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Empfehlungen zur rationalen Arzneimitteltherapie: Neue Auflage der „Arzneiverordnungen“ frisch aus der Druckpresse

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Das, liebe Leserinnen und Leser, was Sie unten auf dieser Seite abgedruckt sehen, ist das Titelblatt eines Buches, das in Kürze seinen 75. Geburtstag feiert: Die von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft herausgegebenen „Arzneiverordnungen“, die 1925 zum ersten Mal erschienen.

Die Maxime des Buches ist über die Zeit gleich geblieben. Schon 1932, als die fünfte Auflage erschien, schrieb der Schriftleiter des Deutschen Ärzteblatts, der Frauenarzt Dr. Siegmund Vollmann: „Gerade gegenüber den widerstreitenden Interessen, die auf dem Gebiet des Arzneimittelwesens nun einmal bestehen, muss als Hauptvollzug des Buches seine Urheberschaft und die Art seiner Entstehung hervorgehoben werden ... Bei der Flut von Arzneipräparaten, die sich immerfort noch vermehren, bedarf der Arzt einer gewissen Führung, um sich leicht und schnell über die bewährten Mittel, ihre Zusammensetzung, pharmakologische Wirkung, Anwendungsweise, Dosierung und Wirtschaftlichkeit zu orientieren“.

Vielleicht darf man an dieser Stelle erwähnen, dass der 1871 im thüringischen Schwarza geborene Vollmann, der erste hauptamtliche Schriftleiter der Zeitschrift, bereits ein Jahr später aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus seinem Amt „entfernt“ wurde und am 9. August 1939, sozusagen im allerletzten Moment, zusammen mit seiner Ehefrau nach London fliehen konnte (er starb am 31. Dezember 1946 in Frankreich).

Erst 1952, im Jahr der 9. Auflage der Arzneiverordnungen, wurde die „Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft“ (AKdÄ) gegründet – ursprünglich 1911 vom „Congress für Innere Medizin“ als Arzneimittel-Kommission ins Leben gerufen. Die AKdÄ, die seither das Buch in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen herausgibt, wird drei Jahre später wissenschaftlich selbständiger Fachausschuss der Bundesärztekammer und damit ständige Beraterin der Kammer in Arzneimittelfragen.

Das Buch, um das sich besonders der frühere Vorsitzende der Kommission, Prof. Müller-Oerlinghausen verdient gemacht hat, entwickelt sich seit Jahrzehnten zu einer reichen Quelle evidenzbasierter Pharmakotherapie – in diametralem Gegensatz zu allen früheren Versuchen, dem Buch den Garaus zu machen. Zum Beispiel wurden 1934 alle Arzneiverordnungsbücher für die kassenärztliche Verordnung durch den damaligen Reichsarbeitsminister außer Kraft gesetzt, unter anderem deshalb, weil den Machthabern des Dritten Reiches weniger an einer wissenschaftlich begründeten Medizin lag als vielmehr an einer ideologisch definierten „deutschen Volksmedizin“, in der die Homöopathie und deutsche Medizinpflanzen eine besondere Rolle spielen sollten. Heute „reflektiert und verdichtet sich“ in dem Buch, wie der Präsident der Bundesärztekammer Prof. Hoppe in seinem Geleitwort schreibt, die Aufgabe, „die Ärzteschaft objektiv und industrieunabhängig in allen Fragen einer rationalen Arzneitherapie zu beraten“.

Die insgesamt 63 Kapitel der neuen Auflage wurden zunächst einem oder mehreren „Gegenlesern“ und dann einem Hausarztpanel vorgelegt, dessen Aufgabe darin besteht, die Inhalte an die Bedürfnisse der primärärztlichen Praxis anzupassen. Auf 1478 Seiten findet der Leser neben Vorschriften und Ratschlägen für die Verordnung (fast) alles, was zur Anwendung von Medikamenten und Impfstoffen zu sagen ist – geordnet meist nach Organsystemen bzw. pathophysiologischen Prinzipien.

Ganz neu ist eine „(Vorschlags)Liste wichtiger Wirkstoffe für die hausärztliche Verordnung“, die in der der sog. Kerngruppe A 77 Wirkstoffe umfasst, die aus Sicht der Kommission als essenziell eingestuft werden und die der Hausarzt

  • besonders gut kennen und
  • nicht ohne stichhaltige Begründung durch Analogpräparate oder gerade neu auf den Markt gekommene Präparate ersetzen sollte.

In der Gruppe B sind weitere 76 Substanzen aufgeführt, die als Alternativen z. B. bei Nichtansprechen auf das primär ausgewählte Medikament oder für spezielle Patientengruppen infrage kommt.

Zwei der Herausgeber der ZFA, die sich – neben anderen Kolleginnen und Kollegen – in ihrer Funktion als ordentliche Mitglieder der AKdÄ an der Konstruktion dieser Liste beteiligten, sehen diesen Versuch als durchaus nicht einfach, aber lohnend an.

Wichtig scheint mir ein kurzer Kommentar im Vorspann zu sein, der „jeden hausärztlichen Kommentar zu diesem Vorschlag eines rationalen Arzneimittelsortiments, sei er zustimmend oder kritisch, willkommen heißt“. In diesem Sinne, liebe Leserinnen und Leser, lade ich Sie herzlich ein, selbst einmal in dem Buch zu blättern und sich ein eigenes Bild zu machen.

Ihr

Michael M. Kochen


(Stand: 31.05.2011)

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