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Zwei Tage mit Jacolyne – Weiterbildung Allgemeinmedizin in den Niederlanden

DOI: 10.3238/zfa.2009.0423

Ein Erfahrungsbericht

Marcus Schmidt

Zusammenfassung: Im Rahmen einer Hospitation konnte ich einen Eindruck von der strukturierten und an Universitäten angegliederten Weiterbildung unseres Nachbarlandes gewinnen, deren primäres Ziel die Qualifizierung und nicht die Arbeitsleistung der Weiterzubildenden ist.

Schlüsselwörter: Weiterbildung, Allgemeinmedizin, Niederlande

Einleitung

Die niederländische Organisation angehender Hausärzte LOVAH lud vom 21. bis zum 23.1.2009 36 junge Ärzte aus 19 europäischen Ländern ein, das dortige Weiterbildungssystem kennenzulernen und danach ihren jährlichen Kongress „Hausarzt in Bewegung“ zu besuchen. Jeder ausländische Arzt bekam einen HAIO (Huisarts in Opleiding = Hausarzt in Weiterbildung) zur Seite gestellt. Ich durfte Jacolyne Goree aus Utrecht zwei Tage lang über die Schulter schauen. Jacolyne hatte fünf Monate zuvor ihre Weiterbildung begonnen, vorher aber bereits vier Jahre in den Bereichen Onkologie, Geriatrie und Pädiatrie gearbeitet. In den Niederlanden ist die Weiterbildung Allgemeinmedizin so beliebt, dass man erst nach mindestens ein bis zwei Jahren Arbeit in anderen Gebieten einen Weiterbildungsplatz bekommt. Die Weiterbildung dauert drei Jahre und wird von den acht medizinischen Fakultäten des Landes organisiert. Das erste und das dritte Jahr arbeiten die Ärzte in einer Allgemeinpraxis, im zweiten Jahr in der Psychiatrie (drei Monate), der Notaufnahme (sechs Monate) und der Geriatrie (drei Monate). Vor Beginn der Weiterbildung geleistete Arbeit wird auf das zweite Jahr angerechnet.

Praxis

Jacolyne wurde für ihr erstes Weiterbildungsjahr in eine große Hausarztpraxis in Renkum, einem 10.000 Einwohner-Städtchen 67 km außerhalb von Utrecht, geschickt. Ihr Arbeitstag beginnt morgens um 8.40 Uhr und es wird genau darauf geachtet, dass sie pro Patient mindestens 20 Minuten Zeit hat. Ihr Tutor sitzt im Nachbarraum und kann von ihr bei Problemen jederzeit hinzugezogen werden. Auf ihrem Schreibtisch liegt ein dicker Ordner mit den Kurzfassungen der Leitlinien der niederländischen Hausarztgenossenschaft zu den knapp 100 häufigsten Erkrankungen und Beratungsanlässen in der Hausarztpraxis. Diese von ihr als „die Bibel“ bezeichnete Sammlung hilft ihr bei der täglichen Arbeit sehr. Der erste Patient an diesem Morgen ist ein junger Mann, der nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr bei einer Türkeireise unter einer Rötung der Glans penis leidet. Die Leitlinie M82 „Beratung bei sexuell übertragenen Krankheiten“ sagt uns, wie weiter zu verfahren ist. Die nächste Patientin kommt zur gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung. Diese wird in den Niederlanden alle fünf Jahre von den Hausärzten durchgeführt und vor Beginn der Weiterbildung in einem Kurs an freiwilligen Probandinnen erlernt. Um 12.20 Uhr ist Mittagspause. Das gesamte Praxisteam isst zusammen und bespricht aktuelle Probleme. Danach begleitet Jacolyne ihren Tutor ins Pflegeheim, wo die monatliche Medikamentenbesprechung stattfindet. Die Indikation aller Medikamente der 15 Bewohner, für die der Tutor zuständig ist, wird überprüft. Danach macht Jacolyne drei Hausbesuche alleine. Am Ende jeden Tages steht eine Stunde Weiterbildungsbesprechung mit dem Tutor, in der die Fälle des zurückliegenden Tages besprochen werden. Jetzt ist auch Zeit für einen weiteren zentralen Teil der Weiterbildung: die Videoanalyse. Jede Woche muss mindestens ein Patientengespräch per Kamera aufgezeichnet werden. Hinterher wird es anhand eines standardisierten Fragebogens (MAAS-Globaal Scorelijst 2000) ausgewertet: Hat Jacolyne zum Beispiel nach der eigenen Krankheitsvorstellung des Patienten gefragt? Hat sie sich am Ende des Gesprächs versichert, ob ihre Botschaften auch beim Patienten angekommen sind, und konnte eine gemeinsame Therapieentscheidung getroffen werden?

Kursweiterbildung

Am zweiten Tag gehe ich mit Jacolyne zu ihrer wöchentlichen Kursweiterbildung an die Universität Utrecht. 3,5 Tage pro Woche arbeitet sie in der Praxis, einen Tag geht sie zur Kursweiterbildung und ein halber Tag ist fürs Selbststudium vorgesehen. Am Kurs nehmen zwölf Ärzte in Weiterbildung teil und er ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil sind ein hausärztlicher Tutor sowie ein Psychologe anwesend. Der Schwerpunkt liegt auf der Schulung von Kommunikationsfähigkeiten, wobei wieder die von den HAIOs mitgebrachten Videos eingesetzt werden. Am heutigen Tag wird ein Video analysiert, in dem ein junger Amerikaner in die Praxis kommt und wegen eines banalen Infekts ein Antibiotikum fordert. Eine lebhafte Diskussion über die richtige Kommunikationsstrategie entsteht: Wie überzeuge ich den Amerikaner davon, dass seine Erkältung zu über 95 % auch ganz von alleine wieder verschwinden wird? Im zweiten Teil werden leitliniengerechte Diagnostik und Therapie anhand von Fallbeispielen geübt. Ein 50-jähriger „typischer Holländer“ mit Magenschmerzen kommt in die Praxis. Nachdem in Kleingruppen die Diagnostik- und Therapievorschläge der Kursteilnehmer gesammelt wurden, wird die Leitlinie „Oberbauchbeschwerden“ zu Rate gezogen. Im letzten Teil werden von den HAIOs während der letzten Woche gesammelte Fragen besprochen.

Prüfungen und persönliche Rückmeldung

Im nächsten Monat steht für Jacolyne die erste der halbjährlichen schriftlichen Prüfungen an. Nach der Prüfung erhält sie eine detaillierte Rückmeldung über ihre Stärken und Schwächen. Auch ihr Tutor muss am Ende jeden Abschnittes Lernempfehlungen für die noch verbleibende Zeit abgeben.

LOVAH

Die niederländische Organisation angehender Hausärzte spielt auch außerhalb der Arbeitszeit für die jungen Ärzte eine große Rolle. Viele engagieren sich in einer der fünf LOVAH-Arbeitsgruppen (Wissenschaft – Politik und Gesellschaft – Europäische Zusammenarbeit – Kongressvorbereitung – Sport). Jacolyne nimmt mich am Abend mit zur Utrechter Arbeitsgruppe Europäische Zusammenarbeit (WES), deren Mitglieder zu Ehren der ausländischen Besucher ein Pfannkuchenessen veranstalten.

Persönliches Fazit

Die halbe Woche in den Niederlanden war für mich wie eine Reise in eine andere Welt. Jacolyne erfährt dort eine kommunikations- und leitlinienorientierte Weiterbildung aus einem Guss. Durch die Seminare entwickelt sie von Beginn an eine starke Identität als Allgemeinmedizinerin. Dadurch, dass die Weiterbilder kein Gehalt zahlen müssen, sondern im Gegenteil eine Aufwandsentschädigung von 150 € pro Woche für die Weiterbildung erhalten, entsteht ein geschützter Raum, in dem Jacolyne viel lernen kann und langsam an die volle Eigenverantwortlichkeit herangeführt wird. Durch ständiges Feedback weiß sie von Beginn ihrer Weiterbildung, welche Lernschwerpunkte sie sich in der verbleibenden Zeit setzen muss. In deutschen Kliniken und Praxen wurde ich hingegen als reine Arbeitskraft angesehen und hatte von den Ärztekammern wenig Hilfe bei der Organisation meiner Weiterbildung zu erwarten. Deren Richtlinienkatalog verlangte mir unzählige technische Untersuchungen wie Sonografie und Doppler ab, die in der regulären Weiterbildungszeit nicht leistbar waren. Meine ärztliche Kommunikation musste ich in einem teuren Psychosomatikkurs während Freizeit und Urlaub schulen. Die ersten drei Jahre meiner Weiterbildung arbeitete ich nur mit Internisten, Pädiatern und Chirurgen zusammen und fühlte mich als angehender Allgemeinmediziner allein auf weiter Flur. Eine Reformierung des deutschen Weiterbildungssystems nach niederländischem Vorbild scheint mir sehr wünschenswert.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Marcus Schmidt

Schwarzwaldstr. 3

78250 Tengen

E-Mail: dr-marcus-schmidt@web.de

 

1 Schwarzwaldstr. 3, 78250 Tengen

DOI 10.3238/zfa.2009.0423


(Stand: 31.05.2011)

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