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41. Wissenschaftliches GHA-Symposium: „Kompetenzbasierung in der Lehre – wo steht die Allgemeinmedizin?“

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Die allgemeinmedizinische Lehre steht vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen (Masterplan Medizinstudium, NKLM etc.) vor großen Herausforderungen. Die Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin wählte daher für ihr diesjähriges 41. Wissenschaftliches Symposium die „Kompetenzbasierung in der Lehre“ und fragte „Wo steht die Allgemeinmedizin?“

Die Vorträge des ersten Symposiumstages widmeten sich zunächst dem Thema der kompetenzorientierten Ausbildung und Prüfung. Gleich zu Beginn konnte hier Raffael Konietzko als Vertreter der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) die Sicht der Studierenden auf Bedeutung, Umsetzung und Chancen der Kompetenzorientierung in der Ausbildung darlegen. Er betonte ihre große Bedeutung für Studierende, nannte als wichtigsten Bestandteil das kontinuierliche Feedback und plädierte im Rahmen dessen für eine longitudinale Einbindung der Allgemeinmedizin in das Medizinstudium.

Der Stabsleiter der Medizinischen Fakultät Zürich, Dr. med. Christian Schirlo, schilderte die Kompetenzorientierung in den medizinischen Studiengängen an Schweizer Standorten. Als curriculare Elemente zur Kompetenzorientierung sehe er u.a. die formale Strukturierung der Lehrinhalte mit Bezug auf die CanMED-Rollen, größere curriculare Flexibilität und das Abkommen von der strikten Timeline.

PD Dr. med. Anne Simmenroth von der Georg-August-Universität Göttingen nahm sich der Frage des in der Tat möglichen Messens von sozialer und kommunikativer Kompetenz an, wobei sie insbesondere Empathie und kommunikative Kompetenz als wesentlichen Teil der sozialen Kompetenz behandelte. Die kommunikative Rolle als Teil der CanMED-Rollen sei ein Kernstück (nicht nur) der Allgemeinmedizin aufgrund der langen Patientenbeziehung.

Prof. Dr. med. Jana Jünger berichtete vom studentischen Progress-Test in der Medizin. Die Ziele des Progress-Tests seien das longitudinale Feedback für Medizinstudierende, die Einbindung von Studierenden in die Entwicklung des Tests und damit die Entwicklung einer positiven Prüfungskultur und nicht zuletzt die Pilotierung eines kompetenzorientierten Prüfens mittels eines derartigen Tests.

Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach referierte über den aktuellen Stand und Perspektiven des Masterplans Medizinstudium 2020. Die im Rahmen dessen von der DEGAM geforderte Stärkung der Allgemeinmedizin verfolge zwei Hauptziele: eine breite, realitätsnahe, versorgungsadäquate und damit qualitativ verbesserte Ausbildung für alle Studierenden zum einen und die Fachkräftesicherung insbesondere im Fach Allgemeinmedizin zum anderen. In der anhaltend kontrovers diskutierten Frage des Praktischen Jahres (PJ) sieht er einen sinnvollen Kompromiss aus Sicht der DEGAM in der Aufteilung des PJ in 4 Quartale, der Einführung eines ambulanten Quartals in einer vertragsärztlichen Praxis und einer mündlich praktischen Prüfung im Fach Allgemeinmedizin im 3. Staatsexamen. Falls dies durchgesetzt werde, könne die Pflichtfamulatur in einer hausärztlichen Praxis wegfallen.

Regina Reuschenberg von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hatte die Gesetzliche Weiterbildungsförderung mit Kompetenzzentren als Plattform für einen strukturierten Kompetenzerwerb in der Weiterbildung zum Thema. Sie berichtete von der Neustrukturierung des Förderprogramms vom 01.01.2010, merkte aber an, dass es trotz der Förderung noch nicht gelungen sei, den direkten Übergang aus dem Studium in die Weiterbildung Allgemeinmedizin zu stärken. Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz sei es zu einer weiteren Intensivierung gekommen. Eckpunkte seien hierbei u.a. die Anhebung der Fördersumme von 3500 auf 4800 Euro für alle Fachbereiche und weitere Zuschläge in unterversorgten oder drohend unterversorgten Gebieten.

Der zweite Themenabschnitt des Symposiums befasste sich mit der zur Kompetenzorientierten Ausbildung speziell im 2. Studienabschnitt und im Praktischen Jahr.

Die Gesundheitswissenschaftlerin Dr. Barbara Vogel berichtete von der Entwicklung und Implementierung eines kompetenzbasierten Impfcurriculums an der LMU München. Ziel sei es hierbei, die Studierenden zu befähigen, eine Impfung, einschließlich Beratung, selbstständig und in Kenntnis der Konsequenzen durchzuführen. Es stellte sich u.a. heraus, dass im Blockpraktikum Allgemeinmedizin und PJ schon ein Großteil der NKLM-Lernziele vermittelt wurde.

Prof. Dr. med. Pascal Berberat von der TU München stellte Anvertraubare Professionelle Tätigkeiten (APTs) als Grundstock zur Strukturierung des Praktischen Jahres und der Kompetenzbasierten Ausbildung im PJ vor. APTs böten die Möglichkeit der Definition der geforderten Fertigkeiten vom klinischen Alltag aus.

Der Studiendekan der LMU München, Prof. Dr. Martin Fischer, widmete sich der Frage, wie es nach der Verabschiedung des NKLM weitergehen solle. Zur Vermittlung der im NKLM beschriebenen Arztrollen sollen longitudinale Stränge entwickelt werden. Die unter Abschnitt III beschriebene patientenzentrierte Gesundheitsversorgung soll in klinischen Blöcken vermittelt werden. Zu klären sei u.a. noch, wie die Kompetenzen des NKLM geprüft werden sollen. Eine Weiterführung des NKLM in der Weiterbildung sei wünschenswert.

Zum Tagesabschluss widmeten sich die Vorträge der kompetenzorientierten Weiterbildung.

Dr. med. Bert Huenges von der Ruhr-Universität Bochum trug zum Thema, wie sich angehende Ärzte auf die Tätigkeit als Hausarzt vorbereitet fühlen, vor. Er hob die Wichtigkeit des Bewusst-Machens des Lernens hervor. Da Kompetenz direkt nicht messbar sei, könne man sie sich nur über die Selbsteinschätzung zugänglich machen. Die Selbsteinschätzung wiederum unterstütze den Prozess des Sich-Bewusst-Machens.

Dr. med. Christiane Eicher berichtete vom Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin Baden-Württemberg als „Leuchtturm“ und dessen Auswirkungen auf Studium und Lehre. Übergeordnetes Ziel sei die Zukunftssicherung der hausärztlichen Versorgung. In Bezug auf die Ausbildung werde hierfür über verschiedenste Veranstaltungen eine weitere Qualifizierung und Professionalisierung der PJ-Praxen, akademischen Lehrpraxen und studentischen Tutoren vorangetrieben.

Zum Abschluss des ersten Tages stellte Prof. Dr. med. Jost Steinhäuser Überlegungen zu der Frage an, welche Kompetenzen auf dem Weg zum Facharzt für Allgemeinmedizin nur in der Praxis erworben werden könnten. Schon die Frage ins Publikum, welche Kompetenzen Sie erst im ambulanten Weiterbildungsabschnitt in der Praxis erworben hätten, brachte eine lange Liste hervor. Weitere Argumente stützen die Empfehlung der WONCA, dass mindestens die Hälfte der Weiterbildung im eigenen Gebiet durchgeführt werden sollte. Verbundweiterbildungsprogramme könnten die Weiterbildungsbefugten bei ihrer Aufgabe der Kompetenzvermittlung unterstützen.

Am zweiten Tag des Kongresses beschäftigte man sich zunächst mit dem Thema der Allgemeinmedizin in der Gesellschaft.

Den Beginn machte Prof. Dr. Dr. h.c. Walter A. Lorenz von der Freien Universität Bozen mit seinem Vortrag zu Allgemeinmedizin und gesellschaftlichem Wandel und ihrem Beitrag zur sozialen Integration. Er legte seine Überlegungen zu einer aktuellen zweiten industriellen Revolution dar. Die Umstrukturierung der Gesellschaft habe auch zu einer Krise der Steuerungsinstrumente geführt. Diese seien daher zu überdenken. Die Rückbesinnung auf die Gestaltung des Sozialen im persönlichen Beziehungsbereich sei von großer Wichtigkeit.

Der Studiendekan der Universität Rostock, Prof. Dr. med. Attila Altiner, richtete den Blick auf den Bildungsauftrag der Allgemeinmedizin an unseren Universitäten. Diese sei das Kernfach im Medizinstudium. Die Frage sei aber, ob bspw. Ziele wie die „Generierung“ von Medical Experts nach den CanMED-Rollen zu verwirklichen und ausreichend seien. An deutschen Universitäten bestehe hier eine Dissoziation zwischen dem hehren Anspruch der Ausbildung der Studierenden zu Selbstdenkern und dem Fehlen eines hierhin führenden Planes. Dieser Anspruch solle aber gerade in Zeiten der Ausbreitung populistischer Ideen nicht in Vergessenheit geraten.

Dr. med. Klaus Böhme von der Universität Freiburg kam mit seinem Vortrag zum Kompetenzerwerb aus der Sicht von Absolventen noch einmal zurück zum Thema der Kompetenzorientierung in der Ausbildung. Hierzu stellte er zunächst die Ergebnisse einer quantitativen Fragebogenstudie vor. Absolventen der Humanmedizin mehrerer Jahrgänge an baden-württembergischen Hochschulen schätzten die Kompetenzen ein, die sie im Studium erlernt hatten und solche, die sie später im Beruf brauchten. Der größte Unterschied zeige sich hier in den Bereichen der kommunikativen, Team- und Fachkompetenz. In einem zweiten Teil stellte er die Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie zu diesen Kompetenzen dar. Diese brachten ein ähnliches Bild zutage.

Den Abschluss machte Dr. med. Markus Gulich von der Universität Ulm mit seinem Vortrag dazu, warum der NKLM der Allgemeinmedizin entgegenkomme. Es sei das erste Mal, dass eine Ausbildungsordnung für Ärzte die Berufsausbildung derart ins Zentrum rücke. Hauptargument für den Nutzen des NKLM für die Allgemeinmedizin sei schließlich die Liste der Konsultationsanlässe im NKLM. Diese seien alle aus Primärversorgersicht entstanden. Trotz der noch bestehenden Mängel biete der NKLM also wesentliche Argumente für die weitere Entwicklung der Allgemeinmedizin zu dem Fach des Medizinstudiums.

An den beiden Tagen wurde das Projekt kompetenzbasierte Aus- und Weiterbildung von verschiedenen Seiten beleuchtet. Sie bietet gerade für die Allgemeinmedizin die Chance, durch ein „weg“ vom spezialistischen Wissen hin zum praktischen ärztlichen Handeln, die ihr gebührende Rolle in der universitären Ausbildung einzunehmen. Dies bedeutet einen weiteren Ausbau allgemeinmedizinischer Lehrinhalte und damit Lehrverpflichtungen.

Weitere Informationen:

www.gha-info.de


(Stand: 17.10.2016)

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