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Unvernünftige Gedanken zur Therapieindikation

DOI: 10.1055/s-2004-832419

Unvernünftige Gedanken zur Therapieindikation

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H.-H. Abholz Unvernünftige Gedanken zur Therapieindikation Editorial tation schon recht eigenwillige Dinge sagt. Oder die Frau Karl nicht doch endlich behandeln, obwohl sie immer wieder sich zurückzieht, tagelang nicht auf die Straûe geht, dann Gedichte schreibt ± nur für sich (und den Doktor, manchmal). Geht man nach Studienlage, die alle definierende Fragebögen benutzen, so scheinen wir viele Patienten in unseren Praxen nicht vernünftig zu behandeln: Denn wer hat von uns schon 30 % Depressive und 20 % Angstpatienten, die er unter Medikamente gestellt hat ± wer kann hier reklamieren, das Ziel unserer Vernunft auch nur annähernd erreicht zu haben? Einen Teil haben wir übersehen ± also einen Fehler gemacht ±, einen anderen Teil tolerieren wir in seiner Nicht-Behandlung, sind also unvernünftig. Denn wir können für unser Unterlassen nur anführen, dass es viele Menschen gibt, die in unseren Praxen sich faktisch verweigern und wir dafür nun auch noch Verständnis haben. Manche von uns meinen sogar, dass es zum ¹normalen Lebenª gehöre, dass manche Menschen bizarr, andere eher traurig, melancholisch oder ¹immer sehr nachdenklichª, wenig aktiv sind, andere wiederum immer ¹voll draufª, immer fröhlich, nach neuen Aufgaben suchend sind. Und die, die diese erlösende Fröhlichkeit und Leichtigkeit für sich wünschten, die wüssten ± zumindest hierzulande ±, wie sie sich Abhilfe verschaffen können (Wie wir wissen, häufig allerdings ohne den von der Psychiatrie versprochenen Erfolg ± denn die suggerierte Machbarkeit ist recht begrenzt.). Aber es bleibt das Problem: Ist unser Argument vom ¹normalen Lebenª vernünftig? Man kann das bisher Normale auch anders interpretieren: Man konnte bisher Abweichungen in Traurigkeit und ¾ngstlichkeit ± ebenso wie Depression und Angsterkrankung ± nur nicht gut behandeln. Dies habe aber so wenig mit ¹natürlichª zu tun, wie unbehandelte Kurz- oder Weitsichtigkeit ± so kann man mit Vernunft argumentieren. Ich finde aber, dass es hier Unterschiede gibt ± aber selbst diese Unterschiede kann ich nicht gut belegen und darum bin ich unvernünftig. Ihr Heinz-Harald Abholz Wir haben uns an die Vernunft gewöhnt: Abweichung im Blutdruck, im Cholesterin, Nierengries, groûe Polypen im Dickdarm, Hautjucken, Schlafstörungen, Schmerzen ± alles muss behandelt werden, wegtherapiert werden, weil es uns gefährdet oder stört und weil man es behandeln kann: Behandelbarkeit führt schon fast automatisch zur Behandlung. Wo liegt das Problem? Es wird für mich deutlich, wenn man diese ¹vernünftigenª Korrekturen zum Normalen von der ¹körperlichenª auf die ¹seelischeª Seite des Menschen erweitert. Wir erleben momentan eine Ausweitung der Indikation in diesem Bereich: Traurigkeit und Depression sind ± abgebildet in Untersuchungsinstrumenten, in Klassifikationssystemen ± gar nicht mehr leicht trennbar; Gleiches gilt für Angst, Schüchternheit, sprunghaftes Denken zwischen Psychose und Eigenheit eines Menschen. Im Hintergrund einer solchen Erweiterung steht das Bild des idealen Menschen, so wie wir ihn aus der Werbung oder aus dem Schönheitsideal des Dritten Reiches in Bezug auf das ¾uûerliche und das Innerliche schon kennen. Das Bild und der Wunsch vieler Menschen nach Erreichung des Bildes ergänzen sich. Es gibt aber auch einige irritierende Auffälligkeiten: Ein nennenswerter Teil der Menschen folgt der im Hintergrund stehenden Vernunft nicht, will nicht normalen Blutdruck haben, sich der Polypen im Darm nicht entledigen, nicht vor der Geburt wissen, ob ein ¹normales Kindª zu erwarten ist, und will nicht immer fröhlich sein, nicht seine Nachdenklichkeit und Tagträumereien verlieren, die andere ¹Depressionª nennen. Und wir haben ¾rzte unter uns, die diese Verweigerung ganz offensichtlich mitmachen: die bei Frau Meyerbär, 82 Jahre, die Mehrzahl ihrer Verwandten und Bekannten schon tot, nicht streng mit ihrem Blutdruck und ihrer Diät bei Typ-II-Diabetes sind. Die dem eigenwilligen Herrn Brauner nicht Neuroleptika aufdrängen, obwohl er immer wieder so komische Dinge tut, wie nachts Mülleimer zu durchsuchen und aus dem ¹Weggeworfenem Reichtumª Kollagen baut und zur Interpre- 445 Korrespondenzadresse Prof. Dr. Heinz-Harald Abholz ´ Facharzt für Allgemeinmedizin ´ Abt. Allgemeinmedizin ´ Heinrich-Heine-Universität ´ Moorenstraûe 5 ´ 40225 Düsseldorf ´ E-mail: abholz@med.uni-duesseldorf.de Bibliografie Z Allg Med 2004; 80: 445±445  Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ´ New York DOI 10.1055/s-2004-832419 ISSN 0014-336251


(Stand: 11.11.2004)

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