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Einführung in - Evaluation einer computergestützten Fortbildung für Hausärzte und Arzthelferinnen zur Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen

DOI: 10.1055/s-2007-992797

Einführung in - Evaluation einer computergestützten Fortbildung für Hausärzte und Arzthelferinnen zur Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen

Fortbildung 447 Einführung in www.alkohol-leitlinie.de – Evaluation einer computergestützten Fortbildung für Hausärzte und Arzthelferinnen zur Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen Introduction to www.alkohol-leitlinie.de – Evaluation of a Computer-Based Training on Alcohol-Related Disorders for General Practitioners and Practice Nurses Autor Institut D. Ruf1, M. Berner1, M. Lohmann2, G. Mundle3, G. Lorenz4, W. Niebling5, L. Kriston1, M. Härter1 Die Institutsangaben sind am Ende des Beitrags gelistet Schlüsselwörter alkoholbezogene Störungen computergestützte Fortbildung CME Fortbildungsevaluation Key words alcohol-related disorders computer-assisted continuing education CME evaluation Zusammenfassung & Hintergrund: Alkoholbezogene Störungen haben aufgrund ihrer Häu?gkeit und der schwerwiegenden Folgen eine hohe gesundheitspolitische Relevanz. Hausärzte nehmen eine Schlüsselfunktion in der Versorgung von Patienten mit alkoholbezogenen Störungen ein, sind jedoch durch Studium und Weiterbildung oft nicht hinreichend auf diese Aufgabe vorbereitet. Fortbildungen zur Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen sind daher von großer Bedeutung. Methoden: Im Rahmen des Projektes AQAH „Ambulantes Qualitätsmanagement alkoholbezogener Störungen in der hausärztlichen Praxis“ wurde im Rahmen einer randomisiert kontrollierten Studie ein Fortbildungskonzept zum Thema „Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen“ für Ärzte und Arzthelferinnen entwickelt. An der Studie nahmen 112 Ärzte teil, die auf 3 Gruppen randomisiert wurden. In einer Gruppe erhielt nur der Arzt eine Fortbildung, in der anderen erhielten der Arzt und die Arzthelferinnen eine Fortbildung. Die dritte Gruppe diente als Kontrollgruppe und erhielt keine Fortbildung. Aus den beiden Fortbildungsgruppen nahmen insgesamt 46 Ärzte und 21 Arzthelferinnen an der Fortbildungsveranstaltung teil. Ergebnisse: Die Zufriedenheit der Teilnehmer war hoch, wobei die Arzthelferinnen im Vergleich zu den Ärzten tendenziell etwas niedrigere Bewertungen abgaben. Vor allem die Praxisrelevanz wurde im Vergleich zu den Ärzten von den Arzthelferinnen deutlich niedriger bewertet. Ein Diese Arbeit entstand im Rahmen des Förderschwerpunktes Suchtforschungsverbünde in der Medizin, Projekt 3 des Suchtforschungsverbundes Baden-Württemberg „Ambulantes Qualitätsmanagement alkoholbezogener Störungen in der hausärztlichen Praxis – Disseminierung und Transfer in die Routineversorgung“, welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird (FKZ 01 EB 0412). Abstract & Background: Alcohol-related disorders are of high importance for health policy. Primary care physicians play a central role in detecting and treating people with alcohol problems. However, they are not always adequately prepared for this challenge. Therefore, continuing education on the topic of “alcohol-related disorders” is highly relevant. Methods: In the project “Comprehensive quality management in out-patient care for alcoholrelated disorders” (AQAH) a training programme for practitioners and practice nurses was developed in the context of a randomised controlled trial. The 112 physicians taking part in the study were randomized to 3 groups. The ?rst group received a training session for the practitioner only. In the second group, the training was offered to the practitioner and the whole practice team. The third group was a control group and did not get a training session at all. 46 physicians and 21 practice nurses out of the two intervention groups took part in the training. Results: Most of the participants were very satis?ed with the training, but the satisfaction of the nurses tended to be lower compared with the physicians. Especially the relevance for routine care was assessed lower by the nurses. The majority of the participants considered themselves able to develop a strategy for the treatment of patients with alcohol-related disorders for the ?rst time or to modify their own strategy on the basis of the training. In this regard, the effect was highest in the practice nurses. Discussion: In the context of the study a training programme was developed which was very well received by general practitioners. The rating of nurses was generally indicated room for improvement. The effects of the training on the treatment of patients are currently evaluated in a randomised controlled trial. Peer reviewed article eingereicht: 23.05.2007 akzeptiert: 03.10.2007 Bibliogra?e DOI 10.1055/s-2007-992797 Online-Publikation: 2007 Z Allg Med 2007; 83: 447–451 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York ISSN 1433-6251 Korrespondenzadresse D. Ruf, Dipl. Psych. Universitätsklinikum Freiburg Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie Sektion Klinische Epidemiologie und Versorgungsforschung Hauptstr. 5 79104 Freiburg daniela.ruf@uniklinik-freiburg. de Ruf D et al. Einführung in www.alkohol-leitlinie.de – Evaluation … Z Allg Med 2007; 83: 447–451 448 Fortbildung Großteil der Teilnehmer gab an, durch die Fortbildung erstmals eine einheitliche Strategie bezüglich des Umgangs mit alkoholbezogenen Störungen entwickelt oder die eigene Strategie verändert zu haben. Hier pro?tierten vor allem die Arzthelferinnen. Schlussfolgerung: Im Rahmen der Studie wurde ein von Ärzten als sehr gut bewertetes Fortbildungskonzept entwickelt, bezüglich der Fortbildung von Arzthelferinnen besteht allerdings Optimierungsbedarf. Die Effekte der Fortbildung auf die Patientenversorgung werden derzeit im Rahmen der kontrollierten Studie überprüft. nahmen insgesamt 112 Ärzte aus der Region Südbaden und SüdWürttemberg teil. Die Ärzte wurden auf 3 Gruppen randomisiert. Gruppe I (N = 43) sollte eine Fortbildungsveranstaltung für die Ärzte, Gruppe II (N = 42) eine Fortbildung für die Ärzte und die Arzthelferinnen erhalten, Gruppe III (N = 27) diente zur Kontrolle und sollte keine Fortbildungsveranstaltung erhalten. Im Folgenden werden nur die Ergebnisse der Fortbildungsevaluation berichtet. Da die Ärzte in den beiden Fortbildungsgruppen jeweils dieselbe Fortbildung erhielten – die Gruppen unterschieden sich lediglich in der zusätzlichen Fortbildung des Praxisteams in Gruppe II – werden die Ärzte der beiden Gruppen für die Darstellung der Evaluationsergebnisse zusammengefasst. Die Kontrollgruppe hat an keiner Fortbildung teilgenommen, ist also aus der vorliegenden Darstellung ausgeschlossen. Einleitung & In Deutschland sind etwa 9,3 Millionen Menschen von alkoholbezogenen Störungen betroffen [1]. 5 Millionen Menschen davon – und damit der größte Teil der Betroffenen – betreiben einen riskanten Alkoholkonsum [2]. Früherkennung und Frühintervention stellen daher eine wichtige Aufgabe für das Versorgungssystem dar. Der Hausarztpraxis kommt in der frühzeitigen Erkennung und dem Einleiten einer adäquaten Behandlung alkoholbezogener Störungen eine zentrale Funktion zu [3]. Studien zeigen, dass etwa 70 % aller Patienten mit alkoholbezogenen Störungen ihren Hausarzt innerhalb eines Jahres konsultieren [2, 4]. Obwohl der Informationsbedarf hinsichtlich alkoholbezogener Störungen als hoch eingeschätzt wird [5], bereitet die ärztliche Aus- und Weiterbildung Ärzte bisher nur unzureichend auf den professionellen Umgang mit alkoholbezogenen Störungen vor [6–9]. Informationsangebote und Fortbildungen für Ärzte zur Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen sind daher von hoher Relevanz. Studien weisen darauf hin, dass es für die Behandlung von Patienten mit alkoholbezogenen Störungen wichtig ist, das gesamte Praxisteam einzubeziehen [10]. Daher ist auch die Fortbildung von Arzthelferinnen in Bezug auf das Thema „alkoholbezogene Störungen“ sehr wichtig. Neben den traditionellen Fortbildungsveranstaltungen gewinnen in der Medizin zunehmend auch E-Learning-Fortbildungsangebote an Bedeutung [11]. Im Rahmen des Projektes „Ambulantes Qualitätsmanagement alkoholbezogener Störungen in der hausärztlichen Praxis“ (AQAH), eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Teilprojektes des Suchtforschungsverbundes Baden-Württemberg, wurde in der ersten dreijährigen Förderphase ein umfassendes ambulantes Qualitätsmanagementsystem entwickelt, implementiert und evaluiert [12]. Im Rahmen der Anschlussförderung wurde das bestehende Qualitätsmanagementsystem überarbeitet und in ein Online-System (www.alkohol-leitlinie.de) transformiert [13] und ein Fortbildungskonzept dazu entwickelt. Im Folgenden werden das Fortbildungskonzept, das sowohl der zunehmenden Bedeutung von E-Learning in der Medizin, als auch der Wichtigkeit der Fortbildung des gesamten Praxisteams Rechnung zu tragen versucht, und die subjektive Evaluation der Fortbildung durch die Ärzte und Arzthelferinnen dargestellt. Fortbildungsablauf Die Fortbildungsveranstaltung umfasste vier Zeit-Stunden und war mit acht CME-Punkten von der Landesärztekammer BadenWürttemberg zerti?ziert. In Abb. 1 ist das Konzept der Fortbildung skizziert. Zunächst gab es eine gemeinsame Einführung in die Thematik für Ärzte und Arzthelferinnen. Dann wurde die Gruppe geteilt. Die Ärzte erhielten eine Einführung und eine Demonstration des Online-Systems www.alkohol-leitlinie.de ( Abb. 2) und wurden dann anhand verschiedener Übungsaufgaben, die sie selbst am Rechner durchführen konnten, durch das System geleitet. Sie hatten so die Möglichkeit, einen Überblick über die Inhalte der Internetseite zu bekommen und die Fortbildungsmodule und das Dokumentationssystem exemplarisch zu testen. Da die Inhalte des Online-Systems für Arzthelferinnen weit weniger umfassend sind und sich die CME-Fortbildung und das Dokumentationssystem eher an Ärzte richten, wurde der Schwerpunkt in der Fortbildung für die Arzthelferinnen auf die Vermittlung praktischer Inhalte gelegt und nicht am Rechner durchgeführt. Sie erhielten eine Einführung in die Versorgungsleitlinien und mögliche Aufgaben, die von ihnen in der Behandlung von Patienten mit alkoholbezogenen Störungen künftig stärker übernommen werden könnten, wurden erarbeitet. Der letzte Teil der Fortbildung wurde wieder gemeinsam durchgeführt, so dass konkrete Strategien zur Umsetzung der Fortbildungsinhalte in der Praxis diskutiert werden konnten. Hier wurden auch Vertreter von Suchtberatungsstellen mit einbezogen, welche den Ärzten die Angebote der Suchthilfe vorstellten. Fortbildungsevaluation Die Veranstaltungen wurden direkt im Anschluss mit Hilfe eines zweiseitigen Fragebogens mit 20 Items von den Ärzten und Arzthelferinnen evaluiert. Der Bogen orientierte sich an dem Evaluationsbogen für zerti?zierte Fortbildungen der Ärztekammer Nordrhein. Die Items bezogen sich sowohl auf didaktische, als auch auf inhaltliche Aspekte der Veranstaltung. Im letzten Teil des Bogens wurden einige soziodemographische Variablen erfasst. Die Bearbeitungszeit des Fragebogens umfasste etwa 5 Minuten. Zentrale Items waren: § „Meine Erwartungen hinsichtlich der Ziele und Themen des Kurses haben sich erfüllt.“ § „Der Kurs hat meiner Meinung nach Relevanz für meine praktische Tätigkeit.“ § „Gemessen am zeitlichen und organisatorischen Aufwand hat sich die Teilnahme an diesem Kurs für mich gelohnt.“ § „Während des Kurses habe ich fachlich gelernt.“ Methoden & Setting Die im Projekt entwickelte Fortbildung diente als Intervention in einer randomisierten kontrollierten Studie. An der Studie Ruf D et al. Einführung in www.alkohol-leitlinie.de – Evaluation … Z Allg Med 2007; 83: 447–451 Fortbildung 449 Diese Items verlangten eine Einschätzung auf einer sechsstu?gen Skala nach dem Schulnotensystem (1 = „sehr gut“ bis 6 = „ungenügend“). § „Bezüglich Diagnostik und Therapie alkoholbezogener Störungen gab es für mich vor der Veranstaltung § eine feste Gesamtstrategie § keine Strategie § noch offene Einzelprobleme“ § „Durch die Veranstaltung § fühle ich mich in meiner Strategie bestätigt § habe ich meine Strategie verändert § habe ich erstmals eine einheitliche Strategie erarbeitet § habe ich keine einheitliche Strategie ableiten können“ sehen. Zwei Drittel schätzten ihre Internetkenntnisse „sehr schlecht“ bis „mittel“ ein, nur ein Drittel „eher gut“ bis „sehr gut“. Evaluationsergebnisse 45 Ärzte und 20 Arzthelferinnen füllten einen Evaluationsbogen aus. Die Bewertungen ?elen überwiegend gut aus. Alle Items wurden von über 80 % der teilnehmenden Ärzte mit „sehr gut“ oder „gut“ bewertet. Die Arzthelferinnen gaben tendenziell etwas niedrigere Bewertungen ab. Vor allem die Praxisrelevanz wurde durch die Arzthelferinnen im Vergleich zu der Bewertung durch die Ärzte deutlich geringer eingeschätzt, auch die Erfüllung der Erwartungen an die Veranstaltung und der fachliche Gewinn wurden etwas niedriger bewertet (vgl. Abb. 3). Mit dem Evaluationsbogen wurde darüber hinaus erfasst, ob die Fortbildungsteilnehmer bezüglich Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen vor der Veranstaltung eine feste Gesamtstrategie verfolgten. Hier gaben drei Viertel der Arzthelferinnen und 40,0 % der Ärzte an, keine feste Gesamtstrategie verfolgt zu haben. 16,7 % der Arzthelferinnen und 35,6 % der Ärzte gaben an, bereits vor der Fortbildung eine feste Gesamtstrategie im Umgang mit alkoholbezogenen Störungen verfolgt zu haben. 8,3 % der Arzthelferinnen und 24,4 % der Ärzte gaben an, vor der Fortbildung lediglich spezielle Einzelfragen zum Umgang mit alkoholbezogenen Störungen gehabt zu haben, z. B. zum Erkennen von alkoholbezogenen Störungen oder zur Medikation (vgl. Abb. 4). Außerdem wurde erfasst, welche Auswirkungen die Fortbildungsveranstaltung auf die Strategie im Umgang mit alkoholbe- Ergebnisse & Fortbildungsstichprobe Insgesamt nahmen 46 Ärzte und 21 Arzthelferinnen an der Fortbildungsveranstaltung teil. Zwei Drittel der Ärzte waren männlich, der Altersdurchschnitt lag bei 52,3 (SD = 7,6) Jahren. Der größte Teil der Stichprobe (88,6 %) umfasste Fachärzte für Allgemeinmedizin. Im Mittel waren die Teilnehmer seit 15,2 (SD = 9,7) Jahren niedergelassen. Die Größe des Arzthelferinnenteams betrug bei 70,4 % der Ärzte 1,5–3 Vollzeitstellen. Knapp zwei Drittel (64,4 %) gaben an, maximal 5 Alkoholpatienten pro Woche zu Diskussionmöglichkeiten 97,7 95 95,5 65 94,1 90 88,8 38,9 88,2 80 84,4 75 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Erwartungen erfüllt Didaktik Praxisrelevanz Teilnahme gelohnt fachlich gelernt Prozentwerte Helferinnen (N=18-20) Ärzte (N=40-45) Abb. 1 Fortbildungsablauf. Abb. 3 Bewertung der Fortbildungsveranstaltung auf einer Skala von 1 = „sehr gut“ bis 6 = „ungenügend“. Dargestellt ist der Prozentsatz der Teilnehmer, die jeweils „sehr gut“ oder „gut“ angegeben haben. Abb. 2 www.alkohol-leitlinie.de. Ruf D et al. Einführung in www.alkohol-leitlinie.de – Evaluation … Z Allg Med 2007; 83: 447–451 450 Fortbildung den positiv bewertet. Das weist darauf hin, dass Ärzte die Möglichkeiten, die die Nutzung neuer Medien in der ärztlichen Fortbildung bieten, durchaus wahrnehmen. Fraglich bleibt, in wieweit die Erwartungen der Zielgruppe der Arzthelferinnen durch die Fortbildung füllt wurden. Der hohe Anteil der Arzthelferinnen, die angaben, vor der Fortbildung keine feste Gesamtstrategie im Umgang mit Patienten mit alkoholbezogenen Störungen gehabt zu haben, weist auf den hohen Fortbildungsbedarf hin. Ein Großteil der Arzthelferinnen gab auch an, diesbezüglich von der Fortbildung pro?tiert und erstmals eine Strategie erarbeitet zu haben. Dennoch schätzten weniger als die Hälfte die Praxisrelevanz der erhaltenen Fortbildung als sehr hoch oder hoch ein. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Bedürfnisse dieser Zielgruppe im Rahmen der Fortbildung noch zu wenig berücksichtigt wurden. Es könnte allerdings auch widerspiegeln, dass Arzthelferinnen dem Thema „alkoholbezogene Störungen“ in ihrer Arbeit generell weniger Bedeutung beimessen oder dass das Ziel der Fortbildung, die Aufgabenverteilung innerhalb von Praxisteams bei alkoholbezogenen Störungen, generell noch einen sehr niedrigen Durchdringungsgrad hat. Die Teilnahme an der Fortbildung muss mit insgesamt nur 54 % der Ärzte aus beiden Gruppen und nur 21 Arzthelferinnen, die aus insgesamt 10 Praxen kamen, mäßig eingeschätzt werden. Meist wurde die Nicht-Teilnahme mit Zeitmangel begründet. Einige Ärzte hatten etwa 1 Stunde Anfahrt zu der Veranstaltung, so dass auch die Zerti?zierung der Veranstaltung mit 8 CMEPunkten als Anreiz, an der Fortbildung teilzunehmen, für die Ärzte offensichtlich nicht hinreichend war. Für die Arzthelferinnen war der Anreiz noch geringer, da sie keine CME-Punkte benötigen und die Zeit für eine abendliche Fortbildungsveranstaltung nicht immer als Arbeitszeit abrechnen können. Einige Ärzte gaben auch – konträr zur Zielsetzung des Studienprojekts – an, dass sie ihre Arzthelferinnen gar nicht in die Behandlung von Patienten mit alkoholbezogenen Störungen integrieren wollen. Dadurch fühlen sich Arzthelferinnen möglicherweise auch gar nicht zuständig, Aufgaben in der Behandlung von Patienten mit alkoholbezogenen Störungen zu übernehmen. Dies könnte auch eine Erklärung dafür sein, dass die Ärzte die Praxisrelevanz der Fortbildung sehr hoch einschätzen, die Arzthelferinnen hingegen eher niedrig, weil sie glauben, die Thematik liege möglicherweise außerhalb ihres Verantwortungs- und Aufgabenbereiches. Die geringe Teilnehmerzahl könnte jedoch auch ein Abbild der generellen Stigmatisierung des Themas Suchterkrankungen in der Bevölkerung sein. Durch diese geringe Teilnehmerzahl wird die Aussagekraft der vorliegenden Evaluationsergebnisse sehr stark eingeschränkt. Es ist nicht auszuschließen, dass es sich bei den Teilnehmern um ganz besonders motivierte und an der Thematik „alkoholbezogene Störungen“ und an der Nutzung neuer Medien sehr interessierte Ärzte handelte, sodass eine Generalisierung der Ergebnisse auf die Gesamtpopulation der Ärzte nicht zulässig ist. Darüber hinaus beziehen sich die hier dargestellten Ergebnisse nur auf die subjektive Evaluation der Fortbildung. Auch bei dem Ergebnis, dass ein Großteil der Teilnehmer durch die Fortbildung eine einheitliche Gesamtstrategie im Umgang mit alkoholbezogenen Störungen erarbeiten konnte, handelt es sich um eine subjektive Einschätzung. Wichtig sind aber vor allem auch die Effekte der Fortbildung auf den Praxisalltag und die Patientenversorgung. In einer randomisierten kontrollierten Studie wer- 100 90 80 70 75 Prozentwerte 60 50 40 30 20 10 0 keine feste Gesamtstrategie feste Gesamtstrategie offene Einzelprobleme 16,7 8,3 40 35,6 24,4 Helferinnen (N=12) Ärzte (N=45) Abb. 4 Angaben der Fortbildungsteilnehmer zur Strategie, die sie bezüglich Diagnostik und Therapie alkoholbezogener Störungen vor der Fortbildungsveranstaltung hatten. 100 90 80 70 60 Prozentwerte 60 50 40 30 20 10 0 erstmals einheitliche Strategie erarbeitet eigene Strategie verändert Helferinnen (N=10) eigene Strategie bestätigt Ärzte (N=44) keine einheitliche Strategie ableitbar 10 31,8 31,8 20 10 2,3 34,1 Abb. 5 Angaben der Fortbildungsteilnehmer zur Strategie, die sie bezüglich Diagnostik und Therapie alkoholbezogener Störungen nach der Fortbildungsveranstaltung hatten. zogenen Störungen hatte. Hier zeigt sich ein großer Effekt der Abb. 5). 60 % der Arzthelferinnen und Veranstaltung (vgl. 31,8 % der Ärzte gaben an, durch die Fortbildung erstmals eine einheitliche Strategie bezüglich des diagnostischen und therapeutischen Vorgehens bei alkoholbezogenen Störungen erarbeitet zu haben. 10 % der Arzthelferinnen und 31,8 % der Ärzte gaben an, ihre Strategie verändert zu haben. 20 % der Arzthelferinnen und 34,1 % der Ärzte konnten ihre Strategie bestätigen, und nur ein geringer Prozentsatz der Teilnehmer konnte durch die Fortbildung keine einheitliche Strategie ableiten (10 % der Arzthelferinnen, 2,3 % der Ärzte). Schlussfolgerung & Die Fortbildungsevaluation zeigte, dass im Rahmen der Studie ein Fortbildungskonzept entwickelt wurde, das von den ärztlichen Teilnehmern sehr gut bewertet wurde. Vor allem das Online-System und die Möglichkeit, dieses im Rahmen der Fortbildung anhand von praktischen Übungen testen zu können, wur- Ruf D et al. Einführung in www.alkohol-leitlinie.de – Evaluation … Z Allg Med 2007; 83: 447–451 Fortbildung 451 5 Berner MM, Härter M, Zeidler C, Kriston L, Mundle G. German general practitioners’ perceived role in the management of alcohol use disorders: responsible but undertrained. Prim Care Comm Psychiatr 2006; 11: 29–35 6 Berner MM, Zeidler C, Kriston L, Mundle G, Lorenz G, Härter M. Die Behandlung von Patienten mit alkoholbezogenen Störungen in der hausärztlichen Praxis. Fortschr Neurol Psychiatr 2003; 74: 157–164 7 Geller G, Levine DM, Mamon JA, et al. Attitudes, and reported practices of medical students and house staff regarding the diagnosis and treatment of alcoholism. JAMA 1989; 261: 3115–3120 8 Kaner EF, Wutzke S, Saunders JB, et al. Impact of alcohol education and training on general practitioners’ diagnostic and management skills: ?ndings from a World Health Organization collaborative study. J Stud Alcohol 2001; 62: 621–627 9 Mann KF, Kapp B. Zur Lehre in der Suchtmedizin – eine Befragung von Studenten und Professoren. In: Mann KF, Buchkremer G (Hrsg). Suchtforschung und Suchttherapie in Deutschland. Sonderheft der Zeitschrift Sucht. Hamm: Neuland 1995; 38–40 10 Kaner E, Lock C, Heather N, MacNamee P, Bond S. Promoting brief alcohol intervention by nurses in primary care: a cluster randomised controlled trial. Patient Education and Counseling 2003; 51: 277– 284 11 Sönnichsen AC, Waldmann UM, Vollmar HC, Gensichen J. E-Learning: Aktueller Stand und Chancen in der Allgemeinmedizin. GMS Z Med Ausbild 2005; 22: 61 12 Mänz C, Berner MM, Lorenz G, et al. Projekt AQAH: Ambulantes Qualitätsmanagement alkoholbezogener Störungen beim Hausarzt. Suchtmedizin 2003; 5: 1–8 13 Ruf D, Berner MM, Lohmann M, et al www alkohol-leitlinie.de – Informationsangebote und Online-Fortbildung zum Thema „alkoholbezogene Störungen“. Z Allg Med 2006; 82: 556–561 den derzeit die Effekte der Fortbildung auf die Nutzung des Online-Systems und die Erkennung und Behandlung von Patienten mit alkoholbezogenen Störungen untersucht. Aus den hier dargestellten Ergebnissen lassen sich zusammenfassend folgende Schlussfolgerungen ziehen: § Der Anreiz, an Fortbildungen teilzunehmen, scheint zu gering zu sein. Vor allem für Arzthelferinnen muss ein größerer Anreiz geschaffen werden, solche Veranstaltungen zu besuchen, beispielsweise in Form eines anerkannten Zerti?kates. § Die Wichtigkeit der Integration des gesamten Praxisteams in die Erkennung und Behandlung alkoholbezogener Störungen muss für Ärzte und Arzthelferinnen noch besser transparent gemacht werden. § Das Fortbildungskonzept für Arzthelferinnen muss optimiert werden. Eine Bedarfsanalyse in Form einer mündlichen oder schriftlichen Befragung von Arzthelferinnen könnte hierfür eine wichtige Grundlage liefern. § Der Einsatz eines Online-Systems zur Fortbildung wird von Ärzten durchaus positiv gesehen. Interessenskon?ikte: keine angegeben Institut 1 Universitätsklinikum Freiburg, Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie 2 Universitätsklinik Tübingen, Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie 3 Oberbergklinik Hornberg und Universitätsklinik Tübingen, Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie 4 Medizinische Fakultät Tübingen, Lehrbereich Allgemeinmedizin 5 Medizinische Fakultät Freiburg, Lehrbereich Allgemeinmedizin Zur Person: Dipl. Psych. Daniela Ruf, Jahrgang 1978, studierte von 1999–2004 Psychologie an der Universität Freiburg. Seit 2005 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg, Sektion Klinische Epidemiologie und Versorgungsforschung, beschäftigt. Im Rahmen dieser Tätigkeit arbeitet sie derzeit an ihrer Promotion Literatur 1 Bühringer G, Augustin R, Bergmann E, et al. Alkoholkonsum und alkoholbezogene Störungen in Deutschland. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit, Band 128. Baden-Baden: Nomos 2000 2 Mann KF. Serie – Alkoholismus: Neue ärztliche Aufgaben bei Alkoholproblemen. Dtsch Arztebl 2002; 99: A632–A644 3 Schmidt LG. Frühdiagnostik und Kurzinterventionen beim beginnenden Alkoholismus. Dtsch Arztebl 1997; 94: A2905–A2908 4 Wienberg G. Die „vergessene Mehrheit“ heute – Teil V: Bilanz und Perspektiven. In: Wienberg G, Driessen M (Hrsg). Auf dem Weg zur vergessenen Mehrheit: Innovative Konzepte für die Versorgung von Menschen mit Alkoholproblemen. Bonn: Psychiatrie-Verlag 2001; 318–332 Ruf D et al. Einführung in www.alkohol-leitlinie.de – Evaluation … Z Allg Med 2007; 83: 447–451


(Stand: 11.11.2007)

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