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Rückbesinnung auf Bewährtes …

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W. Niebling

Zeitenwende 1900 – der alte Kontinent feiert sich in Paris mit einer grandiosen Weltausstellung. 50 Millionen staunende Besucher sind – wie ganz Europa – euphorisiert vom technischen Fortschritt.

Es war eine atemlose Zeit. Wenige Jahre zuvor hatte Conrad Wilhelm Röntgen mit geheimnisvollen „X-Strahlen“ auf einer Fotoplatte ein Bild von der Hand seiner Ehefrau angefertigt, auf dem Knochen (und der Ehering) klar zu erkennen waren. Maria Sklodowska, 1891 aus Polen nach Paris gekommen und seit 1895 mit Pierre Curie verheiratet, isolierte aus Pechblende Radium und in Wien schickte sich Sigmund Freud an, das Unbewusste zu erforschen.

Es mutete geradezu als Eruption von wissenschaftlichen Entdeckungen und technischen Erfindungen an, die alle damaligen Lebensbereiche erfassten und veränderten. Als „massiven Angriff der Wissenschaft auf die Welt der Erfahrung, der alles Vertraute unterwanderte, lächerlich machte und fundamental hinterfragte“ bemerkt hierzu der Historiker Philipp Blom in seinem lesenswerten Buch „Der taumelnde Kontinent – Europa 1900–1914“ (Carl Hanser Verlag, München 2009).

Niemand ahnte, dass der Aufbruch in ein „modernes Europa“ schon wenige Jahre später im Gemetzel des 1. Weltkrieges enden sollte und der unerschütterliche Fortschrittsglaube nach dem Ende des noch schrecklicheren 2. Weltkrieges ins Wanken geraten sollte – paradigmatisch formuliert durch den Atomphysiker und Philosophen C. F. von Weizsäcker.

Heute, gut ein Jahrhundert später, wird Fortschritt – namentlich in der Medizin – als Aufbruch und Chance erlebt, von manchen jedoch nicht zu Unrecht als Bedrohung wahrgenommen, vor allem dann, wenn dieser Fortschritt losgelöst vom Individuum und, in unserer Situation, der Gebundenheit von Patient und Arzt stattfindet und propagiert wird. Beispiele gibt es genug: Die Effektivität zielgerichteter Krebsmittel findet ihren Niederschlag – zumindest statistisch – in oft nur wenigen Wochen an zusätzlicher Lebenszeit; möglicherweise auch erreichbar durch eine „zielgerichtete und seelisch optimierte“ patientenbezogene Medizin, so J. Müller-Jung in der FAZ vom 15. September 2010. Weiterhin der Einsatz von Psychostimulanzien bei Kindern und Jugendlichen, von Glitazonen bei Diabetes, von Gabapentin in der Schmerztherapie – um nur einige im Sinne eines Déjà-vu-Phänomens zu nennen. Dem entgegenzustellen ist die Rückbesinnung auf Bewährtes. Diese Haltung hoffentlich vieler Hausärztinnen und Hausärzte darf nicht als Rückschritt diffamiert werden. Es ist unser Schutzwall gegen Desinformation und interessengesteuerten Einfluss.

Einer, der seit vielen Jahren hilft, diese „Firewall“ aufzubauen und zu pflegen, ist Michael M. Kochen. Was mit „ZFA-aktuell“ 1984 begann, hat seine Fortsetzung gefunden in vielen Hundert „DEGAM-Benefits“, die inzwischen weit über unsere Fachgesellschaft hinaus Verbreitung und Beachtung finden. Der Eintritt in die Schriftleitung der ZFA, damals noch im Hippokrates-Verlag erscheinend, erfolgte 1985 in der Nachfolge von Helmut Pillau. Michael M. Kochen war, ebenso wie H. Pillau, der einzige Allgemeinarzt neben internistischen Kollegen in der Schriftleitung. Später kamen H.-H. Abholz und die Ihnen jetzt bekannten Mitherausgeber hinzu, nicht zu vergessen die inzwischen wieder ausgeschiedenen Erika Baum und Eva Hummers-Pradier. Michael M. Kochen hat wie kein Zweiter in diesen 25 Jahren Gesicht und Profil der ZFA als einer unabhängigen Fachzeitschrift geschärft und geprägt. Er ist bemerkenswert geradlinig, bewundernswert beharrlich, bestimmend im Auftreten, hart in der Sache und da, wo nötig – diese Anmerkung soll einer langjährigen Freundschaft keinen Abbruch tun – auch im Ton. Das, was die ZFA heute ist, verdankt sie ganz wesentlich dem Einsatz von Michael M. Kochen. Vor wenigen Tagen, am 2. Oktober 2010, ist er 60 Jahre alt geworden ... kein Datum, das seinen Gestaltungswillen bremsen wird; begleitet von den guten Wünschen des Herausgeberteams, des Verlags und der gesamten Leserschaft.


(Stand: 14.10.2010)

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