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Der Mensch im Mittelpunkt?

DOI: 10.3238/zfa.2017.0459–0460

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Anika Beck


Steht der Mensch im Mittelpunkt der Medizin? Steht der Mensch im Mittelpunkt Ihres Arbeitens? Also steht bei Studierenden der Patient im Mittelpunkt des Studiums? Als ich über diese Fragen nachdachte, stolperte ich über das kleine Wörtchen „Mensch“. Nicht: „Steht der Patient im Mittelpunkt“, nein, „Steht der Mensch im Mittelpunkt“.

Die ersten Patienten unserer Laufbahn ...

... sind nicht etwa die sorgfältig konstruierten Fälle in der Vorlesung. Meine ersten Patienten waren Freunde und Verwandte, die mir häufig zu nachtschlafender Zeit per Mail oder Smartphone Fotos von diversen Pickelchen und Kratzern schickten, mit der Bitte um sofortigen Ratschlag. Im Laufe der Zeit stieg das Ansehen im Freundeskreis und man durfte Arztbriefe übersetzen, Laborwerte erklären und vor allem ganz viel Hypochondrismus bekämpfen. „Nein, der Ausschlag in deinem Gesicht ist kein Krebs“, versicherte man, während ein dünnes Stimmlein im Hinterkopf rief „Dafür aber vielleicht ein Lupus“.

Unser Studienfach begleitet uns weit in unsere Freizeit hinein.

Natürlich, wir haben uns für ein Vollzeitstudium entschieden. Aber es ist noch viel mehr als das. Unsere Freunde studieren Medizin, wir reden über Medizin und wir werden mit medizinischen Fragen überhäuft. Unser Leben ist zu einem großen Teil Medizin.

Wo bleibt der Patient als Mensch?

Aber wo ist da der Patient? Und viel wichtiger, wo ist da der Mensch, der uns gerade zufällig in der Rolle eines Patienten begegnet?

Zu Beginn des Studiums haben wir sehr viel über unsere Erwartungen und Wünsche an das Studium und den Beruf geredet. „Ich will was mit Menschen machen“, „Ich will Menschen helfen“ klang es aus allen Richtungen. Im Laufe des Studiums verlieren wir diese Ziele oft aus dem Blick.

In der Anatomie lernen wir einen Menschen auf einzelne Muskeln zu reduzieren. In der Inneren Medizin lernen wir einen Menschen in die richtige Schublade einzuordnen. In der Chirurgie lernen wir, dass man im Zweifelsfall einfach was wegschneiden kann. In der Psychosomatik lernen wir zwar zuzuhören – aber bitte aus der Distanz. In unseren Praktika erfahren wir die Tücken eines auf maximale Kostensenkung gerichteten Arbeitens und erahnen einen leisen Hauch des bürokratischen Monsters, das unaufhörlich wächst und auf uns zukommt.

In all dem verirrt sich unser Geist und es fällt schwer, den Menschen weiter im Sichtfeld zu wahren, während dieser in der Rolle als Patient verblasst.

Persönliche Betroffenheit

Mir persönlich wurden auf zweierlei Wegen die Augen geöffnet: Zum einen, als meine Eltern plötzlich die Rolle der Patienten einnehmen mussten und man unweigerlich mit dem Konflikt dieser Rolle konfrontiert wurde. Zum anderen als ein Patient mir eine Schelte verpasste, die ich in diesem Moment vollkommen und zu Recht verdient hatte, da ich Dinge über seinen Kopf hinweg organisiert hatte.

Beide Wege sind im Streben nach einer auf den Menschen fokussierten Medizin sicherlich nicht als wünschenswert anzusehen. Also wie bleibt der Mensch bei alledem im Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns?

Für die Beantwortung dieser Frage fehlt es mir eindeutig an Erfahrung. Umso mehr freue ich mich, dass der diesjährige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin unter anderem diesen Konflikt ins Zentrum der Diskussion gestellt hat und bin gespannt auf die vielen Lösungsansätze und Strategien, die Sie mit Ihrer Erfahrung an uns junge Ärzte und Ärztinnen weitergeben können.

Ausblick

Während meiner Praktika wurde ich von keiner anderen Fachrichtung als der Allgemeinmedizin so oft gefragt: „Wie geht es Ihnen? Was wünschen Sie sich? Was können wir verbessern?“ und meist war ich wunschlos glücklich, selten konnte ich eine Kleinigkeit anmerken, aber immer fühlte ich mich sehr wertgeschätzt. Daher geht mein Appell an Sie alle, Mitarbeitende der Hochschulen, ebenso wie niedergelassene Hausärzte und Hausärztinnen: Bleiben Sie, wie Sie sind. Halten Sie den Kontakt mit den Studierenden. Nur so kann man die Lehre der Studierenden und damit auch Ihre Zukunft aktiv und ganz nah an der Basis verbessern.

Die Wertschätzung, die wir in unseren Praktika erfahren, gegenüber uns selbst, aber auch im Umgang mit den Patienten, ist die beste Werbung für den Beruf, den Sie alle mit so viel Liebe ausüben.

Korrespondenzadresse

Anika Beck

beckanika@hotmail.com

Ärztin in Weiterbildung, Düsseldorf Grußwort anlässlich des 51. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin DOI 10.3238/zfa.2017.0459–0460


(Stand: 15.11.2017)

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