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Vergleich der subjektiven Einschätzung des kardiovaskulären Risikos von Patienten mit ihrem objektiven Risiko in Abhängigkeit ihres sozio-ökonomischen Status

DOI: 10.1055/s-2006-942192

Vergleich der subjektiven Einschätzung des kardiovaskulären Risikos von Patienten mit ihrem objektiven Risiko in Abhängigkeit ihres sozio-ökonomischen Status

H.-J. Lorenz2 J. Reeg2 J. Welke3 U. Schwantes3 M. Herrmann1,2 Vergleich der subjektiven Einschätzung des kardiovaskulären Risikos von Patienten mit ihrem objektiven Risiko in Abhängigkeit ihres sozio-ökonomischen Status Comparison of Patients’ Subjective Assessment of and Objective Cardiovascular Risk Dependent on Socio-Economic Status Originalarbeit Zusammenfassung Hintergrund/Ziele: Die vorliegende Untersuchung hat das Ziel, Zusammenhänge zwischen der subjektiven Einschätzung von kardiovaskulären Erkrankungsrisiken in Abhängigkeit von sozialepidemiologischen Faktoren (sozio-ökonomische Variablen und Schichtzugehörigkeit) und dem individuellen Wissen der Patienten über risikobezogene Verhaltensweisen für KHK-Erkrankungen zu identifizieren, um Grundlagen für geeignete Interventionsstrategien in der Gesundheitsberatung von Hausärzten zu identifizieren. Methoden: Die Erhebung der Daten dieser Querschnittstudie erfolgte im Zeitraum von Juni 2004 bis September 2005 in Hausarztpraxen. Es lagen 675 Arzt-Patientenbefragungen vor. Patienten und ihre behandelnden Ärzte füllten unabhängig voneinander einen Fragebogen zu Risikofaktoren, Soziodemographie, den hausärztlichen Konsultationen und der Einschätzung des kardiovaskulären Risikos aus. Subjektive Risikoeinschätzung wurde mit dem individuell durch einen Risikoalgorithmus (Pocock-Score) berechneten Risiko verglichen. Ergebnisse: 78 % der untersuchten Patientengruppe schätzten ihr Risiko realistisch ein, während 15 % ihre Risiken subjektiv geringer einschätzen als das berechnete. Eine kleinere Gruppe (7 %) überschätzt ihr Risiko. Unterschätzer finden sich deutlich häufiger bei geringerem sozialen Status, Überschätzer hingegen häufiger bei Oberschicht-Patienten. Wissen über kardiovaskuläre Erkrankungen ist bei Unterschicht-Patienten deutlich geringer als in höheren Schichten. Schlussfolgerungen: In der Hausarztpraxis bietet sich die Chance, auf die gezielte Förderung der Ge- Abstract Background/aims: The aim of this article is to identify the individual patient’s estimation of cardiovascular risk in dependence on socio-epidemiological factors (socio-economic and social class) and the individual knowledge of patients about risk-related behaviors for cardiovascular heart disease and stroke. Bases for suitable intervention measures of family doctors shall be identified. Methods: The cross-sectional study was carried out at GPs’ practices in the period of June 2004 until September 2005. There were 675 doctor-patient interviews at all. Patients and their attending GPs filled out a questionnaire to risk factors, socio-demography, the number of GPs consultations and their estimation of the cardiovascular risks. The subjective estimation of the own risk has been compared with the calculated by the pocock-score. Results: 78 % of the patients estimated their risks realistically while 15 % underestimated their risks. A smaller group (7 %) overestimated their risks. Patients who underestimated their risk were more common in lower social class; patients who overestimated their risk were more common in upper class. The knowledge about cardiovascular diseases was obviously lower in lower social class than in upper class. Conclusions: The GPs have the chance to foster health and prevention for disadvantaged groups of patients. Mainly patients from lower class, who represent 4 till 5 times more an elevated cardiovascular risk and subjective underestimation of these risks, could benefit by targeted GPs’ program in promoting health and disease prevention. Health-related resources of the patients with increas- 435 Institutsangaben Institut für Allgemeinmedizin, Otto-von-Guericke Universität Magdeburg 2 Institut für Allgemeinmedizin, Martin-Luther Universität Halle 3 Abt. Allgemeinmedizin, Charité, Universitätsmedizin Berlin, Campus Mitte 1 Korrespondenzadresse Dr. P. H. Hans-Jürgen Lorenz, Dipl.-Soziologe · Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg · Medizinische Fakultät · Institut für Allgemeinmedizin · Haus 40, Ebene 6 · Leipziger Straße 44 · 39120 Magdeburg · E-mail: hans.lorenz@medizin.uni-halle.de Bibliografie Z Allg Med 2006; 82: 435–440 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York DOI 10.1055/s-2006-942192 ISSN 0014-336251 sundheit und Krankheitsvorsorge einzelner, besonders benachteiligter Gruppen einzugehen. Besonders die „Unterschätzer“ ihrer Risiken, die vier- bis fünfmal so häufig in den Mittel- und Unterschichten als in der Oberschicht zu finden sind, könnten von gezielteren hausärztlichen Beratungen, die an den Ressourcen der Menschen mit erhöhten Risiken ansetzen und ihre gesundheitsbezogenen Kompetenzen fördern, profitieren. Schlüsselwörter Risikoeinschätzung · Risikokommunikation · Gesundheitsberatung · Sozialepidemiologie ed and underestimated risks should be focused and their health-related competences should be promoted in the GPs consultation. Key words Risk assessment · risk communication · health promotion · socio-economic status 436 Originalarbeit Einleitung Weltweit gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den häufigsten Todesursachen. Sie sind in westlichen Ländern für 45 % und in Entwicklungsländern für 24,5 % der Gesamtmortalität verantwortlich. Seit 1975 sind die Mortalitätsraten für kardiovaskuläre Erkrankungen in den meisten Ländern um 24–28 % gesunken. Etwa 45 % dieser Reduktion sind der Verbesserung der Therapien für KHK zuzuschreiben, die restlichen 55 % werden einer Reduktion der Risikofaktoren, vor allem dem Rückgang des Rauchens und der Behandlung der Hypertonie, zugeschrieben [1]. Kardiovaskuläre Erkrankungen nehmen in der Hausarztpraxis großen Raum ein. Neben den zahlreichen Betroffenen glauben viele Patienten, in Zukunft davon betroffen sein zu können oder aber sie unterschätzen ihr Erkrankungsrisiko. Gesundheitspsychologische Studien haben gezeigt, dass es sowohl zur Unterschätzung des eigenen Risikos als auch zur Überschätzung kommen kann. Nach einer Studie von Kreuter und Stretcher 1995 [2] unterschätzten 46 % der Befragten ihr Schlaganfall-Risiko, während lediglich 19 % ihr Risiko überschätzten, wobei diese stärker für Präventionsmaßnahmen ansprechbar waren. Erst das Erleben persönlicher Betroffenheit führe zudem zu einem intensiveren präventionsorientierten Handeln [3]. Risikokommunikationsforschung ist in den 80er-Jahren im Zusammenhang mit Akzeptanzproblemen bei Großtechnologien (z. B. Kernenergie, Müllverbrennung, Mobilfunk) entstanden. Experten gehen zumeist von einem quantifizerbarem Risiko aus, dem Produkt aus möglicher Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit. Laien hingegen berücksichtigen bei ihrer Einschätzung oft nicht objektiv messbare qualitative Faktoren (Kontext, sozio-kulturelle, moralische Aspekte, Bekanntheit, Schrecklichkeit). Für die klinische Forschung sind das Erkrankungs- und Sterberisiko (Inzidenz- und Mortalitätsrisiko) an definierten Erkrankungen von Interesse [4]. Eine Risikoanalyse ist der Versuch, mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden die Eintrittswahrscheinlichkeiten von konkreten Schadensfällen oder die Wahrscheinlichkeitsfunktion von Schadensereignissen so realitätsgetreu wie möglich zu ermitteln. Mit Risikowahrnehmung wird die Einschätzung einer Risikosituation aufgrund intuitiver Beurteilung, persönlicher Erfahrung und aufgenommener Informationen (z. B. durch Medien) bezeichnet. Im Zuge der Verfügbarkeit von Risikoalgorithmen können subjektive Risikosichten in Form von PatienteneinschätLorenz H-J et al. Vergleich der subjektiven … Z Allg Med 2006; 82: 435 – 440 zungen mit berechneten Morbiditätswahrscheinlichkeiten kontrastiert werden. Als wesentliche Bausteine für eine erfolgreiche Risikokommunikation werden die Schaffung von Vertrauen und Glaubwürdigkeit, Information und Wissensvermittlung und eine wechselseitige Kommunikation angesehen. Hausärzte sind in der Regel die ersten Experten, die bei Fragen zur Gesundheit aufgesucht und um Rat gefragt werden. In diesem Kontext nehmen sie die Rolle des Risikoabschätzers und Risikokommunikators in der Beratung von Patienten ein. Risikowahrnehmungen von Patienten und ihren Ärzten müssen dabei keineswegs kongruent sein, da diese auf unterschiedlichen Erfahrungen, Wissen und Verhaltensmustern beruhen. Eine grundlegende Fragestellung dieser Untersuchung war, inwieweit die Patienten ihr Risiko, an einer kardiovaskulären Erkrankung (Herzinfarkt oder Schlaganfall) zu erkranken, selbst realistisch einschätzen konnten. Diese Ergebnisse wurden in Beziehung gesetzt zu ihrem tatsächlich vorhandenen, aufgrund ihrer individuellen Risikofaktoren berechnetem Risiko. Die vorliegende Untersuchung hat das Ziel, Zusammenhänge zwischen den Einschätzungen der Erkrankungsrisiken in Abhängigkeit von sozialepidemiologischen Faktoren (sozio-ökonomische Variablen und Schichtzugehörigkeit) und dem individuellen Wissen der Patienten über Risiken nachzuweisen, um Grundlagen für geeignete Beratungsstrategien zu identifizieren. Methoden Beschreibung der Studie Die Erhebung der Daten dieser Querschnittstudie erfolgte im Zeitraum von Juni 2004 bis September 2005. Auf der Grundlage von Befragungen von Hausärzten und deren Patienten lagen 675 Datensätze vor, von denen 557 Patienten aus Berlin und 118 Patienten aus Sachsen-Anhalt teilnahmen. Jede beteiligte Arztpraxis hatte mindestens sieben und maximal 20 Patienten für die Untersuchung rekrutiert. Einschätzungen der Wahrscheinlichkeiten des zukünftigen Eintretens von Schlaganfall und Herzinfarkt wurden von den Patienten und ihren behandelnden Hausärzten unabhängig voneinander zum selben Zeitpunkt durchgeführt. Einschlusskriterien für die teilnehmenden Patienten waren neben dem Alter von 40–75 Jahren das Vorliegen von mindestens einem von 7 definierten Risikofaktoren für Schlaganfall/Herzinfarkt: – – – – – – – In der Eigenanamnese Schlaganfall oder KHK/Herzinfarkt vorhanden; Vorhofflimmern; Hypertonie RR systolisch ‡ 160 mm Hg, diastolisch ‡ 100 mm Hg; Nikotinabusus; Diabetes mellitus; Hypercholesterinämie (LDL ‡ 180 mg/dl oder Gesamtcholesterin ‡ 230 mg/dl) Adipositas (BMI ‡ 30 kg/m2). Ergebnisse Von den 675 Patienten aus insgesamt 41 Arztpraxen hatten 441 alle Fragen zur Berechnung des Winkler-Index beantwortet. Bei 234 Patienten ließ sich der Winkler-Index aufgrund unvollständiger Angaben nicht berechnen. Die Patienten wiesen ein Durchschnittsalter von 61,9 Jahren auf. Berechnung des relativen Risikos an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erkranken im Vergleich zur Alterskohorte (Pocock-Score) Patienten und ihre Ärzte schätzten das Risiko mit „1“ = erniedrigt, „2“ = durchschnittlich, „3“ = erhöht oder „4“ = sehr erhöht ein. Aus der Differenz der subjektiven Risikoeinschätzung und dem kalkulierten (objektivierten) Risiko ergab sich in der Gesamtgruppe der 441 einbezogenen Patienten und deren Ärzten die Gruppe der – Unterschätzer: < –1 bis –3 = 15 % – Überschätzer: > 1 bis 3 = 7 % – realistischen Schätzer: –1 bis 1 = 78 % seitens der Patienten. In Abb. 1 ist zu erkennen, dass die Mehrzahl aller eingeschlossenen Patienten im Vergleich zur Alterskohorte ihr Risiko, an einer Herz-Kreislauferkrankung zu erkranken, realistisch einschätzt. Frauen unterschätzten etwas häufiger ihr relatives Risiko als Männer, allerdings ist es absolut gesehen durch geringere Herzinfarktraten bei ansonsten weitgehend gleichmäßig verteilten Risikofaktoren niedriger als das der Männer. Zusammenhang von Schicht mit berechnetem kardiovaskulären Risiko und geschätztem kardiovaskulären Risiko In der Unterschicht gibt es die meisten Patienten mit einem sehr hohen und hohen Risiko, an einer kardiovaskulären Erkrankung innerhalb der nächsten fünf Jahre zu versterben (41 %), während dieses hohe und sehr hohe Risiko in der Mittelschicht bei 33 % Ausschlusskriterien waren Patienten mit malignen Erkrankungen, schweren psychischen Erkrankungen, Demenzen und Abhängigkeitserkrankungen. Patienten und ihre behandelnden Ärzte füllten unabhängig voneinander einen Fragebogen zu Risikofaktoren, Soziodemographie, den hausärztlichen Konsultationen und der Einschätzung des kardiovaskulären Risikos aus. Mit jeder Risiko-Selbstbeurteilung ging eine Fremd-Beurteilung des Patienten-Risikos durch seinen Hausarzt einher. Die Patientenfragebögen enthielten darüber hinaus die Einschätzungen des eigenen Wissens über Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall sowie Einschätzungen des eigenen Gesundheitszustandes. Das relative Risiko jedes einzelnen Patienten im Vergleich zur Normalbevölkerung wurde mit „niedrig“, „durchschnittlich“, „erhöht“ oder „sehr erhöht“ berechnet. Mittels des Pocock-Scores [5] (http://www.riskscore.org.uk) werden Daten zum Geschlecht, Alter, Körpergröße, systolischem Blutdruck, Rauchen, Gesamtcholesterin, Serumkreatinin und die Eigenanamnese des Patienten in Bezug auf Herzinfarkt und Schlaganfall zur Berechnung eines niedrigen, mittleren, hohen oder sehr hohen patientenbezogenen Risikos im Vergleich zu Personen gleichen Geschlechts und Alters, an einem kardiovaskulären Ereignis innerhalb der nächsten 5 Jahre zu versterben, herangezogen. Analysiert wurden die Beziehungen zwischen der subjektiven Risikoeinschätzung und der Pocock-Score-Einordnung in Abhängigkeit von der nach dem Winkler-Index [6] eingestuften sozialen Schicht des Patienten sowie der Anzahl der Arztbesuche, dem Rauchverhalten, dem allgemeinen Gesundheitszustand sowie der Einschätzung des Wissens über Risikofaktoren für Schlaganfall und Herzinfarkt. Der Winkler-Index, ein Verfahren zur Berechnung der Sozialschicht, wurde für den Bundesgesundheitssurvey 1998 entwickelt und findet seitdem breite Anwendung in der epidemiologischen Forschung. Er basiert auf der Addition von Punktwerten für die drei Merkmale Bildung, beruflicher Status und Einkommen. Jedes der drei Merkmale wird zwischen 1 und 7 Punkten bewertet. Am Ende entstehen drei Gruppen mit Punktwerten von 3–8 Punkten (untere Schicht), 9–14 Punkten (mittlere Schicht) und 15–21 Punkten (obere Schicht). Die Angaben der Fragebogen wurden mittels des Datenbankprogramm Access eingegeben, statistische Analysen erfolgten mit dem Statistikprogramm SPSS 10.5. 437 Originalarbeit Abb. 1 Risikoschätzung. –3, –2 = Unterschätzer; –1, 0, 1 = realistische Schätzer; 2, 3 = Überschätzer Lorenz H-J et al. Vergleich der subjektiven … Z Allg Med 2006; 82: 435 – 440 438 Originalarbeit Abb. 2 Soziale Schicht und berechnetes kardiovaskuläres Risiko. Abb. 4 Rauchen und Selbsteinschätzungen. Abb. 3 Schicht und Schätzungen. und in der Oberschicht bei 23 % der untersuchten Patienten besteht (siehe Abb. 2). Betrachtet man die Gesamtzahl der mit dem Winkler-Index auswertbaren Patientenangaben (n = 441), unterschätzten 22,7 % der Patienten der Unterschicht ihr Erkrankungsrisiko, in der Oberschicht dagegen lediglich 4,5 % der Patienten. Zur Überschätzung ihres Erkrankungsrisikos neigten nur 8,3 % der Patienten der Unterschicht im Gegensatz zu 22,7 % der Patienten der Oberschicht. In allen drei Schichten schätzen mehr als zwei Drittel der Patienten ihr Risiko realistisch ein (s. Abb. 3). Rauchen und subjektive Einschätzung des kardiovaskulären Risikos Hoch signifikant zeigt sich der Zusammenhang zwischen Rauchen und der subjektiven Einschätzung des Risikos: In der Gruppe der „Unterschätzer“ des kardiovaskulären Risikos rauchen 73 % der Patienten, in der Gruppe der „Überschätzer“ sind nur 25 % der Patienten Raucher. In der Gruppe der realistischen Schätzer ist der Anteil der Raucher und Nichtraucher in etwa gleich groß (s. Abb. 4). Einschätzung des Wissens über Risikofaktoren für Schlaganfall und Herzinfarkt in Abhängigkeit von der sozialen Schicht In der Kategorie sehr niedriges Wissen über Risikofaktoren fanden sich 12 % der Patienten der Unterschicht und 5 % der Patienten der Mittelschicht. Dagegen gaben 33 % Patienten der OberLorenz H-J et al. Vergleich der subjektiven … Z Allg Med 2006; 82: 435 – 440 Abb. 5 Einschätzung des Wissens über Risikofaktoren für Schlaganfall und Herzinfarkt in Abhängigkeit von der sozialen Schicht. schicht an, ein hohes Wissen über Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen zu besitzen, aber keiner schätzte sein Wissen über die Risikofaktoren als sehr niedrig ein. Sehr hohes Wissen bescheinigten sich rund 15 % der Patienten aus allen Schichten (s. Abb. 5). Diskussion Methodendiskussion Die Rekrutierungsphase dieser Studie dauerte von September 2004 bis September 2005, obwohl jeder Arzt innerhalb weniger Sprechstundentage maximal 20 Patienten einschließen sollte. Durch die lange Einschlussphase kam es besonders bei der später realisierten Erweiterung der Studie auf das Land Sachsen-Anhalt teilweise zum Vergessen des Austeilens der Fragebogen durch die Ärzte. Die Untersuchungsgruppen sind deshalb unterschiedlich groß und nicht miteinander vergleichbar. Kritisch zu betrachten ist die „grobe“ Einordnung der sozialen Schichten nach dem Winkler-Index. Da der Winkler-Index ledig- lich die drei Merkmale Bildung, beruflicher Status und Einkommen misst und die Personen in drei Schichten einordnet, fallen aufgrund der demografischen und soziostrukturellen Veränderungen und Konstellationen im Land Sachsen-Anhalt zwangsläufig mehr Personen in die Zuordnung „untere Schicht“. Dabei bleibt unklar, welche konkreten Lebensbedingungen sich hinter den einzelnen Schichten verbergen. Bei erhöhtem Anteil von Hochrisikopatienten steigt natürlich die Chance der Unterschätzung des Risikos und umgekehrt. Hier sollte aber der Fokus auf das mögliche Korrekturpotenzial bei falscher Einschätzung gelegt werden. len Angstabwehr liegen und damit auch Selbstwertschutz stützende Funktionen innehaben. Der Zusammenhang zwischen eigenem gesundheitlichem Verhalten, der damit verbundenen Generierung von Risikofaktoren und dem damit verbundenen Anstieg des Erkrankungsrisikos wird unserer Untersuchung zufolge von der Unterschicht weit weniger wahrgenommen als von der Mittel- und Oberschicht. Pancoli et al. [13] konnte nachweisen, dass das Wissen über Schlaganfallrisiken in der Bevölkerung nicht gut verankert ist und Kothari [11] zeigt auf, dass die Hälfte der Schlaganfallopfer keinen einzigen Risikofaktor für Schlaganfall benennen konnte und nur ein Viertel mehr als einen Risikofaktor. Originalarbeit Diskussion Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden durch allgemein anerkannte Risikofaktoren hervorgerufen, die wiederum lebensstilabhängig und von gesundheitlichem Verhalten bestimmt sind. Die Unterschicht-Angehörigen sind trotz des gleichen Zugangs zu medizinischen Leistungen in Deutschland weniger in der Lage, ihr individuelles Gesundheitsverhalten zu verbessern. Die Tendenz, dass Menschen aus der Oberschicht eine deutlich bessere gesundheitsbezogene Prognose als Menschen der Unterschicht haben, ist sowohl national [7, 8], als auch international [9, 10] immer wieder eindeutig nachgewiesen worden. Eine Selbsteinschätzung von Patienten, wie diese persönlich ihr Risiko sehen, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erkranken, war die Grundlage dieser Untersuchung. 78 % aller eingeschlossenen Patienten schätzten ihr Risiko, in den nächsten 5 Jahren an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu versterben, realistisch ein. 22,7 % der Patienten der Unterschicht unterschätzten und 22,7 % der Oberschicht überschätzten ihr Risiko. Gesundheitspsychologische Arbeiten haben gezeigt, dass Personen, wenn sie nach ihrem Erkrankungsrisiko befragt werden, ihr Risiko oftmals geringer einschätzen. Die Unterschätzung des eigenen Risikos wird auch als „unrealistischer Optimismus“ bezeichnet [12]. Wie in den bereits zitierten Studien [7, 9, 15] zeigen die Ergebnisse, dass in der Unterschicht die meisten Raucher zu finden sind. Rauchen ist einer der Hauptrisikofaktoren für Herz-KreislaufErkrankungen und hat im Pocock-Score neben Alter und Geschlecht das stärkste Gewicht für die Berechnung des kardiovaskulären Risikos [5]. Die DHP-Studie [7] konnte über den Zeitraum von 1984 über 1988 bis 1991 nachweisen, dass der Anteil der Raucher in der Oberschicht abgenommen, der Anteil der Raucher in der Unterschicht zugenommen hat. Ebenso zeigt die Monica-Studie [9], dass je niedriger die Ausbildungsdauer, je niedriger der berufliche Status und je niedriger das Einkommen ist, desto mehr geraucht wird. Hoch signifikant zeigt sich auch in der vorliegenden Studie der Zusammenhang zwischen Rauchen und Abweichung der subjektiven Einschätzung des Risikos vom berechneten Risiko. Dramatisch andere und seltenere Todesursachen werden im Sinne der kognitiven Dissonanzreduktion [14] eher überschätzt, um das eigene Risikoverhalten in Bezug zu größeren Gefahren besser zu legitimieren. Ursachen dieses optimistischen Fehlschlusses oder defensiven Optimismus können sowohl in falschen Informationen als auch in der individuel- Personen mit niedrigem Bildungsstatus finden sich häufiger in hausärztlicher Behandlung [16], Personen mit höherem Bildungsstatus suchen eher die Spezialisten auf [17]. Da 70–80 % der Bevölkerung mindestens einmal pro Jahr einen Hausarzt aufsuchen (Herrmann und Schwantes 2002) [18], kommt der Risikobewertung und -vermittlung durch Hausärzte eine Schlüsselrolle zu. Auffällig war die Tatsache, dass die „Unterschätzer“ im Mittel 11-mal pro Jahr den Hausarzt aufsuchen, während die „realistischen Schätzer“ im Schnitt 8-mal pro Jahr und die „Überschätzer“ im Schnitt 10-mal pro Jahr den Hausarzt konsultieren. Bedeutung hat dieses Ergebnis hinsichtlich der potenziellen Beratungsmöglichkeiten des Hausarztes in Bezug auf gesundheitsförderliches Verhalten. Es mangelt diesen Ergebnissen zufolge nicht an der Zahl der Kontakte mit dieser Patientengruppe, sondern möglicherweise daran, wie diese genutzt werden. Die Interaktion zwischen Hausarzt und Patient spielt eine zentrale Rolle im Prozess der Erkenntnis individueller Gesundheitsrisiken [19, 20]. Soziokulturelle Merkmale der Patienten beeinflussen dabei die Arzt-Patient-Kommunikation. Mit sinkender sozialer Schichtzugehörigkeit verringern sich z. B. die Zahl der Informationen an die Patienten, da unterschiedliche Sprachcodes (Elaborierter vs. Restringierter Sprachcode) das Rollenverhalten der Beteiligten beeinflussen und die Kommunikation erschweren. Je niedriger der soziale Status des Patienten ist, desto kürzer ist die Konsultationsdauer und geringer die Chance, dass Patienten von sich aus Fragen stellen und Erwartungen äußern [21]. Besonders die „Unterschätzer“ ihrer Risiken, welche vier- bis fünfmal so häufig in den Mittel- und Unterschichten als in der Oberschicht zu finden sind (Abb. 3), könnten von gezielteren hausärztlichen Beratungen, die an den Ressourcen der Menschen mit erhöhten Risiken ansetzen und ihre gesundheitsbezogenen Kompetenzen fördern, profitieren. Hier bietet sich die „Gesundheitsorientierte Gesprächsführung – (GOG)“, die als lösungsorientierter Gesprächsansatz entwickelt wurde [22], an. Ein solches Gespräch stellt hohe Anforderungen an die fachliche Kompetenz und die kommunikativen Fähigkeiten des Arztes. Förderung der Studie: Die Studie wurde im Rahmen eines allgemeinmedizinischen Teilprojektes des Kompetenznetz Schlaganfall durchgeführt, gefördert durch das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMBF). Lorenz H-J et al. Vergleich der subjektiven … Z Allg Med 2006; 82: 435 – 440 439 Danksagung Für die erfolgreiche Erhebung, Durchführung und Auswertung des Projektes sei an dieser Stelle cand. med. S. Michalke, Dr. S. Segebrecht, Prof. Dr. Lichte und den beteiligten Hausärzten aus Berlin und Sachsen-Anhalt ausdrücklich gedankt. Interessenskonflikte: keine. Literatur 1 Dorner T, Rieder A. Epidemiologie der koronaren Herzkrankheit und Bedeutung für die Prävention. Journal für Kardiologie 2005; 12 (Suppl 1): 13 – 15 2 Kreuter M, Strecher V. Changing inaccurate perceptions of health risk: Results from a randomized trial. Health Psychology 1995; 14: 56 – 63 3 Schwarzer R. Psychologie des Gesundheitsverhaltens. Hogrefe, Göttingen 1996 4 Henneckens CA, Buring JI. Epidemiology in Medicine. Little, Brown and Company, Boston 1987 5 Pocock SJ, McCormack V, Gueffier F, et al. 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Risikozuschreibung in der hausärztlichen Prävention des Schlaganfalles. Z Allg Med 2002; 78: 2 – 32 19 Finucane M, Slovic P, Mertz C. Public perception of the risk of blood transfusion. Transfusion 2000; 40: 1017 – 1022 20 Herrmann M. Elektrosmog kontrovers – Der Umgang mit gesundheitlichen Risiken in Wissenschaft und Gesellschaft. Deutscher Universitäts Verlag, Wiesbaden 1997 21 Siegrist J. Medizinische Soziologie. 4. Auflage. Urban und Schwarzenberg, München 1988 22 Schwantes U, Kersting K, Kampmann M, et al. Gesundheitsorientierte Gesprächsführung GOG – Transfer in den Praxisalltag. Z Allg Med 2002; 78: 2 – 32 9 440 Originalarbeit Zur Person Dr. P. H. Hans-Jürgen Lorenz, Dipl.-Soziologe Jahrgang 1958, ist Sozialwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Medizinsoziologie und promovierter Gesundheitswissenschaftler. Er hat sich beruflich mit Themen der Gesundheitsberatung, der Gesundheitsförderung und Prävention, der Reform der Ärzteausbildung, der Weiterbildung im Bereich Public Health und Migration und Gesundheit beschäftigt. Er war langjähriger wissenschaftlicher Koordinator des postgradualen Studiengangs Public Health in Berlin und hat in Projekten zur Ausbildung von Gemeindedolmetschern und Gesundheitsmediatoren für Migranten gearbeitet. Seit 2005 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeinmedizin der Universitäten Magdeburg und Halle. Lorenz H-J et al. Vergleich der subjektiven … Z Allg Med 2006; 82: 435 – 440


(Stand: 10.10.2006)

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