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Praxissoftware in der Allgemeinmedizin*

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Wolfgang B. Lindemann

Schlüsselwörter: Allgemeinmedizin Potenzial Praxissoftware aktueller Stand


Algorithmus zur Entscheidung Hämokkulttest oder Koloskopie in der Dickdarmkrebsfrüherkennung im Elsass
Autonom arbeitende Untersuchungsstation „Präventiometer“
Algorithmus zur Entscheidung Hämokkulttest oder Koloskopie in der Dickdarmkrebsfrüherkennung im Elsass
Algorithmus zur Entscheidung Hämokkulttest oder Koloskopie in der Dickdarmkrebsfrüherkennung im Elsass

Zusammenfassung: Die Einführung der elektronischen Patientenakte verändert den Alltag des Allgemeinmediziners grundlegend. In Frankreich werden starke finanzielle Anreize gesetzt, die elektronische Patientenakte zu verwenden, obwohl deren positiver Einfluss auf die Patientenversorgung noch nicht belegt ist. Dies ist teilweise Folge der noch sehr basalen Funktionalität dieser Akte. Hausärzte sind schlecht auf die Veränderung ihres Berufs durch die Informatik vorbereitet. Es gibt wenig Forschung dazu, wie Computer in der Allgemeinmedizin besser eingesetzt werden können, aber einige vielversprechende Ansätze.

Aktueller Stand und Potenzial für die Patientenversorgung

Current State and Potential for Patient Care

Facharzt für Allgemeinmedizin, Blaesheim/Elsass * Zusammenfassung eines Vortrages von Wolfgang Lindemann auf dem Dies academicus „Die Informatik im Dienste des Allgemeinmediziners“ veranstaltet von der Französischen Gesellschaft für Medizinische Informatik (Association Française d’Informatique Médicale, AIM) am 17.05.2017 an der medizinischen Fakultät der Universität Pierre und Marie Curie in Paris. DOI 10.3238/zfa.2018.0022–0025

Der Computer verändert den ärztlichen Beruf grundlegend ...

Der Computer hat sich in unseren Praxen etabliert und verändert alle Aspekte unseres Berufsalltags, angefangen mit der Arzt-Patienten-Beziehung, die zu dem Dreieck „Arzt-Computer-Patient“ mutiert ist. Die Praxissoftware verlangt nur zu oft mehr Aufmerksamkeit als der Patient [1] und macht wegen der Masse an Informationen, die sie bereitstellt, die Sprechstunde erheblich komplexer [2]. Über den Computer überträgt uns die Krankenkasse mehr und mehr administrative Aufgaben, die in der nicht länger werdenden Sprechzeit zusätzlich zu erledigen sind.

... aber ist er wirklich nützlich?

Wir werden dazu angehalten, unsere Praxen zu „informatisieren“, aber der Nutzen für unsere Arbeit ist nicht erkennbar groß oder gar bewiesen [3]. Die seltenen Studien, die die Funktionen von Praxissoftware untersuchen, finden, dass der Computer nur eine Papierakte simuliert: Weiter gehende Entscheidungsunterstützung oder Entlastung von automatisierbaren, repetitiven Routineaufgaben sind noch im Anfangsstadium [4]. Der Computer kann Behandlungsfehler vermeiden [5] und in Frankreich unterstützt die staatliche Krankenversicherung CPAM die Ausstattung der Arztpraxen mit Computern mit großen Summen. In der Realität setzt sich das in eine Flut von Warnhinweisen um, was in der Literatur vielfach beschrieben und angeprangert wurde (z.B. [6]). Solche Warnhinweise bei der Verschreibung werden mechanisch ohne die geringste Berücksichtigung des konkreten Patientenprofils produziert und sind infolgedessen nur eine zusätzliche Belastung, die den Arzt ablenkt. Dem Autor sind weltweit drei Studien bekannt, die beschreiben, wie diese Alarmhinweise effizienter gestaltet werden könnten, indem sie die in der elektronischen Patientenakte vorhandenen Informationen über den Patienten berücksichtigen: Zwei im Krankenhausbereich [7, 8], eine noch nicht abgeschlossene in der ambulanten Medizin [9]. Es ist folglich nicht verwunderlich, dass ein Zusammenhang zwischen der Beherrschung der Praxissoftware und der Lebensqualität des sie bedienenden Arztes gefunden wurde [10, 11]. Die zunehmende Menge von Funktionen einer Praxissoftware kann den Stress vergrößern, den der Bediener erlebt [12, 13]. In Anbetracht der Dysfunktionalität dieser sogenannten Entscheidungsunterstützungssysteme bei der Medikamentenverschreibung ist es nicht verwunderlich, dass ihr Vorhandensein mit einem verstärkten Auftreten von Burn-Out einhergeht [14].

Der Computer ist nicht immer nur nützlich; seine Komplexität und seine oft schwierige Bedienung können neue Arten von Fehlern bewirken, beispielsweise die Auswahl des falschen Medikamentes in einem Dropdownmenü oder eine falsche Dosis, wenn die voreingestellte Dosis übernommen wird [15].

Wir sind für seine Nutzung schlecht vorbereitet ...

In Frankreich existiert kein Analogon zu den Empfehlungen, die es in Deutschland für die Informatikausbildung im Medizinstudium [16] und sogar für Pflegeberufe gibt [17]. Während der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner glänzt die Thematik „Der Computer in der Arztpraxis“ meistens durch Abwesenheit, was nach der bescheidenen Ansicht des Autors einem Nicht-Unterrichten des Gebrauchs des Stethoskops während des klinischen Studiums gleicht. Sehr wenig Studien untersuchen die Methodik der Lehre in der Medizininformatik [18].

Die wenigen Studien über die Nutzung von Praxissoftware durch Ärzte zeigen, dass sie nicht richtig bedient und ausgeschöpft wird, aber dass entsprechende Schulung (in Frankreich überhaupt erst seit 2013) durchaus wirksam ist [19, 11]. Nur die Kenntnis und die Nutzung der oft komplexen Funktionen einer Praxissoftware hat einen positiven Einfluss auf die Leistungsfähigkeit einer Praxis [20] (und nicht deren bloßes Vorhandensein).

Auf den letzten allgemeinmedizinischen Kongressen in Frankreich oder Deutschland (DEGAM) bzw. auf den letzten deutschsprachigen Medizininformatik-Kongressen gab es praktisch keine Beiträge bezüglich Computernutzung oder Medizininformatik in der Allgemeinmedizin.

Eine Vision für die nahe wie für die ferne Zukunft

Die Insuffizienz der existierenden Praxissoftware ist bekannt [1]; eine neue Generation von Praxissoftware wird gefordert [21, 22]. Der Computer besitzt ein Potenzial, das weit über seine Vorgängertechnologie Papierakte hinausgeht [23]: Seit Jahrzehnten ist wohl bekannt, dass sich Impfquoten und andere Präventionsmaßnahmen durch automatische Warnhinweise verbessern lassen [24], was auch durch neuere Studien gezeigt wurde [für Impfquoten: 25]. Mehr Patienten stellen das Rauchen ein, wenn die Praxissoftware den Hausarzt an entsprechende Hinweise erinnert [26]. Im Elsass liefert uns die ADECA, die für die Früherkennung von Dickdarmkrebs zuständige lokale Organisation, auf Papier einen Algorithmus zur Entscheidung „Koloskopie versus Hämokkulttest“ (Abb. 1). Die Computertechnologie der 1980er Jahre hätte diesen in der elektronischen Patientenakte realisieren können. Es ist allgemein anerkannt, dass Prävention und Früherkennung das schwächste Glied unseres Gesundheitssystems sind, und dass es unmöglich ist, alle empfohlenen Präventions- und Früherkennungsmaßnahmen umzusetzen [27, 28]. Auch wenn einige Pioniere Methoden erkunden, diese mittels Praxissoftware zu automatisieren [29], so scheint die nach Ansicht des Autors naheliegende Idee für die zentralen Akteure im Gesundheitswesen nicht existent zu sein [30].

Der Computer kann noch viel mehr: Er könnte einen Gutteil der formalen Anamnese des Patienten eigenständig erfassen [31] und nach seinen aktuellen Beschwerden fragen. Er kann Patienteninformation und -schulung übernehmen [32, vgl. 22]. Eines Tages wird das Genom jedes Patienten automatisch für eine personalisierte Pharmakotherapie verwertet werden [33, 34]. Technisch möglich und bereits in der Arbeitsmedizin realisiert (Abb. 2) wäre ein Gerät, das, in der Praxis aufgestellt, einen Teil der körperlichen Untersuchung übernimmt: Gewicht, Größe, Puls, Blutdruck, Temperatur, Lungenfunktion, auch Audiometrie oder EKG. Ein solches Gerät wird sich an den Patienten anpassen und fortgeschrittene Technologien wie Sprachsteuerung und -erkennung verwenden. Das Untersuchungsergebnis wird in die elektronische Patientenakte übernommen und in der Sprechstunde verfügbar sein. Das kann dem Hausarzt 30 % oder mehr seiner mechanischen Arbeit abnehmen und ihn so für das Wesentliche entlasten: die Arzt-Patienten-Beziehung.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse

Dr. Wolfgang B. Lindemann

67, rue du Maréchal Foch

F-67113 Blaesheim/Elsass

Tel.: 0033 / 03 88 68 08 79

contact@wolfganglindemann.eu

Literatur

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3. Lau F, Price M, Boyd J, Partridge C, Bell H, Raworth R. Impact of electronic medical record on physician practice in office settings: a systematic review. BMC Med Inform Decis Mak 2012, 12: 10

4. Darmon D, Sauvant R, Staccini P, Letrilliart L. Which functionalities are available in the electronic health record systems used by French general practitioners? An assessment study of 15 systems. Int J Med Inf 2014; 83: 3746

5. Seidling HM, Faller CK, Thalheimer M, Bruckner T, Haefeli WE. Formale Fehler bei der Rezeptverschreibung sind bei der Nutzung elektronischer Verordnung und Schulung erheblich reduziert. Dtsch Med Wochenschr 2016; 141: e1e7

6. Sittig DF, Longhurst CA, Russo E, Singh H. Electronic health record features, functions and privileges that clinicians need to provide safe and effective care for adults and children. In: Weaver CA, Ball MJ, Kim GR, Kiel JM (eds.). Healthcare Information Management Systems: Cases, Strategies, and Solutions, 4. Auflage. Cham u.a.: Springer International, 2015

7. Seidling HM, Klein U, Schaier M, et al. What, if all alerts were specific – estimating the potential impact on alert burden. Int J Med Inf 2014; 83: 285291

8. Czock D, Konias M, Seidling HM, et al. Tailoring of alerts substantially reduces the alert burden in computerized clinical decision support for drugs that should be avoided in patients with renal disease. J Am Med Inform Assoc 2015; 22: 881887

9. Lindemann WB. On the possibilities to reduce automatic alerts during electronic prescription. Poster 368: HEC 2016 Munich (verfügbar auf researchgate.net “Wolfgang B. Lindemann”) 

10. Jones CD, Holmes GM, Lewis SE, Thompson KW, Cykert S, DeWalt DA. Satisfaction with electronic health records is associated with job satisfaction among primary care physicians. Inform Prim Care 2013; 21: 1820

11. Lindemann WB. Sur l’exploitation du logiciel médical et la qualité (de vie) du médecin généraliste. Poster 26: 10th Congrès Médecine Générale France, Paris, 31.03.2016 (verfügbar auf researchgate.net „Wolfgang B. Lindemann“)

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Dr. med. Wolfgang B. Lindemann …

… ist Facharzt für Allgemeinmedizin und in einem Dorf unweit Straßburg im französischen Elsass niedergelassen. Seine Forschungsinteressen betreffen die Informatik für die Hausarztpraxis und den Vergleich der deutschen und französischen Allgemeinmedizin, letzteres u.a. auf seiner Website www.wolfganglindemann.eu.


(Stand: 29.01.2018)

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