Loading...

ZFA-Logo

Michael M. Kochen – Verabschiedung von mehr als einem Präsidenten der DEGAM1

PDF

Heinz Harald Abholz

Lieber Michael,

mir obliegt es heute, Dich als Präsidenten der DEGAM zu verabschieden: ein Anlass, kurz Revue passieren zu lassen, was Du – über diese sechs Jahre hinaus – so wegweisend für die akademische Allgemeinmedizin getan hast.

Ich sehe Deine soeben zu Ende gegangene Präsidentschaft als nur einen Meilenstein im Rahmen einer lange zuvor beginnenden Arbeit für die wissenschaftliche Allgemeinmedizin. Und diese Arbeit ist umfangreich, so umfangreich, dass man sich in der Tat fragen muss: Hätte das, was Du für das Fach getan, historisch in Gang gesetzt hast, auch irgendjemand anderes an Deiner Stelle getan? Oder wird Geschichte auch manchmal durch nicht ersetzbare Menschen gemacht?

Ich kenne Michael seit über 30 Jahren, also mein halbes Leben lang. Er fing seine klinische Karriere 1979 in der Inneren Medizin des Berliner Klinikums Steglitz der Freien Universität an (heute heißt es „Klinikum Benjamin Franklin“). Schon 1977 war er, nach Promotion und Abschluss seiner Medizinalassistentenzeit, an das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg und danach als Postdoc an die Stanford University gegangen, um dort immunologisch zu arbeiten. 1978 begann er dann an der University of California in Berkeley ein Zweitstudium in Epidemiologie, das er ein Jahr später mit dem Master of Public Health abschloss. In den Jahren 1977 bis 1979 muss die Umorientierung vom Grundlagenforscher zum Klinischen Forscher – und vielleicht schon zum Generalisten – begonnen haben.

Denn zumindest erinnert das erste Forschungsprojekt in Berlin nach seiner Rückkehr an eine Mixtur zwischen klinischer Forschung und Allgemeinmedizin: Es handelte sich um eine randomisierte Studie über den Wirksamkeitsvergleich zwischen herkömmlichen Abführmitteln und ballastreicher Kost bei Krankenhauspatienten. In den 70er Jahren war eine solche Studie in einem Universitätsklinikum an sich bereits eine Provokation – sie war in ihrer Bodenständigkeit und der Besorgnis um bettlägerige Patienten schon von einem generalistischen Gedanken geprägt. Nebenbei bemerkt war es damals auch ziemlich ungewöhnlich, überhaupt eine randomisierte Studie durchzuführen – was auf die wissenschaftliche Ausbildung von Michael zurückzuführen ist.

Michael Kochen ging dann wenige Jahre später nach München, um dort nach der Abwendung vom Berufsbild des grundlagenorientierten Immunologen sowie nach Abschluss des Internistischen Facharztes seine allgemeinmedizinische Weiterbildung abzuschließen und eine hausärztliche Praxis zu gründen. Er habilitierte sich in München als einer der ersten westdeutschen Allgemeinmediziner mit einem damals revolutionären Thema, nämlich einer speziellen Empfehlungsliste „zur rationalen Pharmakotherapie für die hausärztliche Praxis“ – basierend auf den Daten seiner eigenen Praxis. Heute würde wir das Evidenzbasierte Medizin nennen.

Bis zu diesem Punkt könnte man das, was ich dargestellt habe, als die Beschreibung einer privaten Entscheidung zur Allgemeinmedizin ansehen. Aber seit Mitte der 80er Jahre wurde Michaels Bemühen um unser Fach allgemeiner und damit politischer: Er stieg beim Hippokrates-Verlag als (wie es damals hieß) Schriftleiter in die Zeitschrift für Allgemeinmedizin (ZFA) ein. Damals war die ZFA faktisch eine Zeitschrift von Internisten für Allgemeinmediziner – ganz in der Tradition des Gedankens, den Praktikern das neueste und relevante Wissen für ihr Fach aus Spezialistenhand zu reichen. Die Zeitschrift war – schaut man sie sich heute rückblickend an – nicht schlecht, aber sie stellte das Fach Allgemeinmedizin eben als handwerkliches Fach dar, dem in Ermangelung einer eigenen Forschung die wissenschaftlichen Inputs von außen gegeben werden mussten.

Michael trat mit dieser Arbeit den Weg durch die Institution der ZFA an: Zunehmend schrieb er, der Allgemeinmediziner, über Fachthemen, die zuvor nur von Spezialisten abgehandelt worden waren. Und zunehmend gewann er neue Schriftleiter aus dem Fach der Allgemeinmedizin, die dem Verlag und den anderen Schriftleitern gegenüber vorgestellt werden mussten, bevor sie akzeptiert wurden. So hat er auf diesem Wege auch mich als neuen Schriftleiter gewonnen.

Ab Mitte der 80er Jahre begannen in der ZFA Allgemeinmediziner über ihre eigenen Themen oder über internistische, kinderärztliche oder gynäkologische Themen aus hausärztlicher Perspektive zu schreiben. Die ZFA änderte sich zunehmend – hin zu einer Zeitschrift, die zu nennenswerten Teilen durch Allgemeinmediziner selbst gestaltet wurde. Und sie wurde von uns ab Ende der 80er Jahre langsam von einem reinen Fortbildungsblatt zu einem Journal verwandelt, in dem auch kleinere Forschungsprojekte aus der Allgemeinmedizin (Praxisforschung) publiziert wurden.

Zeitlich parallel dazu trat Michael in die DEGAM ein und begann auch hier, den Prozess der Selbstfindung eines akademisch neuen Faches zu forcieren. Langsam, aber beständig gewann er andere – so auch mich – dafür, in die DEGAM einzutreten, um hier im Sinne einer Akademisierung des Faches aktiv zu werden. Damit wandelte sich auch die DEGAM von einem Verein sehr netter und freundlicher „Praktiker mit Lehraufträgen“ zu einer wissenschaftlich orientierten Gesellschaft. Die Präsentation kleinerer Forschungsprojekte aus der hausärztlichen Praxis wurde neuer Schwerpunkt bei den Jahreskongressen, die sich zuvor ausschließlich der Fortbildung und der Lehre gewidmet hatten.

Als 1989 an der Universität Göttingen aus einem Lehrauftrag eine neue Abteilung für Allgemeinmedizin geschaffen wurde, erhielt Michael den Ruf auf diesen Lehrstuhl. Damit begann auch eine Forschungskultur im Fach zu wachsen, die weit über das hinausging, was bisher an den Institutionen in Hamburg und in Hannover betrieben wurde. Man muss sagen, dass Michael Kochen der forschenden Allgemeinmedizin mit seiner Arbeit in Göttingen den Weg bereitet hat.

Und spätestens hier muss man fragen: Wäre er nicht gewesen, hätte es, historisch gesehen, Personen gegeben, die dies an seiner Stelle gemacht hätten? Ich würde bei Kenntnis der damaligen „Prominenz“ mit einem eindeutigen Nein antworten. Wäre er nicht gewesen, wäre die Allgemeinmedizin zu diesem Zeitpunkt nicht zum akademischen Fach geworden.

Mitte der 90er Jahre wurden die DEGAM-Kongresse auf dem hier skizzierten Hintergrund zunehmend wissenschaftlicher, während Fortbildungsveranstaltungen eher in den Hintergrund traten. Auch hier war es Michael, der immer wieder betonte, dass dieses Fach längerfristig nur überleben kann, wenn es eine wissenschaftlich geprägte Tradition erwirbt.

Zu diesem Zeitpunkt begann dann auch die Etablierung weiterer, wenn auch sehr mager ausgestatteter Lehrstühle. Dies geschah ebenfalls unter dem Einfluss von Michael Kochen einerseits und Waltraut Kruse aus Aachen andererseits: Beide organisierten immer wieder, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, die entsprechenden Vorstöße bei den Ministerien und an den Universitäten. Sie ergänzten sich dabei mit ihren unterschiedlichen Schwerpunkten: einerseits die Lehre, andererseits die Forschung.

1992 kam die erste Auflage des von Michael herausgegebenen Lehrbuchs für Allgemeinmedizin heraus, das nun auch die Inhalte der Lehre entscheidend änderte: Ins Zentrum rückten jetzt die Spezifika des Faches – die Darstellung der einzelnen Erkrankungen, mit denen wir Hausärzte es zu tun haben, wurden zu Beispielen der Spezifität unserer Arbeit. Damit aber entwickelte sich das Fach zu einem des Umgangs mit kranken Menschen, mit primärärztlicher Medizin und mit medizinischem Wissen – weg von einem überwiegend „nur“ auf die „Medizin in der Breite“ orientierten Fach.

Michael war bis zu seiner Präsidentschaft ab Herbst 2004 über 20 Jahre im Präsidium der DEGAM tätig, hatte aber nie zuvor für die Präsidentschaft kandidiert. Viele, die ihn vielleicht als sehr durchsetzungsfähig erlebt haben, können das vor dem bisher geschilderten Hintergrund nicht verstehen. Warum hat er nicht kandidiert? Die Antwort ist leicht, wenn auch sicherlich nicht erwartet: Er sah bis 2004 den Übergang der DEGAM aus einer akademischen Praktiker-Organisation von Lehrbeauftragten zu einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft noch als so fragil und unentschieden an, dass er mit seiner Kandidatur diesen Prozess nicht gefährden wollte. Daher überzeugte er mich, den er im Auftreten als verbindlicher als sich selbst ansah, für die Präsidentschaft zu kandidieren. So kam es, dass ich 1998, und dann nochmals 2001 für eine zweite Amtsperiode, als Präsident gewählt wurde.

Schon während meiner Amtszeit, aber auch in den Jahren seiner eigenen Präsidentschaft hat er weitere sehr entscheidende Projekte für das Fach in Gang gebracht: Das Programm des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung „Förderung der Forschung in der Allgemeinmedizin in den medizinischen Fakultäten und Hochschulen“ geht auf seine Initiative zurück. Dieses Programm hat zweifelsfrei die wissenschaftliche Kultur in unserem Fach massiv nach vorne gebracht und zahlreiche, heute bekannte Forscher wachsen lassen. Zudem hat es auch die Sicht des Ministeriums sowie der begutachtenden anderen Wissenschaftler auf unser Fach gewandelt: Wir wurden als kompetente Wissenschaftler entdeckt und geschätzt.

Und schließlich ist Michael Kochens Projekt der DEGAM-Benefits zu nennen: ein extrem erfolgreiches Programm, das in prägnanter Kürze wichtige wissenschaftliche Studienergebnisse für den reflective practitioner aufbereitet und kommentiert. Die Benefits lassen dem Leser die Wahl, sich mit den zusammenfassenden Kommentaren zu begnügen oder auch neugierig in die jeweils angehängten Originalarbeiten zu schauen. Damit hat Michael nicht nur ein Projekt der Informationsweitergabe auf den Weg gebracht, sondern auch ein didaktisch bestechendes Konzept geschaffen, das beschäftigten Hausärzten den Zugriff auf wichtige und vor allem praxisrelevante Studien ermöglicht.

Ich komme abschließend zu meiner Ausgangsfrage zurück: Hätten wir (insbesondere in den Jahren bis zur Jahrtausendwende) andere in unseren Reihen gehabt, die für das Fach hätten leisten können, was Michael getan hat? Ich sage, bei Kenntnis der Größen dieser Zeit, Nein.

Wir verdanken Michael Kochen viel – nicht zuletzt die Tatsache, dass es heute immer mehr Personen gibt, welche die wissenschaftliche Allgemeinmedizin voranbringen.

Im Namen der DEGAM, in unser aller Namen, möchte ich ihm daher herzlich dafür danken.

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. med. Heinz-Harald Abholz

Abteilung für Allgemeinmedizin

Universitätsklinikum der Universität Düsseldorf

Moorenstr. 5, 40225 Düsseldorf

abholz@med.uni-duesseldorf.de

1 nach einem Vortrag am 24.9.2010 auf dem 44. DEGAM-Kongress in Dresden


(Stand: 27.12.2010)

Als Abonnent können Sie die vollständigen Artikel gezielt über das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe aufrufen. Jeder Artikel lässt sich dann komplett auf der Webseite anzeigen oder als PDF herunterladen.