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Weiterbildung zum Allgemeinarzt in den USA: Durchstrukturiert und dadurch gut

DOI: 10.3238/zfa.2010.0466

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Bernd Laudenberg

Zusammenfassung: Die amerikanische Weiterbildung zum Allgemeinmediziner ist im Vergleich zur Weiterbildung in Deutschland deutlicher durchstrukturiert. Innerhalb von 3 Jahren durchlaufen die Assistenten bis zu 39 verschiedene Einsatzgebiete. Fortlaufend findet dazu durchgehend die Weiterbildung in ambulanter Patientenversorgung in einer allgemeinmedizinischen Praxis statt. Die Weiterbildungszentren stehen in der Pflicht, alle Weiterbildungsinhalte eines sehr breiten Spektrums innerhalb der 3 Jahre umzusetzen. Jedes Zentrum versucht, die besten Bewerber für sich zu gewinnen und an die Region zu binden, um somit die Versorgung der jeweiligen Bevölkerung langfristig zu verbessern. Die Struktur der Ausbildung ermöglicht eine umfassende professionelle und auch persönliche Weiterentwicklung.

Schlüsselwörter: Weiterbildung, Allgemeinmedizin, Inhalte, Struktur

Tief beeindruckt von den Erlebnissen während meiner amerikanischen Weiterbildung zum „Doctor of Family Medicine“, welche weitgehend unserem Facharzt für Allgemeinmedizin entspricht, bin ich nun zurückgekehrt in das deutsche System. Große Unterschiede in der Qualität der Patientenversorgung zwischen den USA und Deutschland habe ich nicht feststellen können; auf beiden Seiten des Atlantiks wird mit Wasser gekocht, wie es so schön heißt. Die körperlichen und seelischen Erkrankungen der Menschen hier und dort sind vergleichbar, die medizinischen Herangehensweisen auch. Doch es gibt einen großen Unterschied in der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner: In den USA ist diese deutlicher durchstrukturiert als hierzulande.

39 verschiedene Einsatzbereiche in 3 Jahren und durchgehende Verzahnung mit ambulanter Versorgung

Die Weiterbildung in den USA findet fast ausschließlich in großen Zentren statt. Im Bundesstaat Rhode Island zum Beispiel gibt es nur ein einziges solches Zentrum – an der Brown University [1]. Im 4-Wochen-Rhythmus durchlaufen 39 Assistenten für Allgemeinmedizin (13 Assistenten in jedem Jahrgang) innerhalb von 3 Jahren dieselben 39 verschiedenen Einsatzbereiche: Im ersten Jahr finden Praxismanagement, Chirurgie, Pädiatrie, Geburtshilfe (zweimal), Neugeborenenstation, Innere Medizin (viermal), Notaufnahme, Kardiologische Intensivstation und Allgemeinmedizin statt. Im zweiten Jahr gibt es Einsätze in Dermatologie, Allgemeine Notaufnahme, Stationäre Geriatrie, Gynäkologie, Allgemeine Intensivstation, Innere Medizin (zweimal), Geburtshilfe, Orthopädie, Pädiatrie, Wahlfächer (zweimal) und wissenschaftlichem Arbeiten. Im dritten Jahr rotieren die Assistenten in Psychiatrie, Innere Medizin (zweimal), Ambulante Geriatrie, Pädiatrie, Pädiatrische Notaufnahme, Rheumatologie, Chirurgie, Augenheilkunde / Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Orthopädie, Urologie und Wahlfächer (zweimal).

In allen Einsatzbereichen findet eine klinische und didaktische Weiterbildung unter direkter Aufsicht eines Facharztes des jeweiligen Fachgebietes statt, die Fachärzte vieler Fachrichtungen übernehmen dadurch direkt Verantwortung für die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner. Während der gesamten 3 Jahre findet parallel zu den Einsatzbereichen durchgehend die Weiterbildung in ambulanter Patientenversorgung in einer allgemeinmedizinischen Praxis statt; im ersten Jahr 1–2 Halbtage pro Woche, im zweiten und dritten Jahr dann 3–5 Halbtage pro Woche. Um ein organisatorisches Chaos zu verhindern, arbeiten mehrere hauptamtliche Mitarbeiter an den Plänen, welcher Assistent sich an welchem Tag an welchem Einsatzort befindet.

Weiterbildungszentren in der Pflicht

Das Weiterbildungszentrum steht in der Pflicht, innerhalb der 3 Jahre für die Assistenten alle Weiterbildungsinhalte anzubieten. Es erhält hierfür etwa 100.000 Dollar pro Jahr pro Assistent vom Staat, zusätzlich zu den Einnahmen, die aus der Patientenversorgung generiert werden. Kann das Zentrum seine Assistenten nicht wie vorgeschrieben in allen Aspekten entsprechend weiterbilden, verliert es die Lizenz zur Weiterbildung.

Sehr breites Spektrum der Allgemeinmediziner in den USA

Das breite Spektrum, welches ein Allgemeinmediziner in den USA am Ende dieser Ausbildung abdeckt, ist ehrgeizig: Die Grundversorgung von akuten und chronischen Leiden sowie Gesundheitsvorsorgeuntersuchungen bei Patienten jeden Alters, vom Säugling bis zum Greis, bilden die Basis der täglichen Arbeit in der Praxis. Viele Allgemeinmediziner betreuen ihre eigenen Patienten auch während stationärer Aufenthalte. Oft kümmern sich die „family docs“ mit Stolz insbesondere um Patienten der Unterschichten, die sowohl körperlich als auch seelisch im Durchschnitt mehr und schwerwiegendere Beschwerden haben. So werden auch schwerere psychiatrische Krankheitsbilder bei dieser Patientengruppe primär vom Allgemeinmediziner betreut. Darüber hinaus engagieren sich Allgemeinmediziner sehr bei der medizinischen Versorgung von Frauen, z. B. in der Beratung bei der Empfängnisverhütung, Einsetzen von Spiralen, Durchführung von Krebsvorsorgeuntersuchungen und bei der Betreuung von Schwangerschaften und Geburten. Dieses breite Spektrum spiegelt sich in den oben genannten Weiterbildungsinhalten wider, die für jeden Assistenten weitgehend standardisiert sind.

Werben um die besten Assistenten

Zentren, die es schaffen, die besten Bewerber zu rekrutieren, haben die Chance, gut weitergebildete Ärzte an die Region zu binden und damit die Versorgung der Bevölkerung in der eigenen Region langfristig zu verbessern. Mit diesem Ziel werden keine Kosten und Mühen gescheut, bei den jedes Jahr stattfindenden Vorstellungsreisen der Bewerber einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Ein Abendessen mit den derzeitigen Assistenten zum Informationsaustausch, eine Übernachtung in einem Hotel sowie ein ganzer Tag mit Bewerbungsgesprächen und Touren im Krankenhaus, in der Weiterbildungspraxis und auch wahlweise in der Stadt vermitteln alle die gleiche Botschaft: Wir wollen Sie hier gut ausbilden, wir wollen, dass Sie sich wohlfühlen und wir werben um Sie.

Persönlich und professionell reifen

An einem Weiterbildungszentrum – wie dem in Providence – ermöglicht die Struktur eine umfassende professionelle und auch persönliche Weiterentwicklung. Es herrscht eine Kultur des gegenseitigen Respekts und die Freude am Lehren ist gegenwärtig. Bei täglichen Mittagskonferenzen und Besprechungen können alle Beteiligten mit neugierigem Interesse Vorstellungen über Krankheiten und Heilung austauschen. Freude über Erfolge und Frust über Rückschläge, Tränen und tiefe Gespräche lassen die Assistenten zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen. Sie lernen, sich gegenseitig empathisch zuzuhören und sich zur Seite zu stehen, wenn die Ausbildung sie zwangsweise wieder einmal an die Grenzen ihrer Möglichkeiten getrieben hat. An einem solchen Ort können Allgemeinmediziner auf fruchtbarem Boden gedeihen.

Vielleicht sind wir auch hierzulande in der Lage, durch Strukturierung und Organisation vergleichbare Ausbildungsstätten für Allgemeinmediziner zu schaffen, wenn an einem Ort Fachärzte der verschiedenen Fachbereiche dieses Ziel als erstrebenswert erachten und die notwendigen Mittel bereitgestellt werden.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Bernd Laudenberg

Lange Straße 39

Tel.: 07681 49 99 871

E-Mail: info@dr-laudenberg.de

Literatur

1. Brown Family medicine Internetseite: www.brownfamilymedicine.org/main-info/curriculum.html (12.06.2010)

 

1 Facharzt für Allgemeinmedizin in Waldkirch

Peer reviewed article eingereicht: 14.06.2010, akzeptiert: 31.08.2010

DOI 10.3238/zfa.2010.0466


(Stand: 27.12.2010)

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