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Das Dilemma der Allgemeinmedizin in Österreich I

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Christoph Dachs

Die Schlagzeile „Mangel an AllgemeinmedizinerInnen“ in Niederösterreich schreckt auf. Auch in dem noch attraktiveren Salzburg sind manche Kassenstellen für Allgemeinmedizin, die vor etlichen Jahren noch mit Handkuss genommen worden wären, nur mehr mühsam zu besetzen. Die Vertreterbörse für die Allgemeinmedizin wird immer kürzer. Was steckt dahinter?

Das Problem ist sicherlich vielschichtig zu sehen.

Die Anforderungen an die Allgemeinmedizin werden immer größer. Seit Jahren gefallen sich die Politiker in persönlichen Gesprächen, die Wichtigkeit der Allgemeinmedizin zu beteuern, unter BM Rauch-Kallat wurde das Schlagwort „Hausarzt neu“ kreiert und wir hatten die Hoffnung auf eine deutliche Veränderung der Situation. Es hat sich tatsächlich etwas verändert: Die Anforderungen an die Allgemeinmedizin wurden in die Höhe geschraubt.

  • Wir sollten das Gesundheitssystem ökonomischer machen und haben uns tatsächlich dafür starkgemacht und vieles umgesetzt. Dafür werden wir allerdings sehr häufig durch Ignoranz im Regen stehen gelassen.
  • Die fachlichen Anforderungen sind gestiegen, man erwartet, dass wir in allem up to date sind, dass wir unsere Fortbildungen machen und dass wir mit dem Internetwissen unserer Patienten perfekt umgehen können. Wir haben Guidelines geschaffen, um unsere Qualität zur besseren Versorgung der Patienten zu heben. Das haben viele Kollegen umgesetzt und trotzdem werden wir von Institutionen, einigen Patienten und leider auch von vielen Fachkollegen als Schmalspurmediziner betrachtet.
  • Wir haben uns einer Qualitätssicherung unterzogen, schauen vermehrt auf fehlerfreie Abläufe in der Ordination, bilden unsere Assistentinnen fort und haben eine Fehlerkultur entwickelt.
  • Die berühmte 5-Minuten-Medizin, die uns vorgehalten wird, ist leider Realität. Wenn wir uns mehr Zeit nehmen, kommen wir mit unserer Zeitplanung nicht zu recht. Trotzdem bemühen wir uns, in dieser Zeit den Patienten bestmöglich zu versorgen, nehmen uns für besondere Fälle auch viel mehr Zeit und sollten nebenbei noch eine lückenlose Dokumentation führen.
  • Es wird von uns erwartet, dass wir uns in Integrierter Versorgung engagieren. Das machen wir schon lange, allerdings werden die Anforderungen und die Anbieter im Gesundheitsbereich mehr, sodass dieser Bereich oft unüberschaubar wird. Allein die Kommunikation zwischen den Ärzten scheitert nicht selten an fehlenden oder verspäteten Arztbriefen und erschwert damit unsere Position als Grundversorger.
  • Palliative Betreuung, Disease Management Programme, Gesundheits- und Krankenbestätigungen für alle Bereiche (z. t. für Volksschüler), Versicherungsuntersuchungen etc. werden immer mehr und belasten unser Zeitbudget.
  • Nebenbei sind wir Unternehmer, die schauen müssen, dass der ganze Betrieb ordentlich und wirtschaftlich geführt wird.

Um diese Aufgaben auch in Zukunft bewältigen zu können, fordern wir seit langem auch entsprechende Veränderungen ein.

  • Der Turnus in seiner heutigen Form ist anachronistisch und schon lange nicht mehr eine Vorbereitung auf die Tätigkeit eines Allgemeinmediziners. Erschwerend kommt noch dazu, dass in der heutigen Turnusausbildung die jungen KollegInnen zu Systemerhaltern degradiert werden und mehr mit Schreibtisch als mit medizinischem Handeln konfrontiert werden. Seit Jahren wird die Reform der Ausbildung zum Allgemeinmediziner mit verpflichtender Lehrpraxis von uns gefordert, bis jetzt scheitert es an 12 Mill. Euro jährlich, für die niemand bereit ist, zu zahlen.
  • Die Einzelpraxis ist nicht mehr zeitgemäß. Es bedarf der Möglichkeit zur Zusammenarbeit und damit auch zu vermehrtem fachlichen Austausch. Neben der Schaffung der rechtlichen Voraussetzung braucht es auch eine zeitgemäße Abrechnung einer Gemeinschaftspraxis. Diese Dinge wurden bislang halbherzig und schlecht umgesetzt.
  • Es werden immer mehr Frauen zu Medizinerinnen ausgebildet und drängen in die Allgemeinmedizin. Für viele sind Beruf und Familie schwer unter einen Hut zu bringen. Es bedarf Voraussetzungen für Teilzeitstellen auch in der Allgemeinmedizinpraxis.
  • Die Abrechnungsmodalitäten sind nicht mehr zeitgemäß und zu techniklastig. Die Zeit, die für uns einer der wichtigsten Faktoren in der Allgemeinmedizin darstellt, bekommen wir nicht adäquat bezahlt und es klafft eine deutliche Einkommenslücke bei größerem Zeitaufwand zwischen Allgemeinmedizinern und Fachärzten. Das schafft Frustration und macht die Allgemeinmedizin immer weniger attraktiv.

Bisher sind alle Appelle an die Gesundheitspolitik für eine Verbesserung der Situation der Allgemeinmedizin scheinbar verhallt. Außer ständigen Beteuerungen, wie wichtig die Allgemeinmedizin für das Gesundheitssystem ist, hat sich bis dato nichts getan. Auf der anderen Seite wissen wir aus internationalen Vergleichen, dass eine gute allgemeinmedizinische Versorgung mit dem Hausarzt als deklariertem Basisversorger das Gesundheitssystem deutlich entlastet und qualitativ aufwertet. Trotzdem lässt man scheinbar die Allgemeinmedizin sterben bzw. man hungert sie schön langsam aus. Sollte die Politik nicht bald gegensteuern, wird es uns ähnlich ergehen wie in Deutschland, wo in den nächsten Jahren 16.000 Allgemeinmediziner fehlen werden.

Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Politiker keinen Hausarzt haben, sondern wegen jeglicher Beschwerde gleich Klinikchefs kontaktieren. Deshalb der Appell an die Politik: Jeder Politiker sollte seinen Hausarzt haben und auch aufsuchen. Vielleicht bekommen sie dann Verständnis für unsere Situation.


(Stand: 27.12.2010)

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