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Jahreskongress der Society for Academic Primary Care (SAPC) in Bristol aus der Sicht des akademischen Nachwuchses

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Thanh Duc Hua, Thomas Frese

Einleitung

Wir wurden von der DEGAM-Sektion Forschung als Delegierte ausgewählt und berichten über den Jahreskongress der Society for Academic Primary Care (SAPC), der dieses Jahr in Bristol stattfand. Der Bericht gibt kurze Einblicke in die Aufgaben und Ziele dieser Organisation, das englische Gesundheitssystem, die Facharztausbildung und Besonderheiten einer englischen Hausarztpraxis.

SAPC-Konferenz in Bristol 2011

Insgesamt haben 400 Forscher, Psychologen, Soziologen und Hausärzte aus verschiedenen Ländern der Welt wie Irland, Schottland, Kanada, Australien, den Niederlanden und Deutschland teilgenommen. Der SAPC-Kongress dauerte drei Tage. Es wurden keynote lectures und Kurzvorträge zu verschiedenen Themen abgehalten. Die Kurzvorträge waren zu Themenschwerpunkten zusammengefasst und fan-den parallel statt. Medizinische Themenschwerpunkte waren u.a. kardiovaskuläre Erkrankungen, Fettleibigkeit, Tumorerkrankungen, Infektion, Impfung, Sterbebegleitung, muskuloskelettale und psychische Erkrankungen. Soziale Themenschwerpunkte waren u.a. häusliche Gewalt, Kindererziehung und Verhaltensveränderung. Außerdem wurden Workshops zu Forschungsmethoden, Diagnosefindung und Praxis-Management angeboten.

Zwischen den vielen Vorträgen hatte man in den Pausen Gelegenheit, beim Catering Kontakte zu knüpfen, Informationen und Erfahrungen auszutauschen oder die Postervorstellungen zu besichtigen.

SAPC – Organisation und Schwerpunkte

Die Society for Academic Primary Care (SAPC) ist eine multidisziplinäre Gesellschaft aus praktizierenden Hausärzten, Dozenten und Forschern aus den Bereichen Medizin, Psychologie, Sozialwissenschaft sowie niedergelassenen Ärzten aus anderen Fachbereichen. Sie dient zur Verbesserung, Förderung und Vertretung der Primärversorgung im englischen Gesundheitssystem, in der Politik und Öffentlichkeit.

Die SAPC evaluiert die Wirksamkeit und Kosten-Effektivität von medizinischen Interventionen, aber auch die englische Primärversorgung im Allgemeinen, die durch eine kontinuierliche Betreuung und Fürsorge sowie durch die Aufklärung und Erziehung der Bevölkerung über Gesundheit und Hygiene gekennzeichnet ist. Die SAPC bietet dazu in Internetforen, auf nationalen und regionalen Tagungen eine Plattform zum Austausch von Informationen und Ideen zur Verbesserung der englischen Primärversorgung an. Von der organisatorischen Struktur her ähnelt die SAPC der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM).

Ursprünglich war die SAPC ein Zusammenschluss verschiedener universitärer Abteilungen der Allgemeinmedizin Englands und nannte sich bis Ende 2001 „The Association of University Departments of General Practice“. Im Gegensatz dazu existiert das Royal College of General Practitioners (RCGP). Sie ist die akademische Fachgesellschaft (nur) für Hausärzte.

Weitere Information finden Sie unter folgendem Link: www.sapc.ac.uk

Erfahrungsberichte

Die SAPC hat eine begrenzte Anzahl angehender und forschender Allgemeinmediziner aus ganz Europa eingeladen. Es waren u.a. Delegierte aus Schweden, Österreich, Dänemark und Portugal vertreten. Wir nahmen als deutsche Delegierte im Rahmen eines Auswahlverfahrens der DEGAM am diesjährigen Kongress der SAPC teil. Für jeden internationalen Delegierten wurde eine Unterkunft bei einer Gastfamilie organisiert.

Thanh Duc Hua: Ich war bei Herrn Dr. Knut Schröder, einem GP-doctor und seiner Familie über die Kongresstage untergebracht. Die Familie kam ursprünglich aus Deutschland und lebt seit mehr als 20 Jahren in England.

Für die internationalen Delegierten wurde eine Praxisbegehung organisiert. Ich begleitete Dr. Schröder zu seiner GP-clinic in Patchway, einem Vorort von Bristol. Dort praktiziert Dr. Schröder zusammen mit ca. 10 anderen GP-doctors. Die Konsultationen ähnelten sich vom Ablauf her den deutschen Konsultationen. Personelle Organisation, Professionenmix und -Zuständigkeiten sowie das Management zeigten aber deutliche Unterschiede. So sind die Assistenzberufe differenzierter (health care assistant, practice nurse, physician assistant) und für mehr Aufgaben ausgebildet. Sie entlasten die GP-doctors durch die Betreuung der Patienten mit „minor illnesses“ wie z.B. Erkältungen. Die Patientenfälle werden am Telefon über eine Telefon-Triage von Arzthelferinnen eingeschätzt. Bei Patienten mit z.B. Brustschmerzen können so ggf. wichtige Minuten eingespart werden durch die schnelle Einbestellung eines Krankenwagens und die zeitnahe Einweisung in ein Krankenhaus. Z.T. können dafür ausgebildete Arzthelferinnen bestimmte Medikamente verschreiben. Eine weitere Entlastung für den Hausarzt sind die practice manager. Sie übernehmen die ganzen Codierungs- und Verwaltungsaufgaben. Was mir merkwürdig erschien, war die Investition in einen Knochendichte-Scanner für Osteoporose-Screening.

In Workshops für die internationalen Delegierten wurden Erlebnisse und Erfahrungen aus Facharztausbildung und Forschung ausgetauscht. Die Facharztausbildung in Allgemeinmedizin ist in England im Vergleich zu Deutschland viel strukturierter aufgebaut. Es gibt eine geregelte Rotation in verschiedene Fachbereiche der Medizin wie Pädiatrie oder Gynäkologie, wobei nicht jeder in die gleichen Fachbereiche rotieren kann. Jeder GP-Trainee (entspricht dem deutschen Weiterbildungsassistenten in der Allgemeinmedizin) hat seinen eigenen GP-Trainer, der ihn begleitet und ausbildet. Die Konsultationen des GP-Trainees werden z.T. per Videokamera aufgezeichnet und anschließend mit dem GP-Trainer besprochen. Es gibt sit-by-Konsultationen, bei denen der GP-Trainer den Konsultationen beisitzt und beobachtet. Die GP-Trainees bewerten sich über einen privaten Online-Zugang selbst und werden zudem vom GP-Trainer bewertet und benotet. Ich hatte an einem Abend das Glück, in einem „Curry-Club“ zu sitzen, bei dem sich verschiedene GP-Trainer aus Bristol im privaten Ambiente treffen, ein indisches Curry-Gericht essen und sich über ihre Probleme mit den GP-Trainees austauschen und Ratschläge suchen.

Thomas Frese: Während der SAPC-Tagung war mir Dr. Patrick Jordan ein liebenswerter Gastgeber. Er ist ein waschechter Ire, der den größten Teil seiner Facharztausbildung in England absolvierte und zum damaligen Zeitpunkt kurz vor dem letzten Weiterbildungsabschnitt in der hausärztlichen Praxis stand. Bei original irischen Speisen und Getränken gab es reichlich Gelegenheit für Gespräche über die Begeisterung für die Allgemeinmedizin. Auch über den Alltag als Weiterbildungsassistent diskutierten wir reichlich. Die allgemeinärztliche Konsultationssprechstunde lernte ich in einer Praxis am Rande Bristols kennen. Neben klassischer Schulmedizin wurde dort Homöopathie und anthroposophische Medizin praktiziert. Somit beschränkte sich der Perspektivwechsel nicht nur auf das fremde Land. In der Gemeinschaftspraxis arbeiten fünf Ärzte (nicht alle in Vollzeit) neben einem außergewöhnlich differenziert ausgebildeten Assistenzpersonal. Der Ablauf der einzelnen Konsultationen war von dem in Deutschland nicht verschieden. Leider war die Zeit für die Praxishospitation mit einem Vormittag recht knapp bemessen und ließ folglich keinen repräsentativen Überblick oder weitergehende Einblicke zu.

Fazit

Thanh Duc Hua: Für mich persönlich war die Teilnahme an dem gut organisierten SAPC-Kongress eine Bereicherung. Die Forschungsprojekte sind von hohem internationalen Standard. Mir hatte es sehr viel Spaß gemacht, mit anderen internationalen Delegierten Erfahrungen auszutauschen und dabei gleichzeitig voneinander zu lernen. Was die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin angeht, wünsche ich mir, dass man sich auch hier in Deutschland verbessert. Das Einzige, was mich aber an dem Kongress ein wenig gestört hat, war die Präsenz einzelner Pharmafirmen.

Thomas Frese: Die Teilnahme am SAPC-Kongress bot mir persönlich einen interessanten Einblick in das wissenschaftliche Arbeiten der britischen Allgemeinmedizin. Der rege kollegiale Austausch erlaubte wertvolle Einblicke in die Weiterbildungs- und Arbeitssituation in anderen europäischen Ländern. Hieraus wären konkrete Maßnahmen ableitbar, um die Weiterbildungssituation in Deutschland nachhaltig zu verbessern. Hinsichtlich der Kongressorganisation hätte ich mir etwas weniger Parallelveranstaltungen und mehr Raum für Diskussionen gewünscht.

Danksagung: Die Autoren möchten sich bei den Koordinatoren der SAPC, insbesondere bei Dr. Watson, Dr. Jordan und Dr. Schröder, für die herzliche Gastfreundschaft und bei der DEGAM-Sektion bedanken.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Thanh Duc Hua

Abteilung Allgemeinmedizin

Universitätsmedizin Göttingen

Humboldt-Allee 38

37073 Göttingen

E-Mail:
thanhduc.hua@med.uni-goettingen.de

1 Abteilung Allgemeinmedizin, Universitätsmedizin Göttingen

2 Selbstständige Abteilung Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät Leipzig


(Stand: 15.12.2011)

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