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Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr – eine Lösung für Nachwuchsprobleme in der hausärztlichen Versorgung?

DOI: 10.3238/zfa.2013.0452-0458

Ergebnisse einer multizentrischen PJ-Evaluation

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Klaus Böhme, Anne Simmenroth-Nayda, Angela Kotterer

Schlüsselwörter: Allgemeinmedizin Medizinische Ausbildung Selbsteinschätzung Einstellung Praktisches Jahr

Hintergrund: Um dem drohenden Nachwuchsproblem im Fach Allgemeinmedizin zu begegnen, sind verschiedene Maßnahmen nötig. Die Idee, das Praktische Jahr (PJ) zukünftig in Quartale aufzuteilen und dabei einen 3-monatigen Pflichtabschnitt in der Hausarztpraxis zu integrieren, ist eine mögliche Maßnahme mit dem Ziel, das Interesse und die Akzeptanz für unser Fach zu erhöhen. Studierende, die bereits jetzt als Wahlfach das PJ in der Hausarztpraxis verbringen, sind für Akzeptanz und Erfolg des PJ eine wichtige Informationsquelle.

Methode: An sieben Universitäts-Standorten in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Hessen wurden zwischen 2007 und 2012 PJ-Studierende im Wahlfach Allgemeinmedizin mit einem einheitlichen Fragebogen zur Qualität des PJ, insbesondere zur Betreuung durch den Lehrarzt und zu ihren Lernfortschritten befragt.

Ergebnisse: Bei einem standortspezifischen Rücklauf von 25 bis 100 % konnten 104 Bögen ausgewertet werden. Es ergab sich eine hohe Zufriedenheit mit dem eigenen Lernfortschritt und der Betreuung durch die Lehrärzte. Außerdem zeigte sich eine hohe Korrelation zwischen der Sicherheit zur zukünftigen Berufswahl im Fach Allgemeinmedizin und der Beurteilung, vom Lehrarzt gut betreut worden zu sein.

Schlussfolgerung: Eine gute Ausbildung im PJ-Tertial Allgemeinmedizin kann motivierte Studierende zu einer Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin ermutigen.

Hintergrund

Schon seit einigen Jahren wird die Zukunft der hausärztlichen Versorgung in Deutschland sowohl von ärztlicher wie auch von politischer Seite mit Besorgnis betrachtet. Der „Bericht der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung in Deutschland“ [1] vom 11.03.2008 sowie das „Handlungskonzept zur Förderung der Weiterbildung zum Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin“ [2] von Bundesärztekammer (BÄK) und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV), ebenfalls aus dem Jahr 2008, seien hier beispielhaft angeführt. Beide Papiere weisen nachdrücklich auf einen Rückgang der Zahl der Hausärzte einerseits und einen zunehmenden medizinischen Versorgungsbedarf einer älter und multimorbider werdenden Bevölkerung hin. Während das Durchschnittsalter der Hausärzte kontinuierlich zunimmt – zum 31.12.2010 betrug es laut Bundesarztregister der KBV 53,2 Jahre [3] – geht der Anteil der unter 35-jährigen Hausärzte stetig zurück. Die Arztzahlstudie 2010 der KBV prognostiziert, dass bis zum Jahre 2020 24.000 Hausärzte in den Ruhestand gehen werden [4].

Kann der ärztliche Nachwuchs diesem steigenden hausärztlichen Bedarf gerecht werden? Die bereits zitierte Arztzahlstudie der KBV weist auf den Sachverhalt hin, dass bei seit Jahren etwa konstanten Zahlen von Studienanfängern in der Medizin die Zahl der Studienabbrecher steigt (von 2003–2008 pro Jahrgang durchschnittlich 17,9 %) und sich wiederum im gleichen Zeitraum nur 88,4 % der Absolventen bei einer deutschen Ärztekammer anmelden. Dieselbe Studie [4] stellt fest, dass die zunehmende Feminisierung der Medizin zu einem realen Rückgang an geleisteten Arbeitsstunden führt: Die durchschnittliche Zahl von Wochenarbeitsstunden betrug in 2007 bei Ärzten 36,6, bei Ärztinnen 28,0. Insgesamt ging die Wochenarbeitszeit von 1991 bis 2007 von 37,6 auf 33,1 Stunden zurück. Es mag an der mangelnden Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegen, dass der mittlerweile hohe Anteil von weiblichen Studierenden von knapp zwei Dritteln in der Weiterbildung deutlich absinkt. Laufen diese Faktoren auf einen generellen Ärztemangel in der Zukunft hinaus, so hat speziell die hausärztliche Medizin bei Studierenden und Berufsanfängern ein zusätzliches Imageproblem. Aus studentischer Sicht bleiben die vermeintlichen Behandlungsmöglichkeiten des Hausarztes – speziell im ländlichen Raum – oft zu sehr „an der Oberfläche“, dies wird als unbefriedigend empfunden. Zudem erscheint vielen das unternehmerische Risiko bei einem schwer zu durchschauenden Honorierungssystem als zu hoch. Ein exemplarisches Zitat eines Studierenden aus einer Erhebung der Universität Trier mag das Imageproblem verdeutlichen: „Ich würde mich keinesfalls als Allgemeinmediziner in ländlicher Umgebung niederlassen: schlechte Bezahlung bei maximalem Arbeitsaufkommen. Bis auf einige Ausnahmen besteht die Patientenklientel aus Alten, multimorbiden und psychiatrischen Patienten“ [5].

Um einen Ausweg aus dem Dilemma sinkender Nachfrage nach einer Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin zu finden, müssen unterschiedliche Wege auf verschiedenen Ebenen beschritten werden. Einer dieser Wege führt möglicherweise über das Praktische Jahr (PJ): Eine intensivere Auseinandersetzung der Studierenden mit dem Berufsbild der Hausärztin/des Hausarztes würde helfen, o.a. Vorurteile abzubauen und eine spätere hausärztliche Tätigkeit zu einer ernsthaften Option werden zu lassen. Vor diesem Hintergrund muss der Vorstoß von Brandenburg und Nordrhein-Westfalen im Zuge der letzten Änderung der Ärztlichen Approbationsordnung (ÄAppO) 2012 verstanden werden: Die beiden Bundesländer hatten den Antrag in den Bundesrat eingebracht, ein Pflicht-Tertial Allgemeinmedizin für alle Studierenden der Medizin verbindlich einzuführen.

Die Reaktionen waren vorhersehbar: Die Studierenden setzten sich vehement gegen eine weitere Reglementierung ihres Studiums zur Wehr. Daneben liefen auch die Fachgesellschaften aller Wahlfächer im Praktischen Jahr gegen eine solche Regelung Sturm. Verständlich, da nicht nur die Allgemeinmedizin ihren Nachwuchs aus den Studierenden im Wahlfach des PJ zu rekrutieren sucht.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) setzte sich zusammen mit der Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin (GHA) bis zuletzt für eine Kompromisslösung ein: Statt eines Pflicht-Tertials Allgemeinmedizin sollte eine Umstrukturierung des Praktischen Jahres in Quartale – jeweils verpflichtend für Innere Medizin, Chirurgie und Allgemeinmedizin unter Beibehaltung eines Wahlfaches – eine für alle Seiten tragfähige Lösung darstellen.

Trotz zunächst positiver Signale scheiterte dieser Vorstoß letztlich doch noch in der entscheidenden Bundesratssitzung am 11.05.2012, es blieb schließlich bei einer modifizierten Variante der ursprünglichen Quotenregelung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG): Bis 2015 sollen die Medizinischen Fakultäten für jeweils 10 % ihrer Studierenden PJ-Ausbildungsplätze in hausärztlichen Praxen bereitstellen, bis 2017 für 20 % und bis 2019 für 100 %.

Will man darüber hinaus die Idee eines Pflichtabschnittes Allgemeinmedizin im PJ weiter verfolgen, stellt sich die Frage, ob die bisherigen Erfahrungen im Wahlfach Allgemeinmedizin die Hoffnung rechtfertigen, das grundsätzliche Interesse der Studierenden an einer späteren hausärztlichen Tätigkeit zu steigern. Eine standortübergreifende Auswertung der studentischen Evaluationen des PJ-Wahlfaches Allgemeinmedizin soll helfen, hierauf eine Antwort zu finden.

Methode

Einbezogene Universitätsstandorte

Von den 37 institutionalisierten Standorten mit allgemeinmedizinischen Lehrstühlen/Lehrbereichen wird an 36 Standorten das Wahlfach „Allgemeinmedizin“ im PJ angeboten. Dabei variiert die Zahl der Studierenden pro Standort erheblich und liegt zwischen 3 und 60 pro Standort und Jahr [6, 7]. Die Wahl der Standorte für die vorliegende Befragung richtete sich einzig nach dem jeweils verwendeten Evaluationsinstrument: Wir entschieden uns für Standorte, die den „Göttinger Bogen“ einsetzen, der bereits eine gute Verbreitung gefunden hat und in Zukunft idealerweise Grundlage für eine bundesweit einheitliche Evaluation sein soll – was wiederum Vergleichsmöglichkeiten mit der aktuellen Erhebung bieten kann.

Evaluationsbogen

In Göttingen wird das Wahl-Tertial Allgemeinmedizin seit 2007 mit dem oben beschriebenen Instrument evaluiert. Es ist aus dem Evaluationsbogen des Blockpraktikums hervorgegangen und mit den PJ-Kohorten von 2005 und 2006 pilotiert und entsprechend modifiziert worden. Die Entwicklung aus dem Blockpraktikums-Bogen heraus lag nahe, da zumindest Lernumgebung und Betreuung durch den Lehrarzt auch für die Situation im PJ gültig sind. Zwar existierte bereits eine fakultätseigene elektronische Evaluation des gesamten PJ, die Inhalte fokussierten aber sehr spezifisch auf eine stationäre Situation und waren größtenteils im ambulanten Kontext nicht brauchbar (z.B. „Durften Sie täglich zur Visite mitgehen?“ „Hatten Sie auf Station einen festen Ansprechpartner?“ „War ein fester Oberarzt für Sie zuständig?“).

Der Göttinger Bogen beinhaltet in vier Blöcken die folgenden Themen:

  • Lerninhalte (spezifisch allgemeinärztliche Themen, wie die Behandlung verschiedener Altersstufen, chronisch Kranker und Pflegebedürftiger, Teilnahme an Hausbesuchen, Prävention etc.)
  • Lernfortschritte (Selbsteinschätzung von Fertigkeiten vor und nach dem Tertial)
  • Zufriedenheit mit der Betreuung durch Lehrarzt und Universitätsabteilung
  • Retrospektive Einschätzung zum Berufswunsch vor und nach dem Tertial.

Alle Fragen werden auf einer 5-stufigen Likert-Skala (0–4) – „trifft gar nicht zu“ bis „trifft sehr zu“ – beantwortet. Der Bogen ist in die vier beschriebenen Abschnitte unterteilt und hat insgesamt 32 Items. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit für Freitext-Kommentare, deren Auswertung aber nicht Gegenstand dieser Studie ist. Im Göttinger Bogen werden keine personenbezogenen Daten erhoben (Abb. 1).

Datenerhebung

Da die Studienordnung an etlichen Standorten verpflichtende Evaluationen verbietet, muss auch die PJ-Evaluation grundsätzlich freiwillig bleiben. Um eine möglichst hohe Response-Rate zu erreichen, erhalten in Göttingen und Hannover die Studierenden beim letzten Termin des universitären PJ-Unterrichts den Evaluationsbogen in Papierform ausgehändigt und sollen ihn später (ohne Absender) in den Abteilungsbriefkasten einwerfen. Per E-Mail folgt an alle PJler eine Erinnerung nach ca. 3 Wochen. In Frankfurt wird der Bogen im Rahmen einer weiteren Evaluation der PJ-Seminare am Ende des Tertials ausgeteilt und direkt wieder eingesammelt. In Frankfurt wird der „Göttinger Bogen“ seit 2008 und in Hannover seit 2010 eingesetzt.

Für Baden-Württemberg existiert eine landesweit einheitliche PJ-Evaluation: In Freiburg wird seit 2009 ein PJ-Logbuch für das Wahltertial Allgemeinmedizin eingesetzt [8]. Mit dem Fernziel einer bundesweiten Vereinheitlichung der PJ-Evaluationen wurde für dieses Logbuch ebenfalls der o.g. „Göttinger Bogen“ übernommen. Mit Beginn der Einführung in 2009 bis Juni 2011 erfolgte die Evaluation des PJ in Freiburg ebenfalls auf freiwilliger Basis, seit Juli 2011 besteht ein Baden-Württemberg-weites PJ-Förderprogramm1 für die Allgemeinmedizin, das mit einer verpflichtenden Evaluation verknüpft ist. Von diesem Zeitpunkt an hat für ganz Baden-Württemberg eine Vollerhebung mit dem o.g. Bogen stattgefunden.

Statistik

Alle Daten wurden zentral in Freiburg in einer Excel-Tabelle zusammengeführt und mittels SPSS21 deskriptiv und interferenzstatistisch ausgewertet. Die Korrelationskoeffizienten wurden nach Pearson berechnet.

Ergebnisse

Die Herkunft der Evaluationsbögen aus den sieben Universitäts-Standorten zeigt Tabelle 1. Über die Hälfte der Bögen stammt aufgrund der o.g. Vollerhebung aus Baden-Württemberg.

Lerngelegenheiten, Wissens- und Fertigkeiten-Zuwachs

Auf der 5-stufgen Skala (0 = „kam nicht vor“ bis 4 = „täglich“) gaben die Studierenden ihre Lerngelegenheiten an. So gut wie alle PJler haben täglich Anamnesen erhoben, Patienten eigenständig untersucht und Therapievorschläge gemacht (Abb. 2).

Außerdem sollten die Studierenden einschätzen, ob sie spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten während des Tertials in der Praxis verbessern konnten. Der größte Zuwachs zeigte sich bei den Items „Aufbau einer Arzt-Patienten-Beziehung“ und „Organisatorische Abläufe in einer Praxis“. Etwas geringer wurde der Lernzuwachs in den Bereichen „Betreuung psychisch Kranker“ und „Pharmakotherapie“ eingeschätzt. Abbildung 3 zeigt alle elf Items des Bogens.

Beurteilung der Lehrärzte und der Lernumgebung

Einhellig positiv war die Beurteilung der Betreuung durch die Lehrärzte: Mithilfe der o.g. 5-er Skala beurteilten die Studierenden die Qualität der Betreuung durch den Lehrarzt und die Praxis als Lernumgebung. Abbildung 4 zeigt durchgehend sehr gute Werte bei allen Items. Am besten bewertet werden die gute Arbeitsatmosphäre in der Praxis, die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten und die angemessene Beaufsichtigung durch den Lehrarzt.

Berufswunsch Allgemeinmedizin

Die Abschlussfrage der Evaluation bezieht sich auf den Berufswunsch der PJler: Am Ende des Wahltertials soll rückblickend beurteilt werden, ob sich das Berufsziel im Verlauf des Tertials in Richtung Allgemeinmedizin hin verändert hat. Im Mittel ergibt sich eine Zunahme von 0,4 Punkten auf der 5-er Skala. Es fällt eine Spreizung auf: Studierende, die sich zu Beginn des Tertials als unsicher eingeschätzt haben, tendieren nach dem Tertial eher gegen eine Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin, während Studierende, die sich zum Beginn als eher sicher in der Berufswahl einschätzen, am Ende nochmals in ihrer Sicherheit bestärkt wurden, wobei dieser Effekt eindeutig überwiegt (Abb. 5).

Ein Zusammenhang im Sinne einer positiven Korrelation zwischen einer hohen Sicherheit zum Berufsziel „Allgemeinmedizin“ und einer gut bewerteten Betreuung durch den Lehrarzt war insbesondere bei folgenden Items deutlich: „Der Lehrarzt spricht untersuchte Patienten immer mit mir durch“ (r = 0,4, p = 0,01), „Der Lehrarzt gibt mir angemessen Rückmeldung“ (r = 0,5, p = 0,01), „Der Lehrarzt macht mir konstruktive Verbesserungsvorschläge“ (r = 0,5, p = 0,01) und „Der Lehrarzt gibt ausreichend Zeit zur Vor- und Nachbesprechung von Patienten“ (r = 0,4, p = 0,01).

Diskussion

Unsere Erhebung aus sieben Universitätsstandorten bei PJ-Studierenden im Tertial Allgemeinmedizin ergab eine hohe Zufriedenheit mit dem eigenen Lernfortschritt und der Betreuung durch die Lehrärzte. Außerdem zeigte sich eine hohe Korrelation zwischen der Sicherheit zur zukünftigen Berufswahl im Fach Allgemeinmedizin und der Beurteilung, vom Lehrarzt gut betreut worden zu sein.

Ist somit im PJ eine der Lösungen sich abzeichnender Versorgungsengpässe im hausärztlichen Sektor zu sehen? Eine Antwort auf die diese Frage ist nicht auf Deutschland oder Europa beschränkt. Zahlreiche internationale Publikationen belegen, dass diese Frage den angloamerikanischen Raum bereits zu einer Zeit beschäftigt hat, als das Problem hierzulande kaum diskutiert wurde, die angeführten Zitationen – immerhin beginnend im Jahr 1995 – mögen dies exemplarisch belegen [9–11]. Ein Review der relevanten Literatur von 1995–2010 benennt die Faktoren, die hoch konsistent bis konsistent sind mit der Absicht von Studierenden, sich in der Primärversorgung weiterzubilden: Neben Faktoren, die nicht über universitäre Curricula zu beeinflussen sind – wie weibliches Geschlecht, ländliche Herkunft und geringere Erwartungen an das Einkommen – finden sich auch solche, die durchaus im Einflussbereich von Hochschulen liegen: ein obligatorischer klinischer Ausbildungsabschnitt in der primärversorgenden Medizin, ein Ausbildungsabschnitt von mehreren Wochen in der Familienmedizin, longitudinale Erfahrungen mit der Primärversorgung im Studium sowie spezielle Ausbildungsprogramme in der Primärversorgung [12]. Auch für den deutschen Raum lassen sich positive Einflüsse allgemeinmedizinischer Lehrveranstaltungen schon belegen. Hier zeigen beispielhaft zwei Publikationen von 2009 aus Essen und Frankfurt, dass der Berufswunsch Allgemeinmedizin bzw. die positive Bewertung hausärztlicher Tätigkeit bei Studierenden nach dem Blockpraktikum Allgemeinmedizin ansteigt [13, 14]. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass eine positive Einstellung zur Allgemeinmedizin im Laufe des weiteren Studiums auch wieder „verblassen“ kann: Eine Quasi-Längsschnitt-Befragung von Medizinstudierenden in Hannover ergab ein über das Studium hinweg abnehmendes Interesse an der Allgemeinmedizin, wenn auch mit stärkerer Ausprägung bei den männlichen Studierenden [15]. Die Präsenz von allgemeinmedizinischen Themen und Rollenvorbildern über das ganze Studium hinweg – wie innerhalb von Reformstudiengängen mancherorts schon durchgeführt – kann die Offenheit für unser Fach vermutlich verbessern. Als Beleg kann hier allerdings lediglich auf die bereits o.a. Literatur aus dem angloamerikanischen Raum verwiesen werden [12].

Die von uns durchgeführte Untersuchung legt den Schluss nahe, dass ein Ausbildungsabschnitt am Ende des Studiums in Form eines Wahltertials Allgemeinmedizin sehr wohl geeignet ist, die Wahl einer Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin positiv zu beeinflussen. Ähnliche Schlüsse lässt auch hier der Review von Bennent zu [12], ein direkter Vergleich ist aber wegen unterschiedlicher Ausbildungssysteme schlecht vertretbar, Publikationen aus Deutschland liegen hierzu nicht vor.

Unsere Untersuchung belegt eindrücklich, dass das PJ-Tertial Allgemeinmedizin von den Studierenden hervorragend evaluiert wird und nach ihrer Einschätzung ein großer Lernerfolg zu verzeichnen ist. Somit sollte es nicht verwundern, dass dieser Ausbildungsabschnitt einer Vielzahl von Studierenden eine Entscheidungshilfe bei der Wahl des Weiterbildungsfaches bietet, und zwar vor allem im positiven Sinne. Dabei konnte gezeigt werden, dass dieser Effekt eindeutig mit einer als gut bis sehr gut bewerteten individuellen Betreuung (persönliche Anleitung, Feedback, Fallbesprechungen) durch die Lehrärzte korreliert.

Die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse wird im Wesentlichen durch zwei Faktoren eingeschränkt. Zum einen wurden Wahlfachstudierende befragt: Man kann davon ausgehen, dass diese in Bezug auf die Allgemeinmedizin als hoch motiviert einzustufen sind. Zum anderen stellen, zumindest an den meisten beteiligten Standorten, die PJ-Praxen eine positive Selektion der insgesamt zur Verfügung stehenden Lehrpraxen dar (mehrjährige Tätigkeit als Lehrpraxis im Blockpraktikum, dabei über dem Durchschnitt liegende studentische Evaluationen) [7]. Zudem hatten zumindest in Baden-Württemberg alle im PJ ausbildenden Praxen einen eineinhalbtägigen einführenden Didaktik-Workshop durchlaufen. Ferner muss angeführt werden, dass es sich, bis auf Baden-Württemberg, nicht um eine Vollerfassung der Evaluationen der jeweiligen Standorte handelt. Es kann somit nicht ausgeschlossen werden, dass bevorzugt positive Bewertungen Eingang in die Untersuchung gefunden haben.

Schlussfolgerung

Eine gute Ausbildung im PJ-Tertial Allgemeinmedizin kann motivierte Studierende zu einer Weiterbildung in unserem Fach ermutigen. Ein sehr wichtiger Faktor dabei ist die gute Betreuung durch den Lehrarzt. Der „Göttinger Bogen“ sollte bundesweit elektronisch zur einheitlichen PJ-Evaluation eingeführt werden, um zukünftig eine umfassende und einheitliche Datenbasis zur Verfügung zu haben.

Danksagung: Wir danken Jutta Bleidorn aus Hannover und Hans-Michael Schäfer aus Frankfurt für die Zusendung der Bögen und die Beantwortung von Detailfragen.

Interessenkonflikte: keine angegeben

Korrespondenzadresse

Dr. med Klaus Böhme, MME

Universitätsklinikum Freiburg

Lehrbereich Allgemeinmedizin

Tel. 0761 270–72460 / Fax –72480

Elsässerstraße 2m, 79110 Freiburg

klaus.boehme@uniklinik-freiburg.de

www.uniklinik-freiburg.de/<br/>allgemeinmedizin

Literatur

1. www.gmkonline.de (letzter Zugriff: 10.10.2013)

2. www.bundesaerztekammer.de/

downloads/HKonzeptInnereAllgMed. pdf (letzter Zugriff: 10.10.2013)

3. www.kbv.de/125.html (letzter Zugriff: 10.10.2013)

4. www.kbv.de/presse/36943.html

(letzter Zugriff: 10.10.2013)

5. Jacob R. Berufsmonitoring Medizinstudenten 2010. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 2012

6. Bergmann A, Erhardt M. Sektionsbericht Studium und Hochschule 2013. Z Allg Med 2013; 88: 375–376

7. Böhme K, Streitlein-Böhme I, Niebling W, Huenges B. Allgemeinmedizinische Lehre in Deutschland – gut vorbereitet auf die Änderungen der ÄAppO? Z Allg Med 2012; 88: 497–505

8. Böhme K, Breivogel B, Eicher C, Ledig T, Moßhammer D, Niebling W. Entwicklung eines Logbuches für das PJ-Tertial Allgemeinmedizin. Z Allg Med 2009;12: 492–492

9. Bland CJ, Meurer LN, Maldonado G. Determinants of primary care specialty choice: a non-statistical meta-analysis of the literature. Acad Med 1995; 70: 620–641

10. Campos-Outcalt D, Senf JH, Watkins AJ, Bastacky S. The effects of medical school curricula, faculty role models, and biomedical research support on generalist physician careers: A review and quality assessment of the literature. Acad Med 1995; 70: 611–619

11. Meurer LN. Influence of medical school curriculum on primary care specialty choice: Analysis and synthesis of the literature. Acad Med 1995; 70: 388–397

12. Bennett KL, Phillips JP. Finding, recruiting, and sustaining the future primary care physician workforce: a new theoretical model of specialty choice process. Acad Med 2010; 85(Suppl): 81–88

13. Schäfer HM, Sennekamp M, Güthlin C, Krentz H, Gerlach FM. Kann das Blockpraktikum Allgemeinmedizin zum Beruf des Hausarztes motivieren? Z Allg Med 2009; 85: 206–209

14. Dunker-Schmidt C, Breetholt A, Gesenhue S. Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin: 15 Jahre Erfahrung an der Universität Duisburg-Essen. Z Allg Med 2009; 85: 171–175

15. Kruschinski C, Wiese B, Hummers-Pradier E. Einstellungen zur Allgemeinmedizin: eine vergleichende querschnittliche Befragung von Medizinstudierenden des 1. und 5. Studienjahres. GMS Z Med Ausbild 2012; Vol. 29

Abbildungen:

Abbildung 1 PJ-Evaluationsbogen

Tabelle 1 Herkunft der Evaluationsbögen

Abbildung 2 Lerngelegenheiten

Abbildung 3 Verbesserung spezieller Kenntnisse und Fertigkeiten

Abbildung 4 Beurteilung der Lehre

Abbildung 5 Weiterbildungsziel Allgemeinmedizin

1 Lehrbereich Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Freiburg 2 Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsmedizin Göttingen DOI 10.3238/zfa.2013.0452–0458

1 Das Sozialministerium in Baden-Württemberg subventioniert im Rahmen eines dreijährigen Förderprogrammes jeden PJ-Ausbildungsplatz in der Allgemeinmedizin mit 5000 Euro: Die Studierenden erhalten ein monatliches Stipendium in Höhe von 500 Euro, die ausbildenden Praxen eine Aufwandsentschädigung von 3000 Euro/Tertial.


(Stand: 02.12.2013)

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