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Die Zukunft der IndividualMedizin

Jütte R. Die Zukunft der IndividualMedizin – Autonomie des Arztes und Methodenpluralismus. Deutscher Ärzte-Verlag GmbH, 2009, 136 S., 27 Abb., 7 Tab. ISBN: 978-3-7691-0591-9. 29,95 Euro

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Stefanie Joos

Dieses Buch präsentiert Ergebnisse einer Tagung des Dialogforum Pluralismus in der Medizin aus dem Jahr 2008. Das Dialogforum wurde im Jahr 2000 als Plattform für einen Dialog zwischen Vertretern der sog. Schulmedizin und Komplementärmedizin geschaffen mit der Zielsetzung „einer professionsinternen Klärung des Verhältnisses verschiedener medizinischer Richtungen“ und der „Integration von Schulmedizin und Komplementärmedizin“.

Bei der Tagung im Jahr 2008 standen die Themen „Autonomie und professionelles Handeln“ und „Methodenpluralismus und Therapiefreiheit“ im Mittelpunkt und wurden von namhaften Vertretern aus verschiedenen Bereichen (Bundesärztekammer, Klinik, Medizinethik, Geschichte der Medizin, Epidemiologie, Gesundheitsökonomie, Pharmakologie, Journalismus) diskutiert.

Schon im Titel fällt der Begriff IndividualMedizin (Schreibweise des Buchs) auf, der sich durch das gesamte Buch zieht und in einem der ersten Beiträge näher beleuchtet wird. Hingewiesen wird dabei auf die Unterscheidung einer eher personenorientierten und einer eher technikorientierten Variante der IndividualMedizin (nach Bircher u. Wehkamp) und auf eine oft antithetische Verwendung zum Begriff „Staatsmedizin“ in gesundheitspolitischen Debatten. Allerdings bleibt sowohl in diesem Kapitel als auch im restlichen Büchlein die inhaltliche Bedeutung des Begriffs IndividualMedizin unscharf – genauso wie auch der Bezug zwischen IndividualMedizin und Komplementärmedizin nebulös bleibt.

Die Beiträge der Dialogforums-Referenten sind in einzelne Kapitel aufgeteilt. Nachdem zunächst aus juristischer Sicht die gesetzlichen Vorraussetzungen für IndividualMedizin (bzw. Komplementärmedizin) erörtert werden, geht es im folgenden Kapitel um die Frage, inwieweit sich der Ansatz der evidenzbasierten Medizin (EbM) und der IndividualMedizin „vertragen“ und welche ethischen Implikationen der EbM-Ansatz mit sich bringt. In diesem Zusammenhang wird auch der Wandel des Berufsbildes „Arzt“ diskutiert.

In einem weiteren Kapitel erfolgt ein Ausflug in die eher technikorientierte IndividualMedizin zur Pharmakagenomik sowie zu einer „Computermedizin“, bei der ein entsprechend vorab gefüttertes Programm die Denkprozesse eines Arztes bei der Erhebung und Interpretation klinischer Daten simuliert. Beim Lesen erschließt sich allerdings der Bezug des letztgenannten Beitrages zu den übrigen Beiträgen nicht. Vielmehr scheint auf den ersten Blick diese Entwicklung, bei der Funktionen des Arztes und Bereiche der Arzt-Patient-Beziehung „outgesourct“ und vom Computer übernommen werden, dem Konzept der IndividualMedizin entgegenzulaufen.

Im abschließenden Kapitel geht es um die Patientenseite. Die Medizinjournalistin und Buchautorin S. Herbert ruft in ihrem Beitrag zu mehr Transparenz und Beteiligung von Patienten und Ärzten in der Frage auf, wie viel Eminenz bei Therapieentscheidungen erlaubt ist und wie viel Evidenz gefordert werden muss – letztlich ruft sie damit auch zu einer öffentlichen Diskussion um Therapiefreiheit und Therapieeinschränkung auf.

Aus hausärztlicher Sicht erscheinen einige der angesprochenen Forderungen inadäquat, enthält doch der Praxisalltag wie auch die Definition des Fachs Allgemeinmedizin zahlreiche der im Buch geforderten Elemente eines individualmedizinischen Ansatzes. So heißt es zum Beispiel in der DEGAM-Fachdefinition, dass „...die Arbeitsweise der Allgemeinmedizin somatische, psycho-soziale, soziokulturelle und ökologische Aspekte berücksichtigt und dass es bei der Interpretation von Symptomen und Befunden von besonderer Bedeutung ist, den Patienten, sein Krankheitskonzept, sein Umfeld und seine Geschichte zu würdigen.“ (http://www.degam.de/fachdefinition.html.). Schaut man sich die Zusammensetzung des Dialogforums an, so fällt auf, dass kein hausärztlicher Vertreter bzw. überhaupt kein Vertreter aus der ambulanten Patientenversorgung mit dabei ist. Dies mag auch der Grund sein, dass man an einigen Stellen des Buches das Gefühlt hat, dass an der Praxis vorbeidiskutiert und -argumentiert wird.

Nichtsdestotrotz ist es in Zeiten von Leitlinien, DMP und zunehmender Prozessualisierung der Medizin eminent wichtig, die individuelle Seite der Medizin zu betonen und Kontrapunkte zu setzen. Allerdings bietet gerade die EbM, die sowohl im Buch als auch an anderer Stelle häufig von Vertretern des komplementärmedizinischen Bereichs kritisiert wird, eine Chance und einen wirklichen Ansatzpunkt für die individuelle Seite der Medizin; denn EbM im eigentlichen Sinne bedeutet, bei klinischen Entscheidungen die individuellen Patienten- und Arztsichtweisen miteinzubeziehen. Nur muss es natürlich hierfür in der täglichen Praxis einen Rahmen und genügend Raum (sowohl zeitlich als auch finanziell) geben. Dieser Raum wird in der täglichen Praxis jedoch immer enger und muss daher seinem nicht nur aus Patientensicht immensen Stellenwert entsprechend betont, verteidigt und professionalisiert werden. In diesem Zusammenhang leistet das Dialogforum bzw. dieses Büchlein seinen Beitrag – nicht zuletzt durch die namhaften Vertreter und durch den interdisziplinären Ansatz. Für die Zukunft wären allerdings mehr inhaltliche Klarheit und der Einbezug von Vertretern der ambulanten Patientenversorgung wünschenswert.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Stefanie Joos

Abteilung Allgemeinmedizin u. Versorgungsforschung

Universitätsklinikum Heidelberg

Voßstr. 2, 69115 Heidelberg

Tel.: 06221 / 56 62 63, Fax: 06221 / 56 19 72

E-Mail: Stefanie.Joos@med.uni-heidelberg.de


(Stand: 31.05.2011)

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