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Bergglück – ein vierwöchiges Landarztfamulaturerlebnis im bayrischen Oberland mit Alpenpanorama

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Juliane Höfer, Claudia Norzel

Wie alles begann …

Als ich eines sonnigen Nachmittags in der medizinischen Teilbibliothek unserer Universität in Dresden saß und mich vom langen Lesen meines 164 Seiten dicken Immunologie-Skripts auf einer Bank erholen wollte, blätterte ich in einer der diversen Zeitschriften für Studenten. Dort habe ich in einer kleinen Ecke den Artikel über die DEGAM-Famulaturbörse entdeckt. Da ich sowieso schon den Gedanken gehegt hatte, Reise- und Entdeckungslust mit neuen Lernerfahrungen zu verbinden, kam mir das sehr gelegen.

Das war der Beginn meiner wundervoll abenteuerlichen und erfahrungsreichen Zeit in der Praxis von Frau Dr. Claudia Norzel im bayerischen Oberland.

Auf geht es voller Vorfreude gen Süden

Vollgepackt mit meinen Bergsachen, meinem Mountainbike und meinem Koffer startete ich am ersten Samstag der Semesterferien von Dresden aus, gespannt, was mich erwarten würde, in mein Abenteuer „bayerische Landarztfamulatur“.

Während meiner Famulaturzeit sollte ich bei Frau Dr. Norzel im Haus mein eigenes schönes Zimmer haben. Und so lebte ich in einem kleinen Dorf, in dem man am Morgen vom Muhen der Kuh und den Hufgeräuschen der Pferde wach wurde. Ein wahrer Traum!

Und so lief mein Tag ab …

Mein Arbeitstag startete jeden Morgen um 8 Uhr mit der Sprechstunde in der Praxis in Dietramszell. Zuerst durfte ich einige Tage Frau Dr. Norzel über die Schulter schauen. Sie erklärte mir dabei viele theoretische Grundlagen der Allgemeinmedizin, was ihr als Lehrärztin der TU München besonders gut gelang. Ich erfasste dabei zuerst anhand des in der Allgemeinmedizin gelehrten SOAP-Schemas (Subjektives Befinden, Objektive Befunde, Assessment [Kritisches Bewerten aller Informationen und Befunde], Plan) die Probleme der Patienten sowie Ideen und Umsetzungen einer adäquaten Therapie. Nach jedem Patienten haben wir uns dabei Zeit für eine kleine Auswertung genommen und Ideen für abwendbar gefährliche Krankheitsverläufe im jeweiligen Krankheitsbild gesammelt. Am Abend habe ich mir dann zu den jeweiligen Beschwerden die entsprechende DEGAM-Leitlinie zu Gemüte geführt und unser Vorgehen noch einmal reflektiert.

Frau Dr. Norzel hat mir dabei zu all meiner Freude nach einigen Tagen auch eigene Patienten überlassen. An diesen konnte ich das Wissen des Anamnese- und Untersuchungskurses anwenden und vor allem auch für mich schwierige Untersuchungstechniken nachvollziehen. Auch Gesprächstechniken, Geduld, die Bereitschaft zum Zuhören und das manchmal langwierige Ergründen und Nachfragen von Symptomen wurde dabei bestens geschult. Außerdem durfte ich praktische Tätigkeiten wie Blutabnahmen, INR- und Glucose-Bestimmungen, Medikamente aufziehen, Fäden- und Klammerentfernung sowie Perkussion und Auskultation fleißig üben.

Die Beratungsanlässe bei den Patienten erstreckten sich dabei von kardialen Erkrankungen, chronischen Stoffwechsel-Erkrankungen, Magen-Darm-Problemen, Blutkontrollen bis hin zu häufig psychosomatisch bedingten Problemen. Besonders beeindruckt war ich dabei von der Rolle des Allgemeinmediziners als „Zuhörer“ für Patienten mit psychosozialen Belastungen, die insbesondere Empathie und Einfühlungsvermögen voraussetzen. Dabei konnte ich mir viel von Claudia Norzel abschauen.

Das Landarztdasein

Das Leben als Arzt in einer Gemeinde mit 5300 Einwohnern inklusive der vielen kleinen umliegenden Gemeinden birgt vor allem den Vorteil, dass man ein sehr persönliches Verhältnis zu den meisten Patienten hat. Ich hatte dabei den Eindruck, dass dies – gerade was psychosoziale Probleme angeht – vor allem für die Diagnosestellung sehr nützlich sein kann. Außerdem haben mir einige Patienten berichtet, dass es Ihnen wichtig sei, einen Arzt an ihrer Seite zu haben, der sich in sie hineinversetzen kann, und dass es durchaus schon hilfreich sei, manchmal einfach nur einige tröstende, persönliche Worte zu erhalten. Das rette schon den einen oder anderen Tag.

Besonders begeistert war ich von den Hausbesuchen. Auch hier gewährt einem der Patient ein Stück weit einen Blick in sein Privatleben und seine engste Umgebung. Ich finde es daher auch sehr wichtig, dass man sich als Arzt der Rolle als Vertrauensperson durchaus bewusst ist. In Erinnerung habe ich dabei einen meiner ersten Dienste, als wir kurz vom Leonhardifest in Tracht zu einem Patienten gefahren sind. Ich fand das schon ziemlich lustig und aufregend, Dienst im Dirndl zu haben. So was gibt’s auch nur in Bayern ...

Meine Erlebnisse im Oberland

Jeder Tag war definitiv ein sportlicher Tag! Mit meinem Mountainbike erkundete ich die umliegenden Dörfer und Berge und machte es in dieser Zeit zu meinem primären Fortbewegungsmittel. Da in den vier Famulaturwochen kontinuierlich die Sonne schien, lebte ich mehr draußen als drinnen und begann meinen Tag jeden Morgen mit einer Schwimmeinheit im Dorfweiher. An den Wochenenden gingen Frau Dr. Norzel, ihre Familie, Freunde und ich fast immer wandern. Besonders in Erinnerung wird mir dabei die wunderschöne Wanderung mit Blick auf den wilden Kaiser und Übernachtung im Brünnsteiner Haus des Deutschen Alpenvereins (Sektion Rosenheim) bleiben. Das Bergfrühstück am sonnenumhüllten Kaisergebirge hat einen traumhaften Start in den Tag garantiert.

Außerdem durfte ich meinen ebenso kletterbegeisterten Kommilitonen aus Dresden einladen, mit dem ich dann im Zwei-Tages-Aufstieg über die Höllentalangerhütte und den Gletscher auf die Zugspitze geklettert bin. Definitiv ein sommerlich sonniges Erlebnis und ein Gipfelsturmglücksgefühl, das ich mein Leben lang in Erinnerung behalten werde. Es war so schön, dass es mir auch jetzt immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

In der Mittagspause fuhren wir öfter einmal schnell zum See, natürlich mit Alpenpanorama, und holten uns nach einem erfolgreichen Morgen die verdiente Erfrischung. Oft radelte ich außerdem ins 30 km entfernte München und genoss zusammen mit Freunden die Sommersonne beim Bräunen im Englischen Garten, beim kleinen Bier im Universitätsviertel oder beim Grillen an der Isar.

Warum denn nun ausgerechnet Oberbayern …

Auf die Idee, meine Famulatur nun in Bayern und noch dazu genau im Oberland machen zu wollen, bin ich eigentlich schon in Kindertagen gekommen. Damals war ich des Öfteren mit meinen Eltern im Sommer wie im Winter hier im Urlaub und malte mir bereits aus, wie es wäre, später einmal Landärztin in dieser Region zu sein. Und irgendwie hat mich diese Idee niemals losgelassen, bis heute nicht. Außerdem hatte ich im Frühjahr gerade eine Mountainbiketour durchs Oberland unternommen, was die Sehnsucht erneut schürte.

Danke für eine tolle, unvergessliche Zeit

Außerdem habe ich in Dr. Claudia Norzel eine Frau gefunden, deren Liebe zu den Bergen mindestens genauso groß ist wie meine. Manchmal morgens, bei klarer Sicht, sind wir extra einen kleinen Umweg gefahren, um vor der Arbeit mit Blick auf die Berge Energie für den Tag zu tanken.

Ich danke Frau Dr. Norzel, Ihrem Praxisteam und Ihren Kindern ganz herzlich für eine wundervoll sonnig sommerlich schöne Zeit im Tölzer Land. Sie haben den ersten Sommer nach dem Physikum zu einem einprägsamen Ereignis gemacht und mir definitiv eine Berufsidee für meine spätere Laufbahn gewiesen.

Ganz besonders gerne erinnere ich mich auch an meinen ersten Praxistag, der beim Leonhardifest in Dietramszell endete. Das dort in Tracht geschossene Bild wird noch einige Jahre meinen studentischen Schreibtisch zieren und mich an eine wundervolle Zeit hier im Süden erinnern.

Abschließende Worte von Dr. Claudia Norzel

Auch ich hatte eine wunderbare Zeit mit Juliane Höfer. Die Idee der Famulaturbörse entsprach genau meinen eigenen Famulaturerfahrungen, die Zeit des Lernens auch gleichzeitig dazu zu nutzen, andere Regionen Deutschlands oder auch der Erde kennenzulernen. Mit Juliane trafen nun zwei Punkte genau ins Schwarze. Sie war begeisterungsfähig und konnte ihr Uniwissen in der Praxis anwenden und vertiefen. Und sie wollte die Zeit bei uns nutzen, um die Region kennenzulernen. Da bei uns zeitgleich Sommerferien waren, konnten wir neben der Praxistätigkeit auch gemeinsam Berggipfel besteigen.

Einen Famulus in der Allgemeinmedizinischen Praxis zu haben, hat mir einmal mehr gezeigt, wie wunderbar unser Beruf ist. Die eigene Tätigkeit wird im Erklären und Demonstrieren reflektiert und Handlungsabläufe werden wieder bewusst gemacht. Ich hoffe, dass die Popularität der DEGAM-Famulaturbörse steigt und viele dynamische, wissbegierige und entdeckungsfreudige Studenten wie Juliane dieses Angebot nutzen.

Abbildungen:

Claudia Norzel und Juliane Höfer beim Aufstieg auf die Roßstein-Alm

1 Medizinstudentin an der TU Dresden

2 Fachärztin für Allgemeinmedizin in Dietramszell, Lehrärztin der TU München


(Stand: 14.11.2013)

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