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„Ersatzteillager“ Nabelschnurblut

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Andreas Sönnichsen

„Stammzellen aus Nabelschnurblut – das Notfallpaket für’s Leben“. So wirbt die Fa. Vita34, Deutschlands größte private Nabelschnurblutbank auf ihrer Webseite (http://www.vita34.de/). Die Vorstellung, krankes, defektes oder abgestorbenes Organgewebe aus pluripotenten Stammzellen zu regenerieren, ist verlockend, doch was steckt wirklich dahinter? Zahlreiche Forschergruppen arbeiten an diesem Thema, aber die Erfolge, z.B. in der Behandlung frühkindlicher Hirnschäden oder in der Regeneration von Inselzellen bei Diabetes mellitus Typ 1 aus autologen Nabelschnurblut-Stammzellen sind bisher bescheiden und gehen über einzelne Fallberichte und „Symptombesserungen“ nicht hinaus. Noch weniger taugt autologes Nabelschnurblut zur Heilung genetischer Defekte oder von Krankheiten mit deutlicher genetischer Komponente, denn die Stammzellen enthalten ja dann eben genau denselben Gendefekt, den es zu behandeln gilt. Dennoch erfreut sich die Nabelschnurbluteinlagerung zunehmender Beliebtheit: nach Schätzungen wurden weltweit bereits über 2.000.000 private Nabelschnurblut-Asservate kryokonserviert, mit weiter steigender Tendenz, sehr zur Freude der Anbieter: Der Umsatz von Vita34 liegt bei 13–16 Mio Euro pro Jahr, und Eltern haben die Wahl zwischen Verträgen mit Grundpreis (2000,00 € ) und jährlicher Konservierungsgebühr (50 € ) oder dem 25-Jahres-Paket zum stolzen Preis von 2500–3000 € , oder gleich dem 50-Jahres-Paket für 4000 €.

Werden hier mit der Angst fürsorglicher Eltern Geschäfte gemacht? Ja, meint der Spiegel und hat in seiner Recherche unlautere Werbung und wundersame Heilsversprechungen der Firma entlarvt (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/dubiose-heilmethoden-wie-man-mit-elternangst-geschaefte-macht-a-804843.html), die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Kritiker merken außerdem an, dass ausreichende Mengen Nabelschnurblut nur durch ein frühes Abnabeln gewonnen werden könnten, wodurch dem Kind bis zu 200 ml Blut entzogen würden.

Aus diesen Gründen erteilt die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation e.V. der privaten Nabelschnurblutkonservierung eine klare Absage (http://www.dag-kbt.de/content/stellungnahmen.asp#2): „Mütter von gesunden Neugeborenen und ihre Familien sollen wissen, dass es nach dem heutigen Stand des Fachwissens kein Versäumnis darstellt, das Nabelschnurblut des Kindes nicht einzufrieren. Wer diese Maßnahme im individuellen Falle durchführen lassen will und sie selbst finanziert, sollte über ihren derzeit spekulativen Charakter sachlich korrekt aufgeklärt sein.“

Der Artikel zum Thema in der heutigen ZfA soll dazu beitragen, dass Hausärzte über grundlegende Kenntnisse zur Nabelschnurblut-Konservierung verfügen, um ihre PatientInnen sachlich korrekt beraten zu können. Ich hätte mir bezüglich der privaten Banken eine etwas deutlichere und kritischere Bewertung gewünscht, und die Aussage in der Zusammenfassung, dass „Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Zellen in Zukunft auch zur Behandlung vieler anderer Krankheiten verwendet werden können“, ist – zumindest noch – mehr Wunsch als Wirklichkeit, aber lesen Sie selbst!

Ihr Andreas Sönnichsen


(Stand: 14.10.2013)

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