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Go Viral – Ansteckende Begeisterung

DOI: 10.3238/zfa.2016.0033-0035

Ein Bericht vom LOVAH-Austausch und -Kongress 2015

A Report from Lovah Exchange and Congress 2015

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Konrad Schmidt, Solveig Carmienke, Hannah Haumann

Schlüsselwörter: internationaler Austausch Weiterbildung Professionalisierung

Zusammenfassung: Für die weitere Professionalisierung der Allgemeinmedizin ist eine umfassende Fort- und Weiterbildung essenziell. Helfen könnte dabei das Lernen von europäischen Gesundheitssystemen mit einer starken Primärversorgung (im vorliegenden Fall die Teilnahme an einem internationalen Austausch des Vasco da Gama Movements [VdGM]). Die Landelijke Organisatie Van Aspirant Huisartse (LOVAH) ist das niederländische Pendant der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADE). LOVAH bietet alle 18 Monate einen Kongress ausschließlich für junge Hausärzte (Ärzte in Weiterbildung sowie Fachärzte bis fünf Jahre nach der Anerkennung) mit regelmäßigem Kurzaustausch für junge Allgemeinmediziner aus ganz Europa an. Die teilnehmenden Autoren erlebten ein gut etabliertes System der Primärversorgung, in dem Hausärzte eine zentrale Rolle in der ambulanten Versorgung einnehmen. Sie werden durch ein multiprofessionelles und eigenständig agierendes Praxisteam unterstützt. Der LOVAH-Kongress ist fachlich und organisatorisch hochwertig, Beiträge von forschenden jungen Hausärzten sind dabei ein beeindruckend selbstverständlicher Bestandteil. Der Besuch des LOVAH-Kongresses und des LOVAH-Austauschs bietet Inspirationen für die zukünftige Entwicklung der Allgemeinmedizin und der jungen Allgemeinmedizin in Deutschland.

„Go Viral“ ist auf den Kongressschildern, Flyern und der Website [1] zu lesen – und Thema des LOVAH-Kongresses (Landelijke Organisatie Van Aspirant Huisartse) [2], dem Jahreskongress der niederländischen jungen Allgemeinmedizin. Ansteckend wirkt die Atmosphäre von 1000 jungen und zukünftigen Allgemeinmedizinern – Ärzte in Weiterbildung und Fachärzte bis fünf Jahre nach dem Facharztabschluss. Sie strahlen aus, dass sie stolz darauf sind, Hausärzte zu sein oder zu werden und eine zentrale Rolle im niederländischen Gesundheitssystem einzunehmen. Hausärzte sind in den Niederlanden „Torhüter“, d.h. die erste Anlaufstelle für Patienten mit allen medizinischen Problemen, selbst im Notfall [4, 5]. Ein anderer Fachspezialist kann nur mit einer Überweisung vom Hausarzt gesehen werden. Wir lassen uns infizieren ... und die Inkubationszeit beträgt nur wenige Augenblicke, da schon der im Vorfeld der Konferenz stattfindende LOVAH-Austausch als Infektionsvektor fungiert. Alle anderthalb Jahre haben beim LOVAH-Austausch junge ausländische Allgemeinmediziner aus Europa die Gelegenheit, für einen Tag die niederländische Hausarztpraxis zu erleben – bis auf Anreise und Verpflegungskosten voll gesponsert.

Wir erlebten, dass der Hausarzt von einem multiprofessionellem Team unterstützt wird – eine/ein Praxisassistentin/Praxisassistent übernimmt den Patientenempfang, die Blutabnahmen, die Terminkoordination und führt dafür selbstständig eine Triage der Patienten durch. Dies geschieht oft telefonisch mit Unterstützung eines ausführlichen Triagetools. Mit dessen Hilfe werden die vom Patienten geschilderten Symptome nach einem Ampelsystem eingestuft – rot für dringlich, gelb für subakut und grün für elektive Terminvergaben. Dieses Tool erlaubt so auch Personal mit moderater medizinischer Vorbildung eine fundierte Triage und wurde von der niederländischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (NHG; Nederlands huisarten Genootschap) explizit für die Primärversorgung entwickelt [6]. Termine werden für den Hausarzt, aber auch für die/den Nurse und die/den Nurse Consultant vergeben. Eine/ein Nurse hat einen Bachelor-Abschluss der Pflegewissenschaften und sieht i.d.R. chronisch kranke Patienten (Diabetes mellitus, Hypertonie, Hypercholesterinämie, COPD) zur Lebensstilberatung und Therapieüberwachung. Letztere führt die/der Nurse größtenteils selbstständig durch, formal unter Supervision des Hausarztes [6, 7]. Ein/eine Nurse consultant hat in der Regel einen Masterabschluss im Bereich Pflegewissenschaften, kann eigenständig Basisdiagnostik inklusive Basislabor durchführen, im gewissen Umfang Therapieentscheidungen treffen, die u.a. auch die Verschreibung von Medikamenten umfassen. Die Konsultationen werden formal durch den Hausarzt via elektronischer Patientenakte supervidiert. Während des Notdienstes kann eine/ein Nurse consultant den Hausarzt ersetzen, formal muss auch hier der Hausarzt für Rücksprachen zur Verfügung stehen. Nach unserem Eindruck haben Hausärzte durch diese Organisationsstruktur hinreichend Zeit für komplexe medizinische Patientenfälle, inkl. der psychosozialen Probleme. Die Konsultationszeiten liegen zwischen 15–20 Minuten pro Patient, bei allerdings deutlich längeren Sprechzeiten im Vergleich zu deutschen Hausarztpraxen (etwa 7–8 Stunden pro Tag). In einigen Praxen arbeiten auch Sozialarbeiter oder Psychologen mit. Zusätzlich beteiligt sich die Kommune stark an der Gesundheitsversorgung. So gibt es z.B. einen extra Facharzt (consultatiebureau arts), der ausschließlich für die präventive Vorsorgeuntersuchung für Kinder und Jugendliche sowie deren Impfversorgung zuständig ist.

Der Jahreskongress der jungen Allgemeinmediziner beeindruckte durch seine Vielfältigkeit. Drei Plenarvorträge, drei Blöcke mit parallel stattfindenden Vorträgen oder Workshops zu jeweils drei Themen, davon eine stets in Englisch. Junge Allgemeinmediziner erhalten in diesem Rahmen die Gelegenheit, ihre eigenen Forschungsergebnisse vorzustellen. Die landessprachlichen Plenarvorträge sowie die Podiumsdiskussionen wurden sogar für die insgesamt 25 ausländischen Gäste von einem ambitionierten Kollegen ins Englische gedolmetscht. Die Workshop-Themen waren fachlich auf einem hohem Niveau und deckten ein breites Spektrum ab – von Interventionen zur Reduktion der Antibiotikaverschreibungsrate bei fiebernden Kindern über Selbstachtsamkeit für den Hausarzt bis hin zu Expeditionsmedizin. Abgerundet wurde dieses Programm durch eine spannende und anregende Podiumsdiskussion zum Thema „Evidenz der Grippeschutzimpfung bei gesunden über 60-Jährigen“. Prof. em. Henry Verbrugh (Mikrobiologie) vom niederländischen Gesundheitsrat vertrat die Pro-Seite, PhD Joost Zaat, Hausarzt und Co-Chefredakteur der „Nederlands Tijdschrift voor Geneeskunde“, die Contra-Seite. Das Publikum konnte live über Twitter abstimmen, wie sehr die Argumente der Kontrahenten überzeugten.

Auffällig war die Offenheit der Teilnehmer für die entstehenden diagnostischen Möglichkeiten durch die digitale Entwicklung, wie Apps und Gadgets zum Selbst- und Therapiemonitoring von Patienten bis hin zur telemedizinischen Überwachung von kardialen Risikopatienten. Interessant war hierbei der eher unkritische und wenig diskutierte Umgang mit biologischem Datamining durch die digitale Entwicklung. Hinzuzufügen ist auch, dass der LOVAH-Kongress nicht frei von Pharma-Werbung ist. Auffällig ist jedoch die Förderung der akademischen Kompetenz des Nachwuchses bzw. dessen kritischen Fähigkeiten – die NHG vergibt jährlich einen Forschungspreis für die beste Forschungsarbeit und einen Preis für die beste Frage, die einen jungen Allgemeinarzt in der Hausarztpraxis umtreibt.

Fazit

Die niederländische Hausarztpraxis und den LOVAH-Kongress einmal zu erleben lohnt sich. Für uns war die Teilnahme inspirierend und hat uns eine Vision für die Hausarztpraxis und Gestaltung der JADE-Konferenzen der Zukunft geliefert. Die AG Internationales der JADE wird über die nächste Bewerbungsmöglichkeit berichten – sowohl über das JADE-Forum, als über die Regionalgruppenverteiler. Alle jungen deutschen Kollegen sollten die Chance bekommen, auch infiziert zu werden!

Interessenkonflikte: Konrad Schmidt und Solveig Carmienke haben Zahlungen für Reisen/Unterkunft/Treffen von Landelijke Organisatie Van Aspirant Huisartsen (LOVAH) erhalten; Hannah Haumann hat keine Interessenkonflikte angegeben.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Solveig Carmienke

Praxis F. Langguth

Hausarztpraxis und <br/>diabetologische Schwerpunktpraxis

An der Peterskirche 16d

06120 Halle

hippokrates-germany@gmx.de

Literatur

1. www.nhg.org/actueel/nieuws/impressie-van-het-lovah-congres -2015-go-viral (letzter Zugriff am 04.05.2015)

2. www.lovah.nl (letzter Zugriff am 31.04.2015)

3. www.nhg.org (letzter Zugriff am 04.05.2015)

4. Faber MJ, Burgers JS, Westert GP. A sustainable primary care system: lessons from the Netherlands. J Ambul Care Manage 2012; 35: 174–81

5. www.nhg.org/scholing/triage (letzter Zugriff am 20.04.2015)

6. www.cibg.nl (letzter Zugriff am 21.04.2015)

7. internationalapn.org/2013/09/ 27/netherlands (letzter Zugriff am 21.04.2015)

1 Praxis F. Langguth, Hausarztpraxis und diabetologische Schwerpunktpraxis, Halle

2 Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Jena, Friedrich-Schiller-Universität Jena

3 Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Essen, Medizinische Fakultät Universität Duisburg-Essen, Essen

4 AG Internationales der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADE)

DOI 10.3238/zfa.2016.0033–0035


(Stand: 19.01.2016)

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