Loading...

ZFA-Logo

Polypharmakotherapie im Spannungsfeld zwischen Klinik und Hausarzt

Bericht vom 45. Kongress für Allgemeinmedizin der DEGAM in Salzburg

PDF

Andreas Sönnichsen

Vom 22.–24. September 2011 fand in Salzburg der 45. Kongress für Allgemeinmedizin der DEGAM statt. Die Tagung wurde in diesem Jahr mit dem 3. Forum Medizin 21 verbunden, dem wissenschaftlichen Jahreskongress der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität, und hieraus wurde ein Dreiländerkongress für wissenschaftliche Allgemeinmedizin unter Beteiligung der Österreichischen und Südtiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin.

450 Teilnehmer aus allen drei Ländern kamen nach Salzburg, um über das schwierige Thema „Polypharmakotherapie im Spannungsfeld zwischen Klinik und Hausarzt“ zu diskutieren und sich über die wissenschaftliche Arbeit in der Allgemeinmedizin ganz generell auszutauschen.

Nach verschiedenen Preconference-Workshops zu Themen wie Forschung in der Hausarztpraxis, CAM (complementäre und alternative Medizin), Psychosomatik und Salutogenese fand am Donnerstagabend als Auftakt eine Podiumsdiskussion mit dem österreichischen Bundesminister für Gesundheit Alois Stöger, Dr. Christoph Klein, stellvertretender Generaldirektor des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungen, Dr. Otto Pjeta, Präsidialreferent der Österreichischen Ärztekammer und den Präsidenten der Deutschen und Österreichischen Gesellschaften für Allgemeinmedizin (Dr. Reinhold Glehr und Prof. Dr. Ferdinand Gerlach) sowie den Präsidenten der Hausärzteverbände (Dr. Christian Euler und Dr. Ulrich Weigeldt) zum Thema „Zukunft der Allgemeinmedizin“ statt. Einhellige Meinung war, dass die Allgemeinmedizin in unserem Gesundheitssystem gestärkt werden muss, dass die Ausbildung zum (Fach-)Arzt für Allgemeinmedizin inklusive Ausbildungsabschnitt in der Lehrpraxis in Österreich endlich realisiert werden, und dass der Beruf durch verbesserte Ausbildung und adäquate Honorierung wieder attraktiv gemacht werden muss, um einem drohenden Mangel an Allgemeinmedizinern vorzubeugen und eine hervorragende Primärversorgung unserer Bevölkerung auf Dauer sicherzustellen. Der Forderung an die Politik, hier für eine baldige Umsetzung der bereits vorliegenden Konzepte zu sorgen, konnte der Bundesminister sich kaum verschließen, wenn er sich auch sehr gewünscht hat, dass auch die Ärzte im Hinblick auf diese Thematik mit einer Stimme sprechen und Bereitschaft zu einer Umverteilung der unausgewogenen Honorierung einzelner Fachgruppen zeigen sollten.

Der zweite Tag der Veranstaltung war durch mehrere hochkarätige Plenarvorträge gekennzeichnet. Doron Garfinkel, ein durch seine bahnbrechenden Arbeiten zur Polypharmakotherapie bekannter Geriater aus Tel Aviv, Israel, stellte seine wissenschaftlichen Untersuchungen vor, in denen er zeigen konnte, dass das Absetzen von Medikamenten bei älteren Menschen zu einer Steigerung von Lebensqualität sowie geistigen und körperlichen Funktionen führt, ohne dass es zu ungünstigen Auswirkungen hinsichtlich Symptomatik und Prognose kommt. Die Thesen von Garfinkel wurden durch einen exzellenten Vortrag zum Thema Patientensicherheit von Aneez Esmail aus Manchester, England, unterstützt. Esmail leitet ein großes europäisches Projekt zur Verbesserung der Patientensicherheit in der Primärversorgung (LINNEAUS, siehe www.linneaus-pc.eu), an dem auch das Salzburger Institut für Allgemeinmedizin maßgeblich beteiligt ist. Esmail präsentierte internationale Statistiken, die die Bedeutung des Problems Patientensicherheit untermauern. Es ist unvorstellbar, wie viele Menschen durch zu viele und falsch eingesetzte Medikamente sowie durch falsch eingesetzte Diagnostik zu Schaden kommen, ganz zu schweigen von den Einsparungen, die durch Fehlervermeidung im Gesundheitssystem zu erzielen wären.

Ähnliche Zahlen präsentierte am Samstag Prof. Andre Knottnerus aus Maastricht, Niederlanden, der als Allgemeinmediziner und Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Maastricht die niederländische Regierung in Sachen Gesundheitssystem und Patientensicherheit berät.

Zwischen den Plenarvorträgen war Zeit für zahlreiche Symposien und Workshops zu unterschiedlichsten allgemeinmedizinischen Themen und zum internationalen Erfahrungsaustausch. Insgesamt wurden über 200 wissenschaftliche Beiträge aus allen drei Ländern präsentiert, davon etwa 100 als Poster.

Als vielleicht wichtigstes Ergebnis des Kongresses kamen die drei Präsidenten der österreichischen, deutschen und südtirolerischen Fachgesellschaften überein, in Zukunft enger zusammenzuarbeiten, um die Allgemeinmedizin im deutschsprachigen Raum voranzubringen und sich gegenseitig zu unterstützen. Im Vergleich zu England, den Niederlanden oder den skandinavischen Ländern besteht bei uns ein erheblicher Nachholbedarf. Auch in Deutschland ist nur jede zweite medizinische Universität mit einer eigenen Abteilung für Allgemeinmedizin ausgestattet, in Südtirol/Italien ist wissenschaftliche Allgemeinmedizin an den Hochschulen noch gänzlich ein Fremdwort. So war denn auf dem Salzburger Kongress eine erfreuliche Aufbruchstimmung zu spüren. Jetzt gilt es, die gefassten Vorsätze und Pläne in die Tat umzusetzen!

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Andreas Sönnichsen

Institut für Allgemein-, Familien- und
Präventivmedizin

Paracelsus Medizinische Privatuniversität

Strubergasse 21

A-5020 Salzburg

Tel.: 0043 662 4420021261

Fax: 0043 662 4420021209

E-Mail: andreas.soennichsen@pmu.ac.at

1 Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg


(Stand: 15.12.2011)

Als Abonnent können Sie die vollständigen Artikel gezielt über das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe aufrufen. Jeder Artikel lässt sich dann komplett auf der Webseite anzeigen oder als PDF herunterladen.