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Synkope verdoppelt Risiko eines tödlichen oder verletzungsträchtigen Verkehrsunfalls

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Michael M. Kochen

 

Unter einer Synkope wird ein vorübergehender Bewusstseinsverlust infolge einer globalen zerebralen Minderdurchblutung verstanden, der charakterisiert ist durch

• rasches Einsetzen,

• kurze Dauer

• und spontane, vollständige Erholung.

Die übliche diagnostische Einteilung in die drei Gruppen 1) Reflexsynkope, 2) Synkope bei orthostatischer Hypotonie und 3) kardiale Synkope ist in

Abbildung 1 abgebildet.

Synkopen stellen keineswegs ein seltenes Vorkommnis dar. Genaue Zahlen für die deutsche hausärztliche Praxis fehlen zwar, aber nach Angaben der Gesundheitsberichterstattung des Bundes wurden im Jahre 2012 158.418 Personen mit einer Synkope in Krankenhäusern behandelt.

Gemäß Daten aus der Framingham-Kohorte (NEJM 2002) beträgt die Inzidenz eines erstmaligen Ereignisses 6,2/1000 Personenjahre. Die häufigsten Ursachen in dieser Studie waren

• vasovagal (21,2 %),

• kardial (9,5 %)

• orthostatisch (9,4 %).

• 36,6 % blieben ungeklärt.

Eine Leitlinie des Schweizer, hausärztlich geprägten Ärztenetzwerks MEDIX (Erni S, Beise U. Synkope. Praxis 2015; 104: 1037–1040) führt allerdings andere Häufigkeitszahlen auf (vasovagal 30–50 %, orthostatisch 10–20 %, kardial 5–15 %, unklare Ursache 10–20 %).

Das geschätzte, kumulative Lebenszeitrisiko beträgt rund 35 % und fast zwei Drittel davon erleiden ein Rezidiv (Frauen und Männer sind ungefähr gleich häufig betroffen). Im Alter von 20 und 80 Jahren kommen Synkopen offenbar besonders häufig vor.

Der Grund, warum ich Sie hier mit trockenen Zahlen traktiere, ist aber keineswegs ein kleiner Fortbildungskurs, sondern eine Studie aus dem Traumland der Epidemiologie, nämlich Dänemark. Traumland deswegen, weil dort praktisch alle relevanten Gesundheitsereignisse in umfangreichen Registern gespeichert werden, so auch alle Krankenhausaufnahmen (samt Diagnosen nach ICD), alle Todesfälle oder alle ausgestellten Rezepte.

Dänische und amerikanische Wissenschaftler gingen in Dänemark der Frage nach, ob (verglichen mit der Allgemeinbevölkerung) Personen nach einer Synkope vermehrt in Verkehrsunfälle verwickelt sind.

Von Anfang Januar 2008 bis Ende Dezember 2012 wurden alle Personen über 18 Jahre erfasst, die mit der erstmaligen Diagnose Synkope (ICD-10 R55.9) aus dem Krankenhaus oder einer Notfalleinrichtung entlassen worden waren, und mit allen Einwohnern Dänemarks verglichen. Mit dieser ICD-Codierung waren z.B. AV-Block 3°, zerebrale Krampfanfälle oder Carotissinus-Syndrom als fehlgedeutete Ursachen einer kurzfristigen Bewusstlosigkeit ausgeschlossen.

In

Abbildung 2 sind die Vergleichspopulationen dargestellt.

Um die „echten“ Synkopenfälle zu erfassen, mussten potentielle Störfaktoren berücksichtigt werden. Als solche galten bekannte kardiovaskuläre Begleiterkrankungen, Diabetes, Schrittmacher, Einnahme von Anxiolytika und Antipsychotika oder Alkoholmissbrauch.

Primärer, zeitabhängiger Endpunkt war – nach (oder bis zu 48 Stunden vor) der Diagnose Synkope – der erste Unfall mit einem PKW oder einem Motorrad/Moped, der entweder tödlich ausging oder so schwer war, dass er zu einer Krankenhausaufnahme bzw. zu einer ambulanten Untersuchung in einer Notfallstation führte.

Während einer mittleren Nachverfolgungszeit von zwei Jahren

• waren 1791 Patienten mit Synkope (4,4 % der Gesamtgruppe) in einen solchen Verkehrsunfall verwickelt.

• 0,3 % dieser Unfälle verliefen tödlich, bei 78,1 % kam es zu Verletzungen.

• Zwischen initialer Diagnose Synkope und einem Unfall vergingen durchschnittlich 315 Tage.

Abbildung 3 zeigt, dass die Unfallhäufigkeit besonders die Altersgruppe 18–35 betrifft, und zwar bei Frauen wie bei Männern.

Nach Adjustierung der Resultate nach Alter, Geschlecht und Unfalljahr war das relative Risiko eines Unfalls bei Patienten mit Synkope doppelt so hoch wie bei Personen aus der Allgemeinbevölkerung (RR 2,04, 95%-Konfidenzintervall 1,95–2,14).

Männer waren insgesamt stärker gefährdet als Frauen, wobei interessanterweise bei Männern das Risiko mit dem Alter stieg, während es bei Frauen fiel. Das Risiko persistierte während der folgenden fünf Jahre. Die Arten der Synkopen (vasovagal, orthostatisch, kardial) wurden in dieser Studie übrigens nicht erfasst.

In Subgruppenanalysen zeigte sich, dass Patienten mit Synkope und begleitender kardiovaskulärer Erkrankung nicht etwa ein höheres, sondern im Gegenteil ein niedrigeres Risiko aufwiesen. Träger eines Kardioverters/Defibrillators hatten überhaupt kein erhöhtes Risiko.

In Nordamerika scheinen die Risiken noch ausgeprägter zu sein als in Dänemark. Eine Studie aus Maryland (n = 7750) fand ein vierfach, eine Untersuchung aus Kanada (n = 25.422) ein dreifach erhöhtes Risiko.

Quintessenz

• Im Vergleich mit Personen aus der Allgemeinbevölkerung wiesen Menschen nach erlittener Synkope (ICD-10 R55.9) – zumindest über fünf Jahre – ein doppelt so hohes Risiko auf, einen tödlichen oder verletzungsträchtigen Verkehrsunfall zu erleiden.

• Begleitende kardiovaskuläre Erkrankungen führten nicht zu einem erhöhten, sondern zu einem niedrigeren Risiko (Patienten mit eingebautem Kardioverter/Defibrillator weisen überhaupt kein erhöhtes Risiko auf).

• Cave: Es gibt auch (methodisch allerdings zweifelhafte) gegenteilige Untersuchungen aus den USA, die – zumindest für lebensbedrohliche Rhythmusstörungen – ein zweifach erhöhtes Risiko ausweisen.

• Zwar verursachen jüngere Personen zwischen 18 und 35 Jahren erheblich häufiger Unfälle als ältere; das mit einer Synkope vergesellschaftete Unfallrisiko ist aber bei älteren Männern (nicht bei Frauen) stärker ausgeprägt als bei jüngeren Menschen.

Sind diese Studienergebnisse nur theoretisch interessant oder haben sie auch Folgen für die hausärztliche Praxis?

Diese Frage beantwortet sich fast von selbst, wenn man weiß, dass sich in Dänemark alle Personen mit Erreichen des 70. Lebensjahres obligat einer Gesundheitsuntersuchung unterziehen müssen, um ihren Führerschein verlängert zu bekommen. Dreimal dürfen Sie raten, wer diese Untersuchungen durchführt: der Hausarzt. Es ist kein Geheimnis, dass in Deutschland ähnliche Regelungen im Gespräch sind.

Unabhängig davon, ob solche gesetzlichen Vorschriften auch bei uns eingeführt werden, sollten Sie wissen, dass die am häufigsten vorkommenden Formen, nämlich die Reflexsynkopen (z.B. vasovagale oder situationsbedingte Synkopen), laut existierenden Leitlinien keine Einschränkung der Fahrtauglichkeit bedingen.

Numé A-K, Gislason G, Christiansen CB, et al. Syncope and motor vehicle crash risk. A Danish nationwide study. JAMA Intern Med 2016; 176: 503–510. Frei verfügbar unter: https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2497782


(Stand: 30.01.2018)

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