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„Versorgungsstrukturen und Qualität“

Bericht zum 43. DEGAM-Jahreskongress 2009

Ganz im Zeichen der Qualität stand der diesjährige Kongress für Versorgungsforschung, den die DEGAM zusammen mit dem Deutschen Netzwerk Versorgungsforschung (DNVF) vom 1. bis 3. Oktober 2009 in Heidelberg veranstaltet hat. Unter dem Motto „Versorgungsstrukturen und Qualität in Zeichen unsicherer Finanzierung“ trafen sich 620 Kongressteilnehmer aus allen Bereichen des Gesundheitswesens, um sich zu den verschiedenen Kongressthemen zu informieren.

Die Bedeutung des Jahreskongresses der DEGAM als wichtigstes Forum der deutschen Allgemeinmedizin zeigte sich in den zahlreichen hochrangigen wissenschaftlichen Vorträgen und Posterpräsentationen zu verschiedensten Themen der Allgemeinmedizin. Diese spiegelten die ganze Vielfalt allgemeinärztlichen Denkens und Handelns wider.

Über 400 Vorträge und Workshops und fast 150 Poster waren – zusätzlich zu den zahlreichen Vorträgen, Sitzungen sowie der Mitgliederversammlung der DEGAM – nicht nur konzeptionell, sondern auch logistisch eine Herausforderung, die von Prof. Joachim Szecsenyi und seinem Team erfolgreich gemeistert wurde.

Kongresseröffnung

Im Vorwort zum Kongress führte der DEGAM-Präsident Prof. Michael M. Kochen, gemeinsam mit den Tagungspräsidenten Prof. Joachim Szecsenyi (Heidelberg) und Prof. Holger Pfaff (Köln) aus, dass das Gesundheitswesen in einem Reformprozess stehe, „der bestehende Strukturen und Abläufe infrage stellt.“ Aufgabe der Versorgungsforschung sei es deshalb auch, „Reformprozesse kritisch zu begleiten und Aussagen darüber zu machen, welche Auswirkungen wir auf Ebene der Patienten und der Akteure schon jetzt sehen und in Zukunft erwarten dürfen.“

Leitlinien

Ein Highlight war die Vorstellung neuer evidenzbasierter Leitlinien für Patienten mit Nackenschmerzen bzw. mit Harnwegsbeschwerden. Damit setzt die DEGAM ihre erfolgreiche Leitlinienarbeit fort. Zur Unterstützung des Qualitätsmanagements in den Praxen und um der Forderung nach mehr Transparenz im Gesundheitswesen zu entsprechen, will die DEGAM in Zukunft Qualitätsindikatoren zu den eigenen Leitlinien entwickeln. Damit sollen Besonderheiten der hausärztlichen Versorgung besser dargestellt werden. Viele Patienten kommen zum Beispiel mit relativ unspezifischen Beschwerden als Beratungsanlass zum Hausarzt, der dann Schritt für Schritt mit dem Patienten das Gesundheitsproblem eingrenzt und Gefährdungen ausschließt.

Kritik an Vergütungsstrukturen

Kritisch sieht die DEGAM die Initiative der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zu neuen Vergütungsstrukturen in der ambulanten Versorgung, in der Teile des Honorars an die Erreichung bestimmter Qualitätsziele (z. B. beim Blutdruck) geknüpft werden sollen. Dies könne zu mehr Schaden als Nutzen, sowohl für die Patienten als auch für die Versorgungssituation, führen.

Zukunftskonzept

Prof. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin in Frankfurt und Vizepräsident der DEGAM, referierte als Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen über das „Zukunftskonzept einer koordinierten Versorgung mit regionalem Bezug: Primärversorgung als Fundament“ (s. Abbildung). Eine lebhafte Diskussion schloss sich an.

Sektorenübergreifende Qualitätssicherung

Der Gemeinsame Bundesausschusses (G-BA) und das Göttinger AQUA-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung wollen die sektorenübergreifende Qualitätssicherung der medizinischen Versorgung in Deutschland gemeinsam voranbringen. Sowohl aus dem stationären, vertragsärztlichen und -zahnärztlichen Bereich als auch aus dem Sektor ambulante Operationen in Klinik und Praxis sowie dem Bereich DMP (Disease-Management-Programm) sollen die Daten zusammengetragen und hinsichtlich der Qualität transparent werden.

„Besonders Patienten sollen daraus ihren Nutzen ziehen können“, machte Professor Joachim Szecsenyi deutlich. Die neue sektorenübergreifende Qualitätssicherung soll dazu führen, Patienten mit konkreten Informationen zu versorgen, um ihnen die Wahl zum Beispiel für eine Therapie oder eine Klinik zu erleichtern.

Ein weiteres Thema war die Schnittstellenproblematik z. B. auch beim Entlassmanagement.

Workshop „Pay for Performance“

Zum Thema „Pay for Performance – Chancen und Risiken“ wurde unter Leitung von Prof. Norbert Donner-Banzhoff (Marburg) ein Workshop durchgeführt, in dem die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus anderen Ländern mit Hausärzten, Versorgungsforschern und Vertretern von Hausärzteverband und KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) diskutiert wurden. Ein daraus resultierendes Positionspapier ist auf der DEGAM-Website (www.degam.de) unter „Aktuelles“ zu finden.

Dr. Lothar Beyer-Preis

Auf dem Kongress wurde zum zweiten Mal der Deutsche Forschungspreis für Allgemeinmedizin – Dr. Lothar Beyer-Preis – vergeben. Die Preisvergabe wird durch eine Stiftung der Familie Beyer an das Deutsche Institut für Allgemeinmedizin e.V. ermöglicht.

Die Ausschreibung zum Wettbewerb zeigte, dass die allgemeinmedizinische Forschung in Deutschland hochwertige Beiträge mit Relevanz für die Darstellung der hausärztlichen Versorgungsfunktion hervorbringt. In diesem Jahr wurde eine ganze Reihe exzellenter und auch hochrangig international publizierter Arbeiten vorgelegt. Nahezu alle sind im Rahmen des Nachwuchsförderprogramms für die Allgemeinmedizin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entstanden. Die meisten prämierten Arbeiten haben klinische Themen behandelt.

Nach einem intensiven Peer Review und der Abstimmung unter den dreizehn, von der Mitgliederversammlung der DEGAM bestellten Juroren konnten folgende Preise vergeben werden: Den 1. Preis (dotiert mit 25.000 €) erhielt Prof. Dr. med. Antonius Schneider (TU München) und seine Arbeitsgruppe für die Arbeit „Diagnostik von Asthma bronchiale und COPD in der Hausarztpraxis“.

Der 2. Preis (dotiert mit 10.000 €) ging an Prof. Dr. med. Martin Scherer (Univ. Lübeck) und seine Arbeitsgruppe für die Arbeit „Patienten mit Nackenschmerzen – quantitative und qualitative Analyse eines hausärztlichen Versorgungsproblems“.

Der 3. Preis (dotiert mit 7.500 €) wurde verliehen an Dr. med. Carsten Kruschinski (Medizinische Hochschule Hannover) und seine Arbeitsgruppe für die Arbeit „Hausärztliche Versorgungsrealität und Versorgungsbedarf am Beispiel des Beratungsproblems Schwindel“.

Weiterhin wurden drei Förderpreise vergeben, um Forschungsideen in der Allgemeinmedizin realisierbar zu machen.

Posterpreisverleihung

Den 1. Preis erhielt Dr. med. Stefan Bösner (Marburg): „Entwicklung und Validierung einer klinischen Entscheidungsregel zum KHK Ausschluss bei Brustschmerzpatienten in der Primärversorgung“.

Der 2. Preis ging an Rebecca Olbort (Heidelberg): „Wie beurteilen beteiligte Hausärzte das praxisbasierte Heidelberger Ingerierte Case Management für Patienten mit Herzinsuffizienz (HICMan-CHF)? Eine qualitative Studie“.

Der 3. Preis wurde an Dr. phil. Heidemarie Keller (Marburg): „Evaluation der Implementierung von Innovationen am Beispiel von ’arriba’ – eine Fokusgruppenstudie“ verliehen.

Keynotes

Prof. Armin Wiesemann, niedergelassener Hausarzt und Mitarbeiter der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung an der Universität Heidelberg, stellte in einem viel beachteten Vortrag die Frage „Wie sorgen Versorger für ihre eigene Gesundheit?“. Er riet seinen Kollegen zur gelegentlichen „Entschleunigung“, um anstatt eines Lebens im Hamsterrad eine ausgeglichene Work-Life-Balance anzustreben und so dem Burnout vorzubeugen.

Prof. Vittoria Braun, Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Charité in Berlin, referierte – trotz früher Stunde im gut gefüllten Hörsaal – über „die Entwicklung der Allgemeinmedizin in der DDR“. 20 Jahre nach dem Mauerfall ließ sie anhand von Wegbereitern der Facharztweiterbildung, wie z. B. der langjährigen Vorsitzenden der Gesellschaft für Allgemeinmedizin (GAM) Dr. Gerda Junghans oder dem Ehepaar Dr. Inga und Dr. Andreas Hügel, die Zeitspanne seit den 1960er Jahren eindrucksvoll, emotional und kritisch Revue passieren.

Gesellschaftsabend

Dass neben dem intensiven wissenschaftlichen Gedankenaustausch auch die Geselligkeit nicht zu kurz kam, dafür sorgte ein Gesellschaftsabend im Kulturzentrum „Altes Hallenbad“. Hier wurde dem altbekannten Studentenlied „Alt-Heidelberg du feine“ in dem es u. a. heißt „Stadt fröhlicher Gesellen, an Weisheit schwer und Wein ...“ ebenfalls Genüge getan.

Eine ausführliche Dokumentation einzelner Vorträge sowie der vollständige Abstractband findet sich auf der DEGAM-Website unter www.degam.de.

Edmund Fröhlich

DEGAM-Geschäftsführer


(Stand: 31.05.2011)

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