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Die Veröffentlichungen der deutschen wissenschaftlichen Allgemeinmedizin 2008

DOI: 10.3238/zfa.2009.0412

Dieter Borgers

Zusammenfassung: Die bibliometrische Analyse der Zeitschriften-Publikationen der deutschen akademischen Allgemeinmedizin für das Jahr 2008 mit Hilfe des Scopus-Systems ergibt folgende Resultate: 215 Veröffentlichungen insgesamt, davon 118 Originalarbeiten, 36 Reviews, 15 Kurzartikel, 46 Editorials usw. Die ca. 30 Abteilungen und Lehrbereiche lassen sich grob in ungefähr 10 publikationsbezogen produktive, reale Abteilungen und 20 übrige Einrichtungen (Lehrbereiche usw.) einteilen. Es werden zusätzlich kritische aktuelle Bewertungen des Impact-Faktors referiert.

Schlüsselwörter: Allgemeinmedizin, Zeitschriftenliteratur, Deutschland, Scopus, Impact-Faktor

Einleitung

In einer Veröffentlichung der ZFA [1] wurde eine bibliometrische Analyse der Veröffentlichungen der deutschen wissenschaftlichen Allgemeinmedizin erstmalig für den Gesamtzeitraum 1998–2007 vorgenommen, wie das ähnlich für andere Länder später ebenfalls geleistet wurde [2]. Diese wird hier für das Jahr 2008 aktualisiert, sodass es sich dabei um eine Art bibliometrische Jahresbilanz handelt, die in Zukunft jährlich erneuert werden könnte.

Für diese Arbeit wurde bewusst das System „Scopus“ benutzt, was sowohl deutsche (und europäische) Arbeiten weitaus besser als andere Systeme berücksichtigt, als auch besser allgemeinmedizinisch (und sozialwissenschaftlich) orientierte Aufsätze aufgenommen hat. So verwundert es auch nicht, dass vor Kurzem die deutsche Forschungsgemeinschaft ein Kompetenzzentrum für Bibliometrie eingerichtet hat, welches das Scopus-System zur besseren Abdeckung auch europäischer Arbeiten benutzt. In Einzelfällen sind Abweichungen um wenige Arbeiten in der Auszählung vorhanden, da Scopus bei dem verwendeten Algorithmus auch Arbeiten von anderen Autoren außerhalb universitärer Abteilungen findet. Abteilungen ohne Fund sind nicht ausgedruckt.

Bibliometrische Kerndaten

Die in Tabelle 1 dargestellten Ergebnisse beruhen auf einem Abfrage-Algorithmus, der auf der Nennung und Darstellung der Adressangaben beruht. Für Einzelheiten und Caveats sei auf den ausführlichen Beitrag unter [1] verwiesen. Arbeiten, die in Scopus als im Druck für 2009 aufgeführt sind, werden nicht berücksichtigt. Als Veröffentlichungsdatum gilt nämlich der Zeitpunkt der Publikation in Papierform mit Seitenangaben usw. Nur bei reinen Online-Zeitschriften gilt dies nicht, sie ist dann mit Datum der Online-Publikation aufgenommen.

Die in Tabelle 2 dargestellte Rangfolge der Zeitschriften in denen publiziert wird, erlaubt eine Einschätzung der Relevanz von Zeitschriften für die Allgemeinmedizin.

Zitierhäufigkeit

Es ist sinnvoll für eine Betrachtung der Zitierhäufigkeit das Jahr 2007 mit zu benutzen, weil es ja eine Weile dauert, bis eine Arbeit überhaupt zitiert werden kann und dann das Zitat in einer anderen Arbeit erscheint. Zitierungen finden dann aber überwiegend im sofortigen Folgezeitraum statt. Die im Jahre 2007–2008 veröffentlichten 442 Arbeiten, davon 223 Originalarbeiten, wurden in 170 Veröffentlichungen zitiert. Eine Arbeit wurde 40-mal zitiert, alle übrigen, die im Allgemeinen selten überhaupt zitiert wurden, weniger als 5-mal. Auf eine detailliertere Bewertung der Zitierungen wird hier verzichtet; auch weil es so wenige sind. Dies ist allerdings kein spezielles Problem der Allgemeinmedizin.

Publizierende Abteilungen

Es gibt unter den Abteilungen oder Lehrbereichen für Allgemeinmedizin nur 8, die schon über einige Jahre eine Größe haben, die wissenschaftliche Arbeitsfähigkeit und damit auch die Anwerbung von Drittmitteln wirklich erlaubt, was wiederum materielle Grundlage für Forschung und Originalarbeiten ist. Dies sind Berlin, Düsseldorf, Frankfurt/M., Hamburg, Hannover, Heidelberg, Magdeburg/Halle, Marburg. In 2007/08 sind noch hinzugekommen Essen, Jena und Witten. Somit ist die Tabelle 3 nur auf diesem Hintergrund sinnvoll interpretierbar. Der mehr oder minder ehrenamtliche Lehrauftrag eines niedergelassenen Kollegen ist als solcher schon oft eine zeitliche Überforderung, sodass nicht erwartet werden kann, dass damit dann noch wissenschaftliche Arbeiten produziert werden können.

Es ist sicherlich in Ausnahmen möglich, dass eine Arbeit mittels Scopus nicht gefunden wurde; meist ist dies darauf zurückzuführen, dass allein eine nicht universitäre Adressangabe im jeweiligen Artikel erfolgte. Die Benutzung des Feldes „Affiliation“ für die Analyse führt dazu, dass Autoren, die in ihren Adressangaben nicht die Wörter Allgemeinmedizin, general practice, primary care, family medicine benutzen unberücksichtigt bleiben. Dies führt zu einigen zusätzlich falsch negativen Ergebnissen, vergleichbar mit denjenigen Artikeln und Zeitschriften, die gar nicht in Scopus gelistet sind. Es ist daher angebracht, alle allgemeinmedizinischen Autoren bzw. Herausgeber darauf hinzuweisen, dass entsprechend korrekte Adressangaben verwendet werden, z. B. nicht einfach Universität XY ohne Institutsangabe oder general medicine statt general practice.

Einzelne, eher wenige Arbeiten tauchen in der nach Abteilung aufgegliederten Darstellung mehrfach auf, wenn daran mehrere Abteilungen beteiligt sind.

Themen

Es ist von Interesse, die publizierten Arbeiten in Bezug auf ihre Inhalte zu analysieren. Hier ist es nur in der Weise getan worden, die Nähe zum Kernbereich der Allgemeinmedizin festzulegen. Dies ist unter der Frage geschehen: Berührt der Text nennenswert die sog. core values der Allgemeinmedizin – so wie sie von der WONCA, aber auch der DEGAM definiert sind? Dazu wurden die Zusammenfassungen der Publikationen von einem ehemaligen Präsidenten der Gesellschaft durchgesehen und den folgenden Kategorien zugeordnet:

  • – 1 = thematisch auf den Kern des Faches (core values) bezogen, also das, was für das Fach das Spezifische ist.
  • – 2 = fachnah, also z. B. epidemiologische Untersuchungen zum Fach, Leitlinien zu medizinischen Themen des Faches sowie Untersuchungen zu komplementären Verfahren.
  • – 3 = fachferne medizinische Themen, die jedes andere Fach in ähnlicher Weise bearbeitet hätte, oder Themen, die so speziell sind (mikrobiologische, umweltmedizinische Untersuchungen, Medikamententestungen), dass der allgemeinmedizinische Bezug eher künstlich konstruiert erscheinen würde.

Danach sind 80 der 154 Orginalarbeiten und Reviews aus dem Jahre 2008 als fachspezifisch, 35 als fachnah und 30 als fachfern eingeordnet worden. Es handelt sich hier sicher um eine subjektive (nämlich eines Subjektes) Bewertung, die lediglich eine Orientierung geben soll.

Welche Zeitschriften zitieren die deutschen Autoren?

Die Rangfolge der Zeitschriften in Tabelle 4, aus denen in den veröffentlichten Publikationen zitiert wird, gibt einen Einblick in die inhaltliche Relevanz von einzelnen Zeitschriften für die wissenschaftliche Arbeit der Allgemeinmedizin.

Bedeutung einer solchen Übersicht

Die hier vorgelegte Auszählung ist eine quantitative Analyse, die nichts über die Qualität der Beiträge in inhaltlicher oder methodischer Hinsicht bzw. über die wissenschaftliche Fruchtbarkeit des Faches direkt aussagt. Eine solche Interpretation ist nur indirekt über die Hilfskonstruktion der „wissenschaftlichen Relevanz“ einer Zeitschrift als Vorab-Festlegung möglich. Weil aber für diese Relevanz häufig auch der Impact-Faktor einer Zeitschrift benutzt wird, seien im Folgenden einige aktuelle Stellungnahmen zu diesem referiert.

Die Problematik des Impact-Faktors

Im letzten Jahrzehnt hat sich auch in Deutschland der sogenannte Impact-Faktor als entscheidendes Kriterium für wissenschaftlichen Erfolg durchgesetzt. Einige Habilitationsordnungen schreiben ein Mindestmaß von Impact-Faktor vor und die Weiterfinanzierung von Instituten wird z. T. davon abhängig gemacht. In England wurde erstmalig in 2008 bei staatlichen Forschungsanträgen für universitäre Forschung das bisherige zeitaufwendige Peer-Review-Bewertungsverfahren durch ein bibliometrisches Scoring ersetzt.

Der Impact-Faktor misst die Bedeutung von Zeitschriften nach der Zitierungshäufigkeit ihrer Aufsätze in den Artikeln anderer Zeitschriften. Er schwankt von 0.1 bis 50 (größter: NEJM). Die ZFA hat gar keinen Impact, weil die Liste von Thomson Scientific, einem privaten Verlag, der die Impact-Faktoren berechnet, nur 5000 der 33000 biomedizinischen Zeitschriften umfasst.

Schon immer wurde die Validität, Reliabilität und Seriosität des Impact-Faktors kritisiert [3]. Nachdem in den letzten Jahren zunehmend kritische Stellungnahmen publiziert wurden, haben jetzt die Herausgeber von 3 der renommiertesten (nicht nur durch ihren Impact-Faktor) epidemiologischen Zeitschriften seine Abschaffung bzw. Degradierung gefordert [5].

Gerade die Allgemeinmedizin ist in dem Impact-Faktor-System praktisch nicht existent. Nur 8 allgemeinmedizinische (family medicine) Zeitschriften rangieren als Schlusslichter der 105 so gelisteten medizinischen und allgemein-internistischen Zeitschriften. Nur die erst im Jahre 2003 gegründeten nordamerikanischen Annals of Family Medicine konnten – sicherlich aufgrund des Nordamerika-Bias des Impact-Faktor-Systems – gleich 4 Impact-Punkte erreichen, obwohl das Fach in Europa wissenschaftlich stärker ausgebaut ist, wie das van Driel et al. in Family Practice schrieben [6]. Von fast allen Autoren, die sich zum Impact-Faktor äußern, wird dieser als besonders nachteilig für die Darstellung der Allgemeinmedizin angesehen [7, 8, 9].

Schlussfolgerungen

Die deutsche Allgemeinmedizin kann heute darauf hinweisen, dass mit Google Scholar und Scopus zwei Systeme zur Bibliometrie vorhanden sind, die den Bias und das Monopol von Thomson Scientfic beendet haben und für bibliometrische Analysen genutzt werden können. Damit kann dann eine differenziertere Bibliometrie als ein Baustein für die Beurteilung der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit erstellt werden.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. med. Dieter Borgers

Abt. Allgemeinmedizin

Heinrich-Heine-Universität

Moorenstr. 5, 40225 Düsseldorf

E-Mail: Dieter@Borgers.info

Literatur

1. Borgers D. Die universitäre deutsche Allgemeinmedizin im Spiegel ihrer Literatur (1998–2007). Z Allg Med 2008; 84: 44–50

2. Pshetizky Y, Tandeter H, Tabenkin H et al. Thirty years of family medicine publications in Israel (1975–2004): What, where, and how much? J Am Board Fam Med 2009; 22: 57–61

3. Brumback RA. Impact factor wars: Episode V. The empire strikes back. J Child Neurol 2009; 24: 260

4. Simons K. The misused impact factor. Science 2008; 322: 5899, 165

5. Hernán MA. Epidemiologists should question journal impact factors. Epidemiology 2008; 19: 366–375

6. Van Driel ML, Maier M and De Maeseneer J. Measuring the impact of family medicine research: scientific citations or societal impact? Family Practice 2007; 24: 401–402

7. Mendisa K, Solangaarachchi I. PubMed perspective of family medicine research: where does it stand? Family Practice 2005; 22: 570–575

8. Pathman D, Viera AJ, Newton WP. Research published in 2003 by U.S. family medicine authors. JABFM 2008; 21: 6–16

9. Peleg R, Shvartzman P. Where should family medicine papers be published – following the impact factor? JABMF 2006; 19: 633–636

Abbildungen:

Tabelle 1 Universitäre Allgemeinmedizin 2008.

Tabelle 2 Zahl der Veröffentlichungen nach Zeitschriften.

Tabelle 3 Die Abteilungen oder Lehrbereiche der Allgemeinmedizin und ihre in Scopus erfassten Publikationen des Jahres 2008.

Tabelle 4 Zahl der Referenzen aus 215 Arbeiten nach zitierten Zeitschriften im Jahr 2008.

 

1 Abt. für Allgemeinmedizin, Universität Düsseldorf

Peer reviewed article eingereicht: 10.03.2009, akzeptiert: 17.08.2009

DOI 10.3238/zfa.2009.0412


(Stand: 31.05.2011)

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