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New Routes for General Practice and Family Medicine

Bericht über die WONCA-Europe-Konferenz 2014 in Lissabon

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Bernadett Hilbert

Mit Kurs auf internationale Gewässer

Seit drei Jahren bin ich Mitglied der DEGAM-Nachwuchsakademie, ein Förderprogramm für an der Allgemeinmedizin interessierte Medizinstudierende. Eines der schönsten Erlebnisse während dieser Zeit war für mich der erste Besuch eines DEGAM-Kongresses. Forscher und Ärzte hießen uns damals herzlich in Ihren Reihen willkommen und beeindruckten durch Enthusiasmus und Wissenschaftlichkeit.

Als ich hörte, dass auch die WONCA (Weltorganisation für Allgemeinmedizin und Familienmedizin) jährliche wissenschaftliche Kongresse organisiert, war ich sofort begeistert. Im Jahr 1972 gegründet, repräsentiert die WONCA heute 300.000 Hausärzte aus 130 Ländern dieser Welt. Mission dieser Organisation ist die Verbesserung der Lebensqualität der Weltbevölkerung durch Implementierung hoher Qualitätsstandards in der hausärztlichen Medizin. Die Errungenschaften der WONCA sind zahlreich und reichen von der Entwicklung von Klassifikationssystemen, wie dem ICPC (International Classification of Primary Care), bis hin zur Publikation von Leitfäden, unter anderem zum Thema, wie man in Ländern ohne Allgemeinmedizin dieses Fach als neue eigenständige Disziplin etablieren kann.

Der diesjährige Kongress der europäischen WONCA stand unter dem Motto „New Routes for General Practice and Family Medicine“ und wurde in Lissabon ausgerichtet. Ich hoffte, in angebotenen Veranstaltungen und im persönlichen Austausch neue Kenntnisse zu verschiedenen Themengebieten zu erwerben. Besonders interessierte mich, wie man in anderen Ländern allgemeinärztliche Forschung betreibt, welche Position der Hausarzt im Gesundheitswesen innehat und wie dort die Weiterbildung strukturiert ist. Außerdem freute ich mich darauf, eine der ältesten Städte Europas kennenzulernen, die bekannt ist für farbenprächtige Fliesenkunst, melancholische Fado-Musik, kurvige Straßenbahnfahrten, duftenden Stockfisch und gepflegte Kaffeekultur.

Kühner Seefahrer als Vorbild

Wie auch in den letzten Jahren wurde vor dem eigentlichen WONCA-Hauptkongress eine Vorkonferenz der Vasco-da-Gama-Movement (VdGM) – der Weltorganisation der Jungallgemeinmediziner – abgehalten. Die VdGM wurde vor genau zehn Jahren, ebenfalls in Lissabon, gegründet. Von hier aus hatten sich viele abenteuerlustige Seefahrer aufgemacht, die Welt zu erkunden. Einer von Ihnen war Vasco da Gama, der in den Jahren 1497 bis 1499 den Seeweg nach Indien entdeckte. Mehr als 500 Jahre später wurde er Namenspatron für die neu geschaffene VdGM-Arbeitsgruppe innerhalb der WONCA. Damit sollte ausgedrückt werden, dass deren Mitglieder, genau wie Vasco da Gama, bereit waren, neue Wege zu beschreiten. Beispiele dafür sind das Hippokrates-Programm, das jungen Hausärzten europaweite Praxishospitationen ermöglicht, sowie die jährliche Vergabe des Junior Researcher Award für das am besten konzipierte allgemeinärztliche Forschungsprojekt.

Eine wesentliche Errungenschaft der VdGM ist die internationale Vernetzung von jungen Hausärzten. Ich durfte während der Vorkonferenz Menschen unterschiedlicher Nationen kennenlernen. So stellte sich in der ausführlichen Vorstellungsrunde meiner Diskussionsgruppe heraus, dass alle zehn Teilnehmer aus verschiedenen Ländern stammen. Außerdem erfuhr ich, dass die luxemburgische Hausärztin Marie keine Medizinischen Fachangestellten in Ihrer Praxis beschäftigen darf. Sie wird nur von einer Sekretärin unterstützt und muss sämtliche patientenbezogenen Tätigkeiten selbst erledigen. Lakai erzählte uns, dass es in Nigeria bisher nur einen einzigen Professor für Allgemeinmedizin gibt. Als einer der wenigen Hausärzte im Land müsse er neuen Patienten zunächst erklären, welches Betätigungsfeld er als „family doctor“ hat. Marta berichtete, dass es sehr schwierig sei, die Arbeitsbelastung in ihrer Praxis auf Madeira zu bewältigen. Sie betreut über 3.000 Patienten, die im Durchschnitt ein halbes Jahr auf einen Regeltermin warten müssen. Hierauf hob Eline die exzellenten Arbeitsbedingungen in Holland hervor. Der „huisarts“ hat hier eine zentrale Stellung im Gesundheitswesen und kann bei der täglichen Arbeit auf mehr als 100 allgemeinärztliche Leitlinien zurückgreifen.

In den nächsten Tagen entwickelte meine Diskussionsgruppe einen Katalog an länderübergreifenden Forderungen mit dem Ziel, den Hausärzten vor Ort möglichst ideale Arbeitsbedingungen zu garantieren. Besonders wichtig erschien uns dabei die Einführung einer standardisierten, adäquat entlohnten Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin.

Der Dampfer sticht in See

Nach den zwei Tagen VdGM-Vorkonferenz in kleiner Runde füllte sich das Kongresszentrum zunehmend mit Ärzten aus aller Welt. Der Kongresspräsident João Sequeira Carlos eröffnete den Kongress, indem er die insgesamt 3.700 versammelten Hausärzte herzlich in Lissabon willkommen hieß. Anschließend veranschaulichte die Dirigentin Joana Carneiro am Beispiel eines Orchesters, wie wichtig die hausärztliche Tätigkeit ist. Das anfangs völlig dissonante Spiel verwandelte sich durch das Entfernen eines Akkordeons, das einen Tumor darstellen sollte, und das Verschreiben von fünf Violinen auf Rezept, in einen harmonischen Klang.

Trotz kleiner Organisationsmängel und zum Teil bestehender Sprachprobleme war in den kommenden drei Tagen der Enthusiasmus der anwesenden Hausärzte stets deutlich spürbar. Das Programm aus 100 Workshops, 202 Sitzungen, 445 Vorträgen und 1041 Postern gestaltete sich höchst abwechslungsreich. Am stärksten beeindruckte mich ein Vortrag zur Frage, was Hausärzte in Zeiten des Klimawandels für die Umwelt tun können. Weitere bemerkenswerte Veranstaltungen waren ein Workshop zum Thema, wie man Studierende für das Fach „Evidenzbasierte Medizin“ begeistern kann, sowie eine Präsentation zum richtigen Umgang mit ausländischen Patienten, die unter Erkrankungen des psychosomatischen Formenkreises leiden.

Für den nächsten WONCA-Kongress würde ich mir wünschen, dass Interessenkonflikte offen gelegt werden. In einem Workshop wurde zum Beispiel der Einsatz der neuen oralen Antikoagulantien gegenüber den Vitamin-K-Antagonisten bei Vorhofflimmern favorisiert, während gleichzeitig in der Pharmaindustrieausstellung direkt vor der Tür des Seminarraums das Medikament Xarelto® (Rivaroxaban) beworben wurde.

Der Besuch des WONCA-Kongresses war nur mithilfe der finanziellen Unterstützung der DEGAM möglich, für die ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte. Auf meine Anregung hin wird in Zukunft ein DEGAM-Nachwuchsakademie-Mitglied pro Jahr einen internationalen Kongress besuchen können. Ich bin überzeugt, dass das auch für die nachfolgenden Studierenden eine höchst inspirierende Erfahrung werden wird! Der nächste WONCA-Europe-Kongress zum Thema „Future of family medicine ... being young, staying young ...“ wird im Oktober 2015 in Istanbul stattfinden.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse

Bernadett Hilbert

Institut für Allgemeinmedizin

Technische Universität München

Orleansstraße 47

81667 München

bernadett.hilbert@gmail.com

Abbildungen:

Abbildung 1 Teilnehmer der Diskussionsgruppe der VdGM-Vorkonferenz (Vasco-da-Gama-Movement)

Abbildung 2 Die Autorin vor dem Lissaboner Kongresszentrum

Institut für Allgemeinmedizin der Technischen Universität München


(Stand: 17.11.2014)

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