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Verleihung der Hippokrates-Medaille 2006 an Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Dörner

DOI: 10.1055/s-2006-942302

Verleihung der Hippokrates-Medaille 2006 an Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Dörner

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J. Hauswaldt T. Lichte Verleihung der Hippokrates-Medaille 2006 an Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Dörner Hippokrates Medal 2006 Awarded to Professor Klaus Dörner DEGAM-Nachrichten Genussvoll scheiterte der Laudator, Professor Hendrik van den Bussche (Hamburg) an der Aufgabe die vielfältigen und wirkmächtigen Lebensstationen des streitfreudigen Arztes, Psychiaters und Historikers, „Bergeversetzers und Öffentlichkeitsprofis“, Professor Dr. med. Dr. phil. Klaus Dörner, in zehn Minuten einzuzwängen – dafür gelang ihm mittels bedacht ausgewählter und heißen Herzens vorgetragener Zitate im Zuhörer die Lust hervorzurufen, Dörners weit verbreitete Bücher wie „Freispruch der Familie“, „Irren ist menschlich“, „Der gute Arzt“ (wieder) zu lesen. Klaus Dörner, gewiefte Meisterschaft des Alten beweisend, verließ seine vorbereitete Dankesrede und extemporierte gekonnt den Bogen über seine klare These: Es sei die Perspektive der Hausärzte, mit Hilfe der Bürger einer Nachbarschaft alle abweichenden Menschen – jeder sei letztlich ein Abweichler – in ihrem Bereich zu integrieren, weil hilfsbedürftige und helfensbedürftige Bürger einander benötigen; wo nicht, werde es auch den Bessergestellten, weil Gesunden, schlechter ergehen. Er entwickelte dabei den schönen Gedanken von den Hilfs- und den Helfensbedürftigen, also denen, die der Hilfe bedürfen, und denen, die helfen, weil sie anderen helfen müssen und nur dadurch selber gesunden und gesund bleiben können. Im Vorbeigehen propagierte Dörner eine werte Forschungsidee: zu untersuchen die Gründung 1830 bis 1850 von Ärztevereinen, sozial engagiert in kommunalen Aktivitäten als Teil der allgemein-solidarischen Bürgerbewegung, die Nebenwirkungen der Industrialisation aufzufangen; beendet durch Bismarcks Sozialgesetzgebung als Sozialstaatsstreich von oben, durch den der kleinste tragfähige Sozialverband, Familie und Nachbarschaft, für überflüssig erklärt und zerschlagen wurde. Seit 1980 beobachte er einen merkwürdigen und bisher nicht erklärbaren Umbruch, parallel zum Stillstand im ökonomischen Wachstum – Europa sei wohl „ausgewachsen“: – Neue Kranke, nämlich Alterskranke und Demente in großer Zahl, körperlich chronisch Kranke, sowie „neo-psychisch“ Kranke („Angstwelle“, „Depressionswelle“, „Traumawelle“). – Immer mehr Menschen, die „bei gnadenloser Gesundheit“ unter einem Allzuviel an sinnfreier Zeit leiden – ein Teil dieser Zeit müsse „sozial geerdet“ sein: Menschen seien bereit, soziale Zeit zu geben, wofür sie selbstverständlich Geld nähmen. – Wiederentdeckung des Dritten Sozialraums, nämlich der Nachbarschaft, zwischen Privatsphäre einerseits und Öffentlichem Raum und Kommune andrerseits gelegen, des Raumes, wo alle „wir“ sagen und daraus eine „territoriale Verantwortlichkeit“ definieren. Das Einzugsfeld einer Hausarztpraxis sei perfekt deckungsgleich mit diesem Dritten Sozialraum der dort versorgten Bürger und Patienten. Pointierte Einzelbemerkungen Dörners ließen die Zuhörer aufhorchen und auflachen, sie luden zum Widerspruch ein: 523 Institutsangaben Abteilung Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover Korrespondenzadresse Dr. Johannes Hauswaldt · Abteilung Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover · OE 5440 · 31625 Hannover · E-mail: Hauswaldt.Johannes@mh-hannover.de Bibliografie Z Allg Med 2006; 82: 523–525 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York DOI 10.1055/s-2006-942302 ISSN 0014-336251 – – von der Pseudosicherheit der Patientenverfügung – weil wir nicht der sein werden, der jetzt verfügt, und wir vorher nicht wissen können, welcher andere Mensch wir nachher sind; von der Qualitätssicherung, die geeignet sei, Qualität abzuschaffen: was jeder Einzelne benötige, sei Qualität, nicht ihre Standardisierung. betriebene Deinstitutionaliserung von psychisch Kranken, versorgungsbedürftigen Alten und anderen Betreuungsbedürftigen eventuell zur Verschlechterung deren Lebenssituation führt. Freudig nahm Professor Dr. Dr. Klaus Dörner die Ehrung mit der Hippokrates-Medaille entgegen, begleitet vom großen Beifall der Teilnehmer des 40. Kongresses der DeGAM in Potsdam. Er nahm die Gefahr der Einvernahme von falscher Seite, der Sparer und Rationalisierer in Kauf, durch die eventuell die von ihm 524 DEGAM-Nachrichten Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie Klaus Dörner, Ursula Plog, Christine Teller, Frank Wendt Psychiatrie Verlag 2002 und 2004, 656 S., Euro 19,80, ISBN 3-8841-4400-6 Dieses Lehrbuch liegt in der vierten Auflage jetzt auch als preisgünstige Studienausgabe vor. In der ersten Fassung von 1978 haben die jetzt sich Altautoren bezeichnenden Dörner und Plog, Frau Plog ist 2002 verstorben, dieses Buch aus der Aufbruchstimmung der 68er-Bewegung heraus geschrieben. Sie arbeiteten damals im Tagesklinik-Team der Psychiatrischen Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf. In Hamburg hatten zehn Jahre vorher Studenten unter den Talaren der Ordinarien den Muff von 1000 Jahren spektakulär enthüllt. Dörner und Plog haben das Buch in den folgenden Jahren konsequent weiterentwickelt. Die zweite Auflage von 1984 verarbeitet Anregungen der ökosystemischen Denkweise der Palo-AltoSchule von G. Bateson und P. Watzlawick. „Da Menschen immer in Beziehungen leben, noch bevor sie handeln, ist Psychiatrie die Begegnung nicht von zwei, sondern mindestens drei Menschen: dem psychisch Kranken, dem Angehörigen und dem psychiatrisch Tätigen. Wo einer von ihnen fehlt, muss er hinzufantasiert werden“ (S. 17). In der Realität fehlen ja zunächst meist die Angehörigen! Mit Konzepten der systemischen Familientherapie wie „Familienkreise“, „Familienaufstellungen“ lässt sich aus Hinzufantasieren sogar eine praktizierbare Methode entwickeln. 1996 folgte die dritte Umarbeitung. Die Selbsthilfebewegung psychisch Kranker forderte die Abschaffung von Hierarchien; die Bewegung zur Auflösung der psychiatrischen Großkrankenhäuser entwickelte sich auch in Deutschland. Die jetzt vorliegende vierte Auflage ist Ergebnis eines kritischen Rückblicks der Autoren wie auch Antwort auf die Bioethik-Bewegung, die Mitleidstötung von „lebensunwertem Leben“ nicht ausschließt. Hier verweisen die Autoren auf die Philosophie Levinas: „meine Freiheit gründet in meiner Verantwortung für die Freiheit des Anderen“ (S. 16). Dieser Ansatz ist schon aus Dörners Buch „Der gute Arzt. Lehrbuch der ärztlichen Grundhaltung“ vertraut (s. Buchbesprechungen ZfA 2002). Das Buch ist als Lern-und Arbeitsbuch geschrieben. In jedem Kapitel werden dem Leser Aufgaben gestellt oder sogar Rollenspiele vorgeschlagen. So wie ich werden wohl die meisten Denkanstöße für ihr ärztliches Handeln finden. Als Allgemeinarzt fand ich Kapitel 7: „Der sich und andere niederschlagende Mensch (Depression)“ (S. 193–240) am ergiebigsten. Wie jedes Kapitel beginnen die Autoren mit einem Bild der „Landschaft“, in der sich die jeweilige Störung abspielt: die Unfähigkeit zu trauern in den biographischen Etappen des mittleren Erwachsenenalters. Und welche Therapie wird vorgeschlagen? Ziel ist eine „Selbst-Therapie“ in der möglichst früh mit dem Patienten Vereinbarungen zur Zusammenarbeit ausgehandelt werden. „Depressivität darf nicht bekämpft werden. Aufforderungen wie ,Reiß dich zusammen‘ kennt er bis zum Lebensüberdruss aus seiner Familie und von sich selbst …“ (S. 219). Ich habe als Übung dann die entsprechenden Kapitel im Lehrbuch von M. Kochen „Allgemeinmedizin und Familienmedizin“ gelesen und verschiedene Diskrepanzen entdeckt. Um nur eine zu nennen: Kochen und Co-Autoren benutzen noch den Begriff „endogene Depression“, eine Leerformel, von der sich auch der ICD 10 bereits verabschiedet hat. Schwächen des Buches für die Allgemeinärzte ergeben sich vorwiegend aus der Tatsache, dass die vier Autoren überwiegend klinisch oder in Einrichtungen der Sozialpsychiatrie tätig waren. Ihnen standen jeweils die Möglichkeiten eines Teams zur Verfügung. Allerdings haben sie diese Chancen auch zielgerichtet gefördert. Diese Arbeitsmöglichkeit steht den meisten Allgemeinärzten so nicht zur Verfügung. Gleichzeitig werden auch einige „Landschaften“ nicht gründlich genug erfasst. Im Kapitel „Abhängigkeit“ wird die Methadonsubstitution bei Opiatabhängigen, eine Domäne ambulanter (allgemein)-ärztlicher Tätigkeit, mit einer Arbeit aus 1995 bewertet (S. 264). Das hilft mir so nicht wesentlich weiter in einem Feld, das sich geradezu rasant entwickelt hat, auch durch entsprechende gesetzliche Regelungen. Auch die Aufgaben bei senilen und dementen Patienten sind eher kurz beschrieben. Alles in allem ein Buch, das mir Denkanstöße geschenkt hat, mir geholfen hat Defizite bei mir und in meinem Lieblingslehrbuch der Allgemeinmedizin zu orten. Wer Ähnliches schätzt, dem sei die Lektüre empfohlen. Dr. M. Lohnstein, Augsburg Hauswaldt J, Lichte T. Verleihung der Hippokrates-Medaille … Z Allg Med 2006; 82: 523 – 525


(Stand: 11.11.2006)

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