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Nach der Ernte ist vor der Ernte

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Die Schlusskorrektur die-ser ZFA-Ausgabe erforderte sehr genaues Lesen, z.B. bei folgendem Satz im Abstract des EbM-Service: „Ein unzweifelhafter, wissenschaftlich belastbarer Beleg für die kardiovaskuläre Schädlichkeit von sowohl ungesättigten als auch gesättigten Fettsäuren in der Nahrung lässt sich beim heutigen Stand der Erkenntnis nicht konstatieren.“ Sofort setzte ich einen Kommentar bei „ungesättigten“ und schrieb, das Wort müsse gestrichen werden. Merkwürdig fand ich, dass im englischen Abstract dasselbe stand. Auch hier markierte ich den Fehler. Dass die Schädlichkeit von gesättigten Fettsäuren noch nicht abschließend bewiesen war, konnte ich mir vorstellen, denn viele (auf der Hand liegende) Zusammenhänge sind aus Mangel an guten wissenschaftlichen Studien nicht bewiesen. Aber mit der Schädlichkeit von ungesättigten Fettsäuren konnte ich nichts anfangen.

Im dazugehörigen Artikel las ich von Studien und Systematischen Übersichtsarbeiten, die im Ersatz von gesättigten durch ungesättigte Fette in der Nahrung Vorteile bezüglich der Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse sahen (entsprechend meiner Erwartung). Zitiert wurden aber auch Studien, deren Ergebnisse in eine andere Richtung wiesen, nämlich dass ungesättigte Fettsäuren das Risiko von kardiovaskulären Ereignissen erhöhen. Und schließlich las ich von Studien, bei denen weder die gesättigten, noch die ungesättigten Fettsäuren besser abschnitten.

Am Ende des Artikels war mein Fundus an Gewissheit mal wieder kleiner geworden. Die im Allgemeinen ständig wiederholte Empfehlung zur Ernährungsumstellung und zum Ersatz von gesättigten durch ungesättigte Fette steht wissenschaftlich offenbar auf unsicherem Fundament. Ich scrollte zurück zum Abstract des Artikels und lösche meine Kommentare. Die Autoren hatten es genau so gemeint.

Wahrscheinlich geht es Ihnen ähnlich, wenn Sie neue Leitlinien und evidenzbasierte Zusammenfassungen lesen. Manche Empfehlungen sind ungewohnt und entsprechen nicht der Routine, bereiten vielleicht sogar Sorgen, wenn als Konsequenz etwas weggelassen werden soll. Und doch: all die Analysen der wissenschaftlichen Basis bringen uns voran. Und daher freut es mich sehr, Ihnen ein Heft mit neuer Studienevidenz (Profitieren Patienten mit chronischen abdominellen Beschwerden generell von einer Lactosereduzierten Diät? Soll bei Zoster-Patienten eine Tumordiagnostik erfolgen?) und mehreren Fortbildungsbeiträgen (zur Bariatrischen Chirurgie und zur Versorgung von Familien im Wochenbett) präsentieren zu dürfen.

Die „Neue Ernte“ ist übrigens auch im Leitlinienbereich der DEGAM eingetroffen. Auf dem sehr gelungenen, gerade zu Ende gegangenen 50. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin in Frankfurt am Main hat mich persönlich das „Symposium DEGAM-Leitlinien“ am meisten begeistert. Denn nach jahrelanger Arbeit wurden gleich drei neue Leitlinien (Akuter Schwindel, Neue Thrombozyten-Aggregationshemmer und Erhöhter TSH-Wert) präsentiert, ebenso zwei DEGAM-Anwenderversionen zu S3-Leitlinien (Prostatakarzinom und Adipositas). Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank an die Ständige Leitlinien-Kommission der DEGAM und insbesondere an die Autorinnen und Autoren der Leitlinien für die jahrelange, ehrenamtliche Arbeit, die mehr Sicherheit im Praxisalltag bringen soll!

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser der ZFA, kann ich die Leitlinien-Seiten der DEGAM (http://www.degam.de/degam-leitlinien-379.html) wärmstens empfehlen und wünsche Ihnen hilfreiche Erkenntnisse – nur, dass sie endgültig sein werden, dürfen wir nicht erwarten.

Herzlich

Ihre

Hanna Kaduszkiewicz

PS: Mehr Originalarbeiten für die ZFA sind weiterhin sehr willkommen – und notwendig, damit der nächste Versuch der Indexierung von Erfolg gekrönt wird. Wir danken allen Autorinnen und Autoren und hoffen auf ungebremste Produktivität.


(Stand: 17.10.2016)

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