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Einschätzung von Hausärzten zu Leitlinien, Fortbildung und Delegation

DOI: 10.3238/zfa.2013.0023-0030

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Guido Schmiemann, Erika Baum, Horst Christian Vollmar, Iris Schluckebier, Andreas Klement, Matthias Ömler, Anton J. Beck

Schlüsselwörter: Implementierung Leitlinien Medizinische Fachangestellte Praxismanagement Fortbildung

Hintergrund: Die evidenzbasierten Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) werden für die Umsetzung ihrer Empfehlungen in die Praxis erstellt. Ihre Implementierung hat jedoch Verbesserungspotenzial. Um Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung und Verbesserung bestehender Implementierungsstrategien zu identifizieren, führte die Sektion Qualitätsförderung der DEGAM eine Befragung unter Hausärzten durch. Folgende drei Fragenkomplexe wurden thematisiert: Anreize für die Integration von Leitlinien in den Praxisalltag, bevorzugte Nutzung von Fortbildungsformen, Delegation von Aufgaben an entsprechend geschulte Medizinische Fachangestellte.

Methoden: Explorative Querschnittsbefragung auf drei Hausarztfortbildungen im Jahr 2011. Verwendet wurde ein selbst konstruierter, standardisierter Fragebogen mit thematisch gruppierten Items, entstanden durch einen Konsensusprozess innerhalb der Sektion Qualitätsförderung der DEGAM.

Ergebnisse: Von etwa 500 Teilnehmer/innen antworteten 98 (Rücklaufquote: 20 %). Hausärzte sehen DEGAM-Leitlinien als wichtige Arbeitshilfe, während Leitlinien anderer Fachgesellschaften weniger Zustimmung finden. Anreize für den Leitlinieneinsatz bieten wissenschaftliche Qualität (84 %), vorliegende Kurzfassung (86 %), leitlinienkonforme Fortbildungsangebote (73 %), moderierte Diskussionen in Qualitätszirkeln (71 %) und Einbindung in die Praxissoftware (64 %). Finanzielle Anreize spielen eine untergeordnete Rolle. In der Praxisorganisation wird die Aufgabendelegation an entsprechend geschulte MFA von 85 % als Chance zur Zeitersparnis bewertet.

Schlussfolgerungen: Die Befragung bietet Ansätze für eine vertiefende Untersuchung des „Anwenderverhaltens“ von DEGAM-Leitlinien und zeigt hemmende und fördernde Faktoren der Implementierung auf.

Hintergrund

Eine besondere Herausforderung für die Gesundheitssysteme ist es, das Know-how zu entwickeln, möglichst zeitnah und praktikabel neue und gesicherte Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen [1, 2]. Leitlinien sollen dabei das umfangreiche Wissen (wissenschaftliche Evidenz und Praxiserfahrung) zu speziellen Versorgungsproblemen (z.B. chronischen Erkrankungen) sammeln und bewerten, bündeln und in Handlungsempfehlungen übersetzen [3].

Seit mehr als zehn Jahren werden durch die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) evidenzbasierte (EbM) Leitlinien „von Hausärzten für Hausärzte“ produziert, um in der Versorgung tätigen Ärzten Entscheidungshilfen an die Hand zu geben. Ziel ist die Verbesserung der Qualität und die Erhöhung der Nutzen-Aufwands-Relation hausärztlicher Versorgung. Die Erstellung findet meist federführend an einem oder mehreren universitären Instituten unter Beteiligung praktisch tätiger Hausärzte statt, wodurch zusätzlich noch durch einen obligaten Praxistest die Nähe zum Praxisalltag sichergestellt wird [4]. Dieser Praxistest stellt ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Leitlinienlandschaft dar. Mittlerweile (Stand August 2012) sind 15 Leitlinien auf hohem Niveau (S2e bzw. S3 nach AWMF-Nomenklatur) fertiggestellt worden. Allerdings besteht trotz aller Bemühungen, diese Leitlinien auf breiter Basis zu implementieren, noch ein erheblicher Handlungsbedarf: Häufig sind die (DEGAM-) Leitlinien entweder nicht bekannt oder werden im Alltag kaum eingesetzt [3].

Die Sektion Qualitätsförderung der DEGAM hat es sich unter dem Arbeitstitel „Wege von EbM in die Praxis und deren Hindernisse“ unter anderem zum Ziel gesetzt, Hinweise auf Verbesserungsmöglichkeiten der Leitlinien-Implementierung zu erarbeiten. Im Mittelpunkt des Interesses standen Implementierungsanreize, Verbreitungswege (Fortbildungsformate) und die (zukünftige) Rolle von Medizinischen Fachangestellten (MFA) in der Praxis. Hierzu sollten in einem ersten Schritt im Rahmen einer explorativen Pilotstudie drei Fragenkomplexe von ärztlichen Teilnehmer/innen an hausarztorientierten Fortbildungsveranstaltungen beantwortet werden:

  • Welche Anreize machen Leitlinien für Hausärzte attraktiv, sodass sie diese in ihren Praxisalltag integrieren?
  • Welche Fortbildungsformen werden jetzt und zukünftig von Hausärzten bevorzugt genutzt?
  • Inwieweit können durch die Delegation von Aufgaben (z.B. Patienteninformation) an entsprechend geschulte MFA positive Effekte auf Team- und Praxisorganisation erzielt werden?

Methodik

Die vorliegende Pilotstudie der Sektion Qualitätsförderung der DEGAM wurde als explorative Querschnittsbefragung angelegt. Die Befragung fand im April und Mai 2011 während dreier Fortbildungsveranstaltungen statt (Tag der Allgemeinmedizin Witten, Hessischer Hausärztetag und Hausärzte-Fortbildung Langeoog), auf denen insgesamt 500 Fragebögen ausgeteilt wurden. Die Bögen wurden solange verteilt, bis die austeilenden Kolleginnen und Kollegen keine Bögen mehr hatten („first-come, first-serve“).

Befragungsinstrument

Zum Einsatz kam ein selbst entwickeltes Fragebogeninstrument, da es nach unseren Recherchen zum Erhebungszeitpunkt keinen eingeführten und validierten Fragebogen gab, der in ausreichendem Maße unsere Forschungsfragen abgebildet hätte. Insgesamt neun Allgemeinärzte und eine MFA beteiligten sich an der Erarbeitung und Prüfung der inhaltlichen Gültigkeit des Fragebogens („expert validity“) während zweier Sektionstreffen und im E-Mail-Rundlauf.

Das Instrument bestand aus einem Teil zur Erhebung der soziodemografischen Informationen (Alter, Geschlecht, Dauer der Niederlassung, Berufserfahrung in Jahren, Praxisform, Wochenarbeitszeit, Patienten pro Quartal, Lehrpraxiserfahrung in Jahren und Größe des Ortes) mit neun Items und einem inhaltsbezogenen Teil, die zu sechs Skalen (mit insgesamt 46 Items) zusammengefasst wurden. Die Bildung der inhaltsbezogenen Skalen erfolgte durch das Aufsummieren der individuellen Test(roh)werte der Probanden über alle Items der jeweiligen Skala.

Die Skala Leitlinien-Anwendung erfragte anhand von ursprünglich vier Items (fünfstufige bipolare Likert-Skala; 1 = „lehne ab“ bis 5 = „stimme zu“) das Ausmaß der Zustimmung/Ablehnung zu Aussagen, dass Leitlinieninhalte bereits in das ärztliche Handeln aufgenommen wurden (z.B.: „Die Leitlinienempfehlungen der DEGAM sind in meinem Praxisalltag eine wichtige Entscheidungshilfe.“). Aufgrund einer fehlerhaften Formulierung (fehlendes Objekt „Kitteltaschenversion“) konnte ein Item nicht ausgewertet werden.

Die Skala Team- bzw. Praxisorganisation sollte durch vier Items (fünfstufige bipolare Likert-Skala; 1 = „lehne ab“ bis 5 = „stimme zu“) ebenfalls das Ausmaß der Zustimmung/Ablehnung zu organisationsentwickelnden Aussagen in der hausärztlichen Praxis erfassen, wie z.B. „An entsprechend geschulte Medizinische Fachangestellte sollten in der Praxis diagnostische Aufgaben vermehrt delegiert werden“.

Das Untersuchungsinstrument umfasste weitere Fragen (fünfstufige Items; 1 = „unwichtig“ bis 5 = „sehr wichtig“) zur Einschätzung der Wichtigkeit von Praxisleitliniengebieten („Wie wichtig sind die DEGAM-Praxisleitlinien zu den folgenden Themengebieten für Ihren Praxisalltag?“; 11 Items), von Anreizen für die Leitlinienanwendung („Welche Hilfsmittel und/oder Anreize sind wichtig für die Berücksichtigung von neuen Erkenntnissen oder Empfehlungen im Praxisalltag?“; 11 Items) sowie von bislang und künftig genutzten Fortbildungsmöglichkeiten mit jeweils acht Items.

Statistische Auswertungen

Alle Auswertungen wurden mit dem Programm SPSS (Version 19.0) berechnet. Dazu wurden die erhobenen Rohdaten mit dem Programm EvaSys ausgelesen, in das SPSS-Format überführt, auf ihre Qualität (Plausibilität, Missing-Data) untersucht und deskriptiv die Stichprobenbeschreibung erstellt. Zur Datenanalyse wurden zwei Arten von statistischen Auswertungen vorgenommen. Zur Analyse auf Itemebene erfolgte eine Zusammenfassung der jeweiligen randständigen Antwortkategorien („lehne ab“ und „lehne etwas ab“ in Ablehnung, „sehr wichtig“ und „wichtig“ in wichtig, „stimme zu“ und „stimme etwas zu“ in Zustimmung und „sehr unwichtig“ und „unwichtig“ in unwichtig), um hohe und niedrige Merkmalsausprägungen gegenüberstellen zu können.

Vor der Analyse auf Skalenebene mithilfe von interferenzstatistischen Verfahren überprüften wir deren teststatistische Voraussetzungen (Normalverteilung, Varianzhomogenität). Untersuchungen auf Mittelwertunterschiede (Subgruppenanalysen) erfolgten anhand des parameterfreien Mann-Whitney-U-Tests. Zur Darstellung der bivariaten Zusammenhänge kam der parameterfreie Rangkorrelationskoeffizient Kendall‘s Tau (?) zum Einsatz. Aufgrund des explorativen Charakters unserer Studie wurde keine ?-Adjustierung vorgenommen.

Resultate

Wir erhielten 98 auswertbare von 500 ausgegebenen Fragebögen (Hausärzte-Netzwerk Witten: 20 von 60, Hessischer Hausärztetag: 38 von 339, Hausärzte-Fortbildung Langeoog: 40 von 101), was einer Rücklaufquote von 19,6 % entspricht.

Von den befragten Allgemeinmedizinern (n = 98) war mehr als die Hälfte (62 %) männlich (Tab. 1). Der Altersmittelwert lag bei 51,6 Jahre (SD = 7,8 Jahre, Range = 35–69). Fast die Hälfte (49 %) davon war in Einzelpraxen und ca. ein Drittel in Berufsausübungsgemeinschaften (36 %) tätig. Lediglich sechs Prozent der teilnehmenden Ärzte arbeiteten als Angestellte. Die durchschnittliche Niederlassungsdauer betrug 15,3 Jahre (SD = 9,6 Jahre, Range = 0–36 Jahre) und die mittlere Dauer der Berufsausübung lag bei 23,2 Jahren (SD = 8,5 Jahre, Range = 4–43 Jahre). Von den 98 Antwortenden gaben 49 (50 %) eine Lehrarzttätigkeit mit einer mittleren Dauer von 8,1 Jahren an (SD = 5,7 Jahre, Range = 1–25 Jahre). Die befragten Ärzte hatten eine mittlere Wochenarbeitszeit von 46,6 Stunden (SD = 11,9 Wochenstunden, Range = 4–79 Stunden) gaben eine durchschnittliche Patientenzahl von 1238,2 pro Quartal an (SD = 780,5 Patienten, Range = 0–6638 Patienten).

Untersuchungen auf Itemebene

Anwendung von Leitlinien

Mehr als die Hälfte der Befragten stimmten der Aussage zu, dass Leitlinienempfehlungen der DEGAM (56/92; 61 %) wichtige Entscheidungshilfen darstellen. Deutlich weniger befragte Ärzte signalisierten ihre Zustimmungen zu Leitlinienempfehlungen anderer Fachgebiete (39/88; 44 %) bzw. zu Patienteninformationen (24/89; 29 %).

Anreize zum Einsatz von Praxisleitlinien

Welche Anreize und Hilfsmittel sind für Berücksichtigung von „neuen Erkenntnissen oder Empfehlungen“ im Praxisalltag bedeutsam und unterstützen so die Implementierung von Leitlinieninhalten? Als bedeutsame Anreize wurden von der Mehrzahl eine vorliegende Kurzfassung (77/90; 86 %), die wissenschaftliche Qualität der Leitlinienarbeit (75/89; 84 %), leitlinienkonforme Fortbildungsangebote (64/88; 73 %), moderierte Diskussionen in Qualitätszirkeln (62/87; 71 %) und die Einbindung in Praxissoftware (57/89; 64 %) eingeschätzt, während finanzielle Anreize und die Bereitstellung von Originalpublikationen eine eher untergeordnete Rolle spielten (Tab. 2a).

Themen von Praxisleitlinien

Die Einschätzungen der Befragten zur Wichtigkeit einzelner Leitlinienthemen aus einer Beispielauswahl (11 von 15 DEGAM-Leitlinien) variieren nur wenig. Die Leitlinien zu Herzinsuffizienz (Mittelwert (M) = 3,74; SD = 0,96), zum Schlaganfall (M = 3,72; SD = 0,96), Infekten der oberen Atemwege (M = 3,58; SD = 1,14), zur Demenz (M = 3,53; SD = 1,05) sowie zu Kreuz- und Nackenschmerzen (M = 3,52; SD = 1,08) werden nur geringfügig „wichtiger“ bewertet, als die Leitlinie zur Müdigkeit auf dem letzten Platz (M = 3,15; SD = 1,13).

Fortbildungsmöglichkeiten

Sowohl bei den bisherigen (M = 4,07; SD = 0,95) als auch bei den gewünschten (M = 4,02; SD = 1,03) Fortbildungsmöglichkeiten stand das Selbststudium anhand von Fachzeitschriften in den Bewertungen der Befragten auf Platz 1 (Tab. 2b). In absteigender Reihenfolge ihrer Wichtigkeit folgten Präsenz-Fortbildungen mit Referenten (bisher: 2, künftig: 4), Selbststudium anhand von Fachbüchern (bisher: 3, künftig: 5), Selbststudium durch das Internet (bisher: 4, künftig: 2) und Qualitätszirkelarbeit (bisher: 5, künftig: 3). Hospitationen bei niedergelassenen Fachärzten bzw. im Krankenhaus und interaktive Fortbildungsprogramme wurden deutlich seltener bevorzugt.

Team- und Praxisorganisation

Die Mehrzahl der befragten Ärzte/Ärztinnen betrachteten Veränderungen der Praxisorganisation als wichtige Maßnahmen, eine Aufgabendelegation an entsprechend geschulte Medizinische Fachangestellte (MFA) wurde von 85 % (74/87) als Chance zur Zeitersparnis bewertet (Tab. 2c). Bedeutsam ist hierbei die Delegation von Aufgaben der Patienteninformation (68/90; 76 %), des Praxismanagements (66/89; 74 %), und diagnostischer Maßnahmen (54/89; 61 %).

Untersuchungen auf Skalenebene

Soziodemografische Merkmale

Das Alter der Befragten war erwartungsgemäß positiv mit der Niederlassungsdauer (? = 0,62; p 0,01) und der Berufserfahrung (? = 0,73; p 0,01) korreliert.

Leitlinienanwendung und deren Anreize

Die Anwendung von Leitlinien war signifikant positiv mit der Bewertung von Anreizen für die Leitlinienanwendung (? = 0,24; p 0,05) und der Nutzung künftiger Fortbildungsmöglichkeiten (? = 0,34; p 0,01) verbunden. Ein solcher Zusammenhang bestand jedoch nicht mit der Nutzung aktueller Fortbildungsangebote.

Team- und Praxisorganisation

Veränderungen der Praxisorganisation, d.h. die Aufgabendelegation an geschulte Medizinische Fachangestellte, zeigte schwach negative Zusammenhänge mit der Berufserfahrung (? = –0,20; p 0,05) und der Niederlassungsdauer (? = –0,17; p 0,05).

Subgruppenanalysen

Untersuchungen in Bezug auf Mittelwertunterschiede zwischen beiden Geschlechtern weisen darauf hin, dass die antwortenden Hausärztinnen eher jünger sind (p 0,05), eine kürzere Niederlassungsdauer haben (p 0,05), weniger Berufserfahrung aufweisen (p 0,05), aktuell häufiger (p 0,05) und tendenziell auch künftige Fortbildungsangebote (p0,10) häufiger nutzen wollen, als ihre männlichen Kollegen (Tab. 3).

Diskussion

In der vorliegenden explorativen Befragung gaben 98 Hausärztinnen und Hausärzte ihre Einschätzung zur Leitliniennutzung, zu gegenwärtig genutzten und zukünftigen Fortbildungsformaten sowie zu Möglichkeiten der Delegation hausärztlicher Tätigkeiten an qualifizierte MFA (Fortbildungen im Rahmen von AGnES-, Verah- oder ähnlichen Qualifikations-Projekten). Ein wesentliches Ziel der Befragung seitens der Sektion Qualitätsförderung der DEGAM war es, Hinweise für Ansatzpunkte zur (noch) besseren Implementierung der DEGAM-Leitlinien zu erhalten.

Limitationen

Die durchgeführte Befragung weist einige Limitationen auf. Zwar liegt die niedrige Rücklaufquote mit knapp 20 Prozent im Rahmen ähnlicher Befragungen [5]. Es konnten jedoch keine Angaben über diejenigen Teilnehmer/innen erhoben werden, welche die Fragebögen nicht ausfüllten (Non-Responder). Zudem bleibt die Grundgesamtheit unklar (die Gesamtzahl und Struktur der Teilnehmer/innen der Fortbildungsveranstaltungen zum Zeitpunkt der Fragebogenausgabe war nicht erfassbar) und die Befragung erfolgte zu drei verschiedenen Zeitpunkten an unterschiedlichen Orten und Veranstaltungsformaten. In der Erfragung der Anzahl der betreuten Patienten pro Quartal wurden zum Teil unrealistisch niedrige und hohe Werte angegeben, möglicherweise infolge Dezimalfehlern oder missverständlicher Nennung der Gesamtfallzahl eines MVZ. Wie bei allen Befragungen dieser Art ist eine „soziale Erwünschtheit“ beim Antwortverhalten nicht auszuschließen. Bei den Fortbildungsmöglichkeiten wurden Pharmareferenten nicht als Item abgefragt, obwohl ältere Studien zeigen, dass diese sehr wohl von Hausärzten als Informations- (Fortbildungs-) Quelle wahrgenommen werden [6]. Weiterhin ist ein Selektionsbias durch möglicherweise besonders fortbildungswillige Teilnehmer/innen und Lehrpraxisinhaber/innen möglich, da die Befragung während selbst zu finanzierender Fortbildungsveranstaltungen durchgeführt wurde. Eine Rate von 50 % Lehrpraxisinhaber/innen liegt deutlich über der durchschnittlichen Rate von 5 % in Deutschland, was ebenfalls für einen Selektionseffekt spricht [7]. Es gab kein gesondertes „Anschreiben“ an die Teilnehmer/innen – der Zweck der Befragung wurde in den Veranstaltungen mündlich und nicht standardisiert vermittelt – sodass auch Teilnehmer/innen den Fragebogen ohne Erläuterung erhalten haben könnten. Die Fallzahl ist mit knapp 100 relativ klein und nicht repräsentativ; dies erschwert auch die Betrachtung von Untergruppen (z.B. Gruppen- vs. Einzelpraxen). Aus diesem Grunde betrachtet die Korrelationsmatrix Interaktionen auch auf Skalen- und nicht auf Itemniveau. Die Skalen sind thematisch weitgehend homogen und einheitlich gepolt, aber nicht validiert. Schließlich musste aufgrund eines Satzbaufehlers in der Endredaktion des Fragebogens das ursprünglich beabsichtigte Item zur Nutzung der „Kitteltaschenversion“ im Praxisalltag aus der Auswertung herausgenommen werden.

Implikationen für die Leitlinien-entwicklung der DEGAM

Trotz der aufgeführten Limitationen bietet die Befragung zahlreiche Ansatzpunkte, um die Implementierung der DEGAM-Leitlinien zu optimieren. Denn, auch wenn die Empfehlungen und die Praxisleitlinien der DEGAM höher eingestuft werden als die Leitlinien anderer Fachgesellschaften, so erfordert ein Prozentsatz von 61 % bzw. 52 % der Hausärzte, die sie für eine wichtige Entscheidungshilfe halten, doch weitere Implementierungsanstrengungen seitens der DEGAM. Der Prozentsatz liegt allerdings im Bereich einer anderen älteren repräsentativen Befragung [8]. Die Befragung bestätigt den Zusammenhang zwischen der Nutzung von Leitlinien in der Praxis und dem Vorhandensein entsprechender Anreize, die zum Teil bereits existieren (z.B. eine Kurzfassung jeder Leitlinie). Auch leitlinienkonforme Fortbildungen und moderierte Qualitätszirkeldiskussionen werden als probates Mittel zur Steigerung der Leitlinienakzeptanz angesehen. Dies wird durch andere Arbeiten bestätigt [9]. Interessanterweise zeigten sich intensivere LL-Anwender eher aufgeschlossener gegenüber zukünftiger Fortbildung; sie unterschieden sich jedoch nicht in der Nutzung gegenwärtiger Fortbildungsformate von den weniger intensiven LL-Anwendern. Die Bereitstellung der Originalpublikationen, z.B. zur Überprüfung der Leitlinienempfehlungen oder zur vertieften Lektüre wird als eher unwichtig eingestuft, ebenso finanzielle Anreize im Sinne von „pay for performance“. Beide Einschätzungen decken sich mit älteren Erhebungen [10, 11]. Die relativ geringe Nutzung von leitlinienkorrespondierenden Patienteninformationen wäre in einem nächsten Schritt vertiefend zu untersuchen (z.B. mit der Frage, ob besser informierte Patienten/innen als „Bedrohung“ betrachtet werden). Weiterhin stehen zwar die Hausärzte/innen im Fokus der Befragung, es werden jedoch auch organisatorische Rahmenbedingungen wie beispielsweise die Zusammenarbeit mit den MFA oder die Einbindung von Leitlinien in die Praxissoftware thematisiert. Die Berücksichtigung der Praxisorganisation, insbesondere im Hinblick auf potenzielle arztentlastende Delegationsmöglichkeiten (z.B. Patienteninformationen bzw. Schulungen) stellt eine wichtige Chance und Unterstützung für eine (noch) erfolgreichere Verbreitung bzw. Implementierung dar und ist in der Vergangenheit möglicherweise noch nicht ausreichend genutzt worden. Hierunter fallen z.B. auch Softwaretools, die eine Einbindung der wesentlichen Leitlinienempfehlungen in die Praxis-EDV-Systeme ermöglichen.

Fortbildung

Fortbildungen können ein wichtiges Element sein, um die Inhalte von Leitlinien in die Praxis zu tragen [12, 13]. Diese Einschätzung wurde von den befragten Hausärzte/innen mehrheitlich geteilt. Um sie über Fortbildungsmaßnahmen gezielt erreichen zu können, ist es weiterhin notwendig, ihre Präferenzen zu kennen. Auch hierfür liefert die Befragung Material und bestätigt vorangegangene Untersuchungen bei deutschen Hausärzten/innen [6,13–16]. So ist beispielsweise – analog zur Durchschnittsbevölkerung – die Internetnutzung von deutschen (Haus-) Ärzten/innen in den letzten fünfzehn Jahren kontinuierlich angestiegen. Dies scheint jedoch nicht mit einer wesentlichen Änderung des Lernverhaltens im Hinblick auf die Nutzung von Internetquellen einherzugehen [15–17]. Alles deutet darauf hin, dass deutsche Hausärzte/innen „klassische Fortbildungsmöglichkeiten“ wie Fachzeitschriften, Bücher und Vorträge bevorzugen. Hinzugekommen sind allerdings Qualitätszirkel als Orte der Fortbildung und des Lernens [14, 15, 18, 19]. Ob die durch weibliche Hausärzte angegebene, vermehrte Inanspruchnahme von Fortbildungsangeboten tatsächlich einer intensiveren Nutzung entspricht oder eher einem Antwortverhalten im Sinne der oben erwähnten sozialen Erwünschtheit entspricht, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Schlussfolgerungen

Sowohl die Zielgruppe der Hausärzte/innen mit ihrem Praxisteam als auch die Qualität der Leitlinien sind unbestreitbar wichtige und notwendige Bausteine in einem Implementierungsprozess. Eine Vielzahl von Einflussfaktoren kam in den bisherigen Implementierungsstudien wenig oder gar nicht vor, z.B. leitlinienbasierte Versorgungsaufgaben an nicht-ärztliche Gesundheitsfachberufe zu delegieren oder die Motivation und Einstellung von Ärzten zu verändern [20]. Mit der hier vorliegenden Befragung von Hausärzten/innen konnten Aussagen zur Einschätzung von Leitlinien, von Fortbildungspräferenzen und der Delegation an MFA gewonnen werden. Dies liefert wertvolle Hinweise für die Weiterentwicklung von Implementierungskonzepten für Leitlinien und kann zukünftig durch die Ständige Leitlinienkommission (SLK) der DEGAM berücksichtigt werden.

Danksagung: Die Autoren/innen danken allen Teilnehmer/innen, die bereitwillig einen Fragebogen ausgefüllt haben. Weiterhin danken wir Dr. Martin Beyer für seine hilfreichen Kommentare bei der Überarbeitung des Manuskriptes.

Interessenkonflikte: Der Autor HCV gibt Vortrags- (Sozialamt Stuttgart) und Autorenhonorare (Versorgungsreport 2012, Elsevier) sowie Aktienbesitz an. Keiner dieser Aktivitäten hat Bezüge zum Thema bzw. den Inhalten des vorliegenden Artikels. Die weiteren Autoren haben keine Interessenkonflikte angegeben.

Korrespondenzadresse

PD Dr. med. Horst Christian Vollmar, MPH

Institut für Allgemeinmedizin

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Moorenstraße 5

40225 Düsseldorf

Tel. 0211 81-08169

horst.vollmar@med.uni-duesseldorf.de

Literatur

1. Bodenheimer T. The American health care system – the movement for improved quality in health care. N Engl J Med 1999; 340: 488–492

2. Vollmar HC, Gerlach FM, Szecsenyi J, Butzlaff ME. Wissenstransfer – DEGAM-Serie „Betreuung von Menschen mit chronischen Krankheiten“. Z Allg Med 2008; 84: 214–217

3. Ollenschlaeger G, Kirchner H, Fiene M. Leitlinien in der Medizin – scheitern sie an der praktischen Umsetzung? Der Internist 2001; 42: 473–474, 477–483

4. Gerlach FM, Beyer M, Berndt M, et al. Das DEGAM-Konzept – Entwicklung, Verbreitung, Implementierung und Evaluation von Leitlinien für die hausärztliche Praxis. Z Arztl Fortbild Qualitatssich 1999; 93: 111–120

5. Bleidorn J, Voigt I, Wrede J, Dierks M-L, Junius-Walker U. Anrufen ohne Ende? Über das Gewinnen hausärztlicher Praxen für ein Forschungsprojekt. Z Allg Med 2012; 88: 61–68

6. Kempkens D, Dieterle WE, Butzlaff M, et al. German ambulatory care physicians’ perspectives on continuing medical education – a national survey. J Contin Educ Health Prof 2009; 29: 259–268

7. Böhme K, Streitlein-Böhme I, Huenges B. Neue Approbationsordnung: Mehr Lehrpraxen benötigt. Dtsch Arztebl 2012; 109: A-1483–1486

8. Butzlaff M, Kempkens D, Schnee M, et al. German ambulatory care physicians’ perspectives on clinical guidelines – a national survey. BMC Fam Pract 2006; 7: 47

9. Peters-Klimm F, Natanzon I, Muller-Tasch T, et al. Barriers to guideline implementation and educational needs of general practitioners regarding heart failure: a qualitative study. GMS Z Med Ausbild 2012; 29: Doc46

10. Butzlaff M, Floer BA, Vollmar HC, et al. www.evidence.de – Netzbasierte Leitlinien im Praxistest. Beurteilung und Nutzung von evidenzbasierten und netzgestützten Leitlinien durch Allgemeinärzte und hausärztlich tätige Internisten. Z Arztl Fortbild Qualitatssich 2002; 96: 127–133

11. Abholz HH, Egidi G. Qualitätsindikatoren in der Hausärztlichen Versorgung – ein Provokationspapier. Z Allg Med 2009; 85: 260–263

12. Butzlaff M, Lutz G, Falck-Ytter C. Lernen ohne Ende. Die medizinische Leitlinie – ein Weiterbildungsinstrument mit Zukunft? Dtsch Med Wochenschr 1998; 123: 643–647

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Abbildungen:

Tabelle 1 Merkmale der befragten Allgemeinärzte (n = 98).

Tabelle 2a Mittelwerte und Standardabweichungen von Items der Skala „Anreize zum Einsatz von Praxisleitlinien“.

Tabelle 2b Mittelwerte und Standardabweichungen von Items der Skalen „Nutzung bisheriger und künftiger Fortbildungsmöglichkeiten“.

Tabelle 2c Mittelwerte und Standardabweichungen von Items der Skalen „Anwendung von Leitlinien“ und „Team- und Praxisorganisation“

Tabelle 3 Gruppenunterschiede (Geschlecht) hinsichtlich der Variablen Alter, Dauer der Niederlassung, Berufserfahrung, Anwendung von Praxisleitlinien, Team-und Praxisorganisation, Anreize zum Einsatz von Praxisleitlinien, Nutzung bisheriger/künftiger Fortbildungsmöglichkeiten.

1 Institut für Allgemeinmedizin, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

2 Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Universität Witten-Herdecke

3 Sektion Allgemeinmedizin, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

4 Abteilung Versorgungsforschung, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen

5 Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin, Rottenburg an der Laaber

6 Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Philipps-Universität Marburg

Peer reviewed article eingereicht: 16.08.2012, akzeptiert: 19.11.2012 DOI 10.3238/zfa.2013.0023–0030


(Stand: 11.01.2013)

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