteil der Versammlung war eine große Industrieausstellung, wobei neben den klassischen Pharmaständen auch viele Gesundheitsorganisationen als potenzielle Arbeitgeber ihre Informationen darboten.

Als weitere Programmpunkte des Kongresses waren eine feierliche Eröffnungsveranstaltung, International Networking Meetings und Plenarsitzungen mit in Amerika bekannten Autoren sowie ein morgendlicher five miles run erwähnenswert. Das Rahmenprogramm bestand aus verschiedenen Ausflügen wie Stadtrundfahrten und Touren in die Umgebung Philadelphias. Am Freitagabend fand traditionell die Kongressfeier statt. In diesem Jahr wurden die Teilnehmer zum Independence Park gefahren, einem großen Museumsareal mit historischen Gebäuden, in dem 1776 von Thomas Jefferson und Benjamin Franklin die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde und zur Bestätigung die ausgestellte Freiheitsglocke erklang. Dies war ein Kontrastprogramm zum letztjährigen Kongress in Orlando, wo sich die Teilnehmer in den Universal Studios an den verschiedensten Achterbahnfahrten erfreuten.

Die AAFP bietet auch nichtamerikanischen Ärzten die Möglichkeit der International Membership für 120 $ an. Darin enthalten ist der Online-Bezug des American Family Physician, einer sehr guten und praxisnahen Fortbildungszeitschrift, wenngleich der Gehalt an Pharmawerbung etwas abschreckt. Des Weiteren ist der Online-Bezug der Zeitschrift Family Practice Management inkludiert, die sich primär mit Themen der Praxisführung im amerikanischen Gesundheitssystem beschäftigt. Durch die Mitgliedschaft reduzieren sich die Kongressgebühren auf 595 $ (ohne Mitgliedschaft 895 $), was aber dem gebotenen Programm an fünf Tagen durchaus gerecht wird.

Im Jahr 2013 wird der Kongress im September im kalifornischen San Diego stattfinden. Wer also Surf und Turf liebt, gute Kenntnisse in der amerikanischen medizinischen Nomenklatur besitzt und einmal die erfrischende Vortragsart erleben möchte, dem sei der Kongress empfohlen.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Stefan Claus

Lehrbereich Allgemeinmedizin

Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Am Pulverturm 13

55131 Mainz

claus@uni-mainz.de

Lehrbereich Allgemeinmedizin, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz


(Stand: 11.01.2013)

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