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Über die Arrodierung des gegliederten Systems durch Patienten unter Anleitung der Politik

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Wir haben alle darunter gelitten, dass wir die 10 Euro Praxisgebühr einkassieren mussten, organisatorischen Aufwand erheblichen Ausmaßes hatten. Aber die SPD-Ministerin Ulla Schmidt war weitaus klüger als jüngere Politiker heute: Sie hat diese Regelung damit verbunden, dass die Patienten – im Regelfall – faktisch nur per Überweisung zu Spezialisten kamen. Die Praxisgebühr war somit Instrument der Aufrechterhaltung eines gegliederten ambulanten Systems.

Mit der Abschaffung der Praxisgebühr, ein Akt, der eben nicht nur populistisch war, sondern seine strukturellen Auswirkungen hat, kommt es jetzt zur Arrondierung des gegliederten Systems – und sollte es vielleicht auch nach „liberaler Politik“ kommen. Erst langsam merken wir, wo überall die Patienten von sich aus waren – bis einschließlich CT und Kernspinuntersuchung. Aber auch z.B. die Korrektur der medikamentösen Therapie eines banalen Hochdruckes wird vom „selbstständigen Patienten“ beim Kardiologen nun manchmal vorgenommen, der – nach zahlreichen technischen Untersuchungen versteht sich – von bisher 5 mg Ramipril auf 10 mg erhöht.

Und das merkt man als Hausarzt manchmal erst, wenn man nach Ende einer Ehekrise dieses Patienten nun wieder den Patienten sieht, weil er, sich selbst messend, immer so niedrigen Blutdruck hat. Selbst zum Neurologen gehen sensible Patienten mit niedrigem Blutdruck, weil sie beim Bücken und Hochkommen so ein „Husch“ sekundenhaft im Kopf spüren; ob sie nicht einen Tumor haben, ist ihre Frage dort. Und der – insbesondere auf dem Lande – kaum Termine habende Psychiater wird als Eheberater konsultiert, weil die Partnerin sich trennen will.

Haben wir aber Fragen, für die wir diesen Psychiater benötigen oder die ein MRT als dringend indiziert erscheinen lassen, dann stehen wir – zumindest bei mir auf dem Lande – vor größten Terminschwierigkeiten: In zwei, drei oder vier Monaten erst gibt es einen. Also müssen wir immer häufiger die ja nun zunehmend mit vielen Untersuchungen beschäftigen Spezialisten zeitaufwendig anrufen, um für wirklich wichtige Termine einen früheren Zeitpunkt wortreich zu vereinbaren. Kommentar eines Radiologen: Wir haben zwei Wartelisten, die eine mit 3 Monaten Wartezeit und die andere ist die, die wir mit den Terminen führen, die die Kollegen persönlich für einen Patienten ausgemacht haben; anders lässt sich nicht mehr arbeiten.

Mit zu den neuen Erlebnissen gehört auch, dass weitaus häufiger als früher Patienten von Untersuchungen und Konsultationen implizierend in der Konsultation mit uns sprechen, von denen wir in ihrem Fall noch nie gehört haben. Erklärung ist: Der direkt, also ohne Überweisung aufgesuchte Spezialist macht selbstverständlich keine Mitteilung zu seiner Konsultation – und muss dies auch nicht machen! Denn dies ist schlecht honorierter Aufwand für ihn.

Natürlich betrifft dies bisher nicht die Mehrzahl der Patienten – nur wird hier erst eine „neue Umgangsform“ ausprobiert, die sich erweitern wird, also zur neuen Selbstverständlichkeit wird. Dann aber ist es meist sehr schwierig, diese „Schein-Freiheiten“, die eigentlich ein Ausmelken der Patienten beinhaltet, wieder aufzuheben.

Und es kommt noch zu einem anderen Schaden durch die Arrodierung des gegliederten Systems: Die somatisierenden Patienten machen nun noch mehr ihre Reisen durch die Spezialistenwelt und deren Untersuchungen. Massenhaft falsch-positive Befunde werden produziert und aufwendig weiter abgeklärt. Dies ist zum Schaden der Patienten, insbesondere der somatisierenden Patienten sowie der Kassen – und damit längerfristig des Versicherungssystems.

Die Spezialisten profitieren nur auf den ersten Blick: Sie haben mehr Fälle. Nur sind sie damit in das uns bekannte Hamsterrad gekommen: Jeder macht mehr und bekommt dann auch mehr Honorar – zu Beginn. Dann aber führt dies bei begrenztem „Vergütungstopf der Spezialisten“ zum Absinken des Punktwertes – was am Schluss bedeutet, dass alle nicht mehr Geld bekommen, aber der, der am schnellsten Fälle durchschleust, einen größeren Anteil davon hat – was erneut das Rad anheizt.

Die Spezialisten werden zudem auch geschädigt, weil sie in ihrer Treffsicherheit ihrer Diagnostik und auch Therapie schlechter werden müssen. Denn aufgrund der nun einströmenden „unselektierten Patienten“ wird die Häufigkeit der jeweils gesuchten Erkrankungen beim jeweiligen Spezialisten immer geringer – und damit die Treffsicherheit einer Diagnosestellung immer geringer.

Gibt es einen Ausweg? „Liberale Politik“ hat uns das eingebrockt. Die dies vertretende Partei ist gescheitert. Aber bevor das gegliederte System scheitert, muss Politik hier wieder eine Änderung herbeiführen, sei es über eine Praxisgebühr oder eine andere Regelung, die diese nutzlose, ja gefährliche Ausweitung der Medizin verhindert. Alternative wäre hier nur die KBV, die eine solche Regelung treffen könnte – eine KBV, die mehrheitlich in Spezialistenhand ist. Aber vielleicht sind die Spezialisten dort klüger als wir es über Jahre waren und sehen, dass sie auf lange Sicht von dieser Ausweitung nichts als Schaden haben.

Ihr


(Stand: 27.03.2014)

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