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Todesfeststellung: Grundregeln, Durchführung und häufige Fehler

DOI: 10.3238/zfa.2009.0460

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Peter Gabriel, Wolfgang Huckenbeck

Zusammenfassung: Obwohl jeder Arzt in Deutschland gesetzlich verpflichtet ist, eine Leichenschau durchzuführen und eine Todesbescheinigung auszustellen, gibt es keine Verpflichtung zur Fortbildung. Das führt dazu, dass in der Praxis häufig Unsicherheiten bestehen und Fehler gemacht werden. Die rechtlichen Vorschriften sowie die Durchführung der ärztlichen Leichenschau werden in dem vorliegenden Artikel erläutert. Die früh- und spät-postmortalen Erscheinungen und deren Bedeutung werden erklärt. Typische Fehler werden anhand von Beispielen beschrieben.

Schlüsselwörter: ärztliche Leichenschau, sichere Todeszeichen, gesetzliche Bestimmungen, Todesbescheinigung, Scheintod

Einleitung

Jeder Arzt ist nach entsprechenden landesrechtlichen Vorschriften verpflichtet, den Tod eines Menschen festzustellen. Dies dient zugleich der Feststellung der nicht mehr möglichen Behandlung des Patienten (Todesfeststellung), der Wahrnehmung öffentlicher Verpflichtungen im Gesundheitswesen (Todesursachenstatistik, Seuchenbekämpfung) sowie der möglichen Aufdeckung strafbarer Handlungen. Da das Leichenwesen durch Landesgesetze und -verordnungen geregelt ist, gibt es eine Fülle unterschiedlich formulierter Vorschriften für ein und denselben Sachverhalt. Dies führt auch zu teilweise sehr unterschiedlich aufgebauten Formularen für die Todesbescheinigung.

Jeder Arzt ist verpflichtet eine Leichenschau durchzuführen, wenn ihm ein Todesfall angezeigt wird. Angezeigt ist der Tod einem Arzt auch, wenn ein Mensch unter seiner betreuenden Anwesenheit verstirbt oder der später herbeigerufene Arzt Anzeichen eines bereits vorher eingetretenen Todes ärztlich feststellt. Nicht nur Notärzte, sondern auch hausärztlich tätige Mediziner werden daher regelmäßig mit der Durchführung einer Leichenschau konfrontiert. Anders als beim Allgemeinarzt muss der Notarzt stets damit rechnen, zu einem neuen lebensrettenden Einsatz aufgefordert zu werden. Dieser Fall ist durch den Begriff des „übergesetzlichen Notstandes“ bzw. über eine Güterabwägung zwischen der Bedeutung der vollständigen Leichenschau und dem möglicherweise lebensrettenden neuen Einsatz geregelt. Im Einzelfall kann dies auch den allgemeinärztlich Tätigen treffen, weshalb ihm der juristische Hintergrund bekannt sein muss. Stets steht die Verpflichtung des Arztes Leben zu retten über der Verpflichtung zur vollständigen Leichenschau.

Das Bestattungsgesetz NRW nimmt den Notarzt von der Verpflichtung zur vollständigen Leichenschau generell aus. In einigen Bundesländern – wie Bremen und Hamburg – wird speziell für den Notarzt die Verwendung eines vorläufigen Leichenschauscheins praktiziert. Beispielsweise für Hamburg ist dies schon auf den ersten Blick plausibel, da der vorläufige Leichenschauschein sozusagen als Transportschein ins Leichenschauhaus (Rechtsmedizin) verwendet wird. Eine fachgerechte Leichenschau kann also sehr schnell nachgeholt werden. In anderen Bundesländern, insbesondere den Flächenländern, ist dies aber mitunter höchst problematisch, da eine sachgerechte Leichenschau mitunter nicht zeitnah gewährleistet ist. Jedem Arzt ist deshalb ein kurzes Studium des jeweils gültigen Bestattungsgesetzes dringend empfohlen.

Durchführung

Die Leichenschau ist unverzüglich (ohne schuldhaftes Zögern) vorzunehmen und endet nicht mit der alleinigen Feststellung, dass keine klinischen Maßnahmen mehr erforderlich sind, sondern umfasst die folgenden Tätigkeiten:

1 Feststellung des Todes

Auch wenn der erfahrene Mediziner meint, vom klinischen Bild her die Sinnlosigkeit von Reanimationsmaßnahmen und den bereits eingetretenen Tod beurteilen zu können, für einen rechtsgültig ausgefüllten Totenschein ist die Feststellung und Dokumentation von mindestens einem sicheren Zeichen des Todes notwendig. Rechtlich gilt der Verstorbene erst als Leiche, wenn ein approbierter Arzt den Tod festgestellt hat. Eine Todesfeststellung durch Nicht-Ärzte, beispielsweise auch durch Rettungssanitäter, ist durch das Gesetz ausgeschlossen.

1.1 Livores (Totenflecke)

Die Entstehung erfolgt durch Hypostase, das Blut sackt in die abhängigen Körperpartien ab. Beginnende Totenflecken sind mitunter bereits beim Sterbenden sichtbar, eine Beobachtung, die zu der alten Bezeichnung Kirchhof-Rosen führte. In der Regel beginnen die Totenflecken 20–30 Minuten nach dem Kreislaufstillstand. Aussparungen entstehen an aufliegenden Körperpartien sowie durch Kompression, beispielsweise durch enge Kleidung. Bei abnormen Lageverhältnissen der Leiche kann es zu verwirrenden Anordnungen und Verteilungsmustern kommen. Der Leichenschauer muss darauf achten, dass die Abblassungen mit der Unterlage in Einklang zu bringen sind. Ansonsten muss die Entstehung erklärbar sein, im Zweifelsfall sollte die Todesart „nicht aufgeklärt“ angekreuzt werden. Normale Abblassungen an typischer Stelle bei Rückenlage auf einer harten, ebenen Unterlage zeigt Abbildung 1.

In den ersten Stunden nach dem Tod füllen sich die Kapillargebiete der Haut in den abhängigen Körperteilen. Damit erklärt sich die vollständige Umlagerbarkeit innerhalb der ersten Stunden. Da später die Kapillarwände permeabel werden und es zum Austritt von Körperwasser kommt (Eindickung des Blutes), wird das die Kapillaren umgebende Gewebe miterfasst. Dann ist keine vollständige Umlagerbarkeit mehr möglich. Somit lässt die Wegdrückbarkeit der Totenflecken – etwa durch Daumendruck – zunehmend nach, bis die Totenflecken vollständig fixiert sind. Nachfolgend einige grob orientierende Daten zu Totenflecken:

  • nach ca. 1 h deutliche Ausprägung
  • nach ca. 2 h Beginn des Konfluierens
  • bis max. 12 h vollständige Wegdrückbarkeit
  • bis max. 36 h teilweise wegdrückbar mit großem Druck
  • bis 6 h vollständige Umlagerbarkeit
  • bis 12 h unvollständige Umlagerbarkeit

Bei Erhängten finden sich die Totenflecken hauptsächlich in den unteren Extremitäten ausgeprägt. Ein ähnliches Bild kann auch bei Lagerung im Sitzen entstehen.

Beidseitige Totenflecken, also beispielsweise an Rücken und Brust sind unbedingt zu dokumentieren, denn die Leiche muss in einem einigermaßen eingrenzbaren Zeitraum nach dem Tod noch einmal umgelagert worden sein. Findet sich keine einleuchtende Erklärung, so sollte die Todesart „ungeklärt“ gewählt werden.

Eine besondere Bedeutung kommt auch der Farbe der Totenflecken zu. Normalerweise ist sie düsterrot bis livide violett. Die Farbe der Totenflecken hängt vom Grad der Sauerstoffsättigung ab. Der an das Hämoglobin gebundene Sauerstoff wird auch nach Eintritt des Herz-Kreislauf-Stillstandes noch verbraucht. Leichenblut ist somit extrem sauerstoffarm. Jedes Abweichen von einer livide violetten Farbe bedarf daher dringend einer Abklärung.

Hellrote Totenflecken können in der Kälte durch Reoxygenierung des Kapillarblutes aus der Umgebungsluft (Verschiebung der Sauerstoffbindungskurve) entstehen. Sie können aber auch der entscheidende Hinweis auf eine Zyankali- oder (wesentlich häufiger) Kohlenmonoxidvergiftung sein. Letztere Todesursachen können als „innere Erstickung“ häufig über die Färbung der Nagelbetten abgegrenzt werden: Die Kapillaren des Nagelbetts sind durch den Nagelfalz gegen eine Kälte-Reoxygenierung geschützt und bleiben deshalb bei Kälte-Totenflecken dunkel livide. Bei der Vergiftung hingegen imponieren auch die Nagelbetten hellrot. Im Zweifelsfall muss allerdings grundsätzlich der Verdacht auf eine Kohlenmonoxidvergiftung ausgesprochen werden, um eine mögliche Gefährdung anderer Personen zu verhindern. An dieser Stelle sei auch auf den Selbstschutz des Leichenschauers hingewiesen. Sowohl Kohlenmonoxid- als auch Zyankalivergiftungen können für den Leichenschauer lebensbedrohlich werden.

Wichtig: Bei Todesfällen in Kraftfahrzeugen, Garagen, in geschlossenen Räumen mit offenen Flammen stets an eine Kohlenmonoxidvergiftung denken!

1.2 Rigor mortis (Totenstarre)

Das Auftreten der Totenstarre beginnt wenige Stunden nach dem Tod. In aller Regel ist sie zwischen 6 und 12 Stunden nach dem Tod vollständig ausgeprägt. Innerhalb der ersten Stunden kann sie gebrochen werden und bildet sich dann erneut aus. Als Maximum werden hier 6 bis 10 Stunden genannt. Nach ca. 48 bis 60 Stunden beginnt die Starre sich zu lösen. Die Ausbildung der Totenstarre ist auf einen Mangel energiereicher Phosphate (ATP) zurückzuführen. Damit entfällt die „Weichmacher-Wirkung“ und es kommt zur Versteifung. Später überlagern Autolyse und Fäulnis diesen Effekt. Die Überprüfung der Ausprägung sollte an mindestens zwei großen Körpergelenken erfolgen. Nach der Nysten’schen Regel beginnt die Totenstarre im Kiefergelenk, breitet sich dann nach unten aus und löst sich in umgekehrter Richtung.

Wichtig: Festgestellte Leichenstarre in nur einem Körpergelenk kann auch auf Athrose beruhen!

1.3 Nicht mit dem Leben zu vereinbarende Körperzerstörungen

Dieses „sichere“ Todeszeichen wird nicht zu den klassischen sicheren Todeszeichen gerechnet und sollte nur bei tatsächlichem Vorliegen einer äußerlich sichtbaren Körperzerstörung verwendet werden. Es macht durchaus Sinn, denn beispielsweise bei zerstückelten Leichen (Verkehrsunfall, Eisenbahnüberfahrung) kann die Feststellung von Leichenflecken und Totenstarre deutlich erschwert bis unmöglich sein. Man sollte sich jedoch bewusst machen, dass eine erhebliche Körperzerstörung auch erst nach dem Tod eingetreten sein kann (z. B. Leichnam wurde zur Verdeckung eines Tötungsdeliktes auf die Schienen gelegt).

Wichtig: Eine massive, äußerlich sichtbare Körperzerstörung kann auch postmortal entstanden sein!

1.4 Hirntod

Auch hierbei handelt es sich nicht um ein klassisches sicheres Todeszeichen. Der Hirntod darf nur gemäß den Kriterien der Bundesärztekammer festgestellt werden. Der Feststellung geht demnach zwingend eine Hirntoddiagnostik voran, die von mindestens zwei Ärzten durchgeführt werden muss. Die Feststellung des Hirntodes ist daher dem Kliniker vorbehalten, am Leichenfundort ist die Hirntodfeststellung überhaupt nicht möglich. Einen Sinn macht die Diagnose des Hirntodes beispielsweise dann, wenn einem Leichnam Organe zur Spende entnommen werden sollen. Vor der Organentnahme kann damit der Tod festgestellt werden, sodass es sich rechtlich um die Entnahme von Organen einer Leiche handelt.

Wichtig: Hirntod kann niemals durch den Leichenschauer alleine und auch nicht außerhalb einer Klinik festgestellt werden!

1.5 Autolyse, Fäulnis

Unter Autolyse versteht man die Selbstzerstörung der Zellen und des Gewebes. Im Gegensatz dazu ist die Fäulnis bakteriell bedingt. Sie beginnt in der Bauchhöhle (Darmbakterien) und breitet sich von dort aus über den gesamten Körper aus. Sie führt zu einer Verflüssigung des Gewebes und zur Gasbildung. Bei deutlichen Fäulniszeichen sollte der Arzt keine natürliche Todesart bescheinigen, da eine zuverlässige Befunderhebung kaum noch möglich ist und eine Klärung allenfalls noch durch eine Obduktion erfolgen kann. Die Fäulnis zeigt sich zunächst durch eine flächenhafte grünliche Verfärbung der Bauchdecken. Danach durchwandern die Bakterien die Gefäße und es kommt zum sogenannten Durchschlagen des Venennetzes (siehe Abb. 3). Die Verfärbung der oberflächlichen Hautgefäße kann von Grün über Brauntöne bis hin zu Schwarz reichen. Die Verfärbungen werden durch Abbauprodukte des Blutfarbstoffs bedingt (Sulfhämoglobine). Weitere Fäulniszeichen bestehen in flächenhaften Oberhautablösungen und der Bildung von flüssigkeitsgefüllten Fäulnisblasen. Schließlich kommt es zur flächenhaften Verfärbung nahezu sämtlicher Körperregionen sowie zur Ablösung von Haaren und Nägeln. In Abhängigkeit von Bekleidung und Temperatur können sehr unterschiedliche Fäulnisstadien an ein und derselben Leiche vorliegen.

Wichtig: Autolyse und Fäulnis können sowohl die Feststellung der Todesursache als auch die Identifikation des Leichnams unmöglich machen!

1.6 Tierfraß

Der häufigste in unseren Breiten vorkommende Tierfraß ist die Eiablage durch Fliegen und das nachfolgende Madenwachstum. Die Maden ernähren sich von der Leiche und können innerhalb von wenigen Tagen massive Gewebsdefekte verursachen, die auch Verletzungen vortäuschen können. Der leichenschauende Arzt sollte hier grundsätzlich die Polizei alarmieren. Über das Maden- und Larvenstadium können wichtige Schlüsse auf die Leichenliegezeit möglich sein, hierfür sollten aber Spezialisten herangezogen werden. Auch Ameisen können oberflächliche Gewebsdefekte und nachfolgende Vertrocknungen verursachen, die bei flächenhaftem Auftreten die Folgen stumpfer Gewalteinwirkung vortäuschen können. Diese Abgrenzung kann aber nicht Aufgabe des Leichenschauers sein, sondern sollte Spezialisten vorbehalten bleiben. Durch größere Tiere wie Ratten etc. kann es zu großen Substanzdefekten kommen, Hunde und andere Tiere können ganze Extremitätenteile verschleppen.

Wichtig: Gerade bei Leichen, die im Freien aufgefunden werden, aber auch bei Leichen, die in geschlossenen Räumen liegen, sind Veränderungen durch Tierfraß schon nach kurzer Zeit möglich!

1.7 Scheintod

Immer wieder kommt es zu falschen Todesfeststellungen, dabei ist der Scheintod bei Vorliegen eines sicheren Todeszeichens in jedem Fall ausgeschlossen. Der Scheintod ist definiert als komatöser Zustand mit Bewusstlosigkeit, Areflexie, Muskelatonie und scheinbarem Fehlen von Atmung und Puls. Bei Unterkühlung und Intoxikation (Alkohol, Schlafmittel) liegen gefährliche Grundvoraussetzungen für einen solchen Zustand vor. Man muss jedoch prinzipiell auch bei alten Menschen mit einer solchen vita reducta rechnen.

Typische Ursachen für einen Scheintod sind in der sog. Vokal-Regel zusammengefasst:

  • A) Anämie, Anoxämie, Alkoholvergiftung
  • E) Epilepsie, Erfrieren, Elektrizität
  • I) Injury (v. a. bei offenem Schädel-Hirn-Trauma)
  • O) Opiate und alle zentral wirksamen Gifte (Barbiturate!)
  • U) Urämie und alle Formen von endokrinologischem und metabolischem Koma (nach [6])

Um den Scheintod sicher ausschließen zu können, darf man sich niemals auf unsichere Todeszeichen verlassen. Diese sind:

  • Blässe der Haut
  • Abnahme der Körperwärme
  • Atemstillstand
  • Herz-Kreislauf-Stillstand
  • fehlende Pupillenreaktion
  • Muskelatonie

Wichtig: Der Scheintod ist bei Vorliegen eines sicheren Todeszeichens in jedem Fall ausgeschlossen!

2 Feststellung der Identität (Personalien)

Die Identitätsfeststellung gehört ebenfalls zu den Aufgaben des leichenschauenden Arztes. Dies kann mit Schwierigkeiten verbunden sein. Hat der Arzt keine Hinweise auf die Identität der Leiche, zweifelt an den Aussagen der Angehörigen, kann keine überzeugende Ähnlichkeit zwischen Ausweisdokument und Leiche feststellen oder ist die Leiche durch Verletzungen oder Fäulnis nicht mehr identifizierbar, so muss er dies im Totenschein vermerken. Dann muss er nach der Strafprozessordnung in jedem Fall die Ermittlungsbehörden verständigen (Polizei), auch wenn eine natürliche Todesart vorliegt.

Wichtig: Nicht eindeutig identifizierbare Leichen sind immer der Polizei zu melden!

3 Feststellung der Todeszeit

Im Totenschein soll der Arzt entweder einen Todeszeitpunkt oder einen Zeitpunkt der Leichenauffindung angeben. Ein Todeszeitpunkt kann zuverlässig nur dann angegeben werden, wenn beispielsweise eine Reanimation erfolglos abgebrochen wurde. Bei Aussagen Dritter zum Todeszeitpunkt ist stets Vorsicht geboten, zudem sollte die Herkunft der Informationen eindeutig im Totenschein vermerkt werden. Alternativ zum Sterbezeitpunkt kann der Zeitpunkt der Leichenauffindung angegeben werden. Auch hier sollte der Leichenschauer Fremdauskünfte als solche deutlich machen. Schätzungen oder Berechnungen eines Sterbezeitpunktes sind nicht Aufgabe des Leichenschauers und sollten Spezialisten vorbehalten bleiben.

Wichtig: Der Leichenschauer sollte keine Schätzung oder „Berechnung“ des Todeszeitpunktes vornehmen!

4 Feststellung der Todesursache und des Grundleidens

Im vertraulichen Teil des Totenscheins werden detaillierte Aussagen zur Todesursache verlangt. Es soll eine Kausalkette vom Grundleiden bis zum Eintritt des Todes dargestellt werden. Dies bereitet oft Schwierigkeiten, selbst wenn die Krankenvorgeschichte bekannt ist. Die tatsächliche Todesursache lässt sich von außen nur in wenigen Fällen erkennen. Problematisch ist dabei, dass die im Totenschein gemachten Angaben in die Todesursachenstatistik einfließen.

Erfahrungsgemäß ist es wesentlich einfacher, bei einer offensichtlich nicht natürlichen Todesart eine entsprechende Todesursache anzugeben als beim natürlichen Tod.

Wichtig: „Herz-Kreislauf-Stillstand“ oder „Atemstillstand“ sind keine Todesursachen, sondern Endzustände, die bei jedem Verstorbenen eintreten!

5 Feststellung der Todesart

Während es sich bei der Feststellung der Todesursache um eine ärztliche Einschätzung handelt, wird hier vom Leichenschauer eine klare Zuordnung zu einer der vorgegebenen Kategorien erwartet. Eine natürliche Todesart darf dabei definitionsgemäß nur bescheinigt werden, wenn auch eine natürliche Todesursache bekannt ist.

Eine nicht natürliche Todesart liegt definitionsgemäß immer dann vor, wenn eine irgendwie geartete äußere Einwirkung den Tod herbeigeführt oder auch nur mit herbeigeführt hat (Gewalteinwirkung, Unfall, Suizid, Vergiftung, aber auch Behandlungsfehler, wozu selbstverständlich auch eine Medikamentenüber- oder -fehldosierung gehören). Der Verdacht reicht hier für den Leichenschauer aus, um eine nicht natürliche Todesart zu bescheinigen.

In vielen Bundesländern ist daneben auch noch die Angabe einer ungeklärten Todesart möglich. Viele Ärzte nutzen diese Möglichkeit und bescheinigen bei eigener Unsicherheit eine ungeklärte Todesart. Formal wäre diese Todesart aber nur zu bescheinigen, wenn einerseits keine äußere Verletzung vorliegt, die den Tod hätte mit verursachen können und andererseits keine Todesursache bekannt ist.

Bei nicht natürlicher oder ungeklärter Todesart sind in jedem Fall die Ermittlungsbehörden zu verständigen. Die Festlegung auf eine Todesart ist wertneutral, beinhaltet also keine rechtliche Bewertung der Todesumstände. Diese ist dem amtlichen Todesermittlungsverfahren vorbehalten.

Viele Kollegen glauben, durch Festlegung auf die Todesart „nicht natürlich“ würden sie automatisch eine dritte Person für den Tod des Verstorbenen verantwortlich machen bzw. einen entsprechenden Verdacht äußern. Das ist aber falsch. Die Todesart „nicht natürlich“ besagt lediglich, dass eine äußere Einwirkung wahrscheinlich mitursächlich für den Tod war. Erst durch das Todesermittlungsverfahren wird dann geklärt, ob sich die Einschätzung des Leichenschauers bestätigen lässt und, falls ja, ob es sich um einen Unfall, einen Selbstmord, eine unvermeidbare Komplikation einer medizinischen Behandlung oder tatsächlich um ein Fremdverschulden handelt.

Wichtig: Jeder Fall von ungeklärter und nicht natürlicher Todesart ist den Ermittlungsbehörden unverzüglich zu melden.

Der ausgefüllte Totenschein wird den Totensorgeberechtigten (beispielsweise anwesende Angehörige) übergeben, diese überreichen ihn dem Bestatter zwecks Abtransport der Leiche. In der Regel wird ein Bestatter einen Leichnam ohne gültige Todesbescheinigung nicht befördern dürfen. Daher muss die Todesbescheinigung auch unverzüglich ausgestellt und ausgehändigt werden. Der nicht vertrauliche Teil der Todesbescheinigung wird dem Standesamt vorgelegt, der vertrauliche Teil wird mit Zeitverzug der unteren Gesundheitsbehörde vorgelegt.

Der Arzt sollte sich der besonderen Bedeutung seiner Festlegung auf eine Todesart bewusst sein: Es handelt sich um eine wesentliche Weichenstellung hinsichtlich der weiteren Aufklärung der Todesumstände. In der Fehleinschätzung der Todesart, beispielsweise bei spurenarmen Tötungsdelikten gerade auch bei älteren Menschen, ist die oft beklagte, in Deutschland relativ hohe Dunkelziffer bei Tötungsdelikten zu suchen.

Der Leichenschauer sollte sich auch bewusst sein, dass ihm bei einer offensichtlichen Falschbescheinigung durchaus straf- und zivilrechtliche Konsequenzen drohen können. Strafrechtlich könnte hier eine Strafvereitelung, eventuell auch ein Betrug, infrage kommen, zivilrechtlich könnten auf den Arzt Entschädigungsansprüche Dritter zukommen.

Fallbeispiel 1:

Der Leichenschauer bescheinigt trotz offensichtlichem Vorliegen eines Unfalltodes (Sturz im Krankenhaus) eine natürliche Todesart. Die Unfallversicherung des Verstorbenen weigert sich daraufhin der Witwe die Unfallversicherungssumme auszuzahlen. Erst nach langem Rechtsstreit und Einholung eines rechtsmedizinischen Gutachtens wird die Pflicht zur Zahlung festgestellt, da der Leichenschauer offensichtlich eine falsche Todesart und eine falsche Todesursache in die Todesbescheinigung eingetragen hat.

Fallbeispiel 2:

Der Hausarzt der Familie bescheinigt als Leichenschauer eine natürliche Todesart bei dem verstorbenen Ehemann, obwohl ganz offensichtlich ein Suizid vorliegt (Kohlenmonoxidvergiftung durch Einleitung von Abgasen in den PKW in der häuslichen Garage). Als Motivation gibt er später an, er habe der Witwe die „Unannehmlichkeiten mit der Polizei“ ersparen wollen. Wenn der Ehemann nun eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte, die bei Suizid nicht oder nur eine geringere Versicherungssumme auszahlt, könnten Entschädigungsansprüche der Versicherung gegen den Arzt bestehen.

Wichtig: Kann man das mutmaßlich schädigende Ereignis (äußere Einwirkung) hinweg denken, und der Erfolg (das Ableben) wäre zum gleichen Zeitpunkt eingetreten? Wenn „nein“, liegt eine Kausalität vor und die „nicht natürliche Todesart“ ist zu bescheinigen. Bestehen Zweifel, so kann auch eine „ungeklärte Todesart“ gewählt werden.

6 Ablauf und Durchführung der Leichenschau

Zur Erfüllung seiner Pflicht zur Leichenschau hat der Arzt die Leiche persönlich zu besichtigen und zu untersuchen. Diese Verpflichtung setzt die

  • vollständige Entkleidung,
  • die allseitige Besichtigung bei ausreichender Beleuchtung,
  • und die Inaugenscheinnahme aller Körperöffnungen voraus.

Nur durch ein solches Vorgehen können sichere Zeichen des Todes erkannt und Fehlentscheidungen bei der Frage, ob Anhaltspunkte für eine nicht natürliche Todesart vorliegen, vermieden werden.

In Nordrhein-Westfalen beispielsweise muss der Leichenschauer durch Ankreuzen auf der Todesbescheinigung kenntlich machen, dass er eine vollständige Leichenschau durchgeführt hat. Er hat hier auch die Möglichkeit anzukreuzen, dass er keine vollständige Leichenschau vorgenommen hat. Der Leichenschauer sollte sich jedoch der Tatsache bewusst sein, dass er hier eine Ordnungswidrigkeit zugibt, falls er nicht auch einen plausiblen Grund für die Nicht-Durchführung der vollständigen Leichenschau nennt. Ein solcher Grund kann beispielsweise vorliegen, wenn offensichtlich eine nicht natürliche Todesart vorliegt und der Leichenschauer vor Anwesenheit der Polizei durch seine Leichenschau keine Spuren vernichten will.

Wichtig: Bei einer natürlichen Todesart hat in jedem Fall eine vollständige Leichenschau zu erfolgen.

Nach der Feststellung des Todes (sichere Todeszeichen) muss der Arzt die Leiche entkleiden. Körpervorderseite und -rückseite sind sorgfältig auf Auffälligkeiten zu untersuchen. Hierbei sind auch behaarte Körperpartien und alle Körperöffnungen einzubeziehen. Auffällige Gerüche und Verfärbungen können auf Vergiftungen hinweisen. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Atemöffnungen, dem Halsbereich und der Augenregion. Grundsätzlich müssen die Augenbindehäute untersucht werden, um Stauungsblutungen auszuschließen. Letztere können zwar auch bei akuter oberer Einflussstauung aus krankhafter Ursache (Lungenembolie, Herzinfarkt) oder bei Kopftieflage auftreten, sie sind aber auch das wesentliche Symptom beim Erwürgen, Erdrosseln und Ersticken (Zweifelsfall = ungeklärte Todesart!). Auch die Hände sollten gründlich untersucht werden, da sich hier Abwehrverletzungen finden können.

Sämtliche Verbände und Pflaster sind zu entfernen. Es könnten sich Verletzungen darunter verbergen, die auf eine nicht natürliche Todesart hinweisen. In der rechtsmedizinischen Praxis sind Fälle bekannt, in denen Angehörige Schussverletzungen mit Pflastern verklebt haben. Der erschossene Großvater wurde dann friedlich in sein Bett gelegt. Nach Feststellung eines „akuten Herztodes“ durch den Hausarzt wurde die Polizei erst durch den Bestatter eingeschaltet, weil ihm die große Blutmenge, die beim Umlagern der Leiche unter dem Pflaster hervorkam, verdächtig erschien.

Findet der Leichenschauer Hinweise auf eine nicht natürliche Todesart, so soll er die Leichenschau abbrechen und unverzüglich die Polizei unterrichten. Dies sollte erfolgen, damit keine Spuren vernichtet werden.

Der Leichenschauer muss sich stets bewusst sein, dass seine Leichenschau möglicherweise den letzten ärztlichen Dienst am Menschen darstellt. Daher sollte hier die gleiche Sorgfalt selbstverständlich sein wie beim lebenden Patienten. Kein Arzt würde auf die Idee kommen, einen lebenden Patienten voll bekleidet einer körperlichen Untersuchung zu unterziehen. An der Leiche ist eine gründliche körperliche Untersuchung (und nichts anderes ist die Leichenschau) natürlich auch nur möglich, wenn man sie zuvor entkleidet. Dies ist auch den Angehörigen in der Regel problemlos zu vermitteln, wenn man sich die Zeit nimmt, ihnen den Sinn der Leichenschau und die Gesetzeslage kurz zu erläutern.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Peter Gabriel

Institut für Rechtsmedizin

Universitätsklinikum Düsseldorf

Moorenstr. 5

40225 Düsseldorf

Tel.: 0211 / 81 19 367

E-Mail: peter.gabriel@uni-duesseldorf.de

Literatur

1. Brinkmann B, Raem AM (Hrsg) Leichenschau – Leitlinien zur Qualitätssicherung. Düsseldorf: Deutsche Krankenhausverlagsgesellschaft mbH, 2007

2. Gabriel F, Huckenbeck W. Grundlagen des Arztrechts – ein praxisorientierter Leitfaden unter besonderer Berücksichtigung der ärztlichen Leichenschau. Berlin: Köster Verlag, 1999

3. Gabriel F, Huckenbeck W. Grundlagen der Rechtsmedizin für die Praxis. Fachverlag des Deutschen Bestattungswesens, 2004

4. Madea B (Hrsg) Die Ärztliche Leichenschau – Rechtsgrundlagen, Praktische Durchführung, Problemlösungen. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag, 1999

5. Madea B (Hrsg) Praxis Rechtsmedizin. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag, 2003

6. Peschel O, Priemer F, Eisenmenger W. Letzter Dienst am Menschen. MMW 1997; 139: 3–13

Abbildungen:

Abbildung 1 Normale Abblassungen innerhalb der Leichenflecken bei Rückenlage.

Abbildung 2 Totenfleckverfärbung der Nagelbetten mit regelrechter Färbung (oben) und bei Kohlenmonoxidvergiftung (unten).

Abbildung 3 Durchschlagen des oberflächlichen „Venennetzes“ bei Fäulnis.

Abbildung 4 Stauungsblutungen in der Gesichtshaut bei Strangulation.

 

1 Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Düsseldorf

Peer reviewed article eingereicht: 28.07.2009, akzeptiert: 28.08.2009

DOI 10.3238/zfa.2009.0460


(Stand: 31.05.2011)

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