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Transiente globale Amnesie – „erst mal einen Rundschlag ...“

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Die transiente globale Amnesie ist ein in spätestens 24 Stunden vorübergehender Gedächtnisverlust. Für das klinische Bild gibt es sieben klare diagnostische Kriterien: 1. Die Attacke muss durch einen informierten Beobachter bezeugt werden; 2. Während des Anfalls besteht eine anterograde Amnesie; 3. Bewusstseinsstörungen oder Verlust der persönlichen Identität sind niemals vorhanden, ebenso keine neuro-behavioralen Defizite wie Aphasie oder Apraxie; 4. Fokale neurologische Ausfälle fehlen während, aber auch nach der Attacke; 5. Krampfanfälle sind abwesend; 6. Der Anfall sistiert in längstens 24 Stunden; 7. Patienten mit kürzlich erlittener Kopfverletzung oder einer aktiven Epilepsie werden ausgeschlossen.

Eine 65-jährige, gesunde Frau fährt zu einem Begräbnis einer guten Freundin und erlebt dort erschütternde Szenen von Trauer und Verzweiflung. Im Anschluss kommt es bei ihr zu plötzlichen Gedächtnisstörungen und Desorientierung; sie fragt die Umstehenden wiederholt nach Ort und Zeit sowie nach den teilnehmenden Personen. Es wird ein Krankenwagen gerufen, der sie zur nächsten Klinikambulanz bringt. In der Notfallaufnahme telefoniert sie mit ihrem Bruder ... einem Neurologen. Er diagnostiziert am Telefon das, was die meisten von Ihnen auch schon vermutet haben dürften: eine transiente globale Amnesie (TGA).

Die Ätiologie dieses Syndroms (das ursprünglich einmal mit Epilepsie, Schlaganfall und Migräne in Verbindung gebracht wurde) ist unbekannt; Rezidive sind extrem selten und Langzeitfolgen unbekannt.

Als positive diagnostische Kriterien gelten:

  • Anfall von Zeugen beobachtet,
  • keine fokalen neurologischen oder kognitiven Defizite,
  • keine Krampfaktivitäten,
  • keine Bewusstseins- oder Identitätsstörungen,
  • Dauer unter 24 Stunden

Alle diese Kriterien werden erfüllt.

Der Neurologe spricht mit dem behandelnden Aufnahmearzt und beide „scherzen“ über die exzellente Prognose der TGA im Gegensatz zur initial immer wieder alarmierenden Symptomatik. Zwar ist die Patientin innerhalb von rund sechs Stunden völlig beschwerdefrei, wird aber dennoch für eine Nacht stationär „zur Beobachtung“ aufgenommen und einer ausführlichen Diagnostik unterzogen, darunter:

  • CT-Schädel („zum Ausschluss einer intrazerebralen Blutung“),
  • MRT-Angiogramm der intrazerebralen und Nackengefäße,
  • EEG,
  • kardiologischer Rundumschlag („zum Ausschluss von Emboliequellen“),
  • umfangreiches Labor,
  • diverse Konsile

Alle diagnostischen Resultate sind normal. Wenige Tage nach Entlassung kommt die Rechnung: 42.000 US-Dollar.

Bei Angabe der Währung brauchen Sie nicht mehr zu fragen, in welchem Land sich das abgespielt hat. Aber Hand aufs Herz, glaubt einer von Ihnen, das wäre in Deutschland anders gelaufen?

Diese Geschichte von übermäßigem Einsatz diagnostischer Technologie an Stelle von klinischen Überlegungen, fraglichem ärztlichen „Sicherheitsstreben“ (oft zulasten des Patienten) und resultierender Über- oder besser Fehlversorgung ist natürlich nicht erfunden: Der Autor heißt Steven H. Horovitz, ist praktizierender Neurologe und dem renommierten Massachusetts General Hospital der Harvard Universität assoziiert.

Horowitz SH. Diagnostic decision-making, burdens of proof, and a $6000 per hour memory lapse. JAMA Intern Med 2013; 173: 1493–1494

Foto: fotolia/Valerie Potapova


(Stand: 16.01.2015)

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