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Das infektanfällige Kind

DOI: 10.1055/s-2003-43443

Das infektanfällige Kind

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Kinder in der Allgemeinmedizin Das infektanfällige Kind J. G. Liese Zusammenfassung Bei Kindern im Kleinkind- und Vorschulalter wird eine Zahl von acht unkomplizierten respiratorischen Infektionen pro Jahr als normal angesehen (physiologische Infektionsanfälligkeit). Zu einer pathologischen Infektionsanfälligkeit mit systemischer Manifestation kommt es bei primären oder sekundären Defekten des Immunsystems. Eine physiologische Infektionsanfälligkeit bedarf keiner spezifischen Therapie. Zur Prophylaxe von Infektionserkrankungen werden die folgenden Therapieformen vorgestellt und anhand von Studienergebnissen bewertet: Stillen, Rauchvermeidung, Vermeidung von Infektionsexposition, roborierende Maßnahmen, Impfungen, Echinacea-Präparate, Vitamin C, bakterielle Extrakte und Homöopathie. Klinisches Problem In Deutschland gibt es derzeit keine Empfehlungen zur Therapie oder Prophylaxe des »infektanfälligen« Kindes. Empfehlungen zum diagnostischen Vorgehen bei Infektionsanfälligkeit wurden in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin (16) veröffentlicht. Summary Susceptibility to infections in children Up to 8 respiratory viral infections are considered normal in infants and children in pre-school age (physiologic susceptibility to infections). No specific treatment is necessary. Only systemic manifestations of primary or secondary immune deficiencies are clearly pathological. Based on results from scientific studies this paper discusses opportunities and limitations of prophylactic measures (e.g. breast-feeding, avoidance of passive smoking, avoidance of exposure to infections, immune stimulants, vaccinations, Echinacea preparations, vitamin C, bacterial extracts and homeopathy). Key words Respiratory tract infection, physiologic/pathologic susceptibility to infection, infant, pre-school children Definition Unter einer erhöhten Infektionsanfälligkeit im Kindesalter wird das Auftreten einer über die altersentsprechende Norm hinausgehenden Zahl von Infektionserkrankungen verstanden. Im Kleinkind- und Vorschulalter wird eine Zahl von acht unkomplizierten respiratorischen Infektionen pro Jahr als physiologische Infektionsanfälligkeit bzw. als normal altersentsprechende Häufung von Infektionskrankheiten betrachtet (15). Eine pathologische Infektionsanfälligkeit kann sich entweder lokal in einem Organsystem (z. B. rezidivierende Hautabszesse bei Neurodermitis) oder systemisch unabhängig in mehreren Organsystemen (z. B. Hautabszesse, Lymphknotenabszesse und Leberabszesse bei chronischer Granulomatose) manifestieren. Zur Unterscheidung eines physiologischen Zustands von einem pathologischen Zustand müssen neben der Zahl der Infektionen die Lokalisation und der Krankheitsverlauf mitbewertet werden. Als lokal begrenzte pathologische Infektionsanfälligkeit werden z. B. rezidivierende Infektionen der oberen Luftwege bei Adenoiden bewertet (Tab. 2). Zu einer pathologischen Infektionsanfälligkeit mit systemischer Manifestation kommt es bei primären oder sekundären Defekten des Immunsystems (Tab. 3). Während bei primären Immundefekten eine genetisch vererbte Erkrankung einer oder mehrer Funktionen des Immunsystems vorliegt, kommt es bei sekundären Immundefekten zu einer exogenen Schädigung des Immunsystems durch Infektionen (z. B. human immunodeficiency virus [HIV], Epstein-Barr-Virus [EBV]), durch Mangelernährung oder toxische Substanzen (z. B. Zytostatika). Dr. med. Johannes G. Liese, MSc Abteilung für mikrobielle Therapie und Infektionsimmunologie Kinderklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital Ludwig-Maximilians-Universität Lindwurmstr. 4, 80337 München Z. Allg. Med. 2003; 79: 483–489. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 483 Kinder in der Allgemeinmedizin sacht, gefolgt von der Infektion durch das HI-Virus. Beide Erkrankungen sind in Deutschland sehr selten, müssen jedoch bei entsprechenden anamnestischen und klinischen Hinweisen miteinbezogen werden. Inzidenz/Prävalenz Die meisten Kinder zeigen im Säuglings- und Kleinkindalter eine hohe Zahl von Infektionserkrankungen. Aus der Tecumseh-Studie von Monto et al. (1971) stammen die wichtigen Daten zur Epidemiologie von akuten respiratorischen Infektionen in einer Normalpopulation (Tab. 1). Demnach ist in dieser Population eine Zahl von bis zu acht unkomplizierten respiratorischen Infektionen pro Jahr in den ersten beiden Lebensjahren als noch normal zu bewerten. Leider fehlen entsprechende epidemiologische Daten für Deutschland, es wird jedoch hier von einer ähnlichen Häufigkeit ausgegangen. Eine pathologische Infektionsanfälligkeit durch lokale organbezogene Ursachen ist ebenfalls häufig, da diese auf dem Boden vieler Grunderkrankungen entstehen kann. Hierzu zählen z. B. rezidivierende Tonsillitiden bei Adenoiden, rezidivierende Hautinfektionen bei Neurodermitis oder rezidivierende Pneumonien bei zystischer Fibrose (Tab. 2). Derzeit sind etwa 70 primäre Immundefekte registriert, die zu einer pathologischen Infektionsanfälligkeit führen. Die Inzidenz aller primären Immundefekte liegt etwa bei 1:10.000 mit erheblicher Variation. Der weltweit häufigste sekundäre Immundefekt wird durch Unterernährung oder Mangelernährung verurTabelle 1: Altersspezifische Inzidenzen von respiratorischen Infektionen (SD = Standardabweichung; nach 15) Alter (Jahre) Respiratorische SD Infektionen pro Jahr <1 1–2 3–4 5–9 10–14 6,1 4,7 5,5 2,7 ± 2,6 3,0 2,9 2,2 maximum 11,3 11,7 10,5 8,7 7,2 Ätiologie>


(Stand: 10.10.2003)

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