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„Dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist ...“

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W. Niebling

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831), der in Festreden gerne als „herausragender Sohn Stuttgarts“ bemüht wird und neben vielen Berühmtheiten auf dem Dorotheenstädter Friedhof in Berlin begraben ist, hat diese Sentenz in seiner Einleitung zur „Phänomenologie des Geistes“ während seiner Jenaer Zeit als Universitätslehrer verfasst. Hegel konnte wohl kaum ahnen, dass sein kühnes Paradoxon gut 200 Jahre später tagtäglich Tausenden von Menschen buchstäblich vor Augen gehalten würde, ziert sie doch als unübersehbare Leucht-installation des New Yorker Konzeptkünstlers Joseph Kosuth die Front ausgerechnet des Stuttgarter Hauptbahnhofs, oder besser gesagt den übrig gebliebenen Torso.

Irrtümer – im historischen Kontext betrachtet – waren und sind immer auch Motor neuer Erkenntnisse, und endgültige Wahrheiten wird es wohl nie geben, auch und gerade nicht in der Medizin. Skepsis im Wissen um die menschliche (auch ärztliche) Anfälligkeit für Selbst- und Fremdtäuschungen hat Heiner Raspe vor Jahren als Grundhaltung der evidenzbasierten Medizin postuliert. Evidenzbasierte Medizin, als affirmative und generische Methode in der Wissensüberprüfung ist heute notwendiger denn je. Sie stößt dort an ihre Grenzen, wo skrupellose und von der Jagd auf Impactpunkte getriebene Wissenschaftler bewusst Daten fälschen und so manipulierte und geschönte Studienergebnisse, oft genug mit Unterstützung des finanzierenden Pharmasponsors, hochrangig publiziert sowie systematisch zitiert werden und schließlich Eingang in Leitlinien finden. Jüngstes Beispiel sind die Empfehlungen zur Verabreichung von Betablockern an Herzkranke, die sich einer nicht das Herz betreffenden Operation unterziehen mussten (s.a. DEGAM-Benefits vom 07.08.13). Empfohlen wurde dies in einer Leitlinie der European Society of Cardiology (ESC). Mit ausschlaggebend dafür waren Studienergebnisse des holländischen Kardiologen Don Poldermans, der auch als federführender Autor der erwähnten Leitlinie fungierte. Am 17. November 2011 hatte sich die renommierte Erasmus Universität Rotterdam wegen erwiesenem wissenschaftlichen Fehlverhalten von Professor Poldermans getrennt.

Erst im März dieses Jahres veröffentlichte die ESC auf ihrer Internetseite den Rückzug von Poldermans aus der ESC-Leitliniengruppe und relativierte am 5. August in einer weiteren Mitteilung die umstrittene Empfehlung und kündigte für den August 2014 die Revision dieser Leitlinie an. Publiziert wurde dieser Sachverhalt am 14. Juni 2013 im BMJ von der New Yorker Medizinjournalistin Jeanne Lenzer. Sie hat am 17. September 2013 als Erstautorin im BMJ eine Liste von Kriterien zur Beurteilung von Leitlinien publiziert. Ärzte sollten wachsam und skeptisch sein,

  • bei Leitlinien, deren Sponsor eine Fachgesellschaft ist, die erhebliche finanzielle Zuweisungen von Unternehmen erhält,
  • bei Interessenkonflikten mehrerer Mitglieder der Leitliniengruppe oder des federführenden Autors,
  • wenn eine externe Überprüfung der Leitlinie nicht stattgefunden hat und schließlich
  • bei Leitlinien, denen keine Patientenvertreter oder nicht-ärztliche Experten beteiligt sind.

Warum mich dieses Thema nicht loslässt? Hausärzte und ihre Patienten brauchen valide und interessendekontaminierte Informationen. Wir benötigen pragmatische und umsetzbare Handlungsempfehlungen und „glaubwürdige“ Leitlinien als Quellen aufbereiteter Evidenz im Sinne eines modernen Wissensmanagements mit Organisationen wie AWMF, dem Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ), der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft oder finanziell unabhängigen Fachgesellschaften als zuverlässige „Treuhänder“. Es trifft sich gut, dass mit dieser ZFA-Ausgabe eine Serie von S1-Handlungsempfehlungen, erarbeitet von Mitgliedern der Ständigen Leitlinienkommission der DEGAM an den Start geht, die ich Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen darf.

In diesen Tagen treten die Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen Regierung in eine entscheidende Phase. Der Arbeitsgruppe „Gesundheit und Pflege“ unter der gemeinsamen Leitung von Jens Spahn und Karl Lauterbach ist dabei eine glückliche Hand zu wünschen; auch bei der Aufgabe „Irrende auf den rechten Weg“ zu bringen (Psalm 25,8). Meine persönlichen Wünsche wären:

  • eine weitere Stärkung des Faches Allgemeinmedizin in der Ausbildung,
  • eine zuverlässige Finanzierung der Weiterbildung,
  • die Stärkung von Weiterbildungsverbünden mit der
  • Einbindung und finanziellen Absicherung der universitären allgemeinmedizinischen Kompetenzzentren sowie
  • angemessene Rahmenbedingungen für Hausärztinnen und Hausärzte.

Eigentlich selbstverständliche Maßnahmen, wenn es die Politik ernst meint mit ihren Bekenntnissen zu einer flächendeckenden und qualitativ hochstehenden hausärztlichen Versorgung ihrer Bevölkerung.

Herzlich


(Stand: 02.12.2013)

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