Loading...

ZFA-Logo

Elektronische Gesundheitskarte – wie Ärzte geködert und Patienten hinters Licht geführt werden

DOI: 10.3238/zfa.2014.0404-0405

PDF

Wilfried Deiß

Vor wenigen Tagen habe ich als niedergelassener Arzt Post vom Hersteller unserer Praxis-Software bekommen. Es geht um Teilnahme an der ersten Stufe der Tests zur Elektronischen Gesundheitskarte/Telematik. Darin werden mir als Praxisinhaber einer Gemeinschaftspraxis eine einmalige „Aufwandsentschädigung“ von 7.500 Euro und eine Monatspauschale von 975 Euro bis zum Ende des Testlaufes angeboten, wenn ich den Vertrag zur Teilnahme am „Online-rollout Stufe 1“ unterschreibe. Ähnliche Angebote dürften derzeit sehr viele Ärztinnen und Ärzte bekommen.

Da inzwischen weit über 95 % der gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland die Elektronische Gesundheitskarte (eGK) als Nachfolger der bisherigen Krankenversichertenkarte mit sich führen und die Solidargemeinschaft der Versicherten letztlich der „Kostenträger“ für das Projekt ist, geht das Thema fast jeden an.

Noch immer ist dem allergrößten Teil der Versicherten nicht klar, dass es bei dem Milliardenprojekt Gesundheitskarte nur am Rande um die eGK = Plastikkarte geht, sondern vor allem um ein bundesweites Datennetzwerk. Für die geplante „Vernetzung“ des Gesundheitswesens ist die Karte in der Hand des Patienten nur ein Schlüssel. Außer Verwaltungsdaten und einigen zusätzlichen Informationen kann die Gesundheitskarte nichts speichern, zum Beispiel keine Arztberichte, Krankenhausberichte, Röntgenbilder usw. All diese Daten sollen mittelfristig im Datennetzwerk gespeichert werden, sodass sie von überall her jederzeit abrufbar sind, wenn der Patient das mit seinem „Schlüssel“ erlaubt.

Einen Sinn hätte das nur, wenn mehrere Bedingungen erfüllt wären:

  • Erstens müsste eine große Mehrheit der Patienten gefragt worden sein und sagen: Ja, ich bin damit einverstanden, dass meine persönlichen Krankenberichte in Zukunft nicht mehr in der Praxis des Arztes/Hausarztes gesammelt, sondern in einem bundesweiten Datennetz dauerhaft gespeichert werden. Diese Frage ist aber nie gestellt worden.
  • Zweitens müsste ein funktionierendes Modellprojekt existieren, anhand dessen sich Ärzte und vor allem Patienten einen Eindruck verschaffen könnten, was überhaupt wie werden soll. Ein solches Modellprojekt existiert aber nicht. Noch nicht einmal die Planungen, wie über das geplante Netz Arztbriefe verschickt werden könnten, sind abgeschlossen.
  • Drittens müsste das funktionierende Modellprojekt sich für Ärzte und Patienten als alltagstauglich erwiesen haben.
  • Und viertens müsste ein im Alltag erwiesenermaßen nicht störendes Projekt von den Teilnehmern des Modellprojektes (Patienten, Ärzte, Apotheken und Krankenhäuser) mit großer Mehrheit als merkliche Verbesserung der medizinischen Abläufe und als nachweisbare Verbesserung der medizinischen Versorgung angesehen werden. Aber nichts von all dem liegt vor (nähere Infos gewünscht? Siehe z.B. Rubrik „eGK“ auf unserer Praxishomepage praxiswilfrieddeiss.de/no-online-egk/).

Erst dann, wenn diese Punkte gewährleistet wären, hätte das Projekt überhaupt gestartet werden dürfen. So haben wir bisher nichts weiter als eine Plastikkarte in der Tasche, die sich nur durch ein Foto vom Vorgänger unterscheidet, deren Einführung aber bereits hunderte Millionen Euro gekostet hat. Dazu die neuen Lesegeräte in den Praxen. Nebenbei wurde bei den Fotos für die Karte nicht einmal die Identität des Versicherten geprüft, was erst auffiel, als Karten das Profil von Mickey Mouse oder Darth Vader trugen. Und zudem müssen die bisher sinnlosen Karten sehr bald wieder durch neue ersetzt werden, weil ein elektronisches Zertifikat ausläuft – wieder einige Hundert Millionen Euro an Geldern der Solidargemeinschaft.

Hier werden uns voraussichtlich 10–15 Milliarden Euro an Kosten aufgebürdet für ein wundersames Vehikel, von dem nicht einmal das Fahrwerk fertig ist. In Großbritannien wurde die Gesamtvernetzung des Gesundheitswesens übrigens vor einigen Jahren durch einen politischen Beschluss beendet, nachdem etliche Milliarden Pfund in den Sand gesetzt wurden, ohne dass bis dahin eine Alltagstauglichkeit oder ein medizinischer Vorteil erkennbar gewesen wäre.

Und dann noch der Datenschutz: Nicht erst seit Snowden und NSA ist bekannt, welche Begehrlichkeiten eine solch gigantische Datensammlung weckt. Und wir sind hier nicht im Pentagon. Es geht um ein Datennetzwerk, an das hundertausende Ärzte, zehntausende Apotheker, tausende Krankenhäuser und hunderte von Krankenkassen mit insgesamt Millionen von Mitarbeitern angeschlossen sein würden – nicht zu reden von vielen tausend Computertechnikern, die das Ganze aufbauen und warten.

Bei dem aktuellen Teilnahme-Vertrag geht es um die Stufe 1 des „Roll-out“. Wenn ich den Vertrag, der hier gerade vor mir liegt, unterschreiben würde, dann bekomme ich Aufwandsentschädigung und Monatspauschale und lasse dafür zu, dass Computertechniker in unsere Praxis kommen und das Praxisnetzwerk auf eine spezielle Weise mit dem Internet verbinden, um zunächst eine Verbindung mit den Computern der Krankenkassen herzustellen. Wenn Sie dann als Patient in die Praxis kommen, dann geschieht Folgendes: Sie werden gar nicht gefragt, Ihre eGK wird scheinbar wie üblich eingelesen, aber gleichzeitig stellt der Praxisrechner eine Verbindung mit Ihrer Krankenkasse her und die Daten werden abgeglichen. Nebenbei weiß die Krankenkasse dann auch immer sekundengenau, wann Sie sich bei welchem Arzt eingecheckt haben. Das nennt sich dann „Versicherten-Stammdaten-Management“. Übrigens gibt es in dem Vertrag eine Klausel zur Geheimhaltung, die besagt, dass ich als teilnehmender Arzt über den Ablauf der Tests nichts in die Öffentlichkeit dringen lassen dürfte.

Und warum wird den Ärzten so viel Geld angeboten? Ganz einfach, weil der Widerstand zu groß ist und die Akzeptanz gering. Alle Ärztetage der vergangenen Jahre haben sich klar gegen die Pläne in dieser Form positioniert. Und das aus wirklich guten Gründen, denn was da klammheimlich im Verborgenen Schritt für Schritt aufgebaut wird und aktuell mit diesem Köder ans Licht kommt, wird sehr wahrscheinlich den medizinischen Alltag erheblich erschweren, keinen relevanten medizinischen Vorteil für Patienten haben, eine gigantische Verschwendung von Versichertengeldern sein, letztlich nur den IT-Firmen nutzen und sehr wahrscheinlich auch nur von einer Minderheit der Patienten gewollt werden.

Was ist, wenn nur 5 % der Patienten sagen: Ja, ich möchte, dass meine Arztberichte und Krankenhausberichte ab sofort nicht mehr bei meinem Hausarzt aufbewahrt, sondern in einem bundesweiten Datennetz dauerhaft gespeichert werden. Jetzt kommt das Pikante: Auch wenn nur 5 % das wollen, MUSS das Netz in voller Größe gespannt und aufrechterhalten werden. Den Profiteuren in der IT-Branche kann es also egal sein, wie stark das Telematik-Netz frequentiert wird – das Geschäft bleibt gleich. Jedenfalls kann man beim Thema eGK der Ärzteschaft nicht vorwerfen, es ginge ums eigene Geld. Dann würden sich aktuell scharenweise Ärzte finden, die für 7.500/975 Euro den Teilnahme-Vertrag unterschreiben. Es scheint aber sehr schwer zu sein, Teilnehmer zu finden, und das ist auch gut so.

Und Sie als Patienten? Sie sollten spätestens jetzt die Frage beantworten: Möchten Sie, dass Ihre Gesundheitsdaten in Zukunft nicht mehr beim Arzt, sondern in einem bundesweiten Computernetz gespeichert werden? Wenn NEIN, dann sollten Sie das ihrem Arzt und ihrer Krankenkasse mitteilen. Eine politische Entscheidung zum Abbruch des unsinnigen Projektes wird es nur geben, wenn genügend öffentlicher Druck da ist. Wenn das nicht gelingt, werden mindestens 10 Milliarden Euro der Solidargemeinschaft entzogen und es wird eine Autobahn gebaut, die keiner braucht, weil es inzwischen viel einfachere und effektivere Wege zur Zielerreichung gibt, die zudem nicht nur verschwenderisch teuer, sondern auch noch sehr gefährlich ist.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse

Wilfried Deiß

Internist – Hausarzt

Koblenzer Straße 109

57072 Siegen

praxis.deiss@posteo.de

Facharzt für Innere Medizin/Hausarzt, Siegen

DOI 10.3238/zfa.2014.0404–0405


(Stand: 13.05.2015)

Als Abonnent können Sie die vollständigen Artikel gezielt über das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe aufrufen. Jeder Artikel lässt sich dann komplett auf der Webseite anzeigen oder als PDF herunterladen.