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Trotz fehlender Wirksamkeitsunterschiede: 19,3% der dänischen Hausärzte bevorzugen Escitalopram vor Citalopram als Erstmedikation

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Dänemark (5,53 Millionen Einwohner) gilt weithin als eine Art Schlaraffenland für die Allgemeinmedizin:

  • Das Gesundheitssystem ist strikt primärärztlich orientiert.
  • Alle Personen tragen sich in Listen ein (auch wenn sie die Praxis als Patient gar nicht betreten).
  • Die Vergütung ist in Relation zum Arbeitsaufwand spürbar höher als in Deutschland.

(NB: Die meisten dänischen Patienten hüten sich übrigens, zwischen 13:00 und 15:00 Uhr anzurufen, denn dann sitzt das dänische Praxisteam zusammen und isst gemeinsam. Dieses Gemeinschaftsmahl heißt auf Dänisch „Frokost-Tid“ – wie ich dem Artikel Hausarzt-Medizin in Dänemark von Günther Egidi entnehme [Z Allg Med 2006; 82: 11–17]).

Nicht nur den Hausärzten, auch den dänischen Epidemiologen geht es gut, können sie sich doch aus einer ganzen Reihe von nationalen Registern z.B. zu Krankheitsinzidenz, Arzneiverordnungen oder Todesursachen bedienen.

Angesichts dieser fast paradiesischen Situation reibt man sich verwundert die Augen, wenn man die neueste Ausgabe des European Journals of Clinical Pharmacology aufschlägt. Dort wird eine Arbeit publiziert, die sich mit der hausärztlichen Erstverordnung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) bei bislang unbehandelten Patienten auseinandersetzt.

„Hausärztliche Erstverordnung bei bislang unbehandelten Patienten“ heißt, dass

  • die Substanz zumindest in den letzten 24 Monaten nicht verschrieben worden war, also auch kein Spezialist mit einem Rezept den künftigen Therapieweg bestimmt hätte und
  • die Patienten in den letzten sechs Monaten auch kein anderes Antidepressivum erhalten hatten.

Analysiert wurden alle zwischen dem 1. April 2009 und dem 31. März 2010 erstmalig ausgestellten Rezepte (n = 82.702, davon n = 65.313 für bislang unbehandelte Personen) für die Substanzen Citalopram, Escitalopram und Sertralin.

Zwischen Citalopram und dem deutlich teureren Escitalopram (dem linksdrehenden Isomer von Citalopram) gibt es nach wissenschaftlichen Belegen keine relevanten Wirksamkeitsunterschiede. Demzufolge wird Escitalopram in den Nationalen Versorgungsleitlinien Dänemarks auch nicht als Erstwahlmittel empfohlen. Die Herstellerfirma jedoch wirbt u.a. mit dem Pseudoargument eines schnelleren Wirkungseintritts und sponsort (bei der Behandlung der generalisierten Angstkrankheit) fast ausschließlich Studien mit Escitalopram, sodass die Fachgesellschaften dann auch nur diese Substanz in ihre Leitlinien schreiben. Interessenkonflikte: keine angegeben …

Die Ergebnisse der Analyse können Sie der Tabelle entnehmen. Bei den untersuchten Substanzen wird also (wie in vielen anderen Ländern) die große Mehrheit aller Erstverordnungen von Allgemeinärzten ausgestellt und 19,3 % wählen initial Escitalopram statt Citalopram (die in der Tabelle angegebenen 17 % sind ein Druckfehler der Zeitschrift). Dass Psychiater und Krankenhausärzte Escitalopram noch stärker bevorzugen als Hausärzte, kann m.E. nicht als Entschuldigung herhalten.

Über die Ursachen dieser Verschreibungspraxis spekulieren die Autoren in Bereichen von Alter oder Geschlecht der Ärzte, Praxisgröße, aber auch Patientenfaktoren. Wenn aber keine Leitlinienempfehlungen verantwortlich und auch sonst keine geheimen Kräfte am Werk sind, darf man gerne den gesunden Menschenverstand einschalten: Die Zahl der Besuche von Pharmareferenten in den Praxen ... sie wird auch in Dänemark noch in keinem Register dokumentiert ...

Poulsen KK, Glintborg D, Moreno SI, Thirstrup S, Aagaard L, Andersen SE. Danish physicians ’ preferences for prescribing escitalopram over citalopram and sertraline to treatment-naïve patients: a national, register-based study. Eur J Clin Pharmacol 2013; 69: 1167–1171

Abbildungen:

Tabelle Distribution of SSRI treatment in naïve patients by type of SSRI and type of prescriber


(Stand: 16.01.2014)

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