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Qualitätssicherung in der Fortbildung – Entwicklung und Evaluation einer didaktischen Handreichung für Dozenten des „Heidelberger Tag der Allgemeinmedizin®“

DOI: 10.3238/zfa.2010.0364

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Joachim Szecsenyi, Thomas Ledig, Christiane Eicher, Cornelia Mahler, Marco Roos

Hintergrund: Der Heidelberger Tag der Allgemeinmedizin (TdA) wurde 2004 von der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg ins Leben gerufen und findet zweimal jährlich statt. Die Fortbildungsveranstaltung richtet sich an Hausärzte und Praxisteams und hat das Ziel, Informationen in interaktiven Workshops zu vermitteln. Dozenten sind Mitarbeiter des Klinikums, erfahrene Hausärzte und Medizinische Fachangestellte. Ein Dozentenleitfaden soll die Qualität der Workshops gewährleisten.

Projekt: Ein Dozentenleitfaden wurde entwickelt und im Januar 2008 an alle Dozenten des 8. TdA (April 2008) verschickt. Mündliche Rückmeldungen sowie ein selbst entwickelter Fragebogen zur Beurteilung des Leitfadens, der am Tag der Veranstaltung den 44 beteiligten Dozenten ausgehändigt wurde, sollten Aufschluss über die Akzeptanz und Nützlichkeit des Leitfadens geben.

Erfahrungen und Evaluation: Die mündlichen Rückmeldungen waren positiv. Der Leitfaden wurde zum Anlass genommen didaktische Ratschläge einzuholen. Der Leitfaden wurde als hilfreich erachtet und stellt für Dozenten mit und ohne didaktische Schulung eine Strukturierungshilfe dar.

Schlussfolgerung: Der Leitfaden hat sich als ein positives Element erwiesen für alle Dozenten – unabhängig von ihrer didaktischen Erfahrung. Gleichzeitig kann der Leitfaden zur Qualitätssicherung innerhalb einer Abteilung / Fakultät genutzt werden, da er Kriterien für interaktive und effektive Workshops aufstellt.

Schlüsselwörter: Fortbildung, Allgemeinmedizin, Qualitätssicherung, Dozentenleitfaden, didaktische Methoden

Einleitung

Der Heidelberger Tag der Allgemeinmedizin (TdA) wurde als Fortbildungsveranstaltung für Hausärzte und Praxisteams (Medizinische Fachangestellte – MFA*) 2004 von der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg ins Leben gerufen und findet seither 2-mal jährlich statt. Den Praxen wird ein regelmäßiges Fortbildungsangebot angeboten mit spezifisch hausärztlichen Inhalten, mit dem sie ihre Fortbildungsverpflichtung erfüllen können. Bei der Fortbildungsveranstaltung werden 6 Prinzipien befolgt:

  • Hohe Relevanz der angebotenen Themen für die Arbeit im Praxisalltag
  • Anwendung interaktiver Methoden
  • Einbeziehung des gesamten Praxisteams
  • Regelmäßiges Angebot
  • Industrielle Unabhängigkeit
  • Finanzierung durch Teilnehmerbeiträge

Die Erfahrungen und Bewertungen der Teilnehmer der vergangenen Veranstaltungen sind sehr positiv [1]. An jeder Veranstaltung werden über 30 interaktive Workshops angeboten, die von ca. 130 Ärzten und 170 Medizinischen Fachangestellten besucht werden. In mündlichen und schriftlichen Rückmeldungen werden die Praxisrelevanz der Themen, die interaktive Beteiligung und die industrielle Unabhängigkeit als sehr positiv empfunden. Dies bestätigt die Erwartung und das Meinungsbild an (allgemein)medizinische Fortbildungen aus anderen Untersuchungen [2, 3].

Die Herausforderung: Sicherung der didaktischen Ziele

Frontalvorträge mit spezialistischer Ausrichtung stellen nach wie vor eine häufige Fortbildungsform dar, obwohl diese von (Haus)Ärzten wenig gewünscht wird [2]. Zentrales Anliegen am Tag der Allgemeinmedizin ist die Integration interaktiver Prinzipien der Erwachsenenbildung in die Workshops. Erfahrungsaustausche in Kleingruppen mit moderierten Diskussionen fördern einen intensiven Austausch und dienen dem Zuwachs anwendbaren Wissens. Um die Relevanz der Themen sowohl im ärztlichen Bereich wie auch im Praxisteam (MFA) zu gewährleisten wird darauf geachtet, dass die Dozenten einen Bezug zur praktischen hausärztlichen Tätigkeit haben.

Dozenten am Tag der Allgemeinmedizin sind Mitarbeiter der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, Lehrbeauftragte, Mitarbeiter des Universitätsklinikums Heidelberg, Hausärzte aus Lehrpraxen, Medizinische Fachangestellte aus Lehrpraxen und andere externe (Fach)Spezialisten. Nicht alle Dozenten verfügen über Erfahrung in der Gestaltung bzw. Konzeption von Fortbildungsveranstaltungen mit aktivierenden Lernformen – trotzdem gilt es, den Erfahrungsschatz Niedergelassener auf einem speziellen Interessengebiet zu nutzen und diesen an Kollegen weiterzugeben. Allerdings verstehen sich Ärzte oft eher als „Informationsträger“ („information provider“) und sehen sich weniger in der Rolle des „Lehrers“ („teaching role model“) oder „Lernermöglichers“ („learning facilitator“) [4]. Um sie für diese vielleicht ungewohnte Rolle zu sensibilisieren, wurde ein Dozentenleitfaden entwickelt, der die Prinzipien des Tags der Allgemeinmedizin darstellt und Tipps für die Durchführung interaktiver Workshops gibt. Dieser sollte weniger erfahrenen Dozenten eine Hilfestellung für die Konzeption der Workshops geben.

Projektbeschreibung: Entwicklung des Dozentenleitfadens

Der Dozentenleitfaden wurde gemeinsam mit den Lehrkoordinatoren der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung entwickelt und war insbesondere für Dozenten mit wenig Erfahrung in der Konzeption von Workshops / Veranstaltungen gedacht. Die Rolle des Dozenten, seine Aufgaben und einsetzbaren Formen von Gruppenarbeit werden darin vorgestellt. Der Leitfaden soll dazu anleiten, weniger neuen „Lernstoff“ zu vermitteln und diesen im Sinne konstruktivistischen Lernens an bereits vorhandenes Wissen anzuknüpfen [5]. Eine Herausforderung war es, Länge und Ausführlichkeit des Leitfadens so zu konzipieren, dass er für alle interessant blieb. Die Inhalte des Dozentenleitfadens sind in Abbildung 1 dargestellt. Der Leitfaden [6] wurde allen 44 Dozenten, die am 8. TdA (26. April 2008) beteiligt waren, im Januar 2008 postalisch zugesandt.

Erfahrungen und Evaluation

Die ersten Reaktionen nach Versendung des Leitfadens waren ermutigend. Insbesondere Kollegen mit wenig didaktischer Erfahrung nahmen den Leitfaden zum Anlass, Ratschläge zur Gestaltung ihres Workshops einzuholen.

Ein Fragebogen mit vorwiegend geschlossenen Fragen wurde entwickelt, um zu erfahren, wie der Dozentenleitfaden von den Dozenten beurteilt wurde. Auf einer 4-stufigen Likert-Skala („stimmt“ bis „stimmt gar nicht“) sollten Hilfestellung, Ausführlichkeit und Einstellung zu dem Leitfaden bewertet werden. Eine Weiterqualifikation im Bereich der Lehre / Didaktik wurde erfasst. Zusätzlich bestand die Möglichkeit, Freitextkommentare zu formulieren. Der Fragebogen wurde den Dozenten am 8. Tag der Allgemeinmedizin mit der Tagungsmappe ausgehändigt und konnte nach der Veranstaltung anonym abgegeben werden.

Von den 44 ausgeteilten Fragebögen wurden 30 Fragebögen (68,2 %) zurückgegeben. Die Tabelle 1 zeigt Qualifikation bzw. Funktion der 44 Dozenten am Tag der Allgemeinmedizin.

Der Fragenkomplex zur Beurteilung des Dozentenleitfadens wurde von insgesamt 26 Dozenten beantwortet. 21 Dozenten (80 %) gaben an, den Leitfaden gelesen oder zum Teil gelesen zu haben. Für 16 Dozenten (64 %) stellte der Leitfaden eine Hilfe dar, und fast ebenso viele Dozenten (n = 14) fanden ihn angemessen. Die überwiegende Mehrheit (n = 22; 88 %) fand einen Dozentenleitfaden wichtig, als verzichtbar wurde er von keinem der Dozenten, die den Fragebogen gelesen hatten, erachtet (siehe Abbildung 2).

Die Evaluation der Antworten der 20 Dozenten, die sowohl den Leitfaden gelesen als auch Angaben zur didaktischen Schulung gemacht hatten (siehe Tabelle 2), wurde näher beleuchtet, um zu sehen, ob der Leitfaden von didaktisch geschulten Dozenten, anders bewertet wurde.

Für 8 Dozenten (80 %) mit didaktischer Schulung und 7 (70 %) ohne didaktische Schulung war der Leitfaden hilfreich. Nur ein Dozent ohne didaktische Schulung (11 %) empfand den Leitfaden zu detailliert, 6 Dozenten (60 %) mit didaktischer Schulung kamen zu dem gleichen Ergebnis. Einen Dozentenfaden erachten Dozenten mit und ohne didaktischer Schulung mehrheitlich als wichtig (siehe Abbildung 3). Ein Dozent mit didaktischer Schulung äußerte im Freitext: „Generell sind Leitfäden wichtig, man lernt und was mir wichtig ist, klare Vorgaben“.

Diskussion

Der vorgestellte Dozentenleitfaden wurde durch die schriftliche Evaluation und durch mündliche Rückmeldungen positiv bewertet.

Erfreulicherweise stellte er sowohl für Dozenten ohne didaktische Erfahrung (ursprüngliche Zielgruppe), aber gerade auch für Dozenten mit didaktischer Erfahrung eine Hilfestellung dar.

In den Evaluationsergebnissen der Dozenten mit didaktischer Schulung zeigte sich insbesondere die Relevanz des Instruments. Für Dozenten, die durch didaktische Schulungen sensibilisiert wurden, diente der Leitfaden zur gezielten Reflexion der eigenen Vorbereitung einer Veranstaltung.

Dozenten ohne didaktische Erfahrung wurden durch den Leitfaden angeregt die didaktische Gestaltung ihrer Veranstaltungen zu überdenken. Dies führte von diesen Dozenten zu Anfragen, die Konzeption ihrer Veranstaltung, mit ihnen gemeinsam, zu überarbeiten. Durch den Leitfaden wurde ihnen hierfür ein Ansprechpartner vermittelt, der im kollegialen Austausch sie in Bezug auf Inhalt wie auch in der didaktischen Aufbereitung unterstützte.

Ein Beispiel: Ein Dozent (ohne didaktische Vorbildung) hatte in der Vorbereitungsphase nach Beratung gefragt. Vorschläge zur inhaltlichen Stoffreduktion und didaktischen Veränderung wurden gegeben, im Workshop aber nicht umgesetzt. Der Workshop wurde im Anschluss von dem Dozenten selbst als „unbefriedigend“ bezeichnet, was sich auch in der Bewertung durch die Teilnehmer zeigte (Note 2,3). In der Nachbesprechung wurden die Gründe (hohe Stoffdichte und unterschiedlichen Erwartungen von Dozent und Teilnehmern, zu anspruchsvolle Ziele für einen 90-minütigen Workshop) für die „schlechte“ Bewertung und die Unzufriedenheit des Dozenten reflektiert. Eine erneute Durchführung desselben Workshops in didaktisch geänderter Form wurde vorgeschlagen.

Gründe für das Nichtlesen des Dozentenleitfadens könnten Zeitmangel oder eine gerade absolvierte didaktische Schulung gewesen sein. Da die Abgabe der Fragebögen anonym erfolgte, konnte nicht nachvollzogen werden, aus welchen Gründen der Leitfaden von den Dozenten nicht gelesen wurde bzw. wieso der Fragebogen zur Beurteilung des Leitfadens nicht abgegeben wurde.

Obwohl die Bewertung des Dozentenleitfadens nur auf einer kleinen Stichprobe (vorwiegend motivierter Dozenten) basiert, sehen wir eine Tendenz zur Nützlichkeit und Wert eines Dozentenleitfadens für die Qualitätssicherung, da der Leitfaden Diskussionen zu didaktischen Fragen angestoßen hat.

Schlussfolgerungen

Es ist eine Herausforderung, die vielen parallelen Workshops am Tag der Allgemeinmedizin interaktiv und praxisrelevant zu halten. Der Dozentenleitfaden hat sich als ein positives Element erwiesen, da er für alle Dozenten, egal mit welcher didaktischen Vorerfahrung, als strukturgebendes Instrument bei der inhaltlichen und didaktischen Vorbereitung der Veranstaltungen zur Verfügung steht. Der Leitfaden kann als Instrument der Qualitätssicherung innerhalb einer Abteilung / Fakultät verwendet werden, um Kriterien für die Durchführung effektiver Veranstaltungen festzulegen.

*Der Begriff Medizinische Fachangestellte (MFA) wird als Sammelbegriff für Arzthelferinnen und Medizinische Fachangestellte in diesem Beitrag verwendet.

Korrespondenzadresse:

Dr. Cornelia Mahler RbP M.A.

Universitätsklinikum Heidelberg

Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung

Vossstr. 2, 69115 Heidelberg

Tel.: 06221 / 566264, Fax: 06221 / 561972

E-Mail: cornelia.mahler@med.uni-heidelberg.de

Literatur

1. Szecsenyi J, Wiesemann A, Stutzke O, Mahler C. "Tag der Allgemeinmedizin" – Ein Beitrag zur Entwicklung einer gemeinsamen regionalen Plattform zwischen Hausarztpraxen und einer Universitätsabteilung. Zeitschrift für Allgemeinmedizin 2006; 82: 449–455.

2. Beyer M, Gerlach FM, Breull A. Qualitätsförderung und Qualitätszirkel aus der Sicht niedergelassener Ärztinnen und Ärzte – repräsentative Ergebnisse aus Bremen und Sachsen-Anhalt. Z Arztl Fortbild Qualitatssich 1999; 93: 677–687.

3. Mühlenfeld HM. Das erwarten Hausärzte von ihrer Fortbildung. Der Hausarzt 2006; (10): 30–32.

4. Harden H, Crosby J. AMEE Guide No. 20. The good teacher is more than a lecturer – the twelve roles of the teacher. Medical Teacher 2000; 22: 334–347.

5. Siebert H. Didaktisches Handeln in der Erwachsenenbildung. 4. aktualisierte und erw. Aufl. ed. München: Luchterhand, 2003.

6. Mahler C, Eicher C, Szecsenyi J. Tag der Allgemeinmedizin. Regionale Fortbildung für hausärztliche Praxisteams. Ein Leitfaden für Dozenten. Universitätsklinikum Heidelberg, Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung. Heidelberg, 2008.

Abbildungen:

Abbildung 1 Gliederung des Dozentenleitfadens.

Abbildung 2 Gesamtbeurteilung des Dozentenleitfadens (n = 26).

Abbildung 3 Evaluation des Dozentenleitfaden: Zustimmung (stimmt / stimmt zum Teil) der Dozenten mit und ohne didaktischer Schulung.

* Zuordnung durch die Abt. Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung.

Tabelle 1 Anwesende Dozenten und abgegebene Evaluationsbögen der Dozenten nach Funktion.

Tabelle 2 Den Dozentenleitfaden habe ich gelesen (n = 24).

 

1 Universitätsklinikum Heidelberg, Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung

Peer reviewed article eingereicht: 16.07.2010, akzeptiert: 30.08.2010

DOI 10.3238/zfa.2010.0364


(Stand: 14.10.2010)

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