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Lohnstein M. Patientenversorgung an allgemeinmedizinischen Universitätsabteilungen – Ist-Zustand und Ausblick. Z Allg Med 2015; 91: 405–407

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Leserbrief von Prof. Dr. Heinz-Harald Abholz

Lieber Herr Lohnstein, Sie fordern implizit, dass die Allgemeinmedizin „mit ihren Charakteristika an der Universität erlebbar sein soll“ und ergänzen zwei Charakteristika: „Patientennähe“ und „unausgelesenes Patientenkollektiv“. Sie bleiben aber die Aussage schuldig, ob nun der Unterricht zur Allgemeinmedizin an der Universität in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) stattfinden soll oder – wie bisher üblich – in den Lehrpraxen, in denen ja der Hochschullehrer als auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter – soweit sie Allgemeinmediziner sind – tätig sein können.

Ich muss und kann aus Ihren Aussagen schließen, dass dies nicht in Notaufnahmen/Ambulanzen geschehen kann, da hier ja nicht „unausgelesene Patienten“ erscheinen und auch die „Patientennähe“ nicht aus einem einzigen Kontakt in einer solchen Einheit resultieren kann. Denkt man an weitere Charakteristika des Faches, wie z.B. die Kontinuität und die Breite der Versorgung in Prävention und Krankheitsbehandlung, die psycho-soziale Sicht auf den Patienten und seine Probleme sowie die Arzt-Patienten-Beziehung etc., so wird offensichtlich, dass dies nicht in einer ZNA oder ähnlichen Einrichtungen vermittelbar ist.

Und noch etwas sehr Wichtiges: Die gesamte Entscheidungsfindung, die uns so sehr von den Klinikern und Spezialisten unterscheidet, basiert auf der guten Kenntnis des Patienten (über die Zeit und in der Breite) sowie der gewachsenen Arzt-Patienten-Beziehung. Dies erst „erlaubt“ uns, nicht immer alles zu tun, was bei „diesem Patient“ möglich wäre – und dennoch auf der „sicheren Seite“ für ihn zu bleiben. Wenn wir den Patient aber – so in der ZNA – gar nicht kennen, dann sind wir in der Regel sogar verpflichtet, all das zu tun, was auch ein Spezialist in einer solchen Situation mit einem ihm unbekannten Patienten tun würde. Und damit kann die Universität selbst nicht Lehrort für die Studenten zur Vermittlung von Allgemeinmedizin sein.

Zu glauben, dass Hausärzte an sich schon anders, weniger extensiv in der Anwendung von Diagnostik und Therapie sind, ist sehr problematisch. Wenn sie es in Notaufnahmen sind, dann gehen sie ein Risiko für den Patienten ein, den sie ja eigentlich nur wie jeder andere Arzt beurteilen können – und dann müssen sie „alles“ tun. Eine Grundhaltung mit der Devise „Nicht Überversorgen“ wird dann in der ZNA zum gefährlichen Vorgehen, weil ohne die gute Kenntnis des Patienten keine inhaltliche Rechtfertigung für das „bewusste Weglassen“ besteht. Dennoch findet man in ausländischen Studien, dass in ZNAs eingesetzte Hausärzte weniger extensiv Diagnostik und Therapie im Vergleich zu Spezialisten betreiben. Dazu ist zu sagen: Die untersuchten Fallzahlen und die Beobachtungsdauer in den Studien, die ich kenne, sind klein bzw. kurz, sodass negativ auswirkendes Weglassen nicht auffällt. Und es handelt sich immer um „gestandene Allgemeinmediziner“, die dort eingesetzt waren – und diesen, nur diesen würde ich zutrauen, dass sie die Devise „keine Überversorgung“ vorsichtig umsetzen können. Nur wird diese Arbeit dann immer noch nicht zum Lehrfall für das Fach Allgemeinmedizin.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Heinz-Harald Abholz

Institut für Allgemeinmedizin (Emeritus)

Heinrich-Heine-Universität

Moorenstraße 5

40225 Düsseldorf

Antwort von Dr. Manfred Lohnstein

Lieber Herr Abholz, Ihr Leserbrief erfüllt eine wichtige Funktion. Mein Meinungsartikel hat ein in der DEGAM umstrittenes Thema in die öffentliche Debatte eingeführt. Das zeigte der Verlauf der Diskussion auf der diesjährigen Mitgliederversammlung der DEGAM in Bozen und ist nun auch für die ZFA-Leser fassbar. Sie haben an anderer Stelle dezidiert die core values (Kontinuität, Übernahme von Verantwortung, breites Wissen, soziale Einbettung, Komplexität) unseres Faches dargestellt [1]. Ziel der Patientenversorgung durch allgemeinmedizinische Universitätsabteilungen ist es, dass diese core values auch im Universitätsbereich ihren Platz finden. Das kann eine vorwiegend theoretisch ausgerichtete Universitätsabteilung keinesfalls in Seminarräumen vermitteln.

Ihre Ausführungen zur Arbeit in der ZNA berücksichtigten nicht die von mir genannten aktuellen Daten, die auf die Verlagerung dieser Notfälle vom ärztlichen Bereitschaftsdienst in die Krankenhäuser hinweisen, eine sowohl quantitative wie qualitative Entwicklung. Ihre Einwände kann ich nur vereinzelt nachvollziehen. Sie werden mir zustimmen, dass eine Otitis media jede Fachärztin für Allgemeinmedizin sicher diagnostizieren kann. Immer wieder erleben wir in meiner Praxis, dass junge Frauen mit unkompliziertem Harnwegsinfekt die ZNA aufsuchen, dort auf jeden Fall sonografiert werden sowie ein Breitspektrumantibiotikum erhalten. Auch für diesen Fall ist keineswegs nur der „gestandene Allgemeinmediziner“ notwendig. Die Mischung von jungen und erfahrenen Ärztinnen wird bereits erfolgreich z.B. in der ZNA des Albertinenkrankenhauses in Hamburg praktiziert.

Im Kern verfehlt aber Ihre Kritik mein Anliegen. Die Tätigkeit von Allgemeinärzten in der ZNA wird im Text nur deshalb etwas breiter dargestellt, da erstmalig Erfahrungen aus deutschen allgemeinmedizinischen Universitätsabteilungen vorliegen. Dass die Allgemeinmedizin an den Universitäten gut sichtbar wird, ist das Kernanliegen meiner Überlegungen! Die Vermittlung, der core values erfordert das „Da-sein“, wie Sie es nennen [1]. Uwe Kurzke hat sich in einem Leserbrief zu dieser Herausforderung geäußert, die er eingebettet sieht in gesellschaftliche Wandlungsprozesse [2].

Die Versorgung von Patienten durch allgemeinmedizinische Universitätsabteilungen wird sich dieser Herausforderung stellen müssen, in ähnlicher Weise, wie das für die zunehmende Zahl großer Gemeinschaftspraxen gilt. Dass in der Lehre und Forschung weiterhin die etablierte Kooperation mit Lehrpraxen erforderlich sein wird, ist unbestritten.

Sie haben Ihre Tätigkeit als „Teilzeitdoktor“ per Dienstvertrag während ihrer Zeit als Lehrstuhlinhaber in Düsseldorf als „Langeweile“ erlebt [3]. Diese offene Mitteilung ihrerseits war einer der ersten Anstöße für meine Überlegungen zum Thema. Insofern widersprechen Sie sich selbst, wenn Sie eine Änderung gegenwärtiger Dienstverträge nicht als wichtige Aufgabe unterstützen. Mit meinen Überlegungen wollte ich eine auf Veränderung zielende Diskussion umstrittener Bereiche einleiten. Ich bin mir sicher, dass eine Tätigkeit in der ZNA nicht das Prädikat langweilig erhalten wird. Ebenso ist mir bewusst, dass die Notfallversorgung nur einen Teilbereich allgemeinmedizinischer Tätigkeit darstellt. Aber auch dieser Bereich muss erlernt werden.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Manfred Lohnstein

Facharzt für Allgemeinmedizin

Brunecker Straße 27

86316 Friedberg

lohnstein.m@t-online.de

Literatur

1. Abholz HH. Warum ist die Allgemeinmedizin notwendig und was benötigt sie? Z Allg Med 2015; 91: 160–165

2. Kurzke U. Leserbrief. Z Allg Med 2015; 91: 233

3. Abholz HH. Antwort auf Leserbriefe. Z Allg Med 2015; 91: 234


(Stand: 18.11.2015)

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