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IGeL kritisch betrachtet: Die Säure-Basen-Analyse im Rahmen der orthomolekularen Medizin

DOI: 10.1055/s-0028-1086011

IGeL kritisch betrachtet: Die Säure-Basen-Analyse im Rahmen der orthomolekularen Medizin

460 Serie IGeL kritisch betrachtet: Die Säure-Basen-Analyse im Rahmen der orthomolekularen Medizin IGeL Critically Viewed: Excess Acidity as used in Orthomolecular Medicine Autoren Institut T. Weberschock, A. Erler, I. Otterbach, M. Beyer Institut für Allgemeinmedizin, Goethe-Universität Frankfurt am Main Schlüsselwörter Säure-Basen-Haushalt Übersäuerung Basentherapie Basenpulver Key words Acid-base balance Excess acidity Base treatment Base powder Zusammenfassung & Hintergrund und Problemstellung: Eine „Übersäuerung“ im Sinne der orthomolekularen Medizin beschreibt eine chronische Belastung des Körpers mit Säuren, welche in den Zellen und im Gewebe zwischen den Zellen vorhanden sein sollen und ist vom medizinischen Begri? der Azidose abzugrenzen. Eine solche Übersäuerung soll die Entstehung von Erkrankungen wie Arteriosklerose, Arthrose, Osteoporose oder Tumoren begünstigen. Zur Diagnose einer Übersäuerung werden im Rahmen der orthomolekularen Medizin verschiedene Methoden einer Säure-BasenAnalyse als individuelle Gesundheitsleistungen angeboten. Methode: Zur Klärung des diagnostischen Wertes dieser Messmethoden im Hinblick auf eine Übersäuerung bzw. eines Nutzens präventiver bzw. therapeutischer Maßnahmen zur Verhinderung einer der genannten Erkrankungen, wurde eine umfassende Literaturrecherche durchgeführt. Ergebnisse: Der Begri? der Übersäuerung im Sinne der orthomolekularen Medizin ist nicht einheitlich de?niert, bezeichnet aber im Allgemeinen das vermehrten Vorhandensein von Säuren in und zwischen den Zellen. Zur Diagnose eines solchen Zustandes wurden vier verschiedene gängige Messverfahren gefunden. Für keines dieser Verfahren wurden wissenschaftliche Belege gefunden, die eine diagnostische Aussagekraft bestätigen könnten. Darüber hinaus konnte keine Studie gefunden werden, die einen Zusammenhang zwischen einer Übersäuerung im Sinne der orthomolekularen Medizin und dem Auftreten der oben genannten Erkrankungen belegt. Für keine der angebotenen therapeutischen Maßnahmen lässt sich ein präventiver oder therapeutischer E?ekt bei Arteriosklerose, Tumoren, Osteoporose oder Arthrose wissenschaftlich nachweisen. Abstract & Background and Problem: Excess acidity in the sense used in orthomolecular medicine describes chronic stress for the body resulting from acids which should be present in cells and in the surrounding tissue. It should not be confused with acidosis. Excess acidity is suspected of promoting illnesses such as arteriosclerosis, arthrosis, osteoporosis and tumours. By means of acid-base analyses, various methods are used to diagnose excess acidity in orthomolecular medicine and are o?ered to individuals as non-insured health services. Methods: An intensive literature search was undertaken in order to assess the possible diagnostic value of these measurements in the detection of excess acidity and the question of their bene?t for the avoidance or treatment of the above-mentioned illnesses. Results: No standard de?nition exists for the term excess acidity in orthomolecular medicine. However, it generally describes the increased presence of acids in and between the cells. Four common measurement methods were found, but no adequately scienti?c analysis could con?rm their diagnostic value. Furthermore, no study could be found which proves a relationship between excess acidity in the sense used in orthomolecular medicine and the illnesses mentioned above. No preventive or therapeutic impact could be scienti?cally proven for any of the o?ered therapeutic measures with regard to arteriosclerosis, tumours, osteoporosis or arthrosis. Conclusion: The term excess acidity in orthomolecular medicine is not clearly de?ned and its medical signi?cance is questionable. Extensive research of available data did not show su?ciently valid scienti?c analyses which demonstrated that intracellular acidity can be accurately diagnosed or sensibly treated. Peer reviewed article eingereicht: 05.08.2008 akzeptiert: 18.08.2008 Bibliogra?e DOI 10.1055/s-0028-1086011 Online-Publikation: 2008 Z Allg Med 2008; 84: 460–464 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York ISSN 1433-6251 Korrespondenzadresse Dr. T. Weberschock Institut für Allgemeinmedizin Goethe-Universität Frankfurt am Main tobias.weberschock@ ebmfrankfurt.de Weberschock T et al. IGeL kritisch betrachtet … Z Allg Med 2008; 84: 460–464 Serie 461 Schlussfolgerung: Der Begri? der Übersäuerung im Sinne der orthomolekularen Medizin ist nicht klar de?niert, und der Krankheitswert dieses Zustandes ist fraglich. Nach umfangreicher Datenrecherche liegen keine ausreichend validen wissenschaftlichen Untersuchungen vor, die belegen könnten, dass eine intrazelluläre Übersäuerung valide diagnostiziert oder sinnvoll therapiert werden kann. Als IGeL – Individuelle Gesundheitsleistungen – werden inzwischen vielfältige diagnostische und therapeutische oder präventive Leistungen angeboten, die von den Gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen werden und daher von der Patientin/vom Patienten selbst zu ?nanzieren sind. Viele dieser Angebote scheinen auf den ersten Blick einen Nutzen zu versprechen, auch wenn es sich bei einer diagnostischen Leistung nur um einen Erkenntnisgewinn über ein mögliches Gesundheitsrisiko ohne therapeutische Konsequenzen handelt. In der allgemeinmedizinischen Praxis spielen IGeL eine zunehmende Rolle, entweder weil überlegt wird, eine solche Leistung in der eigenen Praxis anzubieten, oder – häu?ger – weil Patienten wegen der von einem Fachspezialisten angebotenen Leistung den Hausarzt um Rat fragen. In evidenzbasierten Kurzbewertungen analysieren wir typische derartige Leistungen. Es handelt sich dabei nicht um systematische Reviews zu einer klinischen Fragestellung (die meisten dieser Leistungen sind, wenn sie klinisch indiziert sind, nämlich sehr wohl Kassenleistungen), sondern Bewertungen von Angeboten, die sich an gesundheitsbewusste Patienten richten. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob ein Nutzen für diese auch tatsächlich zu erwarten ist. Wir beurteilen ausdrücklich nicht die Frage, ob solche Leistungen gesundheitsökonomisch vertretbar sind. Die Bewertungen sind ursprünglich im Auftrag und mit Finanzierung durch den AOK-Bundesverband entstanden, der jedoch keinen Ein?uss auf den Inhalt der Recherche und die Bewertung genommen hat. Für die Verö?entlichung in der ZFA sind die Beiträge überarbeitet und gekürzt worden. Die Volltexte sind unter http:// www.allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de/IGeL.html erhältlich. schiedlich angegeben, ohne dass epidemiologische Untersuchungen als Grundlage genannt werden [3, 5]. Die Diskussion des Ein?usses veränderter Ernährung auf den Säure-Basen-Haushalt geht letztlich auf voneinander unabhängige Untersuchungen aus dem Jahre 1912 von R. Berg und von H. C. Sherman zurück [6, 7]. Darin wurde erstmals methodisch ungenau und unter Unkenntnis des Begri?s der Säure als Protonendonator (H + ) der Ein?uss bestimmter Nahrung auf die Menge titrierbarer Säure im ausgeschiedenen Urin dargestellt. Heutzutage ist es zwar möglich, die Protonenkonzentration bzw. den pH-Wert in Blut und Urin exakt zu bestimmen, aber zur Messung des pH-Wertes im lebenden Zellgewebe sind sehr aufwändige Untersuchungen wie die Magnetresonanzspektroskopie oder die Mikrodialyse notwendig [8, 9]. Darüber hinaus konnte mittlerweile zwar der Ein?uss von alkalischer bzw. saurer Nahrung auf den pH-Wert des Urins belegt werden, die Bedeutung von Säuren in Nahrungsmitteln als Ursache von Erkrankungen bleibt allerdings fraglich [8, 10]. In der folgenden Darstellung soll primär drei Fragen nachgegangen werden: Kann eine intrazelluläre Übersäuerung mit den im Rahmen der beschriebenen IGeL-Angebote vorgeschlagenen Messverfahren (Säure-Basen-Analyse) bei ansonsten gesunden Menschen zuverlässig bestimmt werden? Lässt sich ein Zusammenhang zwischen einer intrazellulären Übersäuerung und dem Auftreten von Arteriosklerose, Osteoporose, Arthrose oder Tumorerkrankungen nachweisen? Gibt es valide Belege dafür, dass die Einnahme von basischen Substanzen bei o. g. Erkrankungen präventiv oder therapeutisch wirksam ist? Methodik & In einer intensiven Literaturrecherche wurden die medizinischen Datenbanken Medline und Cochrane Library ohne Einschränkung des Zeitraums oder der Sprache bis Oktober 2007 nach diagnostischen bzw. therapeutischen Studien der Evidenzlevel 1 oder 2, also prospektiven klinischen Studien, durchsucht. Darüber hinaus wurde im Internet mit einschlägigen Suchmaschinen und in im Kontext relevanten Lehrbüchern zum Thema Übersäuerung gesucht [11, 12]. Einleitung/ Fragestellung & Die Theorie der Übersäuerung im Rahmen der orthomolekularen Medizin geht davon aus, dass vor allem durch Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten (z. B. eiweißreiche Kost) mehr Säuren in den Körper gelangen und von diesem gepu?ert und ausgeschieden werden müssen, um den pH-Wert konstant zu halten [1, 2]. Das längere und vermehrte Vorhandensein von gepu?erten Säuren im Körper und insbesondere in und zwischen den Körperzellen soll störende Ein?üsse auf Sto?wechselfunktionen haben und das Gewebe schädigen [3, 4]. Dies soll letztendlich zu so unterschiedlichen Erkrankungen wie Tumoren, Arteriosklerose, Arthrose und Osteoporose führen. Mit einer Säure-Basen-Analyse im Rahmen der orthomolekularen Medizin soll die intra- und interzelluläre Belastung des Körpers mit Säuren festgestellt und Empfehlungen für eine Therapie mit basischen Substanzen abgeleitet werden. Die Häu?gkeit einer Übersäuerung wird mit 5–98 % der Bevölkerung sehr unter- Ergebnisse & 1. Diagnostische Messverfahren zum Nachweis einer Übersäuerung Häu?g angebotene und als besonders verlässlich dargestellte Verfahren sind die Säuretitration im Urin nach Sander und die in Blut und Plasma nach Jörgensen [13]. Weitere Methoden sind die Messung der Pu?erkapazität nach Jörgensen, die Erstellung von Urin-pH-Pro?len und der Diagnosegri? nach Collier (siehe Tab. 1). 2. Säure-Basenmessung nach Jörgensen Aus einer venösen Blutprobe wird Blutplasma gewonnen, zu diesem schrittweise ( = titriert) Salzsäure hinzugegeben und der pH-Wert gemessen. Bei verminderter Pu?erkapazität soll der pH-Wert schneller als gewöhnlich abfallen [12, 14]. Eine publizierte und ausreichend valide Untersuchung des Diagnoseverfahrens konnte nicht gefunden werden, es liegen aber unpublizierte Vergleichsmessungen des Verfahrens gegenüber einem Weberschock T et al. IGeL kritisch betrachtet … Z Allg Med 2008; 84: 460–464 462 Serie 1. Die basenreiche Kost Die basenreiche Kost basiert auf Tabellen, die Lebensmittel als eher basisch oder eher sauer klassi?zieren. Insbesondere Fleisch, Wurstwaren und Milchprodukte, sowie Ka?ee, Tee und Alkohol werden als sauer angegeben. Dagegen seien Gemüse, Obst und Milch eher basisch [19, 20]. Solche Tabellen werden aktuell kontrovers diskutiert, da sie nach Jörgensen alle auf die ursprünglichen, insgesamt ungenauen Untersuchungen von Ragnar Berg aus dem Jahre 1912 zurückgehen [18]. Zwei weitere diesbezügliche Untersuchungen sind ebenfalls methodisch nicht ausreichend valide, um eine Aussage über den Basencharakter einzelner Nahrungsmittel zu tre?en [21, 22]. Tab. 1 Übersäuerung im Sinne der orthomolekularen Medizin – untersuchte Angebote. diagnostische Verfahren – Säure-Basenmessung nach Jörgensen – Messung der Pu?erkapazität des Urins nach Sander – Messung des Urin-pH-Pro?ls – Diagnosegri? nach Collier therapeutische Verfahren – Basenreiche Kost – Basenpulver – Azidosemassage – Basenbehandlung mit externen P?egeprodukten 2. Basenpulver nicht näher bezeichneten Blutgasautomaten von Jörgensen vor. Diese belegen vergleichbare Messungen bei der Bestimmung des Basenüberschusses im Blutplasma, allerdings ist eine weitere Interpretation der Ergebnisse hinsichtlich der diagnostischen Genauigkeit anhand der enthaltenen Angaben nicht möglich [15]. Basenpulver besteht meist aus den korrespondierenden Basen einer Säure. Korrespondierende Basen sind schwache Säuren, deren Protonen durch Natrium, Kalium, Magnesium oder Calcium ersetzt wurden. Im Körper lösen sich diese Substanzen aus der Verbindung und geben die Bindungsstelle wieder für Protonen frei, die dann gepu?ert werden können. Es gibt viele fertige Basenmischungen im Handel, teils mit weiteren Zusätzen und anderen Komponenten, sowie Rezepturen zur Mischung [23, 24]. 3. Messung der Pu?erkapazität des Urins nach Sander Eine weitere Titrationsmethode ist die Säuretitration des Urins zu festen Zeiten über mehrere Tage nach Sander [16]. Eine vergleichende Untersuchung der Testmethode nach Sander und einer sogenannten Applied Kinesiology-challenge (AK-challenge) gibt aufgrund methodischer Fehler keinen Hinweis auf die Güte des Tests, genauso wenig wie die Messungen von Sander selbst im Jahre 1953 [16, 17]. 3. Azidosemassage Die Azidosemassage nach Collier beruht auf der Theorie, dass „Säureschlacken“ im Bindegewebe vorhanden sind, die mittels bestimmter Massagetechniken abgebaut werden können. Dazu wird das Prinzip der rollenden Hautfalte nach Kibler angewendet, um den Lymph?uss anzuregen. Patient und Massierender sollen dabei in Resonanz kommen [25, 26]. 4. Messung des Urin-pH-Pro?ls Die Bestimmung eines Urin-pH-Pro?ls erfolgt meist durch pHMessungen des Spontanurins über mehrere Tage. Dabei darf der pH-Wert des Urins in gewissen tagesabhängigen Bereichen schwanken [13]. Diese Art der Diagnostik wird selbst bei Befürwortern der Säure-Basen-Analyse kontrovers diskutiert [18]. Trotz intensiver Literaturrecherche konnte keine valide Studie zur Testgüte gefunden werden. 4. Basenbehandlung mit externen P?egeprodukten Obwohl der normale pH-Wert der Hautober?äche zwischen 4 und 7 und somit im sauren Bereich liegt [27, 28], wird von Herstellern zahlreicher externer Basenp?egeprodukte propagiert, dass eine gesunde Haut einen pH-Wert von 7,4 bis 8 aufweise, allerdings ohne Belege für diese Theorie anzuführen. Über in diesem Zusammenhang vertriebene Basencremes und basische Badezusätze hinaus werden auch basische Augen- und Zahncremes, Gesichtstonics, sowie Massage- und Haaröle angeboten [29]. Diagnosegri? nach Collier Der Diagnosegri? nach Dr. Renate Collier zur Feststellung einer Säurebelastung im Unterhautbindegewebe besteht in der Bestimmung der Bescha?enheit einer abgehobenen Hautfalte [19]. Trotz intensiver Literaturrecherche konnte keine valide Studie zur Testgüte gefunden werden. Übersäuerung als Auslöser von Erkrankungen. Trotz intensiver Literatursuche konnte keine prospektive klinische Studie gefunden werden, die belegt, dass eine intrazelluläre Übersäuerung, die durch eine der oben beschriebenen angebotenen Messverfahren diagnostiziert wurde, bei asymptomatischen, ansonsten gesunden Menschen zu Erkrankungen führt. Therapeutische Maßnahmen bei Übersäuerung. Die Behandlung einer Übersäuerung des Körpers im Rahmen der orthomolekularen Medizin basiert auf zwei Ansätzen. Der erste Ansatz besteht in der Zufuhr von Basen entweder durch Nahrungsmittel (basenreiche Kost) oder Nahrungsergänzungsmittel (Basenpulver). Der zweite Ansatz besteht in äußerlichen Maßnahmen wie der Mobilisation von Säuren im Körper durch die Azidosemassage nach Collier, durch das Baden in Wasser mit basischen Zusätzen oder durch die Anwendung von Basencremes (siehe Tab. 1). Weberschock T et al. IGeL kritisch betrachtet … Z Allg Med 2008; 84: 460–464 Präventiver bzw. therapeutischer E?ekt basischer Substanzen Arteriosklerose Für die Arteriosklerose gibt es ausreichende wissenschaftliche Belege dafür, dass eine Ernährung mit einem höheren Anteil an Gemüse und Früchten das Erkrankungsrisiko senkt [30–32]. Aufgrund der Ergebnisse der vorliegenden Untersuchungen kann jedoch nicht unterschieden werden zwischen dem E?ekt einer insgesamt gesünderen Ernährung (z. B. wegen des Vitamin- oder Karotingehalts) und dem E?ekt, der durch die basischen Anteile der Nahrung zustande kommt. Damit ist der Rückschluss, dass die vermeintlich basischen Komponenten der Nahrung für den krankheitspräventiven E?ekt einer Ernährung mit mehr Gemüse und Früchten verantwortlich sind, nicht möglich. Osteoporose Für die Osteoporose liegen wissenschaftliche Studien vor, in denen ein Zusammenhang zwischen einer Ernährungsform mit Serie 463 mehr Früchten und Gemüse und einer Verringerung des Osteoporoserisikos hergestellt wird [33–35]. In kleineren Interventionsstudien wurde teilweise ein Ein?uss der Einnahme von alkalischen Substanzen auf die Ausscheidung von Markern der Knochenresorption im Urin festgestellt [36, 37]. Dieser bestätigte sich in weiteren Studien in dieser Form nicht [38, 39]. Zurzeit werden von mehreren Autoren weitere prospektive Studien zur Klärung der diesbezüglichen o?enen Fragen gefordert [33, 39, 40]. ferfunktion der Haut (Säureschutzmantel) eingeschränkt, und chemische Noxen können leichter eindringen. Mögliche Folgen sind eine toxische Schädigung mit erhöhter Ekzembereitschaft sowie eine leichtere Kontaktsensibilisierung gegen Allergene [27]. Fazit & § Der körpereigene Säure-Basen-Haushalt unterliegt mehreren leistungsfähigen und schnell reagierenden Regulationsmechanismen. § Der Begri? Übersäuerung ist nicht klar de?niert, beschreibt aber im Allgemeinen das vermehrte Vorhandensein von Säure in und zwischen den Zellen. § Die häu?g angebotenen diagnostischen Maßnahmen sind nicht geeignet, eine Übersäuerung zu diagnostizieren. § Die angebotenen basischen Substanzen zur Vorbeugung und Behandlung von Arteriosklerose, Tumoren, Arthrose oder Osteoporose haben keinen wissenschaftlich ausreichend nachgewiesenen E?ekt auf die Entstehung oder die erfolgreiche Behandlung der genannten Erkrankungen. Arthrose Trotz intensiver Literatursuche konnte keine prospektive, klinische Studie gefunden werden, die valide belegt, dass eine Behandlung mit basischen Substanzen bei asymptomatischen, ansonsten gesunden Menschen die Entstehung von Arthrose verhindert. Allerdings wurde für die Behandlung der rheumatoiden Arthritis eine randomisierte kontrollierte Studie gefunden, die zeigt, dass die Einnahme von 30 g basischen Mineralien pro Tag über 12 Wochen einen positiven Ein?uss auf das subjektive Schmerzerleben haben soll. Allerdings fehlt die für die Erhebung von subjektiven Einschätzungen wichtige methodische Komponente der Verblindung, sodass auf der Basis dieser kleinen Studie keine Empfehlung gegeben werden kann [41]. Eine prospektive, nicht-kontrollierte Studie zum Einsatz basischer Komponenten bei Rückenschmerz ist aufgrund methodischer Schwächen ebenfalls nicht aussagekräftig genug [42]. Interessenkon?ikte: keine angegeben. Literatur 1 Frassetto L, Morris RC, Sellmeyer DE, et al. Diet, evolution and aging – the pathophysiologic e?ects of the post-agricultural inversion of the potassium-to-sodium and base-to-chloride ratios in the human diet. Eur J Nutr 2001; 40: 200–213 2 Remer T. 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Estimation of the renal net acid excretion by adults consuming diets containing variable amounts of protein. Am J Clin Nutr 1994; 59: 1356–1361 11 Martin M. Säuren, Basen und Entgiftung in der naturheilkundlichen Praxis. Köln: Ralf Reglin Verlag; 2005 12 Marktl W, Reiter B, Ekmekcioglu C. Säure – Basen- Schlacken. Springer Verlag; 2007 13 Kracke A. Zirkadiane Rhythmen des Säure-Basen-Haushaltes und die Bedeutung für die Praxis. Sanum Post 2002; 60: 2–9 14 Jörgensen HH. Säure-Basen-Haushalt – Ein praxisnahes Messverfahren zur Bestimmung der Pu?erkapazität. Erfahrungsheilkunde 1985; 5: 372–377 15 Vergleichsmessungen des SB-Status – einmal mit Blutgasautomaten und dem Verfahren nach Jörgensen Unpublizierte Daten. Beim Verfasser des Textes erhältlich 2008. 16 Sander F. Der Säure-Basen-Haushalt des menschlichen Organismus. Hippokrates Verlag; 1999 17 Garten H. Säure-Basen-Haushalt – eine Studie zur Evaluierung verschiedener Messmethoden. Erfahrungsheilkunde 2001; 2: 92–100 18 Jörgensen HH. Sieben Irrtümer über den Säure-Basen-Haushalt. Naturarzt 2007; 7: 8–11 19 Collier R. Der Säure-Basen-Haushalt -ein Basisgeschehen im Organismus. Sanum Post 1989; 7: 18–21 Tumorerkrankungen Für die häu?gsten bösartigen Tumorerkrankungen (Prostata-, Rektum-, Mammakarzinom) konnte in größeren randomisiertkontrollierten klinischen Studien kein signi?kanter E?ekt einer bestimmten Ernährung auf das Auftreten des Prostatakarzinoms, das Auftreten von Darmpolypen als Vorstufe des Rektumkarzinoms oder auf das Auftreten bzw. Wiederauftreten eines Mammakarzinoms festgestellt werden [43–46]. Es konnte trotz intensiver Literatursuche keine prospektive, kontrollierte klinische Studie gefunden werden, die belegt, dass eine Therapie mit basischen Substanzen bei einer Tumorerkrankung einen Effekt zeigt. Risiken einer Säure-Basen-Analyse im Rahmen der orthomolekularen Medizin Als sehr gering ist das direkte (Infektions-) Risiko bei einer Blutentnahme einzuschätzen, welche bei der Messung nach Jörgensen durchgeführt wird [47]. Urinmessungen und auch der Diagnosegri? nach Collier erscheinen ungefährlich. Die basenreiche Kost führt bei weiterhin ausgewogener Ernährung zu keinen Mangelerscheinungen. Wird aber zum Beispiel aufgrund der Nahrungsmitteltabellen auf tierische Nahrung und Tierprodukte völlig verzichtet, da sie fast durchgehend als sauer gekennzeichnet sind, kann es beispielsweise zu einem Vitamin-B12-Mangel kommen [28]. Die Einnahme von Basenpulver führt bei ordnungsgemäßer Anwendung aufgrund der Pu?ermechanismen nicht zu einer manifesten Alkalose im Körper, anders bei absichtlicher oder versehentlicher Überdosierung dieser Substanzen. Eine dabei möglicherweise entstehende metabolische Alkalose kann zu Krämpfen und Minderdurchblutung des Gehirns führen [48]. Die Azidosemassage nach Collier scheint bei sachgerechter Durchführung im Vergleich zu einer normalen Massagetechnik kein erhöhtes Risiko für Schäden zu beinhalten. Die Basenbehandlung mit externen P?egeprodukten führt zu einem Anstieg des pH-Wertes an der Hautober?äche. Damit ist die Puf- Weberschock T et al. IGeL kritisch betrachtet … Z Allg Med 2008; 84: 460–464 464 Serie 20 Knophius H. Säure-Basen-Balance. 2003. Gräfe und Unzer Verlag; 2007 21 Frassetto L A, Todd KM, Morris RC, et al. Estimation of net endogenous noncarbonic acid production in humans from diet potassium and protein contents. Am J Clin Nutr 1998; 68: 576–583 22 Sebastian A, Frassetto L A, Sellmeyer DE, et al. Estimation of the net acid load of the diet of ancestral preagricultural Homo sapiens and their hominid ancestors. Am J Clin Nutr 2002; 76: 1308–1316 23 Liste von 17 Basenpulvern Apotheke.de Portal GmbH, im Internet www.apotheke.de/shop/suche_artikel.php c0c0195cb7abecf0733a&pid=home&site=Sonderangebote&suche=bas en&artikelproseite=50 Zugri? am 26-9-2007 24 Stösser. Die intestinale Regulation des Säure-Basen-Haushaltes. Springer Verlag; 2007 25 Collier R. Entstehungsgeschichte und moderne Interpretation der Azidose-Therapie. Naturamed 1998; 2: 25–36 26 Kibler M. Segmenttherapie bei Gelenkserkrankungen und inneren Krankheiten. Hippokrates Verlag; 1955 27 Jung EG. Dermatologie. Hippokrates Verlag; 1998 28 Roche Lexikon Medizin München: Urban & Schwarzenberg; 1998 29 Töth E Lehr- und Forschungsinstitut der wissenschaftlichen Gesellschaft für biokybernetische Medizin und Bewusstseinsforschung, im Internet www.biokybmed.com Zugri? am 26-9-2007 30 Liu S, Manson JE, Lee IM, et al. Fruit and vegetable intake and risk of cardiovascular disease: the women’s health study. 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Tobias Weberschock, Leiter der Arbeitsgruppe EbM Frankfurt Facharzt für Haut und Geschlechtskrankheiten Institut für Allgemeinmedizin Fachbereich Medizin der GoetheUniversität Theodor-Stern-Kai 7 60590 Frankfurt am Main E-mail: tobias.weberschock@ ebmfrankfurt.de Weberschock T et al. IGeL kritisch betrachtet … Z Allg Med 2008; 84: 460–464


(Stand: 10.10.2008)

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