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Mit konkreten Antworten für Aufbruchstimmung sorgen: Die 24 Zukunftspositionen der DEGAM

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Martin Scherer

Die Allgemeinmedizin und mit ihr die hausärztliche Praxis stehen in Deutschland vor großen Herausforderungen: Wie begegnet man dem Hausärztemangel auf dem Land? Wie lassen sich Medizinstudierende frühzeitig für das Fach begeistern? Mit den Zukunftspositionen wird die DEGAM diese und andere drängende Fragen klären, ein positiv besetztes Profil des Fachs Allgemeinmedizin schaffen und zu Diskussionen anregen.

Warum Zukunftspositionen?

In der deutschen Hausärzteschaft gibt es ein breites Interesse, das Image der Allgemeinmedizin aufzubessern. Dies gilt hinsichtlich der Profilierung des eigenen Faches im medizinischen Umfeld, aber auch in Bezug auf die Öffentlichkeit und den Nachwuchs an den Universitäten.

Unter anderem um dieses Ziel zu erreichen, hat die DEGAM unter dem Titel „Allgemeinmedizin – spezialisiert auf den ganzen Menschen“ 24 Positionen zur Zukunft der Allgemeinmedizin beziehungsweise der hausärztlichen Versorgung entwickelt. Als wissenschaftliche Fachgesellschaft sieht die DEGAM ein zentrales Aufgabengebiet darin, Antworten auf die Fragen zur Zukunft des eigenen Faches zu finden. Es gilt aufzuzeigen, dass die Allgemeinmedizin genauso anspruchsvoll ist wie spezialisierte High-Tech-Medizin. Und nicht zuletzt will sie den Hausärztinnen und Hausärzten dabei helfen, vom Jammern und Schlechtreden der eigenen Profession abzurücken und positiv in die Zukunft zu blicken. Die DEGAM-Zukunftspositionen sind der dafür notwendige Leitfaden.

Wofür steht die DEGAM? Wie stellen wir uns die Hausarztpraxis der Zukunft vor? Welche Rolle hat die hausärztliche Primärversorgung in einem zukunftsfähigen Gesundheitssystem? Diese und andere Fragen bewegen das DEGAM-Präsidium seit längerem und waren für uns der Beweggrund, die DEGAM-Zukunftspositionen zu entwickeln, die – zumindest einige – Antworten auf diese Fragen geben können.

Entwicklungsprozess und Aufbau der Positionen

Das Präsidium der DEGAM hat die Zukunftspositionen während einer Klausurtagung entworfen und in einem mehrstufigen Diskussionsprozess zusammen mit den Mitgliedern weiterentwickelt. Sie gründen also auf einer breiten Basis und dienen fortan auch als eine Art Programm der Fachgesellschaft.

Die insgesamt 24 Zukunftspositionen gliedern sich nach zentralen allgemeinmedizinischen Feldern. Vorangestellt sind zunächst generelle Aspekte, darauf folgen Standpunkte zu Aus-, Fort- und Weiterbildung, zur Forschung sowie zur Qualitätsförderung, wobei die Reihenfolge der Positionen frei gewählt ist und damit keine Gewichtung beinhaltet. Der Aufbau ist indes immer gleich: Einer Hauptaussage folgt eine kurze Herleitung sowie eine ausführliche Begründung. Wo es möglich war, wurden die Aussagen mit entsprechenden wissenschaftlichen Quellen untermauert. Dabei haben die Positionen nicht den Anspruch, alle Bereiche der Allgemeinmedizin abzudecken. Vielmehr geht es darum, in einer prägnanten Form übergreifende Aspekte darzustellen.

„Angesichts zunehmender Spezialisierung und Fragmentierung der Gesundheitsversorgung sind Hausärztinnen und Hausärzte als Generalisten wichtiger denn je“. Die hier zitierte erste Position zeigt, dass es sich bei den 24 Positionen nicht um bloße Thesen handelt, sondern um klar definierte Statements. Außerdem wird hier deutlich, dass sich Hausärztinnen und Hausärzte als Generalisten verstehen, also als Spezialisten für den ganzen Menschen. In eine ähnliche Richtung geht die dritte Position, in der es heißt, dass Hausärztinnen und Hausärzte ein umfassendes Behandlungsspektrum für alle Patientengruppen anbieten. Diese Beispiele zeigen, dass es sowohl um hausarztspezifische als auch patientenzentrierte Themen geht.

Wie provokant die Positionen dabei sein können, zeigt zum Beispiel Nummer 16: „Allgemeinmedizin ist das Kernfach im Medizinstudium“. Diese Aussage bildet nicht die aktuelle Realität ab, die DEGAM will dieses Ziel jedoch erreichen. Der Vorschlag eines Pflichtquartals Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr war ein erster Schritt auf diesem Weg, die zunehmende Bedeutung des Fachs durch die Änderung der Approbationsordnung ein erster Erfolg. Und auch die letzte Position (24) zum Thema Qualitätsförderung, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, kann und soll für Diskussionen sorgen: „Hausärztinnen und Hausärzte achten auf ihre Unabhängigkeit von fremden Leistungserbringern und Herstellerinteressen“. Ein Spagat, der noch nicht jedem gelingt.

Auf der Mitgliederversammlung am 20. September in Rostock wurden die Zukunftspositionen – abgesehen von kleineren redaktionellen Änderungen – einstimmig verabschiedet: ein klares Votum für Veränderungen und zugleich ein Auftrag an die DEGAM, intensiv an der Realisierung der Positionen zu arbeiten. Die Zukunftspositionen sind ab sofort verfügbar unter www.degam.de.

Es ist wichtig zu verstehen – und dies ist auch ein bedeutendes Ergebnis der Rostocker Diskussion – dass in den Positionen nicht der Ist-Zustand abgebildet wird, sondern dass in die Zukunft geblickt werden soll: Die DEGAM-Zukunftspositionen markieren das vorläufige Ziel einer erfolgreichen Entwicklung.

DEGAM-Zukunftspositionen wollen offenen Diskurs anregen

Neben Hausärztinnen und Hausärzten, Assistentinnen und Assistenten in allgemeinmedizinischer Weiterbildung, Studierenden und der Öffentlichkeit sind auch andere Fachgesellschaften, Gesundheitspolitiker und Kostenträger angesprochen, sich stärker mit der Allgemeinmedizin und ihrer Bedeutung für das Gesundheitswesen auseinanderzusetzen. Unser Fach ist nicht nur anspruchsvoll, sondern auch unverzichtbar.

Niedergeschriebene Positionen sind aber kein Allheilmittel. Um die hausärztliche Praxis in eine sichere Zukunft zu führen, müssen die Hausärztinnen und Hausärzte auch auf sich selbst schauen und sich hinterfragen: Engagiere ich mich in der Aus- oder Weiterbildung? Widerstehe ich den Verlockungen der Pharmaindustrie? Und vor allem: Transportiere ich ein positives Bild meiner eigenen Profession in die Öffentlichkeit? Nur so und mit den DEGAM-Zukunftspositionen als passende Orientierungshilfe kann es gelingen, den heutigen wie den zukünftigen Herausforderungen mit den entsprechenden Antworten und vor allem konkreten Ideen zu begegnen. Die Allgemeinmedizin braucht eine Aufbruchstimmung. Der Anfang ist gemacht.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. Martin Scherer

Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)

Institut für Allgemeinmedizin

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Martinistraße 52

20246 Hamburg

m.scherer@uke.de


(Stand: 16.11.2012)

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